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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-06-14 · 24 (14.6.1895) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
24 (14.6.1895)
Date
1895-06-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 440 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 24 Lad cns w aricn. Moriz Per netz schloß besorgt die Thürc, doch das S t ci n b o m b a r d c m e n t dauerte s o r t. Von allen umliegenden Wachstuben wurde sofort die ganze verfügbare Sicherheitswachmannschast zusammengezogen und ans den Platz entsendet- Nach längerer Zeit gelang es erst der Wache, die Straße von den Gaffern zu säubern. Als dann Krankenträger mit einer Tragbahre vorübergingen, hieß cs unter den Nuten, „jetzt hole man die ermordeten K i n d e r a b." In Wahrheit war cs eine kranke Frau, die städtische Krankenträger abholtcn, um sic in ein Spital zu bringen." Da haben wir einmal ein greifbares, selbsterlebtes Beispiel vor uns, aus welchen Anlässen heraus Ritualmordgerüchte entstehen. Mit der Vergiftung des kindlichen Gemüthes, mit der Verrohung der Jugend beginnt es, der Aberglaube der Weiber thut das Uebrige. Ein polnischer Jude mit Kaftan und Stirnlocken schreitet durch die engen Gassen einer Wiener Vorstadt. Eine Schaar von Gassenjungen begrüßt ihn als willkommenes Object der Erlnstignng und folgt ihm höhnend und johlend. Der ungewohnte Aufzug erregt die Aufmerksamkeit der vor der Hansthüre schwatzenden Weiber. Ein Jude voraus, eine Schaar lärmender Kinder hinterdrein — hat sich da nicht eine der „Conferenzreden" des hochwürdigen Herrn Pfarrers in lebendige Wirklichkeit verwandelt? Was will der Jude in diesem ..christlichen" Viertel, warum schreien die Buben? Die alten Weiber haben die Geschichte gleich weg: Der Jude geht auf den Kinderfang aus, er braucht Christenblut zu rituellen Zwecken. Da ist ja die Bestätigung all' dessen, was der Herr Pfarrer in der Kirche gepredigt hat. Bei den Kindern und Weibern, sagten wir, fängt der Wahnwitz an und von der untersten Schichte der Gesellschaft verbreitet sich das Coutagium in die oberen. Wir haben einen furchtbaren Beweis für die Nichtigkeit dieser Behauptung in Händen. Wie wir oben erzählten, ereignete sich dieses am 7. Juni. Aber schon am 6. Juni kam, wie uns ein vollkommen verläßlicher Gewährsmann mittheilt, ein Schulmädchen aus der ersten Classe der Gersthofer Volksschule zu der Hausmeisterin in der Ladenburggasse Nr. 20 und sagte ihr: „D e»k e n S i e s i ch, Frau Kraft, die Lehrerin hat uns heute gesagt, wir sollen nach 5 Uhr nicht auf der Gasse sein, es gehen Juden herum, die stehlen dieKinder, weil sic Christenblut brauchen!" In der Kirche predigt es der Pfarrer den Weibern kraft seiner geistlichen Autorität, in der Schule bringt es die Lehrerin den Kindern kraft ihrer pädagogischen Autorität bei, daß die Juden Christenkindcr schlachten! Alan greift sich an den Kopf und fragt sich, ob solche Dinge in einem modernen europäischen Staatswescn, unter der Negierung des besten, gerechtesten und menschenfreundlichsten Monarchen möglich sind, ob wir im Zeitalter des Dampfes und der Elektricität, oder in den Tagen der Kreuzfahrer und Flagellanten leben? Aber Kirche und Schule sind nicht die einzigen Volks- -erziehungsstätten, auch das Theater gilt als eine Bildungsanstalt, und der Staat ist sich der Bedeutung und nachhaltigen Wirkung derselben wohl bewußt, denn er macht von seinem Censurrechte einen sehr sorgfältigen und sehr ausgiebigen Gebrauch. Von der Bühne herab darf nichts gesprochen werden, was dem Staate, dem Christenthume, der bürgerlichen Ordnung abträglich sein konnte. Der rothe Stift des Ccnsors merzt jeden Angriff auf die katholische Kirche oder deren Institutionen aus. Aber nicht der gleichen Fürsorge erfreut sich das Judenthum. Wie die Kirche und die Schule, so darf auch das Theater zur Verbreitung der Blutlügc mißbraucht werden. Wir veröffentlichen an anderer Stelle die Ankündigung einer Theatervorstellung, in welcher den gläubigen Bewohnern von Wattens in Nordtirol in vier Acten und zwei lebenden