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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-06-07 · 23 (7.6.1895) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
23 (7.6.1895)
Date
1895-06-07
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 23 Dr. Dl och's WocherUchrifk Trotzdem also sein Entschluß gefaßt war, las er die Berechnung doch noch einmal aufmerksam durch, dann sagte er: „Ja, da steht Alles klar und übersichtlich, und Du brauchst 20.000 Thaler für Deiue Gläubiger." „Ja, aber es sind die besten Aussichten vorhanden., daß bedeutende Außenstände in kürzester Zeit cinlaufen." ' „Aussichten, Du lebst nur immer von Aussichten, und wenn sie nicht entlaufen — und wenn das Haus M. Levi weiter speculirt und wieder in Unterbilanz geräth — was dann? Nein, Mortche, Du bist mein Bruder, und was ich für Dich thun kann, will ich thuu, aber Deine Schulden bezahle ich nicht!" „Aber, Simon, so bleibt mir doch nichts Anderes übrig als Bankerott zu machen!" „So mach' Bankerott, cs haben schon größere Leute Bankerott gemacht." Vergebens hielt ihm Mortche vor, welche Schande das für die Familie wäre, vergebens erinnerte er ihn an Friedrich's Heirat. Simon erwiderte nur: „Mach' reinen Tisch, und es soll Euch an nichts fehlen; für Deine Gläubiger aber gebe ich mein Geld nicht her." „Aha, das soll heißen, Du wirst uns aus Erbarmen ein Almosen aussetzen, von dem, was Du an Masser zu geben hütl'st. Nein, Bruder, so weit sind wir noch nicht, eher will ich Alles verkaufen, mein bissel Silber, die Federn aus meinen Bett — nur davor soll mich Gott bewahren! Er wird Helsen, wenn Du Deine Hand von mir abziehst." Simon Levi war allein, der kalte Schweiß stand ihm auf der Stirn, aber er rief den davoneileriden Bruder nicht zurück. Es sollte nur zum Aeußersten kommen, dann würde er schon eingreifen und nach Bedürfniß und Gutdünken helfen; zwingen lasse er sich nicht, sein Geld an fremde Leute fortzuwerfen. Inzwischen war Gitel ernstlich erkrankt. Sie hatte hochgradiges Fieber und litt furchtbare Schmerzen. Gleich ließ Simon den berühmtesten Arzt kommen, die beste, jüdische Krankenwärterin pflegte sie, und unter ihrem Fenster war die Straße mit SO oh belegt, um das Gerassel der Wagen nicht an ihr Ohr gelangen zu lassen. Recht wie eine „Prinzessin" lag sie da, aber ihr Zustand wurde von Tag zu Tag schlimmer. Endlich stand die Krisis bevor, und der Arzt erklärte, er müsse zu einer Operation schreiten. „Ist Gefahr dabei?" fragte Simon zitternd. „Wir sind Alle in Gottes Hand," antwortete der Arzt, „dirccte Gefahr sehe ich eigentlich nicht, auch wollen wir die Sache nicht lange ausschiebcn, Nachmittag um 2 Uhr bin ich wieder hier." (Fortsetzung folgt.) Ein israelitisches Waisenhaus. Am Ende von Döbling, wo die Vorarbeiten zur künftigen Stadtbahn die Straße unwegsam machen, erhebt sich einsam ein rothcs Hans. Schiimcklos von außen, in vornehmer Einfachheit, nicht im üblichen Miethzinsstyl, ist cs gebaut. Ein Gitter schließt es von der Außenwelt ab. Es ist das israelitische Mädchenwaisenhaus. Wir treten ein. Die breite Freitreppe führt uns zuerst etwa zwölf Stufen aufwärts, wo rechts die Wohnung der Vorsteherin liegt mit den anschließenden Krankenzimmern; links die Küche mit dem Abwaschraum, daran anstoßend der große Speisesaal, hell und freundlich, mit der Aussicht bis auf das Kahlcngebirgc. Wir begeben uns nun in den ersten Stock. Es ist der erste Sonntag im Monat heute und den Verwandten gestattet, die Waisenkinder zu besuchen. Hier sind die Lehrsale, und da sitzen die Kinder in denselben auf den Schulbänken, wo sonst gelernt wird, sabbathlich gekleidet, und Tanten und ältere Geschwister, hin und wieder hat das Kind auch noch das Glück, eine Mutter zu haben, besuchen sie; natürlich gibt es da auch Kinder, die auf der Welt ganz allein stehen und die hier eine liebevolle Heimat im wahrsten Sinne des Wortes finden. Da z. B. die muntere schwarzäugige Kleine, die mit einem Banennnädchcn in rothen Strümpfen so eifrig wispclt, ist eine elternose Waise. Die Mutter starb, als das Kind sechs Neonate alt war, Seite 435 der Vater ist verschollen in Roth und Elend — bei ihrer Amme auf dem Lande aufgezogen bis zu ihrem sechsten Jahre, hat der Bauer sie