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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-06-14 · 24 (14.6.1895) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
24 (14.6.1895)
Date
1895-06-14
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 454 Dr. Bloch's Wochrnschrift. Nr. 24 wir es glücklicherweise mit wohlerwogener, planmäßiger Anordnung, vcritändigcr Auswahl und einer durch ihre Mannigfaltigkeit anziehenden Fülle zu thun. Keßler darf sich des Dankes aller Jener im Vorhinein für gewiß halten, welche nach seinem sehr hübsch ausgestattetcn und auch mit einigen guten Bildern versehenen Buche greisen werden. Als erste Illustration grüßen des leutseligen Erzherzogs Wilhelm freundliche Züge. Der verewigte Hoch- und Deutschmeister, welcher durch einen jähen Tod seinen großen Ausgaben entrissen wurde, war stets ein hochherziger Förderer aller der reinen Menschlichkeit gewidmeten Bestrebungen, der Bedrängten ritterlicher Heller nnd ein thatkrästigcr Verehrer alles Schönen und Großen. Das Bildnis; dieses edlen und human denkenden Prinzen gehört in diesem Buche mit Recht an die vorderste Stelle. — Das Porträt des Frciherrn Moriz von K ö n i g s w arte r, gesegneten Angedenkens, ist ebensalls darin. Glicht ohne tiefe Wehmuth wird man es betrachten und des viel zu früh dahingeschiedencn Menschenfreundes gedenken. Allerlei nicht abzuwehrendc und nicht sortzuscheuchcnde Gedanken mengen dem Gefühle der schmerzlichen Trauer um den Dahingeschiedencn einen herb-bitteren Nachgeschmack bei. Sein harmonisches Leben klingt in eine schrille Dissonanz aus. Aber nicht er hat sie angeschlagen, rindere Finger haben ihin in sein Spiel hineingcklimpcrt und es verdorben. Turgenjew hat einen gewaltigen Roman geschrieben: „Väter und Söhne", und der Satiriker Spitzer hält nicht viel von der nächsten — Degeneration... Um ein ander Bild möchten wir bitten. Da ist cs schon. Ein reizendes, idyllisches Gcnrcstiick. nicht ü la G cßn cr, dasür aber modern Freilicht, plein-air. Der Momentphotograph ist auch zmveilcn ein großer Künstler. Vier Kinder — reinliche, ein wenig verschüchterte Aermlichkeit'— sitzen in einer freundlichen Waldlichtung und sind offenbar dalies? einen ..Buschen" zu binden, so einen recht schönen, einen recht großen, buntblumigen, der dem Fräulein Lehrerin, die so gut zu ihnen ist, eine rechtschaffene Freude bereiten soll. O Ihr glücklichen, artigen Kinder — trotz aller Armuth seid Ihr ja selig zu preisen! Bindet nur Eure Waldblumensträuße: einmal hcrangewachsen, bleiben ja doch nur von der ganzen Botanik die Nesseln und Dornen übrig. Ihr tretet in ein Leben ein, wo cs nur Hetzer, Ge- und Verhetzte gibt, wo der fanatische Haß zur Tugend umgcprägt wird, die Nächstenliebe zum Verbrechen oder doch mindestens zur bemitlcidenswerthcnSchwäche. Die scheele Mißgunst avancirt zum Leitmotiv aller menschlichen Bestrebungen. Ihr werdet gründlich umlernen müssen, liebe Kleinen! Alles, was man Euch jetzt sagt in der Schule, das gilt nicht. Die Moral wird umgestülpt wie ein abgelegter Handschuh . . . Seelen- und hcrzenerhebcnd ist das Wicdcrcrwachcn der Natur, aber die „Blüthezeit der Schufte", wie der Dichter unsere Evoche kennzeichnet, ist nur geeignet, das Gemüth des wahrhaften Menschenfreundes tief nicdcrzudrücken und an allem Fortschritt in Gesittung nnd Denkweise gründlich verzweifeln zu lassen. Und hier setzt K e ß l e r's Buch glücklich ein. Durch das sich amthürmende Gcwölkc schimmert doch ab und zu ein sonniger Lichtblick, eine ferne, frohe Zukunft verheißend, herüber . . . Der bcstbckannte Abgeordnete Dr. Roser hat einen sehr schätzcnswerthcn Beitrag geliefert. Derselbe Mann, welcher seit Jahrzehnten mit nie erlahmendem Feuereifer gegen das Lotto und all das Dumme und Schlimme, das es mit sich im Gefolge führt, zu Felde liegt, schreibt über „Verlassene Kinder" und beherrscht das einschlägige Material mit derselben Vertrautheit, mit der er alljährlich von den Qpfcrn der albernen neunzig Zahlen berichtet. Auf die englischen Verhältnisse, Vorkehrungen und Einrichtungen weist er hin, auf das, was bei uns in dieser Richtung geschieht und — nicht geschieht. Der Auffatz ..Ereignisse ans dem Kindcrlcben" ist ein trostloses Gemälde. Die Bestie im Menschen sprengt ihren Kerker und reißt sich von der Kette los. Welch entsetzliche Verhältnisse in all diesen gut arischen Familien! Zermalmend wirkt diese sittliche Verkommenheit, diese abgrundtiefe Verderbnis; auf den Leser. Hier hackt der Vater seinem Kinde die beiden Hände ab, und die Mutter stirbt darüber vor Schrecken. Ein italienischer Bettler tödtet in wahwitzigcr Mordluft neunzehn (!) Kinder. Welch maßloses Unheil