Bildern der Naub und die Abschlachtung eines Christenkindes durch vier jüdische Kauflcute Namens Aaron, Moses, Jakob und Abraham vorgeführt wird. Die heiligsten Gestalten des Alten Testamentes müssen ihre Namen leihen zu dieser dramatisirten Nichtswürdigkeit, und die staatlichen Organe dulden ruhig, daß das Märchen voiu Nitnatmord nicht btos in erzählender Form verbreitet wird, sondern mit der vollen, alle Nerven aufrütteluden Wirkung einer sceuischen Darstellung die Gemüther packt und in Aufruhr bringt. Blau möge doch einmal versuchen, den Christenhaß der Chinesen in ähnlicher Weise zu dramatisircn. Wir haben ja so manches Operetteu-Libretto, dessen „Handlung" in China spielt. Man probire einmal eine humoristische Einlage und lasse einen bezopften Bewohner des Reiches der Mitte darüber Klage führen, wie die unmenschlichen Christen arme Chinescukinder zu rituellen Zwecken abschlachten. Der Stift des Ceusors wird flugs zur Hand sein! Aber was gegenüber der christlichen Religion nicht einmal in humoristischer Form angedeutet werden darf, das darf dem Judenthnme .in einem ernsten „Volksschauspiel" als wahrhafte historische Begebenheit nachgesagt, das darf von öffentlicher Bühne herab vor den Augen naiver Dorfbewohner tragirt werden. Was wir hier erzählen ist so ungeheuerlich, so sehr im Widerspruch mit Gesetz und Recht, daß es selbst den Frevel des Kanzelmißbrauches durch den Pfarrer Deckert in Schatten stellt. Die Staatsgewalt hat jenen polnischen Juden durch ihre Polizeiorganc vor der Wuth des entmenschten Pöbels geschützt. Die Entmenschung selbst aber, die Aufstachelung der brutalsten Jnstincte wird nicht gehindert, nicht in den Volksversammlungen, nicht in der Presse, nicht in der Kirche, nicht in der Schule und nicht einmal auf der Bühne. Haben sich die verantwortlichen Factoren klar gemacht, wohin ein solcher Zustand schließlich führen muß? Vor Jahren haben wir es erlebt, daß der süße Mob mit der Plünderung jüdi scher Läden in Neulcrchenfeld begann, und mit der Plünderung und Demolirnng christlicher Läden, ja selbst mit einem Steinbombardement auf die Polizciwachstube endete. Der Pfarrer Deckert trägt das Gewand des Priesters, aber die Lehre des Hasses, die er verkündet, stellt ihn ans die gleiche Linie mit den gefährlichsten Anarchisten. Und trotzdem läßt man ihn ruhig gewähren. Der Propaganda des Wortes ist in Währing die Propaganda der That gefolgt, die Herzen der Jugend werden vergiftet, die Weiber zu Furien, die Männer zu blut- und beutegierigen Unmenschen gemacht — und das Alles angeblich im Namen Gottes und der göttlichen Offenbarung! So war cs vor fünfhundert Jahren, als der Kinderkrenzzug organisirt wurde und die Geißler mordend und brennend einherzogen, und so will cs wieder werden heute, im Jahrhundert der Humanität, hundert Jahre nach der Verkündigung der Menschenrechte! Von unten nach oben schreitet die geistige Verseuchung fort und das Ende der Krankheit ist nicht abzusehen. Es wäre lächerlich, solchen Vorfällen gegenüber nach der Polizei zu rufen. Die Polizei kann offene Gewalt verhüten, die systematische Vergiftung der Massen aber kann sie nicht verhindern. Das ist Sache unserer Staatsmänner, wenn wir deren noch haben. Ein jndenreiner Urach. Bei der wechselseitigen Capitalien- und Rentenversichernngsanstalt „A u st r i a" hat sich in den Prämienrcservcn ein Abgang von mehr als e i n e r M i l l i o n Gulden, herausgestellt und die Verwaltung muß an eine Reducti'on der versicherten Capitalien gehen. Die Versicherten sind zumeist kleine Leute, die ihr unbegrenztes Vertrauen zu der Leitung der Gesellschaft nunmehr durch den Verlust eines ansehnlichen Theilcs ihrer Ersparnisse büßen. Derlei Vorkommnisse sind just bei uns in Oesterreich nichts Seltenes. Wir erinnern nur an den Zusammenbruch des „Wiener Sparvereines", an dessen Spitze Graf H o y o s- S p r i n z e n st e i n stand, an die scandalösen Vorgänge des Leopoldstädter Spar- und Vorschnßvereines „St. Josef", an dessen Spitze Graf Per gen stand, und an dieAffairc

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