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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-06-07 · 23 (7.6.1895) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
23 (7.6.1895)
Date
1895-06-07
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 434 Dr. Bloches Wochrnfchrrfl. Nr. 23 feierlichen Gottesdienstes der Stifter gedacht werden sollte. Alles stand schon vor seinen Augen fix und fertig da, er war von seinem Plane ganz entzückt und sein Gewissen fing an ruhiger zu werden. Denn, sagte er sich, bin ich denn ein Verschwender, ein Trinker, ein Spieler? Verbring' ich denn das Geld, das der Herr in seiner Gnade mir zugewendet hat? Nein, mehren will ich's. Und wo könnt' Gott, gelobt sei er, einen besseren Verwalter dafür finden und was schad't's ihm, wenn ich dabei wirklich ein bissel meinen Willen Hab'? Jetzt kam eine glückliche Zeit für Simon Levi. Das Glück sollte aber nicht von langer Dauer sein. Die leicht gewonnenen 1000 Thalcr, mit bestimmter Aussicht auf mehr, brachten Mortche wirklich zum Speculiren. Anstatt nämlich Friedrich nach dem Wunsche Simon's, durch Uebergabe des Geschäftes die Heirat zu ermöglichen, hatte er sich mit erneutem Eifer auf dasselbe gestürzt, um Sohn und Schwiegertochter doch etwas „Bedeutendes" zuwendcn zu können. Er kaufte auf Credit, der ihm auch mit Rücksicht auf Simon gerne gewährt wurde, fand zahlungsfähige Käufer, die Umstände schienen ihm günstig, Alles ging wie am Schnürchen. Das „Haus" M. Levi bezahlte püntklich, erhielt neuen Credit, das Geschäft schien bedeutenden Gewinn abzuwerfen, der ehrgeizige Mortche ließ sich endlich sogar in die Gilde der Großhändler aufnehmen, Friedrich sollte Thcilnehmer des „Hauses" M. Levi werden. Jetzt wurde es Ernst mit seiner Bewerbung um Nike Jacobson: im Herbst sollte die Hochzeit stattfinden — da ging plötzlich ein Hamburger Hans fällst und mit ihm siel eine der wichtigsten Stützen des Hauses M. Levi, das noch immer nicht auf allzu festem Grunde stand. Viele kleinere Provin;gcschäfte,dieMortche Geld schuldeten, wurden mit hineingerissen. Alles stand auf dem Spiele, aber Alles konnte gerettet werden, wenn es ihm gelang, den kleinen Leuten durch schonende Behandlung über die Krise hinwegznhclfen. Kurz, das Haus M. Levl brauchte Geld, Geld und wieder Geld. Und wer stand näher als Simon? Ja, er konnte und mußte helfen. Ausgerüstet mit einer starken Dosis Selbstbewußtseiu und der ganzen Würde des Großhändlers, that er den entscheidenden Schritt. Sein Haus, sagte sich der alte Sanguiniker, stand ja im Grunde genommen nicht schlecht, ganz im Gegcntheil, es brauchte nur Hilfe aus augenblicklicher Verlegenheit und doch nur ein Anlehen, kein Geschenk, um dann unfehlbar nur noch größer und bedeutender zu werden. Darum schlug Mortche bei seinem Ansuchen dem Bruder gegenüber auch einen durchaus geschäftsmäßigen Ton an und verlangte „Hilfe in der Noth" — keine bestimmte Summe, sondern einfach die Zusage, je nach Bedürfnis; mit Geld oder Bürgschaft einzutrcten. Simon ließ ihn ruhig ausreden, dann aber sagte er: „Mortche, daß ich's Dir nur endlich sag', Du bist kein solider Geschäftsmann!" „Auch eine Neuigkeit!" erwiderte Mortche, gezwungen lächelnd. „Woher soll die Solidität kommen? Was unser Vater selig uns hinterlassen hat, weiß Gott und jeder Mensch, und eine andere Erbschaft Hab' ich nicht gemacht." „So, ist denn das allein der Grund, daß Du ein Oalpsteii bist? Es gibt noch mehr Leute, die mit nichts angcfaugen haben, aber die haben gewartet mit dem Großthun, bis sie was hatten. Du warst klein und hast doch schon müssen haben drei große Marquisen, und kaum hast Du was zwischen den Fingern gefühlt, hast Du gleich müssen Credit geben über's ganze Land, den Menschen die Augen aufzureißcn." „Ja ja," sagte Mortche, „wenu's Einem schlecht geht, kriegt man was zu hören! Ich Hab' mein Bestes gethan und dabei vielleicht doch gcschlt. Ja, ich Hab' gefehlt. Ascliamti bagadti . . . Soll ich Dir vielleicht daS ganze Süttdenbckcnntniß hersagen?