Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 25 (21.6.1895)
- Date
- 1895-06-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 460 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 25 werden. Es ist hier bei uns leider nicht zu einer officiellen Organisation gekommen wie in Mähren und Böhmen, aber die jüdische Wählerschaft kann ihre Einigung selbst in die Hand nehmen. Wir wiederholen heute unseren Ruf nach Bildung eines jüdischen Central-Wahlcvmitvs für die bevorstehenden Gemeinderathswahlen. Ein liberales Blatt sagt ganz richtig: Edle, wahrhaft christlich gesinnte Männer haben bereits vor Jahren einen Verein zur Abwehr des Antisemitismus gegründet, aber man habe den Juden nicht ganz mit Unrecht verwerfen können, daß sie sich beschützen lassen, ohne selbst etwas zu ihrem Schutze zu machen. Das muß anders werden, und zwar ohne Verzug! Betreten wir nur endlich einmal den Pfad des S e l b st s ch u tz e s, lassen wir alle kleinlichen und nichtigen Bedenken und Rücksichtclcien hinter uns und man wird sehen, wie diese Ermannung Wunder wirken wird! tfc * Ueber die vorstehend erwähnte Versammlung schreibt man aus Prag: Prag, 13. Juni. Im hiesigen „Grand Hotel" versammelten sich heute 37 Vorsteher der israelitischen Cult u sgemeinden aus Böhmen zur Gründung eines Lundes sänuntlicher israelitischen Cultusgemeindcn des Landes. Viele andere Gemeinden hatten schriftlich ihren Beitritt angemcldct. Wie in der Debatte bei der Statutcnberathung besonders hervorgehohen wurde, soll durch den Bund ein Organ geschaffen werden, durch welches der immer mehr überhandnchmendc Antisemitismus bekämpft werden soll. Mehrere Redner wiesen darauf hin, das; man im Parlamente die heftigsten Ausfälle auf die Inden und das Judenthum unerwidert lasse und daß weder seitens der Regierung noch seitens einer der Parteien gegen das unqnalificirbare Vorgehen der Antisemiten ausgetreten werde. Man verlangte, das; der Bund hauptsächlich darauf sein Augenmerk richten möge- Diese Ausführungen fanden allgemeinen Beifall. Innerhalb des Bundes sollen beide 1 Landessprachen vollkommene Gleichberechtigung genießen. Die Behandlung rein religiöser und ritueller Fragen und die Erörterung politischer und nationaler Angelegenheiten sind von der Bundesthätigkcit ausgeschlossen. Der Vorsitzende, Dr. Ben dien er ans Prag, hob hervor, daß unter dem Schutze des Kaisers, welcher alle Religionen und Nationalitäten mit gleicher Liebe umfasse, sicherlich bessere Zeiten eintreten werden. Der Redner brachte ein dreimaliges Hoch aus den Kaiser aus, in welches die Anwesenden lebhaft einstimmten. _ Zu den Wiener Gemeinderathstoahlrn. Die Wahlbewegung ist im frischen Zuge. Alle Parteien rüsten sich zum Kampfe und, zu deren Ehre sei es gesagt, auch die jüdischen Wähler rühren sich. In der am 6. d. M. stattgehabten Wahlversammlung des „Politischen Volksvereines" ist die Resulution gefaßt worden, daß alle freisinnigen Elemente sich im Kampfe gegen den Antisemitismus znsammenschließen und geeint zur Urne schreiten mögen. Das hieße eigentlich schön geredet und nichts gesagt. Die Frage entsteht, wie in Wirklichkeit ein Zusammenschluß aller freisinnigen Parteien herbeizuführen sei? So was läßt sich doch nicht resolviren und nicht decretiren. Leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Raum stoßen sich die Sachen. Und doch ist das möglich, wenn die Politik der praktischen Vernunft uns zu den bevorstehenden Gemcinderathswahlen Ziel und Richtung finden läßt. Politisch freigesinnt sind bei uns die gewesenen Liberalen der vereinigten Linken, die Demokraten, die Socialdemokraten und das kleine Häuflein der Socialpolitiker. Sie Alle haben das gemeinsame ideale Streben, ihr bestes Können im Kampfe für die Freiheit im Staate, in der Kirche, in der Wissenschaft und im socialen Aufbau der gesellschaftlichen Classen einzusetzen. Das ist die Signatur aller Freisinnigen, die ihnen Allen ein gemeinsames Gepräge gibt. Nur das Maß, die Richtung sind