Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 24 (14.6.1895)
- Date
- 1895-06-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 24 öt>3 9tudolfsheimer Spar- und Vorschußvercines, dessen Interessen gegenüber den kleinen Sparern Dr. Lueger mit seiner berüchtigten Benschel-Theorie vertrat. Allerdings, zwischen einem bloßen Sparverein und einer großen Versicherungsgesellschaft ist noch ein Unterschied, denn die Verwaltung der letzteren unterliegt nicht nur der statutarischen Eoutrole der Mitglieder, sondern auch der gesetzlichen Aussicht durch den Staat. Aber im Wesen kommt ein Urach dem dndern gleich. DaS Charakteristische an all' diesen Zusammenbrüchen ist der Umstand, daß von denselben ausschließlich jndenrcine Gesellschaften und Genossenschaften betroffen wurden. Auch in der Verwaltung der „Austria" saß kein einziger'Jude, und zur Erlangung einer Anstellung bei derselben war der Nachweis der Taufe erforderlich. DaS ist in der letzten Generalversammlung von dem Führer der Opposition, Dr. Heinrich Glaser, ausdrücklich constatirt worden. Man nahm zwar die Prämien von Juden, aber man verwaltete das Geld nur durch rassenreine Arier. Damit soll nicht gesagt sein, daß die „Anstria", wie etwa der „Janus" und die beiden oben genannten Sparvereine im Fahrwasser des Clericalismus oder gar des Antisemitismus schwamm. Nein; aber man glaubte das Vertrauen der kleinen teilte in weit höherem Maße zu gewinnen, wenn man ihnen nur arische Verwaltungsräthe und Beamte präsentirte. Das Verhängnis; aber will es, daß in den letzten Jahren gerade nur die Sparer und Versicherten solch arischer Gesellschaften darin um ihr Geld kamen, während keine einzige Gesellschaft, an deren Leitung auch Inden betheiligt send, ihren Verpflichtungen nicht Nachkommen konnten. Ist das wirklich nur ein Verhängnis;, d. h. ein vom menschlichen Willen und der menschlichen Bestimmung unabhängiger Zufall, oder liegt dieser Erscheinung nicht eine gewisse Gesetzmäßigkeit zu Grunde? Man wird vielleicht sagen: Die Juden sind eben bessere Rechner als es der verstorbene, als Autorität angestaunte Director H e ß l e r war! Aber an dem tüchtigeren Geschäftsgeist der Juden liegt es nicht. Die Verwaltung von Sparvereinen und Versicherungsgesellschaften ist vor Allem eine Vertrauenssache, und nur die G e w i s s e u h a s t i g k e i t flößt Vertrauen ein.. Die Fanatiker des rassenreinen Arierlhums führen fortwährend die Interessen des „kleineir Mannes", des „christlichen Volkes" im Munde. Aber die oben angeführten Beispiele beweisen, daß just mit diesem Schlagworte sehr häufig nur eine Täuschung beabsichtigt wird, daß sich hinter der Sorge für den „kleineir Alaun" und das „christliche Volt" nur die Gier nach Beute, nach rascher Bereicherung verbirgt. Das Wort, das einmal ein arischer Verwaltungsrathspräsident in einer Generalversammlung gesprochen: „Die Moral steht nicht aus der.Tagesordnung!" — bewährt seine Geltung auch bei vielerr judcnreinen Unternehmungen. Das Capital ist einmal nicht eonfegionell und alle Versuche, es zu einer konfessionellen Institution zu stempeln, werden von den Thatsacheu ad absurdum geführt werden. Zur Reichsrathswahl im Städtebezirk Klmich-Protznch. O l m ii tz, im Juni. Der Wahl eines Reichsraths-Abgeordnetcn für den Städtebezirk O l m ü tz-Proßnitz an Stelle des verstorbenen Dr. August W e e b e r wird im ganzen Wahlbezirke und von beiden Parteien mit hohem Interesse entgegengescheu, soll doch die seitens der mährischen Judenschaft jüngst inscenirte „Demarche" Aktualität bekommen. Der von der deutschlibcralen Partei ausgestellte Caudidat, Bürgermeister von Olmütz, Herr v. Engel, begegnet bei seinen politischen Freunden ungetheilten Sympathien, die er auch ob seiner fortschrittlichen Richtung und seines lauteren Seite 441 Charakters vollauf verdient. Bürgermeister v. E n g e l wird demnächst in Olmütz und Proßnitz Wählerversammlungen abhalten. Bei den