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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-06-07 · 23 (7.6.1895) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
23 (7.6.1895)
Date
1895-06-07
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 428 Dr. Dloch's Wochenschrift. Nr. 23 licher Fürsorge dafür, daß die Juden nicht krank und nicht gezwungen werden, da Heilung zu suchen, wo ihnen selbst der temporäre Aufenthalt nicht gestattet ist. Doch auch das Verbot des Besuches der kaukasischen Mineralbäder ist blos durch rein humane Motive bedingt. Der Aufenthalt in diesen Curorten des Kaukasus ist so entsetzlich theuer, bietet so wenig Comfort und sind die Badeanstalten ebenso primitiv als die Aerzte-, daß die Regierung aus purer Zärtlichkeit für ihre israelitischen Unterthanen die Thore des Kaukasus vor ihnen hermetisch abschließt, damit sie nicht Opfer der allgemeinen Exploitation werden. In Kissingen, Karlsbald oder Ems ist es weit billiger und komfortabler als in Pjatigorsk, Kislowodsk oder irgend einen anderen der zahlreichen kaukasischen Curorte. Daher sollten die Juden der Regierung für diese zärtliche Sorgfalt erkenntlich sein und nicht darüber murren. Die balneologische Section der Gesellschaft zur Wahrung der Volksgesundheit blickte jedoch auf diese Angelegenheit von einem ganz anderen Standpunkte, und mehrere der anwesenden Aerzte deuteten darauf hin, daß die Verordnung, welche jüdischen Patienten verbietet, Heilung von ihren Gebresten an den Mineralquellen des Kaukasus, den Schwefelbädern von Kemmen und au anderen Curorten Rußlands zu suchen, nicht nur mit den elementarsten Begriffen von Humanität in diametralem Widerspruch stehe, sondern die materiellen Interessen des Landes schädige; denn die jüdischen Patienten tragen jährlich viele Millionen in's Ausland die heimischen Curorte versumpfen, und auch die Aerzte leiden an den Folgen dieser die Juden betreffenden Ausnahmsregel. Es wäre daher sehr wünschcnswerth, daß dieser durch nichts motivirte OstraciSmus, dem man die Leidenden jüdischer Nationalität unterwirft, aufgehoben werde. In Folge dessen ward der Vorschlag eingebracht, die Gesellschaft zur Wahrung des Volkswohles möge an betreffender Stelle petitioniren, daß den Juden gestattet werde, alle die Orte des Reiches, wo ihnen sonst der bleibende Aufenthalt nicht gestattet ist, temporär zu besuchen, um Mineralquellen und Bäder, Seebäder u. s. w. zu benützen, wie überhaupt zur Cur zu weilen. Die Section verhielt sich sympathisch zu diesem Vorschläge, der auch gemacht werden wird — mit welchem Erfolge, läßt sich freilich schwer voraussehen. Jedenfalls ist die Anregung dieser Frage an und für sich sehr interessant. Als vor etlichen Jahren der allgemeine russische Aerzte- Congreß in Petersburg tagte, wurde auch diese Frage an die Tagesordnung gestellt, doch der Congreß hielt dieselbe für inopportun und weigerte sich, dem Anträge Folge zu geben. Freilich ging dazumal der Vorschlag von einem Juden aus, wenn auch von einem getauften, aber doch immer einem Semiten. Das war der vor Kurzem verstorbene kaiserliche Leibmedicus, Geheimrath Dr. Jossif Wassiljewitsch Berthenson. Das Schicksal dieses Mannes ist so merkwürdig, daß ich mir gestatte, hier über ihn einige Worte zu sagen. Obwohl Dr. Berthenson, der vor etlichen Wochen hier starb, rechtgläubig getauft war, so blieb er doch im Herzen Jude (gleich dem berühmten Gynäkologen Professor Horwitz, den nur der Tod daran verhinderte, seinen Rücktritt zum Judenthum zu vollziehen), interessirte sich lebhaft für jüdische Angelegenheiten, unterstützte seine einstigen Glaubensgenossen, wo und wie er nur konnte, und war im Laufe von fast dreißig Jahren eines der thätigsten und eifrigsten Mitglieder des hiesigen Vereines zur Verbreitung der Aufklärung unter den Juden Rußlands. Josef Berthenson wurde in Odessa geboren und entstammte einer sehr achtbaren jüdischen Familie, aus der mehrere hervorragende Persönlichkeiten hervorgegangen. Nack- Beendigung seiner Studien in Dorpat