“ „Du brauchst gar kein Sündenbekenntuiß zu sagen. Wer bin ich selbst? Ein sündiger Mensch vor Gott, wie Du. Du sollst mir . nur einräumen, daß Du kein solider Geschäftsmann bist!" „Das Hab' ich doch schon gesagt, aber jetzt will ich Dir noch was sagen, Simon, ich Hab' gemeint, daß Du ein guter Mensch bist!" „Nu ja, wenn man nicht den letzten Pfennig hergibt, ist mau kein guter Mensch." „Davon ist nicht di Rede, Du kannst geben oder nicht geben — übrigens, wer spricht von geben? — Du kannst borgen oder nicht borgen, aber Du sollst Deinen Bruder nicht durch Vorwürfe kränken, wenn die Hand Gottes an ihn gerührt hat." „Ich Dir vorwerfen! Was werf' ich Dir vor? Ich sag' doch nur, was ich vor Gott verantworten kann: Du bist kein solider Geschäftsmann. So bist Du einmal! Was auf der Debetseite steht, das siehst Du iu rosigem Licht, und was auf der Creditseite steht, erscheint Dir lilienweiß. Das ist Deine Natur — ich werf' Dir's doch nicht vor. Aber wenn ich mein bissel Geld in Dein Geschäft steck', will ich mich nicht allein ans Dich verlassen. Darum sag' ich, lass' durch ein paar Geschäftsleute, wirkliche Geschäftsleute, den Stand der Sache festftellen, daß Alles klar und hell wird wie der Tag, dann wollen wir sehen." Trotzdem ihm der Gedanke, fremden Leuten Einblick in seine Bücher zu gewähren, schrecklich war, mußte sich Mortche gestehen, daß der Bruder eigentlich nichts Unbilliges verlangte. Und was blieb ihm auch übrig! Sich an Andere wenden und dadurch zu zeigen, daß der eigene Bruder seinen Fall für einen sehr verzweifelten hielt? Ehe er fortging, wollte er sich jedoch [einen Bundesgenossen sichern, der in seiner Abwesenheit für ihn einträte. Deshalb ging er in Gitel's Stube und erzählte ihr Alles. Gitel, die in der letzten Zeit stark kränkelte, fühlte sich heute besonders schwach und aufgeregt und brach bei der traurigen Unterredung in lautes Schluchzen aus. Dieses Zeichen von Mitgefühl traf Simon in's Herz als klarer Beweis von Undankbarkeit und Zurücksetzung. Er konnte ihre Liebe oder, wie es ihm schien, Vorliebe für den leichtsinnigen Bruder durchaus nicht verstehen, fast ebenso wenig wie sie selbst. Ihre Liebe zu Simon war etwas ganz instinctiv Selbstverständliches; in ihm sah sie einfach ihr zweites Ich. Mortche hingegen repräsentirte ihr eine Welt der Freude, Lust und Freiheit, auch war er verheiratet, seine Kinder waren ihr an's Herz gewachsen, kurz, sie liebte ihn, wenn auch nicht wegen, so doch trotz seines Naturells, und sein Kummer ging ihr sehr nahe. Sie nahm all ihren Muth zusammen und stellte Simon zur Rede. Der aber blieb fest und sagte nur: „Wenn Einer kommt mit einem Sack ohne Boden und verlangt, ich soll ihn füllen, so sag' ich ihm: „Lass' einen Boden iu Deinen Sack nähen, und dann komm' wieder. Fertig!" Kurze Zeit darauf brachte Mo tche den von zwei vertrauenswürdigen Kaufleuten unterschriebenen Rechnungsabschluß, laut dessen dem Hause M. Levi 20.000 Thaler absolut nöthig waren, wenn cs seinen Verpflichtungen Nachkommen wollte. Simon schrie auf, wie von körperlichem Schmerze gequält. Zwanzigtausend Thaler — und die wurden von ihm verlangt! Gerade die Summe, die er von Anfang an dem Herrn schuldig zu fein glaubte. Also so war's gemeint! Alles, was er vorher gegeben, fast das Doppelte an Master von den Linsen und vieles Andere, was er dem Herrn gar nicht aufgerechnet hatte, sollte nicht zählen, nein, rund und voll wurde jetzt erst recht die ganze Summe auf einmal von ihm verlangt! Das konnte doch nicht Gottes Wille sein! Wozu auch? Daß der Bruder ihm nachträglich in's Gesicht lacht und auf seinen Schultern nur noch höher emporsteigt. Nein, unter solchem Zwange wollte er keine Wohlthaten üben.

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