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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-06-07 · 23 (7.6.1895) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
23 (7.6.1895)
Date
1895-06-07
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 23 Dr. Bloches Wochenschrift. Seite 427 hat. Wir wollen aber hoffen, daß auch unsere a u öw ä r t i g e n, besser situirten Glaubensgenossen uns hilfreiche Hand zur Linderung der unsäglichen Noth bieten werden. Wir hoffen, daß sämmtliche jüdischen Blätter im Auslande einen Appell an die „Rachmanim bnei Rachmanim“ erlassen werden, und sich crbietig machen, Spenden an die Hilfscomites in den verunglückten Städten (oder an die Redactionen des „"Woscliod“, „Hamelitz“, „Hazefirah.“) zu befördern. Die „brennende" Frage der Feuerschäden hat bei uns alle anderen Fragen in den Hintergrund gestellt, das heißt, wir Juden haben jetzt keine Zeit, unsere Aufmerksamkeit auf unsere allgemeine Nothlage zu wenden. Aber das Auge des „Gesetzes" wacht: Die Herzen der administrativen Mächte sind durch das Brandunglück durchaus nicht erweicht worden, und noch immer finden es die Polizeibehörden und sonstige höhere Tochinowniks geboten, die den Juden eingeräumten winzigen Rechte zu kürzen oder wenigstens in Frage zu stellen. Die blödsinnigsten „Fragen" werden mit dom größten Ernst aufgeworfen und verhandelt: Zum Beispiel, ob Juden die das Recht haben, im ganzen Reiche zu wohnen, auch berechtigt sind, dort Handel und Gewerbe zu treiben. Und unaufhörlich muß der Senat (die höchste Instanz) die übereifrigen Gouverneure auf die bestimmten Gesetzesparagraphen verweisen, die ihnen natürlich auch von früher gut bekannt sind, die sie aber seit längerer Zeit gewohnt sind vollständig zu ignoriren, was ihnen unter der verflossenen Regierung eher Lob und Avancement als Tadel und Verweis eilige bracht hat. Und da die höheren und niederen Beamten von dem „liberalen" .Hauch der neuen Aera vorläufig noch nichts merken, so schreiten sie auf ihrem breitgetretenen Weg weiter und kümmern sich wenig um die bestehenden Gesetze. Am schrecklichsten haben unter dieser Willkür zu leiden die in den Dörfern wohnenden Juden. .Bekanntlich unterliegen der Ausweisung aus den Dörfern nur diejenigen Juden, die nach dem Jahre 1882 sich dort angesiedelt haben, denjenigen aber, die dort früher ansäßig waren, ist der Aufenthalt auch weiter gestattet. Die Herren T s ch i n o w n i k s aber kümmern sich nicht um dieses so klar und deutlich abgefaßte Gesetz und zwingen auch die ältesten, ansäßigen, jüdischen Familien, die Dörfer zu verlassen. Besonders unheilvoll ist für diese Dorfjuden der häufige Wechsel der örtlichen Administration. Jeder neuernannte Polizei-Jnspector verlangt von den Juden neue Documente ihres Domicilrechtes und erklärt ihre früheren Beweise, die sein Vorgänger genügend fand, für ungiltig, nimmt ihnen die alten Certificate ab und weist die meisten aus, und den anderen gibt er neue Certificate, die sein Nachfolger wieder als ungiltig erklärt — und so in infinitum. Diese unerhörte Willkür ist hauptsächlich im taurischen Gouvernement sehr verbreitet, worüber sogar Nichtjuden empört sind, und ein Nichtjude hat im „Wosch.od“ in einer längeren Correspondenz diese gräulichen Zustände gehörig beleuchtet und gegeißelt. Ein sauberes Institut ist die „Russische Telegraphen- Agentur", welche die gesammte Presse Rußlands mit dem nöthigen Telegrammbedarf versieht. Diese Agentur hat natürlich einen vfficiellen Charakter (so wie das Correspondenzburcau in Wien oder W o l ff's Telegraphenbureau in Berlin), und natürlich ist sie stark antisemitisch angehaucht, aber daß sie gemeine Fälschungen in ihren parlamentarischen Berichten aus dem Auslände begehen wird, um den Juden zu schaden, das haben wir doch nicht glauben wollen, bis wir es in voriger Woche erfuhren. Am26.Maiverschicktedie „RussischeTelegraphen-Agentur" an sämmtliche Blätter folgendes Telegramm