verschieden, in denen sie Alle das gleiche Ziel zu erstreben suchen, aber der Weg ist bei Allen derselbe, die Gesetzgebung, das Parlament! Nun stehen wir aber vor den G e m e i n d e r a t h swahlen, und in der Gemeindestube wird keine Staatspolitik gemacht, da gibt es weder liberale Schlachthäuser, noch demokratische Wasserleitungen, noch socialpolitische Feuerspritzen, da gilt es nur, die wirthschaftlichen und culturellen Aufgaben einer Großstadt mit Ernst und Würde zu erfüllen und den Frieden unter den Bürgern der verschiedenen Confessionen endlich wieder herzustellen, also mit einem Worte: dem Antisemitismus den Weg zu versperren! Eine andere Wahlparole kann und darf es für die Gemeinderathswahlen absolut nicht geben und dieser Parole sollte man glauben, müßten sich alle sittlich denkenden, wahrhaft freisinnigen Wähler beugen. Keine der genannten Parteien brauchte ihren sonstigen politischen Anschauungen in ihrem gemeinsamen Kampfe gegen den Antisemitismus irgend etwas zu vergeben und könnten dennoch alle gemeinsam, einig und geschlossen in den Wahlkampf eintreten, weil es sich hier doch nur um die Wahlen in Gemeinderath und nicht in das Parlament handelt. Der Vortheil aber, der sich für die Demokraten aus dieser hier angeregten Einigung derselben mit den Liberalen ganz insbesondere ergäbe, wäre der, daß auf diesem ganz neutralen Boden gemeinsamer und freisinniger Arbeit im Gemeinderath ein Einigungspunkt für die allmälige Amalgamirung aller freisinnigen Parteien zu den ohnehin in sehr naher Aussicht stehenden Wahlen in's Parlament geschaffen würde, wo die Liberalen, insbesondere aber die jüdischen Wähler, wenn diese mit den Demokraten sich jetzt schon zu einer großen freisinnigen Vereinigung zusammenschließen würden, nur solche Candidaten in den Reichsrath wählen würden, welche dem Programme dieser großen Freisinnspartei zustimmen. Und das ist wahrlich weder Phrase, noch Köder, sondern eine immer mehr in das Gesichtsfeld der Thatsache rückende Wahrscheinlichkeit! Es gibt heute schon keinen ehrlichen Liberalen mehr, der, wenn er nur den Muth hat, seinen Liberalismus bis zur letzten Consequenz ausdenken, nicht eigentlich Demokrat wäre. Die ganze vereinigte Linke ist heute schon demokratisch und die „Neue Fr. Presse" ist es längst schon geworden, und wer heute nicht Antisemit ist, ist entweder Demokrat oder gedankenlos. Der blasse Liberalismus ist von der Coalition ebenso todtgeschlagen worden, wie der Clericalismus vom Antisemitismus — was liberal w a r, ist demokratisch, und was c l e r i c a l war, i st antisemitisch! Und da müßte für die gedeihliche Fortentwicklung dieses liberal-demokratischen Princips eine breitere Grundlage in der eben zu bildenden großen Freisinnspartei geschaffen werden, wo alle Freisinnigen, denen der Antisemitismus auf der Seele brennt, Juden und Liberale mit den Demokraten, zu den bevorstehenden Gemeinderathswahkeil sich auf gemeinsame Candidaten einigen, die aber auch sich einer a l l e G l i e d e r gleichmäßig verpflichtenden C l u b n o r m unterwerfen m ü ß t e n. So würde der häusliche Streit zweier Brüder und die zur Freude des Dritten sich ergebende Stimmenzersplitterung vermieden, das Verbrechen, das lange genug schon in der Gestalt des Antisemitismus an unserer Thür lagert, könnte endlich zurückgedrängt oder zum Mindesten wieder zu ohnmächtigem Zähneknirschen und Pulteklopfen verurtheilt werden. Und gar die Juden! Diese „ganz bestimmte, individuell bezeichnete Classe der Gesellschaft", deren Namen auch nur auszusprechen der hochgeborene Mund eines Ministerpräsidenten Anstand nimmt, welche Gefahr droht uns nicht, wenn ein Lueger, Pattai oder Liechtenstein Bürger - meister wird, denen es gleichgiltig ist, ob die Juden geköpft oder gehängt werden und deren intimster Duzfreund der blutrünstige Stampiglienfälscher Schneider ist, der auf Gesetzeswege die Ausbezahlung eines Schußgeldes auf jeden Judcnkops erwirken wollte! Wir haben gewiß alles Interesse