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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-06-14 · 24 (14.6.1895) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
24 (14.6.1895)
Date
1895-06-14
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 450 Dr. Gloch/s Wochenschrift. klaffen zu tzctzcuscitigcr Vergewaltigung stets auch eine die Unver sehrtheik des öffentlichen Friedens bedrohende Gefahr in sich schließe Und daß eine solche Wirkung einer derartigen Provöcatiön mir unter bcsvndercn Ausnähmefällen ausgeschlossen sein wird. Der öffentliche Friede und gcwaltthätige sociale Eonsücte sind an sich absolute Gegensätze. Ausnähmemlle niögcn immerhin deiitbar sein, tvenn züni Beispiel die socialen Zustände, die gegenseitigen Beziehungen der gesellschaftlichen Claffen zu einander einmal eine durch nichts <|ii erschütternde Harutonie zeigen oder der Anreizende in besonders ungeschickter und unverständlicher Weise redet öder er nür rein hypothetische Zeitverhältnisse und in fernster Zükünff liegende Möglichkeiten int Auge hat- Sonst wird es schwer verständlich bleiben, wie, selbst wenn die Provocatiön zii gewältttzätigen Borgängen bei der Bevölkerungsclasse, an die sie sich unmittelbar wendet, auf gänzlich unfruchtbaren Boden fällt, nicht mindestens die änderen Claffen, welche die Opfer der Vergewaltigung werden sollen, sich in ihrer Rechtsunsicherheit, in Len Empfindungen geschützten, friedlichen Zusammenlebens beunruhigt fühlen sollten." Daß bei dieser Auslegung des 8 130 die antisemitischen Hetzereien voll und ganz den Thatbestand dieses Paragraphen erfüllen, braucht nicht erst hervorgehoben zu tverden. Die Änklagebehörde und die Gerichte sind bisher anderer Ansicht gewesen und haben die Bestrafung auf Grund § 130 jedesmal abgelehnt. So zum Beispiel hat die Staatsanwaltschaft beim hiesigen Landgericht I das von Herrn Professor Strack beantragte strafrechtliche Einschreiten gegen die Verbreiter des berüchtigten „Talmud-Auszugs" der Antisemiten vertveigerk, weil dieses Pamphlet „seit Jahren in Deutschland verbreitet worden ist, ohne daß dadurch Gewaltthütigkeiten gegen die Juden verursacht worden sind". Diese Auslegung des 8 130 wird nunmehr Seitens des Reichsgerichts als falsch bezeichnet; denn daß jener „Talmud-Auszug" — und das Gleiche gilt von allen antisemitischen Hetzschriften — geeignet ist, „eine zu Gervaltthätigkeiten geeignete Stimmung hervorzurufen" und die Bevölkerungsclasse, welche die Opfer der Vergewaltigung werden soll, „in ihrer Rechtssicherheit, in den Empfindungen geschützten Niedlichen Zusammenlebens zu beunruhigen," kann nicht bezweifelt werden." Magdeburg. Die Herren Antisemiten in Magdeburg ließen sich, da ihre Redner nicht mehr ziehen, einen Mechaniker — die Mechaniker erfreuen sich in diesen Kreisen besonderer Beliebtheit — Namens Stein aus Wien verschreiben, der im großen Saale des „Hofjägers" sich als Hetz- und Dauerredner gefährlichster Sorte entpuppte. Die Magdeburger..Bolksstimme" berichtet hierüber: „Der Antisemit Liebrecht ergriff den Vorsitz und leitete nach seiner Willkür die Versammlung, was wir von den Antisemiten nicht anders erwarten können. Um dem Referenten Stein Gelegenheit zu geben, seine Weisheit auskramen zu können, erthcilte er ihm das Wort. Stein's Vortrag war inhaltslos, ohne jedweden tieferen Gedanken, nur eine Zusammenstellung von Phrasen und rohen, unanständigen, anwidernden Schimpfereien. Das 10. Jahrhundert bezeichnete er als das der — Verjudung, die sociale Frage als — Iudenfrage. Die Juden seien fremdes Volk, das nicht mit gleichem Maße zu messen sei. Das Judcnthum sei der Bacillus, der täglich Hunderte abschlachte, und trage Schuld an aller Corruptivn, dieser Bacillus müffe unbedingt vernichtet werden. Da einzelne Päpste und Cardinäle von Juden abstammen, rcspcctive abgestammt haben, verwünscht er den Clericalismus. Die Worte „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" seien phrascnhaffc, die drei Eigenschaften beständen nur zwischen Juden und Socialdemokraten. Die Letzteren huldigen dem Königsmordc, müßten unter Ausnahmegesetze gestellt werden. Das Judenthum sei ein corrumpirtes. Tic Inden kennen keine Arbeit, sondern nur ..frechen Witz, Gaunerei, Betrug, Frechheit," sie seien „Bk e n s ch e n t h i e r c, d i c M e n s ch e n p e st, die P a r as i t e n," gegen die mau stoßen müsse. Ueberall, „wo es stinkt und Corruption ist, sind die Juden zu sinden". Die an der Spitze der Socialdemokratie stehenden Juden seien Heuchler. Marx habe selber nicht geglaubt, was er geschrieben habe. Und als dann die langweiligen Ausführungen zu nichtig wurden, wurde der Wunsch nach Schluß des Vortrages laut. Als Stein nichts mehr wußte, und trotz großer Mühe keinen Stoff mehr sinden konnte, forderte