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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-06-14 · 24 (14.6.1895) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
24 (14.6.1895)
Date
1895-06-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 24 Dr. Blvch's Wochenschrift. sondern blos eine schwache Menschenscele, die ebenso wie Paulus nur aus „Unwissenheit" fehlte. Zahllose Controversen, Disputationen und Predigten des Mittelalters und der Neuzeit haben sich jedoch im Widerspruche mir der ursprünglichen Fassung der Sage bemüht, die vereinzelte Gestalt Ahasvers zu generalisiren und in ihm den fluchwürdigen Typus eines ganzen Bolkes darzustcllen. Die Anhänger dieser tendenziösen Richtung begehen damit eine bewußte Fälschung, welche abseits von der Aufklärung des gegenwärtigen Jahrhunderts liegt, und sie werden in diesem Vorgehen von dem einfachen Wesen des Volksgcistes beschämt, wie es so sinnig rührend über seelische Bedrängnisse hinweg zum freien Erbarmen sich durchringt. Ganz frei von religiöser Engherzigkeit ist zwar auch das deutsche Volksbuch nicht gehalten. Hie und da verstummt die oft kindlich sich äußernde Rührung für das tragische Schicksal Ahasvers, und harte, herbe, heftige Worte dringen vereinzelt an unser Ohr. Der frömmelnde Aberglaube hat sie hervorgerufen, der jedem Sünder die befreiende Sühne gibt, wenn er seine That ahgebüßt hat: nur Einem ist sie versagt, und das ist der Ewige Jude, der kann nimmermehr sterben, sondern muß bis zum jüngsten Tage fortleben. Diese starre, blos für eine einzelne Person geltende Norm ist die einzige Dissonanz in der zart und fein abgetönten Harmonie die aus den Blättern des deutschen Volksbuches vom Ewigen Inden herausklingt und uns mit dessen allzu hartem Schicksal versöhnt. Es wäre eine eines gewiegten Literatistorikers würdige Aufgabe, in vergleichender Darstellung eine möglichst genaue zeitgeschichtliche Uebersicht über die in den verschiedenen Gegenden Deutschlands selbstständig entwickelte Ahasversage zu geben. Bisher sind jedoch die Forschungen auf diesem Gebiete so dürftig ausgefallen, daß das Volksbuch vom Ewigen Juden mehr einem Fragmente gleicht, welches erst durch Heranziehen eines erschöpfenden Quellenmaterials zum Abschlüsse gebracht sein wird. Freilich gehört zu dieser Sichtung eine so zarte und schonungsvolle Hand, wie sie Theodor S t o r m eigen war, der in den vergilbten Urkunden und Chroniken die bang zitternden Leidenschaften und Thorheiten der Menschen erforschte und sie, wie von stiller Furcht umgeben, scheu entzifferte, um ja nicht den trüben Geist vergangener Zeiten wieder zu erwecken. Zu anderen Erörterungen gelangen wir, wenn wir die Entwicklung der Ahasversage in den späteren deutschen Dichtungen verfolgen. Mit Christian S ch u b a r t beginnt die Reihe jener Dichter, welche sich der Ahasversage bemächtigen, und wenn wir dessen zahlreiche Nachfolger anführen wollten, so würde es gewiß anregend fein, gu erfahren, wie diese seltsame Sage immer von Neuem die höchste Kunst dichterischer Gestaltungskraft herausgefvrdert hat. Wir unterlassen es jedoch, sämmtliche Namen anzuführen, sondern wollen vielmehr in kurzen Zügen die tendenziöse Richtung kennzeichnen, welche in sehr bezeichnender Weise die meisten Dichtungen der Ahasver-Sage durchzieht. Es sind die alten Gegensätze zwischen Judenthum und Christenthum, welche im Widerspruche mit der ursprünglichen Sage hier zum schroffen Ausdruck gebracht werden. So d ü st e r, unstet, unversöhnlich und undulds a m die Gestalt des Ahasver bei ihnen erscheint, ebenso nach ihrer Anschauung das Wesen des Judenthums. Es ist aber erstaunlich, daß jene sonst so bedeutenden Dichter, Schubart, Lenau, Hamerling