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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-06-21 · 25 (21.6.1895) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
25 (21.6.1895)
Date
1895-06-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 25 Dr. Vlvch's WochenMzrM. Seite 461 an dem Zustandekommen dieser großen freisinnigen Vereinigung. Ob es noch ärger werden kann? Kein Zweifel, es kann noch ärger werden! Aber Eines steht fest-. Es gibt für unsere Rettung jetzt nur die eine Alternative, entweder w i r l a s s e n e s s e l b st n o ch ärger werden nnd bieten selbst die Hand dazu, indem wir den Antagonismus der Liberalen und Demokraten fortbestehen lassen und durch die nothwendig folgende Stimmenzersplitterung wissentlich den Antisemiten den vollständigen Sieg gewähren — dann bricht die Fluth über uns Alle herein, und Rettung wird uns nur dadurch dann, daß die Schmutzwellen bis hinaus, hoch hinan zu den Hochmögenden und Hochgeborenen steigen und auch sie mit ihrem erstickenden Schlamm bedecken, dann wird es besser, weil dann endlich die Staatsgewalt, die Macht des Stärkeren sich rühren wird, um dem am Bauche kriechenden Gistgewürm den längst verdienten Fußtritt zu versetzen; oder wir helfen uns selbst, wir halten mit eigener Kraft noch rechtzeitig diese verheerende Fluth von uns dadurch ab, daß wir auch eine Coalition, aber in besserem Sinne und nur mit allen freisinnig Denkenden eingehen und so nicht nur Oesterreich von der Schmach des Antisemitismus befreien, sondern auch für Menschenrecht und religiöse und politische Freiheit gemeinsam kämpfen. Nun wählen wir, aber wühlen wir das bessere Theil — die Selbsthilfe! Dr. Marcell Hossmann. Nuswanderung und Handel mit Weihen Leuten vor hundert Jahren. Ein Bild aus judenreiner Zeit.-) . . . „Neulich theilten wir mit (S. 62), daß ein Blatt zu Philadelphia, „der wöchentliche philadelphische Staatsbote" von 1761, eine Ankündigung enthielt, in welcher ein Philipp Moser Demjenigen 40 Schillinge Belohnung bot, welcher einen verbundenen Knecht, der Jenem entlaufen war, anhalte und seinem „Meister" wieder einliefere. Wir können die Sache selbstwelche allerdings nur noch ein geschichtliches Interesse in Anspruch nimmt, in sehr anschaulicher Weise erläutern, und zwar aus einem Buche, das jetzt selten geworden ist und das auch Franz Löher (Geschichte und Zustände der Deutschen in.Amerika, Cincinnati in Leipzig 1847) nicht gekannt zu haben scheint. Wir meinen Gottlieb M i t t e l b e r g e r's Reise nach Peunsylvanien im Jahre 1750 und Rückreise nach Teutschland im Jahre 1754. Enthält nicht nur eine Beschreibung des Landes nach seinem gegenwärtigen Zustande, sondern auch eine ausführliche Nachricht von den unglückseligen und betrübten Umständen der meisten Teutschen, die in dieses Land gezogen sind und dahin ziehen. Frankfurt und Leipzig 1756, 120 Seiten. Wir wollen den rechtschaffenen Schwaben, so viel es angeht, selber erzählen lassen. Er war im Mai 1750 von Enzweyhingen in Württemberg nach Heilbronn gegangen, um eine Orgel nach Pennsylvanien zu bringen. Er fuhr mit ihr den Neckar und Rhein hinab nach Rotterdam und von dort mit einem Transportschiff, aus welchem sich etwa 400 Württeinberger, Durlacher, Pfälzer und Schweizer befanden, nach „Kaupp" (Cowes) in England; erst am 10. October, also nach Verlauf eines halben Jahres, kam er in Philadelphia an. Von Schwaben bis Rotterdam, heute eine Reise mit dem Dampfer, die anderthalb Tage dauert, war er sieben Wochen unterwegs; die Seereise von Rotterdam nach Pennsylvanien dauerte fünfzehn Wochen! Mittelberger wollte seine Landsleute vor den bösen Ränken der Neuländer warnen, ihm that der erbärmliche *) Aus dem „Globus" 1862. Bd. 2, S. 284—286. Angesichts des antisemitischen Vorwurfs, die Juden trieben Menschenhandel und verschacherten Mädchen nach den fremden Erdtheilen, ist es angebracht, einmal geschichtliche Thatsachen sprechen zu lassen, die den Menschenhandel des vorigen Jahrhunderts dem Sklavenhandel in Afrika fast gleichstellen. Anm. d. Red. und