Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 24 (14.6.1895)
- Date
- 1895-06-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Nr. 24 Dr. Blvch's Wochenschrift. Seite 444 Obdachlose Ferien-Cownistrn. Der Ferien-Colonien-Verein „Ferienheim" hat in den wenigen Jahren seiner Existenz Beweise seiner nach vielen Richtungen segensreichen Wirksamkeit geliefert, und hat die Genugthmmg zu verzeichnen, seine Bestrebungen in vielen Kreisen anerkannt zu sehen. Gleichwohl leidet er unter einer gewissen Theilnahmslosigkeit seitens jener Personen und Kreise, welche wohl berufen wären, den Bestand dieses den Werken reinster Menschenliebe gewidmeten Unternehmens zu sichern und nach Kräften bcizutragen, der Leitung die schweren finanziellen Sorgen zu erleichtern oder abzunehmen. Trotz unzählbarer Schwierigkeiten und Mühsale hat der Verein es dahin gebracht, 250 schwache, erholungsbedürftige Kinder der Wohlthat eines kräftigenden Landaufenthaltes theilhaftig zu machen. Im Vorjahre waren 110 Knaben und 100 Mädchen in den ständigen Colonicn des Vereines zu Schattmannsdorf und Petrau untergebracht, 12 Knaben versuchsweise in einer Colonie zu Straßnitz, die übrigen acht wurden auf ärztliche Anordnung einzeln in Pflege gegeben. Die Vereinsleituug, welche gegenwärtig über zwei organisirte Colonicn mit einem Fassungsraum für 210 Kinder verfügt, steht Heuer rathlos dem Andrange der Aufnahmsgesuche gegenüber, da die untersuchenden Vereinsärzte die dringende Nothwendigkeit der Aufnahme nahezu aller angcmeldeten 700 Kinder constatirten. Woher die Mittel nehmen, wo die Unterbringungsorte finden? Andere Vereine dieser Kategorie erfreuen sich des warmherzigen. Schutzes hochmögendcr Gönner, es werden ihnen schöne Schlösser mit herrlichen Gärten, Wiesen und Waldungen, große, in den Ferien leerstehende Schulräume überlassen, ihre Arbeit wird ihnen dadurch unendlich leicht gemacht, während der Vorstand des Ferienheims seine Zeit und seine Thätigkeit nicht nur der Herbeischaffung der materiellen Mittel, sondern der nicht minder schwierigen Aufgabe der Aufsuchung geeigneter Untcrkunftsorte fürfeine Schützlinge widmen muß. Die endliche Lösung dieser letzteren Aufgabe gehört zu den schwierigsten der Vereinslcitung, denn sie verursacht viel Mühe und Spesen, Reisen nach da und dort und kein Ende. — Jnsolange der Verein sein hochgestelltes Ziel: die Erbauung eines eigenen Ferienheims, nicht erreicht hat, ebensolange bleiben auch die erwähnten Schwierigkeiten bestehen und stets neu zu bewältigen. — Der Gedanke der Erbauung eines eigenen Hauses hat seine Verkörperung in den vom Herrn Max Fleischer in liebenswürdiger Bereitwilligkeit angefertigten Plänen, allerdings nur auf dem Papier gefunden. Zur Verwirklichung dieser Idee' haben wohl schon einige hochherzige Stifter und Gründer einen festen Grundstein gelegt, aber weit ist noch der Weg bis zur Erreichung des schönen Zieles, und viele edle Herzen müssen noch für Annuth, Elend und unsagbares Kinderleid ihr warmes Empfinden durch Werke der Humanität documentiren, ehe dieses Ferienheim als ein herrliches Wahrzeichen reinster Nächstenliebe auf grünem Plan emporragen wird. Bis dahin aber, so möchte man fragen, sollte sich kein reicher Glaubensgenosse, kein wahrhaft toleranter Wohlthätcr finden, der a u f s e i n e n G ü t e r n o d e r a u f s e i n e m s o n st i g e n l a n d w i r t h s ch a f t l i ch e n B e s i tz e e i n e n p a s s e nden Raum zur Unterbringung von 20 bis 30 K i n d e r n d i e s e m V e r c i n zur Verfügung stellenwürde? Mögen diese Zeilen an die Herzen der Wohlhabenden und Gutsituirten pochen, mögen sie ihr Empfinden wecken für die Pflichten des Besitzes gegen die durch Armuth von der Tafel Gottes Ausgeschlossenen, mögen sie ihre Herzen öffnen den bcmitleidenswerthestcn Geschöpfen, den armen, in Noth