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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-06-14 · 24 (14.6.1895) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
24 (14.6.1895)
Date
1895-06-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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maLxJU: ckLMS» Seite 442 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 24 den iuockus prooecieucki schlüssig zu werden. Wenn die jüdischen Wähler die erste Gelegenheit versäumen, die sich nach der erfolgten „Demarche" bietet, um ihre Stellung zur deutschlibcralen Partei zu markiren, dann dürfen sie nicht mehr den Vorwurf erheben, daß man über die Forderungen, welche sie zu stellen berechtigt sind, zur Tagesordnung übergeht, und daß sich dann die deutschlibcralc Partei nach wie vor um die Juden nicht mehr kümmert. Das Verhalten der jüdischen Wähler bei der bevorstehenden Wahl eines Reichsraths-Abgeordneten des Städtebezirkes Olmütz- Proßuitz wird von grundlegender, principieller Wichtigkeit und Bedeutung nicht nur für die Juden dieses Wahlbezirkes, sondern auch für die ganze I u d e n s ch a s t O e st c rrcichs sein. Es ist daher eine gebieterische Pflicht, wohl mit dem erforderlichen Tacte, aber auch mit der gebotenere Energie Stellung zu nehmen und sich der Cautclen zu versichern, daß die deutschliberalc Partei gegen die die materielle und moralische Existenz schädigende, antisemitische Strömung mit allem Nachdruck Front machen werde. Rasches Handeln erscheint allerdings gebeten. Die czechischen Blätter lassen gegen die jüdischen Wähler wieder alle Minen spielen. Der schärfste Terrorismus wird augcwcndct, um die Juden zur Wahlcnthaltung zu bestimmen; man droht allen jüdischen Geschäftsleuten wieder mit dem Boykott und der Proscription in den czechischen Blättern. Auch an sonstigen Einschüchterungen fehlt cs nicht. Die jüdischen Kleingewerbetreibenden sehen neuerlich einer traurigen, ihre Existenz gefährdenden Epoche entgegen. Seitens der maßgebenden Factoren ist bisher gegen diese Einschüchterungen und rüden Hetzen eine Remedur nicht erfolgt. Aber auch die liberale Partei, welcher diese traurigen Zustände ja bekannt sind, hat sich noch nicht dazu ausgerafft, den bedrängten jüdischen Wählern beizusp, Lagen und denselben in ihrer fatalen Situation zur Seite zu stehen. Akademisch mag sich politischer Opfermuth und Aufopferung sehr gut ausnehmen, in der prosaischen Wirklichkeit erfordern diese jedoch eine Summe von Selbstlosigkeit und Entsagung, die nur dann gefordert werden dürfen und können, wenn den Betroffenen die Sicherheit geboten wird, daß sic bei der Packei, welcher sie sich mit ganzer Hingebung anschließen, einen sicheren Rückhalt zu finden gewiß sein können. Nhasver in seiner wahren Gestalt. Von Dr. Sigmund .St opsstei it. Der Lebensweg eines jeden Menschen wird von der Erinnerung an einen theuercn Abgeschiedenen beschattet, und die Sehnsucht nach ihm quillt so unablässig in uns fort, daß wir mitten im wirren Getriebe des Daseins stehend, plötzlich vermeinen, seine überirdische Gestalt vor uns zu erblicken. Schon wollen wir ihn aurufcn und mit ihm jene stille Zwiesprache der Seele pflegen, die nur dem gegeben ist, der wirkliche Trauer im Herzen trägt: doch so unvermuthct die Gestalt vor unseres Geistes Auge auftanchte, so unvermuthet ist sie wieder in's leere Nichts verhaucht. Andauernder und nachhaltiger wirkt jene Erinnerung, wenn uns das stille Reich der Nacht umfängt, der Nacht, welche nach einer tiefsinnigen Deutung Hcbbel'S reich an Schällen und an seltsam fremden Klängen ist. Wie auf himmlischen Schwingen gleiten alle jene Gestalten zu uns nieder, die ihre irdische Hülle längst abgestreift haben. Wir horchen bang und still auf ihre seltsamen Stimmen, und sind sie verklungen, und gehen wir wieder an unser Tagcswerk, so erfahren wir an nuö selbst die schmerzliche Bedeutung der Worte des Kohclet von der Eitelkeit aller Dinge. Doch nicht nur Menschen, auch Völker haben ihre großen Abgeschiedenen, deren geistige Macht