er die „Deutschen" auf, einzustimmen in ein „Heil. Heil. Heil!" und aus jeder ^cke erscholl von den Hcpp-hepp-hepp-Männcrn ein Sümmchen, Nr. U uül das halbe Dutzend der begeisterten Heilmenschen voll zu machen, stimmte dann auch der Bureautisch sitzende „deutsche" Capellmcister ein, der stets — aber vergeblich — Zeichen zum Beifall gab." Die „Ostdeutsche Rundschau" voüt 11d. M. äußert sich über diese Rede folgendermaßen: „Der lebhafteste Beifall folgte den flotten und großartigen 1'/-/kündigen Ausführungen des vortrefflichen Redners- In einem glänzendem Schlußworte zeigte sich Herr Stein als Bkeister in der Besprechnng, die Socialöemökraten erhielten hiebei einen gewaltigen Denkzettel- Von welcher Art dieser Denkzettel wär, denn die — Socialdemvkraten von den Antisemitenvielleicht gar umgekehrt'? — erhielten, erzählt wiederum die Magdeburger „Volksstimme" : Abgeordneter S ch m i d t betrat die Bühne, ein stürmischer Empfang wird ihm bereitet. Die heute von dein Antisemiten S t e i it ausgesprochenen Worte feien nach echter antisemitischer Art, meinte Schmidt. S l e i n habe durch seine Art brutalen Ausfälle gegen die Juden jedes menschliche Gefühl und jeden Anstand verletzt, et habe die Juden den Thielen gleichgestellt, die mit rohen Mitteln vernichtet werden Müßten. (Zuruf: Mus; auch!) Die Anhänger des Antisemitismus seien zum grüßen Theile denkfaule Leute, die später doch zü uns kömmen, weNn sie die Haltlosigkeit der antisemitischen Phrasen erkannt hätten. Schmidt weist dann geschichtlich nach', wie es gekommen ist, daß die Juden vom Handwerk zurück und zuni Handel und Schacher getrieben wurden, schildert die Entwicklung der Größproductiön, das Entstehen des Proletariats, die gedrückte Lage desselben, sowie die des Klcinhandwerks und Mittelstandes. Die Versprechungen der Antisemiten seien unfüllbare, die Handwerker hätten das erkannt und seien vom Antisemitismus abgekommen. Die Beschuldigung des Königsmordes treffe seine Partei nicht, sei eine elende Verleumdung. H ö d e l sei sogar christlich-social gewesen. Als schamlose Angriffe Und niederträchtige Verleumdung bezeichnet Schmidt solche Beschuldigungen, dem auch die Versammlung durch rauschenden Beifall ihre Zustimmung gab. Alsdann greift Schmidt die heuchlerische Politik der Antisemiten an, deren junkerliche, brotvertheuernde Politik 'im Parlamente, die nur die schwachen Schultern belaste." Wieder einmal ein nettes Pröbchen von der Wahrheitsliebe antisemitischer Berichterstattung. Hünfeld (Hessen), 2. Juni. Die zarte Rücksichtnahme auf das jüdische Capital, welche die Antisemiten hier bekundeten, möchten wir allen ihren „Genossen" tiu Deutschen Reiche auf das Wärmste zur Nacheiferung empfehlen. Vor einiger Zeit wurde hier eine Zuckerfabrik mit einem Acticncapital von zwei Millionen begründet. All Juden lvurden Actien des neuen Unternehmens nicht abgegeben, und einem Nachkommen Sem's war es selbst bei Aufwendung den größten Blühe nicht möglich, sich in den Besitz eines solch vielversprechenden Papicrcs zu setzen. Jetzt ist die „arische" Zucker-Actiengesellschast, deren Leitung vollständig in antisemitischen Händen lag, in Concurs; den Passiven von Al. 2,000.000 stehen nur etwa M. 100.000 Activen ist gleich 5 Percent gegenüber. 05 Perccnt des „arisch-teutonischen Geldes" ist pfutsch. Grodno, 1. Juni. Die beliebte These der Antisemiten, daß die russischen Juden angeblich einen ihr Verhältniß zur Gesammtbevölkerung w'eit übersteigenden Antheil am Verbrechen haben, erfährt durch die jüngst veröffentlichte amtliche Crilninalstatistik abermals ihre Widerlegung. Im Gouvernement Grodno wohnen 205.471 Juden unter 8(55.451 Griechisch-Orthodoxen, 400.218 Katholiken, 12.218 Protestanten, 3500 Muhammedanern. Die Crilninalstatistik dagegen ergibt, daß auf 302 griechisch-orthodoxe und 251 sonst christliche Verbrecher nur 05 jüdische kamen, während es nach der Seelenzahl der Juden 138 jüdische Verbrecher Hütten sein dürfen. Also auch hier ist trotz der unendlichen Noth unter den Juden ihre hohe moralische Stufe klar bewiesen. Ror,j, 2. Juni. Am 22. v. Al. wurde dem als Pianist, wie als Coniponist berühmten Professor C onso lo aus Florenz wiederum die Auszeichnung zu Thcil, vor der Königin Margherita zu spielen. Dieselbe bezeigte ihm, wie im vorigen Jahre bei gleicher Veranlassung, ihre Anerkennung und sprach hiebei namentlich über seine Composition rIl Credente“ (Der Gläubige) ihre volle Bewunderung aus. Sie selbst begleitete den Künstler beim Vorträge dieses Stückes am Clavier und mit Begeisterung bekannte sie sich hiebei zu dem Grundsätze, daß der Mensch ohne Religion keinen Werth habe." Bei dieser Gelegenheit möchte ich eine Mittheilung berichtigen, welche

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