kummervolle Zustand Derer leid, „die aus Teutschland nach diesem neuen Lande wandern: ihn verdroß das unverantwortliche und unbarmherzige Verfahren der holländischen Menschenhändler und ihrer ausgesandten Menschendiebe, der sogenannten Neuländer, denn sie stehlen gleichsam die Leute aus Teutschland unter allerhand schönen Vorspiegelungen und liefern sie den holländischen großen Seelenverkäufern in die Hände. In Rotterdam oder Amsterdam wurden die Menscheu in große Seeschiffe wie Häringe znsammengeladen, denn manchmal waren bis zu sechshundert Köpfe an Bord. Die Schisse mußten bei Cowes anlegen, dort Zoll entrichten, weil sie nach einer englischen Colonie fuhren, und lagen oft vierzehn Tage, ehe sie abgesertigt waren. Nachher begann der Jammer auf See. „Gestank, Dampf, Grauen, Erbrechen, Seekrankheit, Fieber, Ruhr, Kopsweh, Hitze, Verstopfungen, Geschwülsten, Scharbock, Krebs, Mundfäule, Hunger, Durst, Nässe, Angst, Roth, Ungeziefer, Wehklagen und noch vielerlei anderes Ungemach. Unter den Gesunden wird manchmal die Ungeduld so groß und grausam, daß Einer den Andern oder sich und seine Geburt verflucht, und daß sie einander bald um's Leben bringen. Am allermeisten aber schreien sie Rache über die Menschendiebe. Man hat in unserem Schiss just an einem Tage, da wir starken Sturm gehabt, eine Frau, welche gebären sollte und es in diesen Umständen nicht konnte, durch einen Laden im Schiss geschoben und also in'S Meer fallen lassen. Kinder von ein bis sieben Jahren überstehen die Seereise selten, und die Eltern müssen sehen, wie sie verschmachten und in's Wasser geworfen werden. Ich habe solchen jämmerlichen und sehr betrübten Zustand leider an zweiunddreißig Kindern aus unserem Schisse gesehen, die man in'S Meer versenkt hat." Das Schiss erreichte Philadelphia, aber an's Land durften nur die, welche ihre Fracht bezahlten oder gute Bürgen stellten; die Anderen mußten noch lange liegen bleiben, „bis sie gekauft und durch ihre Käufer vom Schisse losgemacht werden." Eine Reise aus Deutschland nach Pennsylvanieu kostete damals 200 Gulden. Den Menschenhandel auf dem Schifsmarkt beschreibt M i t t e l b e r g e r in folgender Weise: Alle Tage kommen Holländer, Engländer und hochteutsche Leute aus der Stadt Philadelphia und sonsten aller Orten zum Theil sehr weit her, wohl an die 20 bis 40 Stunden, und gehen auf das Schiss, welches Menschen aus Europa gebracht und feil hat und suchen sich unter den gesunden Personen die zu ihren Geschäften anständigen heraus. Sie handeln mit denselben, wie lange sie vor ihre auf sich habende Seefracht, welche sie gemeiniglich noch ganz schuldig sind, dienen wollen. Wenn man nun des Handels eins geworden, so geschieht es, daß erwachsene Personen für diese Summe nach Beschaffenheit ihrer Stärke und Alters, 3, 4, 5 bis 6 Jahre zu dienen, sich schriftlich zu verbinden, die ganz jungen aber, von 10 bis 15 Jahren, müssen serviren, bis sie 21 Jahre alt sind. Viele Eltern müssen ihre Kinder selbst verhandeln und verkaufen wie das Vieh, damit nur die Eltern, wenn die Kinder ihre Frachten auf sich nehmen, vom Schiffe frei und los werden. Da nun die Eltern oft nicht wissen, zu was für Leuten oder wohin ihre Kinder kommen, so geschieht es oft, daß nach dem Abscheiden vom Schiss manche Eltern und Kinder viele Jahre oder gar lebenslang einander nicht mehr zu sehen bekommen. Ein Weib muß für ihren Mann, wenn er krank hinein kommt und eben so ein Mann muß für sein krankes Weib stehen und die Fracht aus sich nehmen, und also nicht nur allein für sich, sondern auch für seinen kranken Ehegatten fünf bis sechs Jahre serviren. Oesters geschieht es, daß auch ganze Familien, indem sie an verschiedene Käufer kommen, separirt und getrennt werden, sonderheitlich, wenn solche gar nichts von der Fracht bezahlen können. Entlauft in diesem Lande Jemand von seinem Meister, der ihn hart gehalten, so kann er nicht weit kommen. Denn man hat in diesem Stück gute Ordnungen darinnen, daß man

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