von Jahrhunderten gebannt, in den Stunden der Gefahr, wenn das Wohl des Staates zwischen Sein und Nichtsein schwebt, zur entscheidenden Wirkung gelangt. Ihre verblichenen Gestalten erhebe» sich aus dem Hintergründe vergangener Epochen und entflammen ein neues, aber kleinliches Geschlecht zur Ausdauer und Entschlossenheit. Wo hingegen blos das dünne Gewebe der Sage Personen umspinnt, welche jeder geschichtlichen Realität entbehren, ist es äußerst schwierig, eine ähnliche Beziehung zu enthüllen. Sie erscheinen ungeahnt und ungerufen den erregten Sinnen und verlocken sie heimlich winkend durch die trügerischen Bilder der Vision. Die geheimuißvolle Gestalt Ah asver's, dessen Antlitz die düsteren und dunklen Deutungen verwitterter Jahrhunderte trägt, ist in solchen Momenten heftiger Erregung dem grüblerischen Geiste eines armenischen Mönches entsprungen, der aus finsteren Gebilden seines krankhaften Aberglaubens eine seltsame, nie stattgefundenc Begebenheit auf das Neue Testament zurücksühren und ihr anscheinend einen historischen Charakter aufprägcn wollte. Im Mittelpunkte dieser Begebenheit steht Ahasver, der Ewige Jude, wie er Christus aus dem Wege nach Golgatha die Rast verweigert und von diesem mit den Worten verdammt wird: „I ch werde ruhe n; Du aber s o l l st wandern bis ich w i e d e r k o m m e!" Diese Sage wurde weiter ausgestaltet, und noch im 13. Jahrhundert, kurze Zeit nach ihrer Entstehung, verbreitete sie sich nach Europa. Je nach den herrschenden Anschauungen und Zuständen innerhalb eines Landes erhielt die Gestalt Ahasver's eine andere Prägung, die sich von der ursprünglichen Anlage und Fassung jener seltsamen Sage so sehr unterscheidet, daß sie beinahe fremdartig anmuthet und statt der. tiefen, poetischen Idee, die den schweigsamen Mönch in Armeniens öden Gefilden mit allen Schauern einer einsamen Phantasie ergriff, drängen sich allerlei romantische Zuthaten vor, die den elegischen Grundton der Sage stören und ihn in grelle Laute ausklingen lassen. Nur Deutschland kann sich rühmen, daß sich auf seinem Boden die Ahasver-Sage in ihrer klarsten Einfachheit ohne jede feindliche Tendenz entwickelt hat. Die Versuchung lag aber so nahe, von der von aller Zeit uild allem Leben losgelösten Gestalt Ahasver's düstere Reflexe auf das nach allen Ländern zerstreute israelitische Volk zu werfen und in der Friedlosigkeit und Unstetigkeit des Einen die Verworfenheit der G e s a m m t h e i t zu erblicken. Die dürftigen Blätter des deutschen Volksbuches vom Ewigen Juden zeigen keine Spur dieser ungerechten Bcnrtheilung; der Engel des Friedens weht durch sie und reicht seine Gnadensbotschaft Bedrängten und Befreiten nach gleichem Rechte und gleichem Vorzüge. Nirgends wird unser Gemüth von den grollenden und lästernden Schilderungen der Unthaten Ahasver's betrübt; nirgends erschrecken uns Flüche, Verwünschungen und V.rhöhnungen, gerichtet gegen die Anhänger des mosaischen Glaubens. Nein, nirgends fanatische, aufreizende Töne, sondern tiefes, inniges Mitleid mit der einsame n, schweigsamen, reuevollen G c st a l t des Ewigen Jude n, dessen Mildthätigkeit und allen Unglücklichen zugewandtes Erbarmen in der wortkargen Schreibweise der mittelalterlichen Chroniken rührend hervorgehoben wird. Dem tieferen Beobachter und Forscher, den auch die dürftigsten zeitgeschichtlichen Belege zu weiten Ausblicken und Rückblicken anregen, scheint es, als ob der Geist des Fanatismus, der im 13. Jahrhundert am ärgsten wttthcte, hier in den spärlichen Blättern des deutschen Volksbuches ein wenig ausruhte, um sodann mit erneuter Kraft die abgelaufene Bahn des Rückschritts wieder zu beschreiten. Wir haben demnach ein wichtiges Ergebniß auf Grund unserer Forschungen über die AhaSvcr-Sage festgestcllt, welches bisher noch von keiner Seite hervorgehoben wurde. Wir haben erklärt, daß das Volksbuch vom Ewigen Juden frei von jeder gehässigen Tendenz ist und in der Gestalt Ahasver's nicht den Typus eines ganzen Volkes schildern will,

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