Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 24 (14.6.1895)
- Date
- 1895-06-14
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3020846-3021061-3021086--04641-3028837- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 446 sich allen Launen der allmächtigsten Bismarck-Jünger^ zu fügen habe. Beschimpfungen der nicht dentschnationalen Studenten, gleichviel, ob sie katholisch gesinnte Oesterreicher, gut österreichische Slaven oder Juden sind, gehören an der Grazer Universität zu den täglichen Borkommnissen. Und deshalb steht da» studentische Leben an den Grazer Hochschulen gänzlich unter der Herrschaft der dentschnationalen Studentenschaft. Unbehindert kann diese ihre anti-österreichischen und anti-dynastischen Tendenzen zum Ausdrucke bringen. Als vor einigen Jahren auf einem von den Grazer Burschenschaften veranstalteten Commers eine frevelhafte anti-dynastische Demonstration veranstaltet wurde, da vereinigten sich die Grazer Corps „Joannca", „Norica" und „Teutonia" in dem Versuch, dem hochverrätherischen deutsch-nationalen Treiben entgegenzutreten. Aber der Versuch mißlang vollkommen. Ein Corps nach dem anderen mußte ans Mangel an Mitgliedern sich auflösen. Etwas für de» Staatsanwalt. Die „Ostdeutsche Rundschau" vom 9. Juni 189.) bringt nachstehende Mittheilung unter der Spitzmarkc: „Etwas für Rabbi Bloch. Er möge genau auf das heutige Datum sehen, nur leben wirtlich im 19. Jahrhundert. Hundert Jahre seit dem Auftreten des weisen Ringwerters Nathan muß der Verein zur Abwehr des Antisemitismus die Aufführung eines antisemitischen Teudcnzstückcs erleben, dessen Handlung „nur" in der Darstellung eines jüdischen Ritualmordes besteht. Die Thatsachc würde selbst uns, die wir an so manche antisemitische Scheußlichkeit gewohnt sind, unglaublich erscheinen, läge sie nicht schwarz auf blau in Fon» eines gedruckten Akaueranfchlages vor uns, den uns ein Innsbrucker Freund heute einsendet. Wir lassen den Zettel für sich selbst sprechen: Theater in W att ens (Nordtirol). Pfingstmontag, den 3. Juni zu Gunsten der dortigen Ortsfeuerwehr Andrea s. D c r M ä r t y r c r von Rin n. Volksschauspicl in 4 Acten und 2 lebenden Bildern, für die Bühne neu bearbeitet nach Josef P r a x m a r e r's Erzählung. Aus dm 4 Acten erwähnen wir blos: t. Act. 2. Aufzug. Lebendes Bild, darstellend den mißlungen Raub des Kindes, mit Prolog. 3. Aufzug. Die vier Juden im Grabcnwirthshaus. — 2. Act. 1. Aufzug. Der Verkauf des lindes. 3. Auszug. Die Inden erwarten im Walde das mit Hannes verabredete Zeichen. — 3. A c t- 2. Aufzug. Der Martertod des Kinde». — 4. A c t. 3. Aufzug. Die Mutter findet das ermordete Kind. P c r s o n c n: Maria, die Mutter; Andreas, deren Kind; Hans Maier, Wieselbaucr, der Göd; der Meister vom Glockenhof im Volderwald; Aaron, Moses. Jacob, Abraham, jüdische Kauflcure u. s. w. Ein Genius. — Die Preise der Bühne sind billig Famcuilfitz 00 kr.; 1. Platz 49 kr.; 2. Platz 20 kr.; Stehplatz 10 kr. Kinder dürfen nur in Begleitung ihrer Angehörigen das Theater besuchen. Gez.: Feuerwehr-Kameradschaft." Gegen keine andere Confessio» würde ein derartig schamloses Treiben gestattet werden. Deutscher Schulverein. Badgaftein, 5. Juni. Löbliche Nedaction! Ich ersuche Sie als Abonnent Ihres Blattes mn Aufnahme folgenden, heute an den ..Deutschen Schulvercin" gerichteten Briefes: L übliche s Präsidium des Deut s ch c n S ch u l- Vereines! Wien, 5. Juni 1895). In Folge einer Notiz im „Freien Blatte" vom l. Juni l. I. melde ich hicmit meinen Austtitt aus Ihrem Vereine, dem ich seit vielen Jahren mit einem Jahresbeiträge von fl. 10 — angehörc, an. Wir Juden können uns die Liebe Andersgläubiger nicht erzwingen, aber was wir können und sogar zu thn'n verpflichtet sind, ist: keinen Vcreinzu unterstützen, in welchem antisemitische Bestrebungen, wenn auch nur von Zeit zu Zeit und in milder Form hervortrctcn. Es wird mich freuen, wenn alle meine Glaubensgenossen, die Mitglieder Ihres Vereines sind, meinem Beispiele folgen werden. Hochachtcud S. H e i 1, Wien, I. Rudolfsplatz 10, derzeit zur Cur in Badgastein. Nr. 24 (Der Cigenthümer des antisemitischen „Kikeriki" wegen Dienftmädchenmitzhandlung angeklagt.) Vordem Bezirksgerichte Alsergrund hatte