siedelte er sich in Witebsk an, erwarb bald daselbst eine große Praxis und eroberte im Sturme das Herz eines charmanten jungen Mädchens, der schönen Tochter des Gouverneurs der Provinz, Fürsten Chowanski, die er seinerseits leidenschaftlich liebte. Lange kämpfte der junge Arzt mit sich, da er sich unmöglich zu dem fatalen Schritt — der Taufe — entschließen konnte, war er doch in einem strengreligiösen jüdischen Hause in Gottesfurcht und treuer Gläubigkeit erzogen worden. Die Liebe trug endlich den Sieg davon über die Religion. Doch konnte er den gethanen Schritt nie verschmerzen, und obwohl in der Folge Fortuna über den Neophyten ihre reichsten Gaben ausschüttete, aus dem Füllhorn des Ueberflusses ihm Ehre und Auszeichnungen, Rang, Würde und Geld in überreichem Maße zuTheil wurde, so konnte er doch den Uebertritt, den Treubruch, den Meineid, wie er ihn selbst nannte, nicht vergessen, und am Jomkipurtage schloß er sich in sein Zimmer ein, empfing Niemand, weinte, betete und fastete. . . Während des deutsch-französischen Krieges von 1870 begleitete Dr. Berthenson den berühmten russischen Chirurgen Professor Pirogow, der dem deutschen Heere folgte, wohnte dem Bombardement und der Einnahme von Straßbnrg bei, sah alle Schrecken und Gräuel des Krieges. Doctor Berthenson war es, der das Barackensystem in Rußland einführte, der dem System der Monumental-Hospitalbauten ein Ende machte. Er war Medicinal-Jnspector von Petersburg, Director der von ihm gegründeten Feldscheerschule, wo er auch Vorlesungen hielt, und Oberarzt des Maria- Magdalenen-Hospitals und der mit demselben verbundenen Baracken des Rothen Kreuzes, dessen Träger er gewesen. Seltsamerweise wurde Dr. Josef Berthenson vor zwei Jahren zum General-Commissär der kaukasischen Mineralbäder ernannt, deren Besuch seinen ehemaligen Glaubensgenossen so streng verboten ist und zu deren Gunsten er vor etlichen Jahren auf dem Petersburger Aerzte-Congreß ebenso eifrig, wie erfolglos plaidirt hatte. Es handelte sich darum, den Augiasstall der Regiernngs-Mineralbäder von dem Schutt und Unrath zu reinigen, der sich daselbst im Laufe vieler Decennien angehäuft; es galt Bestechlichkeit und Mißbrauch, Nepotismus und Lässigkeit zu steuern. Dr. Berthenson übernahm diese schwere Aufgabe — eine wahre Herculesarbeit — mit der ihm eigenen Energie und Intelligenz. Das mißfiel in den betreffenden Kreisen, und es begann eine erbitterte Hetzjagd gegen den neuen General-Commissär. Die antisemitischen Preßorgane sattelten und bestiegen das Rößlein nationaler und confessioneller Unduldsamkeit. Der „Jude" ward aus dem Archivstaube der Vergangenheit hervorgeholt und dem General-Comaiissär bei jeder Gelegenheit an den Kopf geworfen. Zwei Jahre währte dieser Kampf, und zuletzt unterlag das gehetzte Wild. Der General-Commissär sah sich gezwungen zu resigniren; er kehrte nach Petersburg zurück, wo er bald darauf an gebrochenem Herzen starb .... Er war ein guter und edler Mensch, und die Spitzen der jüdischen Gemeinde Petersburgs gaben ihm in. corpore das Geleite, als man ihn hinaustrug zur letzten Ruhe, den müden Pilger nach langem, schwerem Erdenwallen . . . . Das jüdische Herz ist dankbar und nicht so vom Fanatismus verknöchert, wie man behauptet. Die frömmsten Juden, mit Baron Horace Günzburg an der Spitze, gaben den sterblichen Ueberresten des getauften Juden Josef Berthenson das Geleite, weil dieser edle Mensch, trotz seinem Renegatenthum, stets im Herzen ein treuer Sohn Israels geblieben. XVIJ. Auch eine Resurreetion. Freilich ist sie nur eine finanzielle, aber für uns doch nicht bedeutungslose. Gestatten Sie mir, daß ich Ihnen in Kurzem den Hergang dieser interessanten Angelegenheit erzähle. Vor vier Jahren, am Purimfeste 1891, ward Petersburg von dem Gerüchte ganz außer sich gebracht, daß das bekannte Bankhaus I. E. Günzburg u. Co., eine der ersten und solidesten Firmen Rußlands, seine Zahlungen eingestellt habe. Dieses Gerücht bewahrheitete sich, und

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