Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 24 (14.6.1895)
- Date
- 1895-06-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3020846-3021061-3021086--04640-3028836- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 24 Dr. Blvch's Wochenschrift. unverlierbaren Reichthnm einer höheren Welt itt sich tragen, um sie mit der Kraft auszurüsten, in den Kampf des Lebens hinaus zu treten und einen Ehrenstand zu gewinnen. Blinden Kindern die Menschenwürde wieder zu geben, sie dem Elend des Bettlerthums zu entreißen, sie zu Männern der Arbeit, zu vollwerthigen Bürgern des Staates zu machen, das hat er sich zur zweiten Aufgabe seines Gebens gemacht, dafür war er noch als Greis begeistert, ihr gelten seine letzten Gedanken, seine letzten Wünsche. Aber ihm genügte es nicht, an der Spitze jener Bereinigung von edlen Männern und Frauen zu stehen, die Euch ihre treue Fürsorge widmen, und als oberster weiter seine Würde im Allgemcinen auszuüben. Bon ihm gilt des Dichters Spruch: „Er war iur Kleinsten groß, im Großen unerreicht." Selten hat ein Menschenfreund die hohen Ideen der Blindenbildung so-voll erfaßt, so ganz durchdrungen, noch seltener aber hat sich ein solcher dem Einzelnen so treu gewidmet wie er. Jeder Fortschritt war ihur eine Herzensfreude, jeder Erfolg ein Fest. Die Eigenart und den Lebenslauf eines jeden Einzelnen von Euch verfolgte er mit der liebevollsten Sorgfalt, und wie oft die ganze innere Welt eines Menschen in einem Bilde sich offenbart, so wird es unvergeßlich und unvergessen bleiben, daß er, so oft er in dieses Hans trat, Euch gerne um sich versammelte und unbewußt das Kleinste von Euch in seine Arme nahm und an sich drückte, und so im Glorienscheine seines Silberhaares, das wie eine Ehrenkrone Gottes sein Haupt schmückte, einem Seher gleich, zu Euch sprach vorn Guten und vom Wahren. Ja, er hat die blinden Kinder all seiuem Herzen getragen! Ihr habt den Schlag dieses Herzens empfunden, in Euer Leben ist die Liebe und die Erbarmung, deren dieses Herz fähig war, übergeströmt! Ihm war dieses Haus ein Heiligthum, mit gelveihter Hand hat er hier Opfer der reinsten Menschenliebe still und ungesehen gebracht, eifrig war er bestrebt, das Gute um des Guten willen zu thnn. ebenso eifrig aber war er bemüht, seine Wvhlthaten vor den Augen der Welt zu verbergen. Jetzt aber, da nach einem thatenreichen, glücklichen Leben seine irdische Nacht gekommen ist, läßt Gott die unzählbaren, doch von ihm gezählten Wvhlthaten auflenchteli, ulid sie glänzen als Sterne an dem Himmel seines Lebens und ihre iliilden Strahlen ergießen sich tröstend, erhebend in die Seelen derer, die um ihn trällern, und auch in die Seelen der Kinder dieses Hauses. Tiefbewept breiten lvir unsere Arme alls nach diesem gestirnten Hinilnel ulld rufen andachtsvoll aus: Gesegnet sei Dein Andenken, Du Guter, Edler, Großer, geseglret irr diesem Hanse, auf allen Wegen, die Du als Bote Gottes gewandelt, gesegnet sei es jetzt und immerdar! Nach Necitirung des Gebetes für das Seelenheil des Berstorbenen sprach ein blinder Knabe das Lia,cli8c4i-Gebet, womit die Trauerfeier schloß, die gewiß im Herzen aller Anwesenden tiefsten Eindruck hinterlassen hat. Vom Jahrmarkt des Lebens. Aufruf! Das jüllgste Unwetter hat ganz besonders in Kobersdorf im Oedenburger Conntat entsetzliche Verheerungen ungerichtet, und ganz speciell sind es die in einer Thalschlucht daselbst ansäßig gewesenen armen Inden, welche mit eineni furchtbaren Schlage um Alles gekommen sind. Die Menschenleben, welche die Katastrophe unter diesen Aermsten der Armen gefordert, sind noch nicht festzustellen, doch soll die Zahl der Opfer eine sehr große sein; die Ueberlebenden .aber, denen das entsetzliche Elementarereiguiß nebst theuereu Angehörigen auch ihr arniseliges Obdach, ihr ganzes Hab und Gut entrissen, stehen nun obdachlos und von Allem, selbst den unentbehrlichsten Wäsche- und Kleidungsstücken, entblößt da, den Oualen des Hungers und den Unbilden des Wetters gleicherweise ausgesetzt.. Wer daher entbehrliche Wüsche- und Kleidungsstücke, auch in minder gutem Zustande, besitzt, wolle dieselben gütigst an den Verein „Oesterreichisch-israelitische Union", I-, Schottenring 23, gelangen lassen oder seine Adresse dahin cinsenden, wonach die bereitzuhattenden Effekten abgeholt werden. Seite 445 jDie antisemitischen Patrioten in j A n läßlich