aus Paris :„Jn der Deputirtenkammer begann die Debatte über die Mißbräuche der Juden . . . Der Socialift Roy an net forderte die Regierung auf, die Aufsaugung von Capitalien durch jüdische Gesellschaften zu verhindern. Der Justizminister Trarieux erklärte, die Regierung sei in dieser Beziehung m a ch t l o s." Nun kann man sich denken, welche Sensation dieses Telegramm in jüdischen und nichtjüdischen Kreisen erregte Wenn der französische Justizminister, d. h. die Regierung, im Parlamente offen erklärt, daß die Regierung machtlos fei gegen die Juden — dann hört doch Alles auf? Nach zwei Tagen trafen aber die ausländischen Blätter ein, und was finden wir dort? Nun, Sie wissen ja, daß der Socialist R o y a n n e t gerade gegen die christlichen Capitalisten auftrat und die Regierung aufforderte, gegen die englischen Gesellschaften (wo nach seinen Worten gar keine Juden vertreten sind) Stellung zu nehmen, und darauf hat eben Trarieux geantwortet, daß gegen die ausländischen englischen Gesellschaften die Regierung vorläufig machtlos ist. Und die „Russische Telegraphen- Agentur" hat nur das Wörtchen englisch „durch" jüdisch — corrigirt und überhaupt den Socialisten und den Minister als Judenfeinde hingestellt. Das ist niederträchtig! _ Ego. Beitrag zur Geschichte der russischen Inden. «Fortsetzung aus Nr. 21.) Zweiter Lichtpunkt. Der Militärgouverneur von Ssemipalatiusk, General Karponw, hat folgende bemerkenswerthe Kundgebung veröffentlicht, die in Gestalt von Placaten aus den Straßen der Stadt angeschlagen wurde: „Es ist zu meiner Kenntniß gelangt, daß in Mitte der Bevölkerung unsinnige Gerüchte circuliren, als ob ein im December vorigen Jahres verschollener Knabe, Wladimir Latinjew, von Juden geraubt worden, um aus ihm christliches Blut zu erlangen, dessen, nach der Meinung unwissender Leute, die Juden angeblich zur Ausführung ihrer religiösen Ceremonien bedürfen. Gegenwärtig ist der Knabe Latinjew tobt aufgefunden worden und wurde in Gegenwart des Procureurs, des Untersuchungsrichters und anderer Zengen ärztlich untersucht, wobei es sich herausstellte, daß an dem Kinde keine Merkmale zu entdecken waren, welche darauf hindeuteten, daß man den Versuch gemacht habe, ihm Blut abzuzapsen. Ich ersuche die Bevölkerung obenerwähnten lügnerischen Gerüchten keinen Glauben beizumessen, wobei ich jedoch die Warnung hinzufüge, daß Diejenigen, welche derartige Gerüchte verbreiten oder in Bezug auf die Juden irgend welche Drohungen ausftoßen sollten, zu gerichtlicher Verantwortung gezogen werden. Sollte sich jedoch Jemand irgend welchen Gewaltact bezüglich der Juden erlauben, so werde ich mich dadurch in die peinliche und nicht wünschenswerthe Nothwendigkeit versetzt sehen, zu strengen Maßregeln Zuflucht zu nehmen, um jeglichen Gewaltact zu verhindern. Ich hoffe, daß sich in Mitte der Bevölkerung verständige Leute finden dürsten, welche diejenigen zur Raison bringen, die sich von unsinnigem Weibergcschwätz Hinreißen lassen." Jedenfalls ist eine solche Kundgebung seitens eines hochstehenden Functionärs sehr erfreulich, obgleich es schwer zu erhoffen ist, daß dieselbe auf die unwissende und fanatische Bevölkerung irgend welchen bleibenden Eindruck machen wird. Bei der erstbesten Gelegenheit wird sich dieses blödsinnige Gerücht wiederholen und kann noch viel Unheil stiften. Dritter Lichtpunkt. Unsere Regierung ist für das leibliche Wohl ihrer jüdischen Uuterthanen außerordentlich besorgt. So z. B. ist es den jüdischen Einwohnern Petersburgs verboten, ihre Villeggiatur im Forstcorps (ein sehr hübscher, nahe der Residenz gelegener, sehr frequenter Sommerausenthalt) zu nehmen, weil es da sehr feucht ist. Die Juden können sich da leicht Rheumatismus oder Gicht holen, und da ihnen die Cur im Schwefelbad Kemmen, an den Mineralquellen des Kaukasus verboten ist, um sich von diesen Gebresten zu curiren, so sorgt die Regierung in väter-

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