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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-06-07 · 23 (7.6.1895) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
23 (7.6.1895)
Date
1895-06-07
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 23 Seite 429 Dr. Vlvch's Wochenschrift. unsere antisemitischen Hetzorgane benützten diese Gelegenheit, um über den Baron Horace Günzburg, den Chef der Firma, und über das Judenthum herzufallen. Man kann es den Hetzern nicht recht machen. Werden die armen Juden reich, so mästen sie sich an dem Fett des Volkes und sind Gauner. Werden die reichen Juden arm, so sind sie Spitzbuben, die das arme Volk um sein Letztes bringen. Die Firma Günzburg war in momentane Geldverlegenheit gerathen und hatte sich um Hilfe an den Finanzminister (damals Herr Wyschnegradski, der unlängst starb) gewandt. Dieser versprach die gegen genügende Sicherheit erbetenen fünf Millionen Rubel, hatte aber bald darauf gewisse Bedenken, die auch nicht ohne judenfeindliche Unterlage gewesen sein mögen, zog die Unterhandlungen in die Länge und gab im letzten Momente einen abschlägigen Bescheid. Hütte die gefährdete Firma einen derartigen Ausgang früher gewußt, sie würde sich andere Ressourcen eröffnet haben. Sie rechnete jedoch sicher auf den Minister, daß derselbe ein so altes, ehrenwerthes und vollständig zahlungsfähiges Haus nicht fallen lassen würde (wie er es wiederholt in weit verzweifelteren Fällen bei manchen Banken und Banquiers gethan) wurde von der unerwarteten Weigerung ganz außer Fassung gebracht, verlor den Kopf und — fallirte, stellte seine Zahlungen ein, obgleich die Activen die Passiven um mehr als das Doppelte überstiegen. Es ward eine Administration orgauisirt, die bald constatirte, daß die Firma vollkommen zahlungsfähig sei und daß nur momentane Geldverlegenheit die Katastrophe herbeigeführt. Und man begann die schwierige Aufgabe der Liquidation, wobei gewisse Immobilien zu Spottpreisen verkauft wurden, um Abschlagszahlungen zu machen. Wer weiß, welches die Folgen dieser Wirthschaft gewesen wären, wenn sich nicht ein glücklicher Zufall hineingemischt hätte. Einige der Firma Günzburg gehörige sibirische Goldbergwerke, die theils als versiegt betrachtet wurden, theils einen sehr geringen Ertrag abwarfen, erwiesen sich plötzlich als reich goldhaltig. Es wurde eine ergiebige Goldader entdeckt, und die Antheilscheine erreichten bald eine schwindelnde Höhe, so daß Tausende zu Hunderttausenden wurden und Hunderttausende sich in Millionen Rubel wandelten. Der Ertrag der Goldbergwerke ist in diesem Jahre ein so glänzender, daß Baron Horace Günzburg es schon jetzt für möglich gefunden, die Administration aufzuheben und seinen sämmtlichen Creditoren nicht nur das volle Capital, sondern auch die Zinsen für die vier Jahre zu bezahlen. Wenn Sie wollen, so gehört dieser Jncident eigentlich nicht in den Beitrag zur Geschichte der Juden in Rußland. Es ist aber eine Episode, die mit unserer Martyrologie in inniger Verbindung steht. Ebenso wie man das gesummte Judenthum für den (oft skandalösen Ursprungs) Reichthum seiner Glieder verantwortlich macht, so wurden wir durch den Günzburg'schen Bankerott iu Mitleidenschaft gezogen. Ganz abgesehen davon, daß mit dem Reichthum das Prestige des Baron Horace Günzburg fiel, der ein glühender, jüdischer Patriot und von' bestem Willen beseelt ist, für seine unglücklichen Glaubensgenossen zu wirken, ihr elendes Schicksal zu erleichtern, und durch seinen momentanen Ruin der Möglichkeit beraubt war, etwas zu thun, so wurde allen russischen Juden die Schuld in die Schuhe geschoben, daß Einer aus ihrer Mitte sallirt und das Geld gar mancher Christen dabei große Gefahr lief. Das war Oel in die Flamme der Racenhasser gegossen. Und hat uns der Sturz des Hauses Günzburg sehr geschadet: ob die sich dieser Tage vollziehende Resurrection der Firma dazu beitragen wird, unsere Lage zu bessern — daran ist starker Zweifel gestattet. Wir haben schon leider erprobt: Das Schlechte, das Einer aus unserer Mitte vollzieht, schadet uns unendlich; das Gute, das Einer von uns thut, hilft uns gar nichts — der Jude wird verbrannt. Vom Jahrmarkt des Lebens. ° (Der Kaiser über den Wiener Gemeinderath.) Aus Graz wird