sich der Oberlientenant des Ruhestandes Friedrich I l g e r, ein Schwiegersohn des verstorbenen Volksdichters O. F. Berg und Miteigenthnmer des „Kikeriki", w e g e n Bedrohung und Mißhandlung feiner e h e m a l i g e n &) öchin Llnna A r n o s ch t zn verantlvorten. Die von Dr. Otto Frischauer eingebrachke Klage führt nach einer pikanten Vorgeschichte an, der Angeklagte habe eines Morgens die Köchin beschimpft, ihr dann gedroht und sie derart geohrfeigt, daß sie aus der Nase blutete. A n g e k l.: Herr Commissär, ich bitte um Vertagung der Berhandlung, da ineine vorgeladene Frau laut ärztlichen Zeugnisses krank ist. Dr. Frischauer: Da die Verhandlung gegen Herrn I l g e r schon dreimal vertagt wurde, spreche ich mich gegen diesen Antrag aus. A n g e k l.: Ich bin nicht Herr Jlger, ich bin Oberlieutenant I l g e r . . . auch auf meiner Vorladung steht nur Friedrich Jlger. Richter: Ich bitte, keine Controversen. Ich werde die Verhandlung, so weit es geht, durchführen, damit die erschienenen Zeugen nicht noch ein viertesmal kommen müssen. (Zum Angeklagten:) Was sagen Sie zur Anklage? — Angekl.: Nachdem meine Frau nicht erscheinen konnte, ich auch heute keinen Vertheidiger habe ... — Richter: Ich bitte, meine Frage zu beantworten. — A n gekl.: Das ist nicht so richtig. — Richter: Haben Sie die Klägerin überhaupt geschlagen? — Angekl.: Vorläufig enthalte ich mich der Aussage. Es wird sodann das Stubenmädchen Marie Z i m b r owitsch als Zeugin vernommen. Sie hat gesehen, daß der Oberlieutenant aus dem Bette sprang und die Klägerin ohrfeigte, daß sie blutete. — Angekl.: Haben Sie nicht auch gesehen, daß sie mich erst schlagen wollte? — Zeugin: Sie hat die Hände in die Höhe gestreckt. — Es wird nunmehr die Klägerin und Privatbetheiligte vernommen; sie erzählt: Einmal in der Nacht ist der Herr Oberlieutenant zu uns in die Küche gekommen . . . — Richter (unterbrechend): Das geht uns nichts an, beginnen Sie gleich mit dem Vorfälle, der uns beschäftigt. Anna A r n o s ch t schildert sodann den Vorfall conform der Klage. — Dr. Frischauer beantragt die Vorladung der Schwiegermutter des Angeklagten, der Witwe Berg; der Angeklagte die Vorladung seiner Gattin. — In Stattgebung dieser Anträge wurde die Verhandlung vertagt. Das Benehmen des Angeklagten machte, wie feilte Person, den ungünstigsten Eindruck. Das'unanständige, der Würde des Ortes nicht entsprechende Betragen, welches der Richter rügen mußte, die affectirte nonchalante Sprechweise und das abscheuliche, schrille Organ waren nicht geeignet, von vornherein für den Beschuldigten einzunehinen. Die schmutzige Asiaire, in welche er verwickelt ist, und die zeigt, wie Antisemiten ihre Dienstboten behandeln, und ans welcher sich heranszu—wickeln ihm nicht leicht fallen dürfte, werfen ein eigenthümliches Licht auf diesen sonderbarsten aller antisenütischen Tintentleckser. Das unsittliche Treiben dieser Leute, welche ständig über die Moral der Juden zu Gerichte sitzen, zeigt sich im schönsten Lichte. Es lebe die arische Sittlichkeit! (Enthaftung des „Antisemiten Honoris causa" David Münzer ans Drohobyez.) Bekanntlich ereignete sich vor einigen Wochen der Aufsehen erregende Fall, daß der von uns wiederholt gezeichnete Sensen exportenr David M ü n z e r ans Grund einer Ehrenbeleidignngsklage in landesgerichtliche Haft genommen wurde. Das 'Oberlandesgericht bestätigte zweimal, und zwar in entschiedener Form, den die Enthaftung verweigernden Rathskammerbeschlnß mit Rücksicht aus die Wiederholungsgefahr, auf die Verabredungsgefahr und auf die begründete Besorgnis;, daß sich Münzer, wie schon einmal zuvor, der Hauptverhandlung entziehen könne. Die Klage war von dem „Rheinischen Sensenversandthaus" wegen Verbreitung von mit antisemitischen Schlagworten „gezierten" Pamphleten erhoben worden und die Hauptverhandlung wurde bereits fiir den 17. und 18. d. M. anberaumt. Nun hat diese Angelegenheit durch einen gütlichen Ausgleich ihren Abschluß gesunden. Aus Anregung des Untersuchungsrichters, Landesgerichtsrathes Zeisöerger, der die schwierige Untersuchung mit aller Energie und zugleich mit dem größten Tacte leitete, sowie des präsnmptivcn Vorsitzenden, Landesgerichtsrathes Dr. Bloch's Wochenschrift.