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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-06-21 · 25 (21.6.1895) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
25 (21.6.1895)
Date
1895-06-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 25 Dr. Blvch's Wochrnschrifk. Seite 459 durch den Alibibeweis — oder bei schwebenden Processen W a h rh eit und Recht zu untergraben und die Rechtsordnung und Rechtssicherheit aus das Aeuß erste zu gefährden. Wie hätte ich wohl ahnen können, daß es in meiner Diöcese und namentlich unter meinen oberschlesischen Diöcesane», deren Liese Frönnnigkeit und Religiosität ich wiederholt kennen gelernt habe, Personen geben könne, bei denen das Bewußtsein von der Heiligkeit des Eides so tier gesunken, oder vielmehr völlig geschwunden wäre, und welche die Warnung der heiligen Schrift ganz vergessen hätten: „Es soll kommen das Strafgericht in das Haus des falsch in meinem Namen Schwörenden und es soll bleiben mitten in seinem Hause und verzehren sein Holz sannnt seinen Steinen!" U m s o n o t h w endige r w i r d es sein, die H e i li g h a ltun g des Eides in den G l ä nb i g e n w i e d e r z n heben u n d z u w e ck e n, und beauftrage ich den hochwürdigen Pfarrclerus, aus diesen traurigen Vorkommnissen einen neuen Einlaß zu wiederholten nachdrücklichen Belehrungen und Mahnungen über den entsetzlichen Frevel des Meineides in Predigt, Christenlehre, Religionsunterricht und allen sonst sich darbietenden Gelegenheiten zu entnehmen." Die vorstehende Bekanntmachung ist in mehr als einer Hinsicht interessant. Die Diöcese des Fürstbischofs K o p p umfaßt ganz Prenßisch-Schlesien und das österreichische Schlesien. In beiden Ländern ist der Antisemitismus stark verbreitet. Man weiß, daß es ein stehender Vorwurf der Antisemiten gegen die Juden, ist, daß denselben falscher Eid gegen Nichtjuden durch den Talmud erlaubt sei. Sowohl im Tisza - Eszlarer Proceß als auch in dem Streite zwischen -Bloch und Rohling spielte dieser Vorwurf eine große Rolle. Und nun sieht sich ein katholischer Kirchenfürst gezwungen, öffentlich zu constatiren, daß in seiner Diöcese „eine förmliche, auf gegenseitige Eideshilfe gegründete und geradezu baudenmäßig organisirte Gesellschaft" von christkatholischen Ariern bestehe, welche darauf abzielt, mit dem verbrecherischen Mittel des Meineides Wahrheit und Recht zu untergraben! Dr. K o p p spricht es nicht direct aus, aber wer die Verhältnisse kennt, weiß es, daß unter dieser „bandenmäßig organisirtcn Gesellschaft" die Antisemiten verstanden sind. Merkwürdig sind die Worte, welche das Wiener „Vater land" vom 25. November dem Mahnruf des Fürstbischofs auzufügen sich verpflichtet erachtete. Es hieß da: „Es wäre aber gut, wenn sic nicht blos von den unteren Schichten, sondern auch von den sogenannten gebildeten Ständen, namentlich aber auch von beeidigten Amtspersonen beachtet würden, Nähmen z. B. letztere es mit ihrem Eide ernster, es gäbe weit bessere Zustände." Also auch den Amtspersonen wird eine Hinneigung zum Meineid nachgesagt. Das war jedenfalls bemerkenswerth. Die Antisemiten haben also in Sachen des Meineides das denkbar schlechteste Gewissen, und damit erklärt sich die Tollwuth, mit welcher sie auf den Abgeordneten Dr. Bloch losstürzten, als derselbe die perfiden Uttterstellnngen des Ritters Stampiglius zurückwies. Eine Scene von solcher Wildheit und Brutalität ist im österreichischen Abgeordneteuhause noch nicht erlebt worden. Schäumend und heulend vor Wuth, mit hoch erhobenen, geballten Fäusten, umringte die antisemitische Rotte den Abgeordneten Dr. Bloch, und jeden Augenblick schien es, als würden diese Fäuste auf den unerschrockenen Mann nicdersausen und denselben mit christlich-germanischer Wucht zu Brei zermalmen. Wer bat nicht in seiner Jugend Cooper's Indianer geschichten gelesen? Das teuflische Rachegeschrei, mit welchem die Herren G e ß m a n n, Schneider, L u e g e r, Steiner rc. den Abgeordneten Bloch umtobten, erinnert an die Gewohnheiten der Huroneu in den nordamerikanischen Wäldern, nur