dann nach „Wean" gebracht, weil der Pfarrer gesagt hat, sie muß fetzt Religion lernen, sie ist bis jetzt immer aufgestanden „wann der Hahn kräht hat" und wird von ihren Ziehältern, trotz Ariern und Semiten, geliebt und weiß noch nichts von Racenhaß; die andere Kleine dort, die mit natürlichem Anstand ihren Kn ix macht, ist eine Enkelin des Volksdichters Johann Gabriel Seidl; der Vater ist tobt, die Mutter kann sie nicht ernähren; in den Adern des Kindes fließt arisches und semitisches Blut, aber die Wohlthätigkeit fragt nicht darnach; ein anderes kleines Mädchen steht neben ihrer Mutter lind zeigt derselben stolz ihre Heike, auch ich sehe mir dieselben an — mancher Realschüler könnte sich ein Beispiel an der Retligkeit der Schrüt und der corrccten Ausführung nehmen — sie hat auch lauter Einser, es ist die Waise eines Advocaten, der nach Bosnien gegangen ist und in Sarajevo mittellos verstorben; doch sind die Kinder alle artig und wohlerzogen, und kein überlautes, wildes Treiben stört die Harllionie des Ganzen. An die Lehrfäle schließt sich das Conferenzzininier, ein hoher, freundlicher Saal; dann der Tlirnsaal, wo auch zugleich Gesangunterricht ertheilt wird. Run führt mich die freundliche Vorsteherin in den zweiten Stock, wo die Schlaffäle, der Waschsaal und die Garderoben liegen. Wie nett und wohlgeordnet ist Alles. In zwei hohen, luftigen Sälen, zwischeli welchen das Schlafzimmer einer Lehrerin liegt, stehen aneinandergereiht die Betten nut weißen lieber deckelt, unter jedem Bett ein Kistchen mit dein Morgerianzng der Kleinen, an der Wand über jedem Bett überall der Rame des Stifters des Bettes, d. h. des Erhalters eines Waisenkindes, denn dieses großartige Etablissement, wo vorläufig Betten stehen nnd noch Raum für weitere zehn Betten ist, verdankt feine Entstehung und Erhaltung der Privatwohlthätigkeit, denn es ist ein Werk der Wohlthätigkeit des Herrn von Gntmann. Im Waschsaal hat jedes Kind sein eigenes Lavoir mir selbst thätiger Spülung, zwei Handtücher nnd einen eigenen Waschlappen. Amangs, sagte die Vorsteherin, begreift kein Kind, warum es das Alles für sich allein hat: nach einiger Feit merkt es sehr wohl die Annehmlichkeit und möchte gar keinen anderen Lappen oder Handtuch als seine eigenen benützen; denn jedes Stück har nicht nur seine fortlaufende Nummer, sondern auch die Rmmner des berresfenden Waschtisches; so daß jede Schülerin aus den hochgehäuften Leinen schätzen, die mit Seidenbändern sorgfältig zusauntlengeblinden sind, sich seine Rümmer heranssuchen kann. Gegenüber stehen die hohen Garderobetasten mit den Feier- und Werktagskleidern. Drei Räherinnen sind die ganze Woche beschäftigt. Alles in Stand zu halten, denn es wird Alles im Hause gemacht, nnd jedes Mädchen erhält, wenn es anSkritt, eine vollständige Ausstattung. Rnn bleibt uns nur mehr der Souterrain übrig mit den Badcsälen — denn Alles ist hier vorhanden, mit einfach vornehmer Würde ansgestattct, was zu den Bedürfnissen cultivirter Menschen gehört. Für den Sommer zwei schöne Marmorbassins, für den Winter die nöthigen Wannenbäder mit kaltem lind warmem Wasser und Touche. Wenn die Mädchen in's Leben treten, werden sie wohl Manches entbehren müssen, was ihnen hier liebe Gewohnheit geworden. Doch nun bin ich mit der Besichtigung des Hauses fertig und werfe noch einem Blick in den Gartelt, ivo eine muntere Schaar junger Mädchen, den schönen Frühlingstag benützend, eilfertig das Erognetspiel vom Boden geschleppt haben und sich auf dem Rasen hcrmntmnmeln. Roch einer kleinen, praktischen Einrichtung mnß ich beim Schluffe gedenken, die freilich in manchem Hause einzelnen Mit gliedern sehr fatal wäre, aber doch auch ihr Gutes hat, namentlich zur Sicherheit und Eontrole im Hanse. In der Wohnung der Vor steherin ist selbstverständlich ein Telegraph nach allen Stockwerken nnd Räumen des Hauses; damit ist aber eine kleine Vorrichtung verknüpft, ein Stift, welcher in die Leitung eingenigt wird und der selbstthätig läutet, wenn Jemand in das Haus kommt, wodurch man namentlich des Nachts genau wissen kann, wann Jemand heimkommt, und wodurch nöthigenialls der Gärtner und das Personal alarmirt werden können. Leo S kein.

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