Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 24 (14.6.1895)
- Date
- 1895-06-14
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 24 Dr. Blvch's Wochenschrift. Seite 453 Vorgänger Marlin v. 2 z en l i v ä n y i beobachtete die sociale Ent- Sehr lehrreich für die gegenwärtigen Zeiten und besonders interessant für unsere Leser dürste aber vornehmlich das Schlußcapitel S. 293 sein, welches wir mit Erlaubnis; des Verfassers hier in exto>,8» wortgetreu übersetzen. 6. M. * * * Antisemitismus, gegen den Strom, Bischof Friedrich Baltik, Obergespan Ludwig von Kürthy und seine s^rau, Gräfin Ludoviea Kürthy (Zichy. Der Antisemitismus, diese echt deutsche Errungenschaft, welcher, den ungarischen Genius schändend, zu Beginn der Achtziger-Jahre auch in einigen Gegenden unseres Vaterlandes seinen Herentanz begann, zeigte sich zu Lipt"-St.-Mikl"s, sowie ans dem Gebiete des Comitats überhaupt in verhältnißmäßig gelinder Form. Dafür spricht linter Anderem auch jenes Factum, das; während der ganzen judengegnerischen Stimmung an der Spitze der Stadt Lipt"-Szent- Mikl"s Bürgermeister jüdischer Conscssion standen, deren Wirken allgemeine Anerkennung fand. Antisemitische Stimmung zeigten zumeist die jungen Leute iqid viele Beamte, die von solcher Gegend dahin versetzt wurden, wo das Lied der Rechtsgleichheit sich wesentlich von dem des Liptauer Comitats unterschied und zumeist darin offenbarte, daß man die Juden aus gewissen Gesellschaftskreisen „heransschaute". Jene segensvolle Eintracht, welche zwischen den Juden und den übrigen Bewohnern des Comitats seit der Niederlassung der ersteren zmn Wohle der Gesammtbcvölkcrung bestand, schien nun ausgehört zu haben. Die Inden zogen sich nach und nach vorn gesellschaftlichen Leben zurück und traten nur dann vor die D essentlichkeit, wenn sic eine patriotische bürgerliche und philanthropische Pflicht zu erfüllen hatten. In dieser traurigen Zeit bewies sich Bischof Friedrich B a l t i k als berufener Priester der Nächstenliebe. Fürchtend, das; jene Blätter in slavischer Sprache, welche gegen die obernngarischen Inden nur deshalb Hetzen, weil diese bei jeder Gelegenheit ihre ungarische Gesinnung offenbarten, das antisemitische Gift auch in das unverdorbene Herz der friedlichen slavischen Bauernschaft einslößen könnten, verkündete er wie ein Prophet allsonntäglich den in der Kirche versammelten Gläubigen, das; der A n t i s e m i t i s n; u s, da er im Gegensätze zum Geiste und den Lehren C h ristns steht, geradezu Gotteslästenitig sei. > Die Befürchtungen des Bischof Baltik waren indessen übertrieben. Seine Gläubigen »varen verständige, nüchtern denkende Menschen, deren nicht blos materielle, sondern auch moralische Interessen mit denen der Inden identisch waren; sie küunvcrten sich blutwenig nm die antisemitischen Hetzereien der Turocz-Szt. Aiürtoner „Sloveiiskie Noviny. Bischof Baltik hat diesmal ein wohl überflüssiges aber dankenswerthes Werk geübt. Der ausgezeichnete Bischof der die Interessen seines Glaubens und seiner Kirche mit den weitgehendsten Ansprüchen des Liberalismus zu vereinen verstand, weil sein Geist von jener Wahrheit durchdrungen ist, das; die gegenseitigen Interessen schon vermöge ihrer inneren Natur sich einander nicht ausschließen — genießt seit jener Zeit die Verehrung und Liebe der Liptauer Judenschaft in erhöhtem Grade. Der Nachfolger des Dbergespans Martin v. S z e n t i v ä n p i wurde Ludwig v. Kürthy der stattliche Sproß einer uralten ungarischen, adeligen Familie, der reine Typus eines lmgarischen Gentleman, in dem sich große staatsmännische Fähigkeit mit bedeutender und vielseitiger Bildung und mit vornehmen Tact gepaarte Energie glücklich vereinen. Kaum hatte er sein Sbergespans-Amt angetreten, da nahm sein scharfes Auge sofort wahr, das; der Berwaltnngsapparat nicht mit jener Schnelligkeit und Ziegelmäßigkeit sunctionirte, ohne welche eine zeitgemäße Administration undenkbar ist. Gleichzeitig na h m er ab e r a u ch w a h r, das; der sociale Verkehr zwischen d e n I u d e n, d e m B e a m t e nk ö r P e r des Comitats und einem Theilc der st ä d t is ch e n B ü r g e r s ch a s t w e d e r a u f d e r H ö h e d e r I n t e re s s e n d e s S t a a t e s noch aus derjenigen des Z e i tg eist es steht. Er nahm sich daher vor, das; er den bestehenden Uebelstünden abhelscn werde. Jener vornehme Tact. der sein ganzes Wesen so vortheilhaft charatterisirt, gab ihm auch die