hätte hieraus erwachsen können, wenn der Bluthund nicht der lateinischen Race angehört hätte! Ein kleiner Wiener Schuljunge bittet, ehe er fiel) iu's Wasser wirst, in seinem Abschiedsbricf den Vater: „W en n Du alle c rstichst, so ersti ch meinen Bruder I oh ann nich t." Aus dem Schreiben geht weiters hervor, daß das Scheusal von Vater in die Seele des Knaben den Gedanken zum Selbstmord gewissermaßen gepflanzt hat; er hat ihn großgezüchtet diesen Gedanken und bis zur Vollreife in ihm entwickelt mit diabolischer Sophistik. So schafft man sich unbequeme Personen gefahrlos aus der Welt. „D a Du mich gefragt h ast, ob ich d en M u t h h a b e, m ich selb st u m's L e b e n z u bringen..." u. s. w. Noch andere ähnliche, verbürgte Thatsachen werden erzählt. Eine heillose Verwirrung in den fundainentalsten moralischen Begriffen scheint in gewissen Bevölkerungsschichten platzzugreifcn, ivas sehr zu beklagen ist. Den Kindcrselbftmord, den unsere Väter nicht kannten, halten wir für eine der traurigsten Errungenschaften unserer Zeit. In allen heiligen Büchern der Juden blättert nach, ob Ihr einen Kinderselbstmord findet. Schlagt sic nur auf, die vcr» schmähten, vcrvehmten Bücher der Juden seit Jahrtausenden! „Die Logik des Kindes" von Bernhard M ü n z ist ein Aufsatz, der alle besten Quellen zu Rathe gezogen hat, sogar die modernsten Psychologen, und manches Gute aus Eigenem hinzuthnt. Die eingcstrcutcn Bemerkungen von Lazarus sind anscheinend unwesentlich, bei näherem Zusehen aber sehr tief gedacht. Es ist ein Freude, zu sehen, wie unerschrocken tapfer dieser Mann allen Problemen zu Leibe rückt. Der reizende Zug von dem „Unterschied" den Friedrich Rsickert Lazarus erzählt hat, ist ganz wnnderlieb. Man lese ihn nach. Wir wollen nichts verrathen. Es folgen noch eine lange, bunte Reihe von kleineren Stücken, ferner Gedichte, die wirklich solche sind und keine versificirte Prosa. Insbesondere möchten wir noch auf die Studie über die verheerende Wirkung des Alkoholgenusses Hinweisen und wünschen, das; sie in den Kreisen, für welche sie geschrieben wurde, beherzigt werden möge. In der Skizze „Armuth" finden mir eine begeisterte Zustimmung zu der Armengesetzgebung der Juden. Bor drei Jahrtausenden schon hat unser Gesetzgeber die sociale Frage in ihrer Tiefe und Wesenheit besser, schärfer und weitaus gründlicher erfaßt als alle modernen Gelehrten und Staatsmänner, als alle Commissionen und Ausschüsse zusammen. Weder vom Katheder noch vom grünen Tische aus ist dieses Urproblem der Menschheit endgiltig zu ergründen. Mit dem Verstände und mit dem Gefühl zugleich will es erfaßt sein, Eines oder das Andere thut es nicht! Engelbert Keßler's pädagogisch-literarisches Jahrbuch tritt an denjenigen Theil der socialen Frage heran, der in der Kinderstube beginnt, und wir dürfen ihn; das Zeugnis; ausstellen, daß er sich hiebei von zwei Gesichtspunkten leiten läßt, die, wenn man will, nur einer sind: von der Menschenliebe und von der Gerechtigkeit. 0. Geschichte der Juden in Lipt<» Szt.-Miklos. von Emil Herzog. Budapest 1895. Eigenthum des Verfassers. Preis fl. 2.— Unter obigen Titel erschien dieser Tage vom hauptstädtischen Communallehrer und Schriftsteller "Emil Herzog als Separatabdruck aus der Wochenschrift „Egyenlöseg“ eine stattliche und hochinteressante ungarische Monographie seiner im oberen Waagthale gelegenen, rühmlichst bekannten, jüdischen Mutlcrgemcinde zu Liptz'>- Szt.-Miklüs, rvelchcs bescheidene und freundliche Comitatsstüdtchen seit der zu Beginn des vorigen Jahrhunderts erfolgten Ansiedlung jüdischer Einwohner zum bedeutendsten Emporium des obcrungarischen Handels, zum Brennpunkte alles geistigen Lebens wurde und aus deren Mitte Heroen der Wissenschaft (viele Professor Dr. Wilhelm Bacher) und andere bedeutende Männer in hervorragender öffentlicher Stellung hervorgegangen sind. Ans Grund, sorgfältig ausgewählter, zumeist aber nur traditioneller Quellen entrollt uns der Verfasser in schönem ungarischem Style und in fesselnder Weise ein lebhaftes Bild dieser daraus sozusagen vor unseren Augen sich entwickelnden Gemeinde und in seiner populären Darstcllnngswcise wird dieses gemeindcgeschichtliche Werk gewiß überall die wohlverdiente Anerkennung und Würdigung finden. Was wir jedoch aus vorliegenden) Buche für unser Blatt besonders hervorheben wollen, ist das fast ununterbrochene harmonische Zusammenwirken der christlichen und jüdischen Bevölkerung dieses Städtchens, die glänzende Eintracht in ihrer Mitte und die gegenseitige Achtung und Werthschätzung, die aus fast allen in diesem Werke geschilderten Zeitverhältmssen hervorleuchtet.

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