der bei An iv e s e n h e i t S e >. n e r Bi a j e st ä t des K a i s e r s erfolgten Eröffnung der Grazer Universitär haben sich in Wien die abenteuerlichsten Gerüchte, betreffend die H a l t u n g der dortigen d e u t s eh n a t i o n a l e u Stndente n schas t, verbreitet. Es hieß, daß die dentschnatiouale antisemitische Studenten schuft ihre Vereine freiwillig aufgelöst habe, nrn^an einerpatriotischen Feier nicht theilznnehrnen. Da sie Sesterrcich hassen, wollen sie zu einer Kundgebung tu’«? Patriotismus nicht beitragen. Die „Wiener Allgemeine Zeitung" meldet darüber wie folgt: „Das Gerücht über eine vor den Eröffnungsfeierlichkeiten erfolgte freiwillige Anflösnttg der dentschnativunlen Burschen schäften ist wohl unrichtig, aber nicht grundlos. Schon nach der vom Rector Professor Rollet an die akademischen Vereine erlassenen Aufforderung zur Entsendung von je zwei Delegirten in das Comits erfolgte am in. Mai die frei willige Auflösung des italienischen Stndentenvereine-? „I'm.m.- aeademica itaiiaua". Professor Dr. I v e. welcher an der hiesigen Universität Vorträge über italienische Literatur hält, gab sich alle Mühe, die einzelnen italienischen Studenten zur Dheilnahme an den Feierlichkeiten zn bewegen: als Lohn für diese Bemühungen wurde ihm um Mitternacht eine regelrechte Katzenmusik mit „Almssa Jve" und „!'«-> ^>at Jve" gebracht. Die deutschnationalen Bttrschenschaften hatten ursprünglich die Absicht, dem Beispiele der Italiener zu folgen und sich auszulösen. Einzelne Mitglieder machten aber dagegen geltend, Fürst Bismarck habe den Delegirten der Grazer Burschen schäften gegenüber den Rath ausgesprochen, sich mit Rücksicht auf den Dreibund jeder a n t i - ö st e^ r e i et, i s eh e n D e monstration zu enthalten. Trotzdem hielten die „Raeto-Gerniania", die „Germania", die „Stvria" und die „Arminia" an ihrer Absicht fest. Schließlich übernahm Professor Tr. Jurinki (ein enragirter Deutschnat analer! die Vermittlung. Es gelang ihm auch, zwilchen den Studenten und dem Rector ein in seiner Art ganz merkwürdiges Eomprorniß znstatlde zu bringen. Laut diesem Eompromin verpflichtete siel) der Rector, die Mitglieder des streng österreichischen, katholischen Vereins „Carolina" von den Feierlichkeiten ausznschließen. Der Tag der Eröffnung der neuen Universität war^ also für die deutschnationalen Burschenschaften ein Tag des Triumphes. Fn Folge dieser besremdetlden Capitulation des Rectors durften die gut österreichischen Mitglieder der „Carolina" an diescin Tage die Uttiversitätsräunie nicht betreten: sie ninßien sich damit begnügen, den Kaiser ans der Straße > Elisabethgasse! ehrfurchtsvoll zu begrüßen." Der Rector ist so ängstlich bemüht, den deutschnationalen Charakter der Universität zn ivahren, daß er jede Ausschreitung gegen die Angehörigen anderer Rationalitäten stillschweigend duldet. Im vergangenen Jahre waren Ueberfälle der deutsch nationalen Burschenschafter ans die Mitglieder der „Carolina" an der Jagesordnung: die Burschenschafter rissen den „Carolinaern" die Kappen vom Kopfe, um sie — in recht geschmackvoller Weise — in ihren Kneiplocalen als — ^Pnctnäpfe auf - zustellen. Eine Beschwerde an den damaligen Rector—- einen gebürtigen Preußen — hatte den merkwürdigen Erfolg, dal; den Mitgliedern der „Carolina" verboten wurde, an den Tagen, an welchen die deutschnationalen Studenten ihren Bummel halten, sich im Universitätsgebäude blicken zn lassen. Ein anderes Mal zeigten sich die deutschnationaleil^ Burschenschafter als echte Helden, indem sie den schwächlichen Sohn des hiesigen Rabbiners überfielen und ihn windelweich prügelten. Zwischen den slavischen Studenten und den Burschenschaftern lind Duelle an der Tagesordnung und immer find es dieZBnrschenschaster, welche den Ltrcit provociren. Slavische Studenten, welche es wagen, sich aus der Straß: in ihrer Muttersprache zu unterhalten, werden von den deutschnationalen Studenten in gröblichster Weise beschimpft. Ja, es ist so weit gekommen, daß zwei ältere polnische Damen, welche sich beim Concert Huber mann untereinander polnisch unterhielten, von Burschenschaftern insnltirt wurden. Unter solchen Umstanden leidet selb st v e r st ä n d l i ch der ö st e r r e i ch i s ch e Charakter d e r H o ch s ch u l e: wer nicht deutschnativnaler Burschenschafter ist, gilt als Student zweiten Ranges, als ein Geduldeter, der