Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 23 (7.6.1895)
- Date
- 1895-06-07
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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L'.MUÜLJ _ . 1" ■Mj.'UÜÜI Seite 430 Sachse» fort, sich mehr um die Beschützung der Ochseil als um die der lieben Menschen zu kümmern, beider stehen ihnen die Ochsen auch näher als die Pferde. Diese zu schützen, fällt ihrem Humanitätsgefühl nicht ein. Die „Leipziger Zeitung" vom 26. Mai schreibt nämlich: Wie wir erfahren, bestätigt es sich, das; bei dem Distanzritt Dresden-Leipzig aus;er dein von uns gestern erwähnten nach fünf weitere am Distanzritt betheiligtc Pferde den Strapazen erlegen sind. Zwei der werthvollen Thiere verendeten unterwegs und vier derselben waren so außerordentlich erschöpft, daß sie, obgleich sic bei ihrer Ankunft sofort in thierärztlichc Behandlung genommen wurden und man ihnen die beste Pflege angcdeihcn ließ, hier im Stalle verendeten- Es lebe der sächsische Thierschutz! (Ein recht menschenfreundlicher Arzt) ist der Herr Dr. Bock in Peine (Provinz Hannover). Derselbe veröffentlicht in der „Peiner Ztg." vom 19. Mai d. I. ein Inserat, in welchem er die Eröffnung einer Poliklinik anzeigt und gleichzeitig dabei bemerkt, daß Unbemittelte unentgeltlich behandelt werden. Er fährt dann in dem Inserat wörtlich fort: „Ausgeschlossen von dieser freien ärztlichen Behandlung sind: 1. Solche, welche ein Honorar bezahlen können. 2. Mitglieder von Krankcncassen. 3. Kranke, welche z. Z. schon in ärztlicher Behandlung sind. 4. Juden." Wir wissen nicht, ob der Herr Dr. Bock bereits geuöthigt gewesen ist, seine ärztliche Hilfe einem Juden unentgeltlich angcdeihcn zu lassen, möchten dies indessen stark bezweifeln. Wir wollen es aber für alle Fälle niedriger hängen, daß ein Arzt, also ein berufener Vertreter praktischer Humanität, seine Hilfeleistung von der Confession oder dem Geldbeutel der Hilfesuchenden abhängig macht. Wir gönnen den Antisemiten den Herrn Dr. Bock von ganzem Herzen. (Gustav Freytag's Witwe) ist bekanntlich noch jetzt Jüdin. Es wird nun ein Brief des Dichters veröffentlicht, in dem er den Wunsch ausspricht, daß sein Stiefsohn am israelitischen Religonsunterricht theilnehme. Der Brief lautet: „Lieber, verehrter Herr Rcichard! Meinem Stiefsohn, Hans S t r a k o s ch, bitte ich den Religionsunterricht durch den israelitischen Religionslchrer ertheilen zu lassen. Wiesbaden, 6. Mai 1892. Dr. Gustav Frey tag." (Herr v. Hammerftein), der Redacteur und Herausgeber der frommen „Reuen Preußischen Zeitung", die unter dem Zeichen des Kreuzes und mit der Devise „Vorwärts mit-^Gott für König und Vaterland!" gegen den Umsturz der bestehenden Ordnung zu Felde zieht, ist vor längerer Zeit in einem Frankfurter Blatte der Unterschlagung des Pensionsfonds von 150.000 Mark beschuldigt worden. Er hat darauf lange nicht reagirt und sehr spät sich entschlossen, den unverantwortlichen Eigenthümer des Blattes zu klagen, während er den verantwortlichen Redacteur unbehelligt ließ. Heute wird gemeldet, daß er die Klage auch gegen den Verantwortlichen erhoben habe. Zugleich aber wird gesagt, daß, nachdem einer seiner Mitarbeiter, Major Scheibart, schon früher aus der Redaction der „Kreuzzeitung" ausgetreten war, weil er nicht mehr mit ihm zusammen arbeiten wollte, nunmehr auch ein zweiter Redacteur, der Abgeordnete Professor Kropatschek, die Mitarbeiterschaft aus demselben Grunde aufgab. Wenn das so fortgcht, wird Herr v. Hammerstein bald allein dastehen in seinem Kampfe für Gott, König und Vaterland, Familie, Ehe und Eigenthum. Berlin. 4. Juni. Mehrere Blätter geben Mittheilungen des „Vorwärts" zu der A f f a i r c H a m m c r st e i n wieder. Nach dem socialdcmoll Mischen Blatte hätte auch Minister v. Berlepsch Kcnntniß von „famosen Briefen" des Herrn v. Hammerstein an ein Fräulein Flora G a ß, aber es wäre dem Chcf-Redacteur der „Kreuzzeitung" gelungen, „die ihn compromittirenden Briefe mit hoher Protection und Hilfe eines Delcctivcs, nebenbei gesagt, für sehr wenig Nr. 23 Geld, in seinen Besitz wicderzubekommen". Die „National-Zeitung" bemerkt: Haunnerstcin's Verhalten mache jetzt ein Schweigell unmöglich, man müsse solche Beiträge zur Tagesgcschichte mitthcilen. Die Hereinzichung des Ministers Berlepsch