zur Sanirung jener verletzenden Zustände nöthigen Modalitäten ein. Schon sein wicklnng des Comitatcs mit wachsamer Aufmerksamkeit: in ledem Momente war er bereit, die von den jndenfeiudlichen Elem nten gegen die Judenschaft des Comitates zu richtenden Llngriffe mit energischer Hand zu Verbindern. Ludwig v. K ü r t h y konnte sich damit nicht begnügen. Er b e st re b t e s i ch. die in dem nuter s e i n e r L e i t n n g st e h e n d e n C o m i t a t e s i ch z e i g e n d c j n d e n s e i n d l i ch c B e w e g n n g g v it ndli ch a u s z n r o t t e n. Sein diesbezügliches Vorgehen ist überaus charakteristisch. Zu dem Behnfe ging er in Uebcreinftimniung mit seiner angebcteten Frau, einer der Sternkrenzdamen Ihrer Majestät der Königin, der Gräfin Ludovica Zichy, der in allen Frauentugeuden erzogenen Tochter des Grasen Gabriel Z i ch y, vor, deren vornehme Abstammuna nur von ihrer erhabenen Denkungsart und ihrem edlen Gesühle übertroffen wurde und die. ehe sie in den ehelichen Bund mit ihrem geliebten Gemahl trat, als Lieblings-Hofdame der Erzherzogin M a r i a T h e r e s i a in den höchsten Kreisen ihren hervor ragenden Geist und Charaktertugenden glänzen ließ. Als im Fasching des Jahres 1801 das Arrangirnngs C»mit«' des zu Ehren dieser ausgezeichneten Dame abzuhaltenden Comitats balles das Dbergespanspaar ersuchte das Balsiest mit seinem hohen Besuche zu beehren, versprach dies der Dbergespan mit dem Hinzufügen, das; er es ü b era n s g e rn c se h en w ü rd e, w en n er aus d e m C o m i t a t s b a l l e mit d e n C a p a c i t ä t e n d e r st ä d t i s ch e n B ü r g e r s ch a s t und d c r I n d e n s ch a s t des E o m i t a t e s z u s a m m e n k o m m e n k ö n n t e. Die Deputation verstand den Dbergespan. A ns d em C om i tat s b a l l w aren die V e r t r e t e r d e r B ü r g e r und der I u d e n G e g e n st a n d b c s o n d e r e r A u s m e r k s a m k e i t de s o b e r g es stattlichen P a a r e s. Unter den Tanzenden sielen besonders pvei Paare ans: das eine war D b e r g c s p a n L u d w i g v. K ü r t h Y mit d e r h o ch g e b i l d e t c n F r a u d e s D r. N a t h a n Schl e s i n g e r, das andere aber die s ch ö ne und e n g e l s g u t c T b e r g e s P a n i n mit de m D r. stk a t h a n S ch l c s i n g e r. In der nach dem Comitatsballe folgenden Woche beehrte das Tbc rg e s p a n s P a a r einige j ü d i s ch c F a milien m i t sein e m Besuche. Gelegentlich de s P u r i m s c st c s s ck) i ck t e di e Frau D b e r g e s p a n i n de m R a b b i n e r W i l h e l m S i u g e r eine b e t r ä ch t l i ch e S u m m e mit dem E rsuchen, diese in i h r e m N a in e n untcr arn; e Juden z n v e r t h e i l e n, n a ch d e m sie w e i s;, das; di e s u m diese Zeit bet den Inden ü blich i st. In Folge dieser Ereignisse veränderte sich die gesellschaftliche Lage der Liptauer Juden wie durch einen Zauberschlag vollständig. Wieder trafen und treffen sie sich mit ihren nichtjüdischen Bürger genossen am jedem Gebiet des gesellschaftlichen Lebens, wo sie unter gegenseitiger Achtung mit vereinten Kräften dahin streben, den Interessen dcS Staates, des Comitates und der Stadt ehrlich zu dienen. Sbergespan Ludwig v. Kürthy wird von den Juden des Liptauer Comitates vergöttert. Die ausgezeichnetes bergespanin aber, die überall, wohin sie ihren Fuß setzte, Segen verbreitete, ist leider nicht mehr. Im Frühling ihres Lebens zog sie dahin, woher sie zu uns kam — in den Himmel. Ihr verklärtes Andenken bewahren die Liptauer wie eine theucre Religuie. Briefkasten. Wien. „Neuling." Das soll Sie nicht wundern. Die antisemitische Schandpresse, die „Reichspoft" um eine Spitzcr-Weimarsche s!> Rastnlänge Allen voraus, hat noch jedes Kaiserwort entweder unterschlagen oder in ihrem Sinne frech ausgelegt. Graz. „Alter, treuer Abonnent." Nicht nur die dortigen Antisemitenblätter, auch alle Wiener Zeitungen dieser sauberenArt Pme Ausnahme wissen nicht ein Sterbenswörtchen von dem Besuche Sr Majestät im Grazer israelitischen Gotteshause zu berichten. Hat es ihnen, wie man in Wien zu sagen pflegt, „die Red' verschlagen Wien. Flor. H. Der Toctor Kaspar S ch w arz, derselbe, welcher sich zum Gaudium der Studenten, die sich über seine „wissenschaftlichen Anschauungen" den Buckel volllachten, noch im Vorjahre bei R eusser herumtrieb, berichtigt in der „Ostdeutschen", daß er kein getaufter Jude sei. Sie schreibt denn auch: „Heute