mit dem Unterschiede, daß die ersteren für civilisirte Menschen gelten wollen. Gegen diesen Ausbruch der Raserei erwies sich die Glocke des Präsidenten ohnmächtig, und erst durch die gänzliche Erschöpfung der heulenden Rotte trat so weit Ruhe ein, daß der Ritter Stampiglius mit kreischender Stimme seiner Wuth in den gemeinsten Lntzimpfworten Luft machen konnte. Mag er schimpfen! Wer schert sich um das Gekläff eines Köters? Die Beleidigungen von Leuten, welche das Judenthum unablässig beschimpfen, von den Genossen des Zuchthäuslers G a i d e r können den Abgeordneten Dr. Bloch kalt lassen. Er tritt ein für die Ehre unseres Namens, für die Reinheit unserer Vergangenheit, allein, ohne Unterstützung und ohne Schutz des Präsidiums, verlassen von den Parteien, welche vor dem antisemitischen Terrorismus sich beugen, bietet er dem Feind die Stirne, und wir können mittheilen, daß dem Dr. Bloch ans Anlaß dieser unerhörten Parlamentsscene selbst von christlicher S ei r e K u nd geb n n g cn aufrichtiger T heilnah me zugekommen sind. Der Selbstschutz der Inden. Zur Prager Versammlung. Mit herzlicher Freude darf man allerseits das Erwachen kraftvollen und kampfesfrohen Selbstiiewnßtfeins unter unseren Glaubensgenossen constatiren. Vor wenigen Tagen hat in Prag eine Versammlung von Vertretern sämmtlicher israelitischer Cultnsgemeinden Böhmens stattgefnnden, welche die Schaffung einer festen Organisation zur Abwehr der antisemitischen Hetze beschloß. Das unmittelbare Verdienst, diese Bereinigung unserer böhmischen Glaubensgenossen angeregt zu haben, gebührt der T e p l i tz e r Enltusgemeinde. Unsere Leser wissen, daß auch die Vertreter der mährischen Gemeinden anläßlich der jüngsten Conferenz über den mäh rischen Landesmassafonds in Brünn ähnliche Beschlüsse ge faßt haben. Eine starke und tiefe Bewegung geht durch die Bekenner des jüdischen Glaubens in ganz Oesterreich. Der Schimpf und die Unbill, unter welcher die Inden zu leiden haben, sind schier unerträglich geworden, und unsere Glaubensgenossen find entschlossen, von nun an mit alter Kraft und allem Nachdruck die Beachtung ihrer staatsbürgerlichen Rechte von der Regierung sowohl, wie von den einzelnen Parteien zu fordern. Wir dürfen bei dieser Gelegenheit wohl daran erinnern, daß die „Oesterr Wochenschrift" schon vor Jahren den Zn sammentritt eines Delegirtcn-Eongresses der jüdischen Enltnsgemeinden Eisleithaniens vorgeschlagen hatte, um über die ge eigneten Maßregeln zum Schutze der Rechte unserer Glaubens genossen einheitliche Beschlüsse zu fassen. Sümmtliche Gemeinden der Monarchie stimmten diesem Vorschläge zu, nur die Repräsentanz der Wiener israelitischen Cultnsgemeinde lehnte ab und an dieser Ablehnung scheiterte die Einberufung des Eongresses. Aber der Gedanke, den wir ausgesprochen, ist doch auf fruchtbaren Boden gefallen und ist in engeren Grenzen verwirklicht worden. Die Inden sDl ä h r e n s und die Juden B ö h m e n ö haben sich geeinigt, sie wissen heute bereits die Arafc und Bedeutung einer festen und zielbewußten Organisation zu würdigen, und je verworrener sich die allgemeinen Parteiverhältnisse gestalten, umsomehr wird jede politische Partei auf die Stimmung und die Stimmen der Inden fortab Rücksicht nehmen müssen. An dem Beispiele, welches uns unsere mährischen und böhmischen Glaubcusgenossen bieten, sollen wir hier in Wien nicht achtlos vorübergehen. Wir haben es schon einmal gesagt: In jedem politischen oder coinmunalen Wahlkampfe geht es heute um die Haut der Juden, und darum thut es dringend noth, daß dieselben ihre volle Selbstständigkeit und Unabhängigkeit bekunden, daß sie nicht blindlings irgend einem politischen ^chlagworte nachlaufen, sondern in ruhiger und besonnener Weise auch ihre Bedingungen und Forderungen forinuliren. Das mattherzige, um nicht zu sagen feige Sichherumdrücken der politischen Parteien um die Frage des Rechtsschutzes der Jaden muß ein Ende nehmen, es muß eine feste, klare Stellungnahme gegenüber dem Antisemitismus gefordert

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