und Mosen inbegriffen, von dem eigentlichen Wesen des Judenthums, wie es sich durch Geschichte und Ueberlieferung begründet und entwickelt hat, keine tiefere Kenntniß besitzen. Sonst könnten sie nicht den Muth haben, der sonst nur Jgn: an:eu eigen ist, das Seite 443 Judenthum in schroffen und unversöhnlichen Gegensatz zum Christenthum hinznstelleu. Wer die Gelegenheit, wie sie ihm Muße oder Neigung bietet, benützt, um in den tiefen Schacht des jüdischen Wissens hinabzusteigen, muß die würdigen Principien bewundern, welche gleichsam als geistige Schranken eine bunte Fülle schimmernder Gedanken mehr oder minder geregelt durcheinander fluthen lassen. Wer aus diesem Born schöpft, holt sich würdevollen E r n st, Duldung und unerschütterliche Ruhe herauf. Mit diesen ethischen Vorzügen ist unvereinbar der angeblich schroffe Gegensatz zwischen Judenthum und Christeuthum, wie er in den Dichtungen der Ahasver-Sage in der engherzigsten Einseitigkeit hingestellt wird. Vielmehr wissen wir aus der Geschichte des Judenthums, daß noch alle jene Gelehrten, welche aufgefordert wurden, die Wahrheiten ihres Glaubens zu beweisen, dies mit jener würdevollen Festigkeit thaten, welche niemals herausfordernd wirkte, vielmehr die Ueberzeugungen der Andersgläubigen schonungsvoll berücksichtigte. Wo ist aber der Dichter, der Ahasver in seiner wahren Gestalt schildert, der sich bemüht, den künstlichen Gegensatz zwischen Judenlhum und Christenthum zu beseitigen und zwischen ihnen die lauterste Versöhnung anzubahnen? Nach reiflicher Würdigung der ethischen Idee, die in der Ahasver-Sage verhüllt ist. können wir mit Recht sagen, daß diese noch des Meisters harrt, der sie zu ungeahntem Leben erwecken wird. Bis dahin müssen wir uns begnügen, Ludwig Wihl's zu gedenken, eines Dichters, der, aus jüdischem Stamme entsprossen, gegenwärtig unverdienterweise schon zu den Verschollenen zählt. Sein Name hatte um die Mitte unseres Jahrhunderts einen guten Klang, selbst Hebbel erwähnt ihn ehrenvoll in seinen Tagebüchern. Diesem Ludwig Wihl verdanken wir einen Ahasver, dessen wir rühmend gedenken müssen, weil er ein würdiges Denkmal jüdischer Toleranz bildet, ja erfüllt ist von Sehnsucht nach Versöhnung zwischen dem alten und neuen Bunde. Ludwig W i h lls Ahasver ist keine freudlose Gestalt, die überall Schrecken und Entsetzen erregt. Wohl stirbt er nach laugen Wanderungen, um aber von Neuem zu einem edleren Leben z i erwachen. Er nimmt sodann als Mensch der neuen Zeit Antheil an der Civilisation, er bringt die Duldung, die er gelernt hat, indem er selbst für seinen Glauben litt. Die Duldung ist nach Ludwig W i h l's Ansicht eines der Elemente der socialen Wiedergeburt, welche die jüdische Literatur in die Welt gebracht hat. Mit diesem historischen Rückblick, der zugleich die Morgenröthe einer freieren Zukunft ahnen läßt, schließt das Epos, welches nun jedem Einzelnen die erhabene Mission überläßt, unermüdlich die besten Seclenkräfte für die immer allgemeiner zu wirkende Duldung einzusetzen, damit allmälig die Schatten weichen, die der finstere Wahn roher Jahrhunderte nicht nur auf Ahasver, sondern auf alle in den Gliederungen des Daseins schmachtende Menschen gebannt hatte. Wenn die den Höhen und Tiefen unserer Zeit sich entringenden Anzeichen nicht trügen, so ist jene Epoche, die uns Ahasver und mit ihm die Märschen in ihrer wahren Gestalt zeigt, nicht mehr fern. Dann naht auch der M e i st e r der Ahasver-Sage, nickt zu fälligin der Schaar seiner Vorgänger, als deren Bedeutendster Goethe's Manien erstrahlt, erscheinend, sondern ein edler Abkömmling erlauchter Ahnen, deren Spuren bis zum Psalmcudichter zurückreichen.

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