beruhe wohl auf einenr Mißverständnis;. Noch mehr bedürfe der Aufktärmlg die Behauptung des,.Vorwärts", Hammerstein habe Spuren seiner Thaten „mit hoher Protection" verwischt. Ferner gibt die „"National-Zeitung" der Hoffnung Ausdruck, daß die Erwähnung des dabei betheiligten Detectivcs nicht etwa die Mitwirkung eines amtlichen Detectivcs bedeute, da diese nur unter Amtsmißbranch hätte geschehen können. Die „Post" bestätigt die Angabe des „Vorwärts", daß Dr. K r opatschck, falls er aus der „Kreuzzeitung" ansscheidet, ein Schulamt erhalten soll. Er war auch vorher Gvmnasial-Lehrer in Brandenburg. Dr. Kropatschek selbst bestreitet in der „Vossischcn Zeitung" die Nachricht des Wiener „Vaterland", daß er in's Cultusnlinisterium berufen sei. (Zur Regelung der Sonntagsruhe.) Lemberg, 3. Juni. Im hiesigen Rathhaussaale fand gestern Nachmittags eine sehr zahlreich besuchte Versammlung jüdischer Kaufleute statt, welcher die Abgeordneten und die Mitglieder der Handelskammer beiwohnten. Die Versammlung trat gegen einzelne Bestimmungen der Verordnung zum Gesetze über die Sonntagsruhe aus und nahm einen erregten Verlauf. Schließlich wurde eine Deputation an den Statthalter gewählt wegen Acndcrung der Verordnung. (Zur Reception in Ungarn.) Miskolez, 3. Juni. Eine Monstredeputation der Israeliten des Borsoder Comitates und der Stadt Miskolcz machte heute im benachbarten Zsolcza, dem Stammsitz des Magnatenhaus-Bicepräsidenten Baron Bela V a y, ihre Aufwartung und dankte für die Entscheidung durch sein Votum bei Annahme der Reception der Inden. Baron V a y versicherte der etwa 150 Personen zählenden Deputation, daß er aus reinster Ueberzeugnng liberal sei. Die „provokatorische" Nelke. Am 12. Mai Abends lvaren der Phil.-Dr. Wilhelm Kraus und seine Cousine Fräulein Johanna Schreiber auf dem Heimwege aus dem Prater begriffen. Am Praterstern bot ihnen ein Blumenmädchen Nelken an. Herr Dr. K r a u s kaufte, ohne viel zuwählen, eine weiße Nelke und reichte sie der Dame, welche sie am Gürtel befestigte. Gleich darauf ivurdeu hinter ihnen höhnische Rufe laut. Eine aus drei Männern bestehende Gesellschaft, welche den Beiden folgte und in antisemitischer Weise gegen Juden loszog, war die Urheberin dieser Rufe. Als jedoch Dr. Kraus und seine Begleiterin auf das herausfordernde Benehmen der drei Männer nicht weiter achteten, trat einer von ihnen, der Handelsangestellte Ludwig Kern, der Dame in den Weg, und auf die tveiße Nelke deutend, rief er der Erschrockenen zu: „Seh' der an, Israel will sich nix zu erkennen geben und trägt tveiße Nelken." Dr. K r a u s gab hierauf dem fremden Manne eine Ohrfeige. Der Letztere stürzte sich auf Dr. Kraus, schleuderte ihn zu Boden und versetzte ihm mit dem Stocke einen Hieb über die Wange. Passanten trennten die beiden Kämpfenden, bevor noch der Exceß größere Dimensionen angenommen hatte. Kern mußte einem herbeigeeilten Sicherheitswachmanne auf das Commiffariat folgen, feine Genossen hatten sich rechtzeitig aus dem Staube gemacht. Am 29. Mai hatte sich nun Ludtvig K e r n wegen Uebertretung gegen die körperliche Sicherheit zu verantworten; Doetor K raus tvar tvegen der dein K e r n applicirten Ohrfeige der Ehrenbeleidigung angeklagt. K e r n verantwortete sich dahin, er habe aus Nothwehr gehandelt. Der angreifende Theil sei Dr. Kraus gewesen, der ihm eine schallende Ohrfeige versetzte. Dr. Kraus sagte, Kern habe ohne jeden Anlaß eine in seiner Gesellschaft befindliche Dame beleidigt, und darauf habe nur die eine Antwort gepaßt — die Ohrfeige. Gegen Leute mit solchen Umgangsformen, wie sie der junge Mann damals zeigte, gebe es nur diese Art der Auseinandersetzung. Er gebe den objectiven Thatbestand der-Ehrenbeleidigung zu, doch sei für ihn ein unividerstehlicher Zwang, den K e r n zu ohrfeigen, Vorgelegen. Er habe Kern nicht auf Ehrenbeleidigung wegen der gebrauchten antisemitischen Worte geklagt, denn für solche Ungezogenheiten schaffe man sich selbst am besten mit der flachen Hand Satisfaction. Auf die Frage des Richters, was Kern veranlaßt habe, die Dame zu insultiren, erwiderte derselbe: „Wir hatten damals viel getrunken, und mir schien es, daß der Herr die weiße Nelke, die doch bekanntlich eine antisemitische Harteiblume ist, nur darum gekauft hatte, um uns Dr Bloch's Wochenschrift.