zahlreichen jüdischen Wählern des Bezirkes, welche der Sachlage nach ein entscheidendes Veto besitzen, dürfte dessen Candidatur, insoscrne es sich um ein Uriheil über »eine Person handelt, gewiß keinem Widerspruch begegnen. Nichtsdestoweniger »nüssen wir eon statireu, daß drei Strömungen bestehen, deren jede Anhänger hat und zur Geltung gebracht werden »vill. Ein Theil der Wähler plaidirt im Hinblick aus die bisher gemachten Erfahrungen für Neutralität, um zu verhüten, daß der latente Judenhaß der Czechen nicht wieder in Boykotlirung jüdischer Geschäftsleute, »vclcher seitens der autoritären Faetoreu leider entweder gar nicht oder nur schlvächlich, daher erfolglos entgegengetreten wurde, zum Durchbruch gelange. Oiesein Theil der Wähler gehören die kleinen Proßnitzer Geschäftsleute an, welche bei allen bisherigen politischen und commnnalen Wahlen für ihre treue, aufopfernde Gefolgschaft stets mit ihrer materiellen Existenz, mit der Preisgebuug ihrer Geschäfts- und Lebensinteressen die Zeche bezahlen mußten, ohne dafür eine auch nur moralische Gegenleistung von der eigenen Partei erzielt zu haben. Diese kleinen Geschäftsleute der Nachbarstadt Proßnitz gingen stets wie ein Mann für den deutschliberalen Caudidaren zur Urne trotz aller Anfeindungen und physischer und materieller Drohungen ezechischerfeitS. Sie verloren dadurch ihre ezechischeu Kunden, Ersatz aus dem Kreise des deutschen Pnblicnms haben sie jedoch nicht dafür gefunden, ebensowenig eine Theilnahine von Seite der parlamentarischer! Vertreter oder der Parteileitung, »velche den vvrgebrachten Beschwerden jederzeit mit dem Vorwände und dem Hinweise auf ihre Machtlosigkeit begegneten. Die jüdischen Wühler von Olmütz sind dagegen zunieist seiner Persönlichkeit wegen Anhänger des Bürgermeister E u g e l. Diese führen dessen freiheitliche Richtung, integren Charakter und uneigennützige, jedem Streberthum ferne Haltung in's Feld und behaupten, derselbe rverde, ohne erst hiezu aufgefordert zu werden und ohne bindende Zusagen gegen die antisemitische Strömung entschiedene Stellung nehmen. Dieses Vertrauen ist im Hinblick auf die Persönlichkeit Engel'ö und auf seine Antecedentien wohl ein vollkommen gerechtfertigtes. Eine dritte Richtung setzt sich aus jüdischen Wählern von Proßnitz und Olmütz zusammen. Auch diese steht der Candidatur E u g e l's sympathisch gegenüber und ist vollkommen überzeugt, daß derselbe für seine Person nicht anstehen werde, die Interessen seiner jüdischen Wühler mit alten demselben zu Gebote stehenden Mitteln wahrzunehmen und zu verfechten. Dagegen macht dieser Wählerkreis geltend, daß Engel sich als Rcichsraths-Abgeordneter bedingungslos der deutschliberalen Partei, gleich seinem Vorgänger, anschließen »verde. In diesem Falle »vürde ihn aber dann die strenge Clnbdiseipliu hindern, selbstständig vorzugehen, ja, geradezu jede Selbstständigkeit berauben. Man ist in diesem Kreise der jüdischen Wähler daher der Anschauung, nicht vom Candidaten Engel selbst, sondern von der Parteileitung bindende Zusagen zu fordern, respcctive zu erlangen und sich mit akademischen Versprechungen nicht abspeisen zu lassen. Clara pacta, boni amici! Die deutsche Linke ist derzeit die physisch und moralisch stärkste Partei in der Coalition, und sie ist in der Lage, ihrem Willen nicht nur Gehör zu schaffen, sondern denselben auch durchzusetzen. Die jüdischen Wähler En ge l's dagegen, welche der deutschliberalen Partei sich bisher ohne Rücksicht auf ihre materielle Existenz blindlings angeschlossen und hingegeben, dürfen sich der Erwartung wohl Raum lassen, daß ihnen für die neuerlich geforderte Aufopferung die Gegenleistung nicht vorenthalteu werden wird. Zu einer Klärung der Situation ist es bisher noch nicht gekommen. Es dürfte sich aber empfehlen, eine Zusammentretung von Vertrauensmännern der Judeuschaft der Schwesterstädte Olmütz und Proßnitz zu insceniren, über Dr. Bloch's Wochenschrift.