und Elend dahinsiechcnden Kindern.Bureau des „Feneuheim", Wien, I., Schottenring 23. Moriz Graf „Beirath des „Ferienheim". N a ch t r a g. Eben da diese Nummer in die Presse gehen soll, kommt uns von dem Vorstande des „Ferienheim" die Mittheilung zu, daß dem Vereine über Intervention des Lehrers Herrn Kulka von der Wiener Baunnternehmungssirma Em. und Ed. Schweinburg ein derselben gehöriges Schloß in Theresienfeld nächst Wiener- Neustadt mit großem, alten Park zur Benützung für die israelitische Fericncolonie über den heurigen Sommer u ue n t g e l t l i ch zur Verfügung gestellt wurde. Diese großherzige Bethätigung jüdischen Wohlthätigkcitssinnes verdient lobend hervorgehoben und zur Nachahmung empfohlen zu werden. Die Redaction. Trauerfeier für Kaiser!. Rath Vr. Bernhard Mölfler. Am 4. d. M. fand im israelitischen Blindcn-Jnstitnte aus der Hohen Warte ein feierliches Requiem für den verewigten langjährigen Präsidenten dieser Anstalt, Herrn kaiserl. Rath Dr. Bernhard W ö l f l e r, statt. Aus diesem Anlasse hatten sich in dem schwarz drapirten Betsaale des Institutes cingefunden: Die Witwe des Verstorbenen und die nächsten Verwandten, das Curatorium des Institutes, vertreten durch den Cultuspräsidenten Gustav Simon, Director Ritter von T a u s s i g, Dr. Hermann G ü n b a u m, Hofbuchdruckereibesitzer Wilhelm Enge l, Vorsteher Dr. Adolf S t e i n, Karl Mayer und die Damen Cäcilie Adler, Fanny Bacher und Marie L ö w e n f e l d. Ferner waren erschienen: Frau Baronin Charlotte von K ö n i g s w a r t e r, Ritter von Leon, Pfeifer von H o ch w a l d e n, die A e r z t e des Rot hs ch i l d s s p i t a l e s u. A. Nach dem Uinolia-Gebete, das Herr Obercantor Singer in bekannter meisterhafter Weise vortrug, zündete ein blinder Knabe unter sichtlicher Bewegung der Anwesenden das Seelenlicht für den Verstorbenen an, worauf die Zöglinge in tiefer Rührung das „Ach, Elau iimu anstimmten. Nun hielt Director Heller dem Verblichenen folgenden tiefempfundenen Nachruf: Meine lieben Kinder! Eine heilige Pflicht, ein tiefer, unwiderstehlicher Zug des Herzens versammelt uns an dieser geweihten Stätte, welche Ihr noch vor wenigen Tagen zum Feste mit heiterem Laubgewinde geschmückt habt, und an der wir nun schmcrzbewegt das Andenken an einen guten, edlen Menschen feiern wollen, der eingegangen ist in die Ewigkeit und der uns Allen theuer war. Ich, dem es die Aufgabe des Lebens ist, in Euerer Seele zu lesen, weiß, daß sein verehrter Name, der dünne Dr. Bernhard Wölfler, sich auf Euere Lippen drängt, daß neuerwachter Schmerz tiefempfundene Trauer Euere Brust erbeben macht. Meine Zöglinge! Wir Alle, die wir hier versammelt sind, trauern mit Euch, denn wir Alle haben in ihm ein Borbild, einen Führer, einen Freund verloren; aber Ihr wäret vor Bielen bevorzugt, denn Euch hat er seine heiligsten Empstndungen sein Batergcfühl geweiht, Euch hat er wie seine Kinder geliebt. So überreich war sein großes, edles Herz an Liebe und Erbarmen, daß es ihm nicht genügte, Tausenden und Abertausende« von Kranken Helfer, Retter und Tröster zu sein, daß es ihm ein tiefinniges Bcdürfniß >var, sich für die Bethätigung seiner Humanität einen zweiten großen Wirkungskreis aufzusuchen, und da der Hilfloseste, der Unglücklichste stets sein Nächster war. so trat er zu Euch, um au dem erhabenen Erlösungswerke theilzunehmen, das sein edler Freund begründet, dem ein Fürst der Wohlthätigkeit ein stolzes Heim geschaffen hat. Wie groß und erhaben hat er die selbsterwählte Aufgabe aufgefaßt, wie vorbildlich hat er sie ausgeführt! Das Höchste, was ein Mensch sein Eigen nennt, Weisheit und Güte, sic waren in ihm unzertrennlich und harmonisch vereinigt; diesen kostbaren und unerschöpflichen Schatz seines Wesens hat er stets von Neuem an I Euch vertheilt, um aus arinen Kindern Menschen zu bilden, die den