uns telegraphirt: Der Kaiser, welcher den Gemeinderathssaal besichtigte, äußerte beim Verlassen desselben zum Grazer Bürgermeister Dr. Portugall: „Ich hoffe, die Herren werden sich nicht am Wiener Gemeinderathe ein Beispiel nehmen, dort herrschen sehr traurige Zustände!" Dr. Portugall erwiderte: „Gewiß nicht, Majestät!" (Statthalter Graf Badeni gegen die Judenhetze.) Wie die „Drohobyczer .Handelszeitung" meldet, hat Statthalter Graf Badeni, als er kürzlich in Kolomea weilte, dem Vorstande der israelitischen Cultusgemeinde gegenüber betont, daß er es als seine Aufgabe betrachte, auf die Wahrung des confessionellen Friedens bedacht zu sein und antisemitische Hetzereien nicht auskommen zu lassen, lieber den jüngsten Say buscher Fall drückte der Statthalter sein tiefstes Bedauern: aus und gab die Versicherung, daß eine strenge Untersuchung die Schuldigen einer empfindlichen Bestrafuuug zuführen und Alles geschehen werde, um einer Wiederholung solcher Fälle vorzubeugen. In der That hat sich im Aufträge des Statthalters der Hofrath Graf L o nach Saybufch begeben. Den kommunalen Würdenträgern dieses Ortes wird nun hoffentlich der Standpunkt klar gemacht werden. Sie berufen sich aus eine Entscheidung der Vorgesetzten Verwaltungsbehörde aus dem Jahre 1809, um ihr „Privilegium", Judenhetze zu treiben, historisch zu begründen. Man darf aber die Erwartung hegen, daß der Delegirte der Statthalterei ihnen die Bedeutung der Staatsgrundgesetze, welche derartige Vorrechte aushoben, einschärsen werde. („Die Juden sollen geben.") Wien, 4. Juni. Ich kann nicht umhin. Ihnen folgendes Vorkommniß als besonders charakteristisch mitzutheilen: Als die Hausbesorgerin, wie nach jeden: Ersten üblich, mit der Büchse für die Armen, verstärkt mit einen: Sammelbogen für Laibach, bei einer Witwe in Pension, deren verstorbener Gatte ein höherer Staatsbeamter lvar, und deren einziger Sohn in staatlicher Anstellung ist, eintrat, wurde sie mit folgenden Worten abgewiesen : „Was kommen Sie zu mir? Geh'us zu den Juden, die Juden sollen geben." Ich enthalte mich jeder Glossirung dieser charakteristischen Worte. .7. (Kleine Ursachen — große Wirkungen.) Bei der Westphalensahrt nach Friedrichsruh sprach im Namen der Frauen Bochums die Frau des Vorsitzenden des Bochumer nationalliberalen Wahlvereins, Frau Rechtsanwalt H., und erhielt vom Fürsten in dankbarer Anerkennung ihrer rednerischen Leistungen einen Kuß. Wie hätte man ahnen können, daß dieser harmlose Vorgang eine so furchtbare Katastrophe nach sich ziehen würde! Die genannte Dame ist nämlich eine getaufte Jüdin, und daß sie es trotzdem gewagt hat, im Namen der „deutschen Frauen" eine Begrüßungsansprache zu halten und einen fürstlichen Kuß einzuheimsen, das hat begreiflicherweise den Unwillen der „teutsch" fühlenden „Tägl. Rundschau" in Berlin geweckt, die ihren: gekränkten Herzen in einer Briefkastennotiz Lust machte. Das Blatt, in dem diese antisemitische Herzenserleichterung zu lesen war, wurde nun in Bochum von schadenfrohen Personen überall in den Wirthschaften herumgereicht. Daraufhin hat sich der gesammte Vorstand des nationalliberalen Wahlvereines veranlaßt gesehen, sein Amt niederzulegen. Das kommt vom Küssen! Vielleicht entrüstet sich die antisemitische Presse noch nachträglich darüber, daß sich Herr von Bismarck im Jahre 1805 in Gastein mit der jüdischen Sängerin Pauline Lucca gemeinschaftlich photographiren ließ. (Protestantenhetze.) Der Antisemitismus bleibt nicht bei den Juden stehen. Er sucht überall sein Hetzgebiet zu vergrößern und betreibt je nach dem Lande, in dem er Unheil anrichtet, auch Katholiken- und Protestantenhetze. Nach einer Pariser Meldung hielt Georges Thisbaud öffentliche Vorträge über die sogenannte „Protestantenfrage", in denen er zu beweisen sucht, daß der Einfluß der Protestanten ebenso unheilvoll auf die Politik der dritten Republik gewirkt hätte wie angeblich jener der Juden. (Sächsischer Thierschutz.) Die Sachsen, die sich rühmen, das erste Schächtverbot erlassen zu haben, sind ihrer Meinung nach natürlich die. humansten Thierschützer. Man weiß zwar, daß in ihrem Königreich die meisten Selbstmorde Vorkommen, nichtsdestoweniger fahren die Hellen

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