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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-06-07 · 23 (7.6.1895) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
23 (7.6.1895)
Date
1895-06-07
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 23 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 433 Feuilleton. Master. Eine Episode aus Simon Levi's Leben von W. A. Sokdschmidt, aus dem Dänischen von I. Krank. (Fortsetzung aus Nummer 22.) Er hatte, seitdem das Gerücht von seiner Erbschaft die Runde machte, genug von Mißgunst, Neid, und später, als das Geld nicht schnell genug eintraf, von Spott und Schadenfreude zu leiden gehabt. Ganz ohne sein Zuthun schien er auch plötzlich dem Kreise, dem er angehörte, entrückt, ohne daß sich die Lücken für ehemalige Freunde durch neue füllten. Die Großen der Gemeinde kamen ihm durchaus nicht entgegen; für sie blieb er nach wie vor der kleine, unbeachtete Makler. Aber es sollte anders kommen; sie sollten schon Respect kriegen. Auf einer Hochzeit spendete er den Armen auf einmal 500 Thaler. Dafür stand ihm, wie er wußte, die Ehre bevor, am Sabbath zur Thora gerufen zu werden, welch erhebendes Ereigniß er seinerseits wieder durch ein Festmahl in seinem Hause feiern wollte. Es fehlten ihm dazu nur die Gäste — doch die sollte ihm die Synagoge stellen. Hier bat er einige Große „um die besondere Ehre." Mit dem stolzen Bewußtsein, hiedurch ein Gott wohlgefälliges Werk zu thun, nahmen sie die Einladung auch an. Dann wandte er sich an ärmere, alte Bekannte, die wohl bemerkt hatten, daß sie erst in zweiter Reihe kamen, es daher au spitzen Redensarten von Gleich und Gleich re. nicht fehlen ließen, zuletzt aber doch kamen. Schwester Gitel's Speisen waren vortrefflich, Alles schien heiter und zufrieden, nur Simon fühlte sich gedrückt und unfrei. Je mehr er sich in seiner Eigenschaft als Wirth Mühe gab, seine vornehmen Gäste zu gewinnen, desto weiter schienen sie, im Bewußtsein ihrer Autorität, sich von ihm zu entfernen. So blieb auch das Tischgespräch ziemlich gezwungen und ungemüthlich, bis es einem Gaste einfiel, eine der nie versagenden Anekdoten vom polnischen Juden auf der Leipziger Messe zu erzählen, bald folgte eine zweite, dritte — die gute Laune gewann die Oberhand, sogar die Großen lachten mit, ohne selbst zur Unterhaltung beizutrageu. Bei so vortrefflicher Stimmung seiner Tischgesellschaft dünkte sich Simon ein echter Balboeö und schwamm in Glückseligkeit, nur bald darauf aus allen Himmeln gestürzt zu werden. Im weiteren Verlauf der immer gemüthlicher werdenden Unterhaltung sprach man dann nämlich von eigenen Erlebnissen, endlich von den Verhältnissen in der Gemeinde und kam zuletzt ganz zufällig auf einen Mann in derselben zu reden, der, auf seinen Reichthum pochend, sich in zudringlicher Weise hervorgethan hatte und dann die wohlverdiente Demüthigung dafür einstecken mußte. Da wurde einer der Großen plötzlich beredt. „Und Recht ist ihm geschehen!" schrie er, „ganz Recht! Man stellt sich nicht gleich auf die Fußspitzen, wenn man schon reich ist. Geld ist viel, aber Geld allein ist nicht Alles!" Gewiß hatte der Sprecher bei diesen Worten ebensowenig als die anderen Gäste an Simon Levi gedacht. Dieser aber hielt sie für eine Anspielung auf sich, und seine Züge verriethen dies so deutlich, daß die Unterhaltung plötzlich stockte, um nicht mehr recht in Gang zu kommen. Das Wort „densolisn", das einer der Gäste fallen ließ, erweckte Simon aus einer Art Starrkrampf, aber anstatt die Ehre des Tischgebets dem Vornehmsten am Tische anzubieten, vergaß er sich und fing in seiner Verwirrung selbst an, vorzubete». Erst mitten darin kam ihm der furchtbare Verstoß gegen Brauch und Sitte zum Bewußtsein, was ihn jedoch nicht hinderte, das Gebet mit Trotz gegen die Welt und Zorn gegen sich selbst zu Ende zu sagen. — Wie ungeschickt — ach, wie tief unglücklich er sich dabei fühlte! Als die Gäste den Rücken gekehrt hatten, sagte er zu Gitel: „Was für ein Narr ich bin! Einmal und nicht wieder! Gitelleben, Geld ist nicht Alles!" — Und nach langem Stillschweigen fügte er mit der den Juden eigenen Selbstironie hinzu: „Hör', Gitel, Eins versteh' ich nicht. Man sagt doch, das Glück ist eine Nekeiwe — warum ist es nicht lieber bei einem jungen, schönen, glücklichen Menschen eingekehrt? Was will's bei mir?" „Soll ich Dir sagen, warum?" antwortete Gitel. „Der junge Mensch hätt' vielleicht Alles für sich behalten, Du aber kannst und wirst Jüngere beglücken". „Hm!" machte Simon. Diese Erklärung brachte ihn erst recht auf unbehagliche Gedanken. Noch lange, ehe er die ganze Summe hinter Schloß und Riegel bei einander hatte, war es die Frage um Masser die ihm viel Sorge und Kopfzerbrechen machte. Nach dem Gesetz ist man den Zehnten von allem Erwerb Gott, beziehungsweise den Armen schuldig. Nun wußte er nicht, schuldete er dem Herrn den Zehnten von Capital oder Zins? Der Zehnte vom Capital betrüge doch 20.000 Thaler! „Welcher vernünftige Geschäftsmann, wenn er auch schon was Weniges geerbt hat, gibt gleich 20.000 Thaler auf einmal her." Und dann müßte er ja im nächsten Jahre von den übrigen 180.000 Thalern erst recht wieder Masser geben und so fort. „Und wer wäre der Nächste dazu? Bruder Mortche. Hat er's vielleicht so nöthig? Fehlt's ihm an Brot? Wenn der heute die 20.000 Thaler kriegt, wird er nicht wissen, ob er steht oder geht, wird sich ausblasen und sich recken und streckeil und erst recht der Erste sein wollen in der Familie. Dann wird er gehen und speculiren mit meinem Geld, bis der letzte Pfennig verpufft ist — der Leichtsinn!" Ja natürlich schuldete er dem Herrn nur den Zehnten von den Zinsen! Aber von welchen Zinsen? Er hatte sein Geld in einzelnen Theilen zu 4, 5, 6, ja sogar zu 7 Percent ausgeliehen. Die Sache wurde wirklich immer verwickelter. Fünfhundert Thaler hatte er schon auf jener Hochzeit gespendet, und auf tausend Thaler hatte bereits sein Bruder seine leichte Hand gelegt. Und Simon hatte sie ihm so gern gegeben, mit dem Gefühl, dabei noch einen guten Handel zu machen. Eines Tages war Mortche nämlich zu ihm gekommen, hatte ihm in seiner unwiderstehlichen Weise die Zunge gelöst, dabei glücklich herausgebracht, daß er eine hübsche Summe geerbt und dann, so ganz nebenher, einen Wechsel von tausend Thalern gezeigt, der bezahlt sein wollte. „Gut", sagte darauf Simon, „ich will ihn bezahlen, lass' das Masser sein!" Also 1500 Thaler hatte er schon gegeben, außerdem noch verschiedene kleinere Summen, von denen er nicht recht wußte, ob er sie dem Herrn auf die Rechnung setzen sollte oder nicht. Doch ja, warum nicht? Macht 200 Thaler. 200 -j- 1500, also 1700 Thaler. Zu 4 Percent, dem gesetzlichen Zinsfuß, betrug aber doch der Zehnte nur 800 Thaler, so hätte er also schon 900 Thaler vorausgezahlt. Und rechnete er mit 7 Percent, so wären es 1400 Thaler, so daß er noch immer 300 Thaler zu viel gegeben hätte. Da sein Gewissen aber noch immer zwischen Capital und Zins schwankte, kam sein Gemüth durch diese Berechnung durchaus noch nicht zur Ruhe, und aus einer Kunstauction, zu der er kam, er wußte nicht wie, kaufte er für 1000 Thaler Bilder, um einen armen Maler zu unterstützen. Leere Wände hatte er ja genug — aber mußten es gerade Oelgemälde sein, mit denen er sie zierte? Durste er also auch die 1000 Thaler dem Herrn anrechnen? — Endlich beschloß er, sich wirklich mit Masser von den Zinsen zufriedenzugeben, dafür aber ein Legat zu stiften, durch das zuletzt doch Alles den Armen zu Gute käme. Nach seinem Tode würde eine Stiftung für unversorgte Mädchen unter dem Namen „Simon und Gitel Levi-Stiftung" entstehen, in der einmal jährlich bei Gelegenheit eines besonders

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