Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 23 (7.6.1895)
- Date
- 1895-06-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 426 Dr. Dloch's Wochenschrift. Nr. 23 zurückzichen werde, während Hiskia keine solchen zu Gebote standen, gleichzeiüg veNündete Iesaia, der stets vor einem Anbinden mit. Assyrien warnte, daß nicht einmal die Unzugänglichkeit von Chaldäa cs vor der Vernichtung bewahren würde und daß ein Bündniß mit Merodach-Baladan für Juda von verderblichen Folgen sein müsse Der Erfolg hat gezeigt, daß er richtig urtheilte." Die Abweichungen der Chronikberichte von denen der „Könige" bildeten stets einen Gegenstand eingehender Untersuchungen. W i n ckl ersetzt auch hier manches in rechtes Licht. Dies gilt namentlich für 2. Chron. 14—16, woselbst von dem Einfalle eines „Kuschiten Serach" in Juda zu Asa's Zeit erzählt wird; es zeigt sich, daß auch hier lwie Jes. 18) die „Kassiten" (Chaldäer) gemeint sein müssen. Scharfsinnig ist die Untersuchung über: „Mizrajim, Mazor, Muzri". Diese Namen sind die üblichen Bezeichnungen für Aegypten. Eine dem hebräischen mizrajim entsprechende Form dieses Namens war bisher in keiner semitischen Sprache nachweisbar. Die neuesten Jnschriftenfunde von El Amarna, um deren Veröffentlichung, Erklärung und historische Ausbeutung sich Winckler die größten Verdienste erworben hat, brachtm auch darin ein intereffantes Novum. In diesen Inschriften findet sich nämlich die Pluralform Mizri (assyrisch). Zwei Briefe aus El Amarna schreiben Mizzari. An zwei Stellen im Alten Testamente wird Mizrajim in einem Zusammenhänge genannt, der unerklärlich ist; nämlich einmal 2. Kön. 7, 6 wird als Beranlaffuug zur Aufhebung der Belagerung Samarias durch Benhadad angegeben, daß die Aramäer „ein Geräusch von Reitern, Pferden und Truppen hörten und zu einander sprachen: siehe, es hat gegen uns gedungen der König von Israel die Könige der Chittim (Chatti, Chetiter) und die Könige von Mizraim." Unter den chetiüschen Königen sind die syrischen zu verstehen; unter Mizraim darf man hier aber nicht Aegypten, sondern nur das südlich vom Taurus gelegene Gebiet Syriens verstehen, welches im Assyrischen Muzri (unter Salmanassar I. 1800) heißt und Theile von Kappadocien, Catavni und Cilicien umfaßte; noch unter Salmanassar II. wird ein Staat Muzri genannt, der Benhadad in der Schlacht bei Karkav Hilfstruppen stellen umßte. Chittim und Muzri sind hier also eine Bezeichnung von Nordsyrien. Derselbe Name ist noch einmal im Alten Testament mißverstanden worden; nämlich 1. Kön. 10, 28 und 2 Chron. 1, 16—17 über Salomo's Bezugsquelle für Pferde. Die Stelle muß aufgefaßt werden: „und die Ausfuhr der Pferde für Salomo fand statt aus Muzri und Kue." Ich habe hier über W i n ck l e r's „Alttestamentlrche Untersuchungen" ziemüch eingehend Bericht erstattet. Schon einmal hatte ich Gelegenheit, iu diesem Blatte in einem Auffatze über ..Urgeschichte Palästinas" auf die Wichttgkeit der Keilinschrrften hinzuweisen und in dem daselbst abgedruckten Borttage „Babylonische und hebräische Literatur" kurze Parallelen zwischen den genamiten Literaturmaffen zu ziehen. Diesmal aber verfolgte ich den Zweck, weitere und Fachkreise auf die im Eingänge bemertte Thatfache hinzuweisen, daß das „Alte Testament" schlechterdings nicht mehr wiffenschastlich verstanden werden kann, ohne die zugänglichen Hilfsbücher assyrischer Geschichte zu berücksichtigen. Freilich ist es ein Anderes, wenn man die großartigen Ergebnisse der Assyriolögie iu der Origmalsprache lesen kann. Die Uebersetzungen und Bearbeitungen der enorm großen Keilschristliteratur sind aber so zahlreich, daß jeder wirklich wiffenschastlich geschulte, jüdische Theologe sich genügend unterrichten kann. Vielleicht ist es mir gelungen, Manchen von der hohen Wichtigkeit dieser Studien zu überzeugen. Nus Rußland. Im engen, düstern Ausiedtungsrayon der russischen Juden wird's heller und heller. Eine jüdische Stadt nach der anderen wird ein Raub der Flammen, die gewöhnlich „aus unbekannter Veranlassung" ausgebrochen sind, und die gewöhnlich, von „einem außerordentlich starken Winde angefacht", im Verlause von einigen stunden die Existenz Tausender Familien vernichten und noch außerdem einen bestimmten Percentsatz Menschenopfer fordern. Der wunderschöne Monat Mai eröffnet bei uns von jeher die unheimliche Brandsaison, und seit den „Judenschlachten" beim Regierungsantritt Kaiser Alexander IU. pflegten solche „lichte Momente" (das heißt Verheerung jüdischer Städte durch Feuer) allsommerlich, mehr oder minder intensiv, wiederzukehren. Zu jener denkwürdigen Zeit nämlich, als die „Judensrage" in Rußland besonders heftig entbrannt war, und Mord und Plünderung schließlich doch als unpassende Lösung derselben anerkannt wurden, entstand „aus unbekannter Veranlassung" der Usus, allsommerlich einen Theil der jüdischen Ortschaften die „Feuerprobe" bestehen zu lassen, um so „mehr Licht" in diese complicirte „Judeusrage" zu bringen .. . Damit soll aber nicht gesagt werden, daß die Brandstiftungen (denn das sind die Brände im jüdischen Ansiedlungs- Rayon) immer auf die edlen Intentionen des „höheren" Antisemitismus zurückzuführen sind; Vieles muß auch auf die Rechnung der raub- und plünderungssüchtigen Banden gestellt werden, die der nicht ganz unberechtigten Ansicht huldigen, ihr sonst nicht ungefährliches Handwerk an Juden ungestraft üben zu können ... Und wie leicht ist's, eine „Judenstadt" abzubrennen! Durch die unter der letzten Regierung vollzogene Expulsion der Juden ans den Dörfern und den innerrussischen Gouvernements hat die Zusammenpferchung in den „Judenstädten" ganz unnatürliche Dimensionen angenommen: Städtchen, auf deren Flächenraum kaum 10.000 Menschen wohnen können, werden von 20.000 bis 30.000 und mehr Seelen bevölkert, und daß die Bauart der dortigen sogenannten Häuser (das heißt dünne, bretterne Umzäunungen mit Strohdächern) eine außerordentlich feuergefährliche ist, ist ja bei der beispiellosen Armuth der Bevölkerung selbstverständlich. Da kann man sich denken, welch ein leichtes Spiel das einmal ausgebrochene Feuer in so einem dicht mit Häusern besäeten Orte bei günstigem Wind und entsprechend heißer Temperatur hat! Und thatsächlich „bricht" das Feuer nur bei sehr heißem Wetter und bei sehr heftigem Sturm aus, und noch dazu an zwei oder mehr Stadttheilen zu gleicher Zeit. .. So snccessive und so intensiv aber wie in diesem Frühling haben die Brände bei uns noch nie gewüthet. Innerhalb drei Wochen sind zehn größere Judenstädte durch Feuer fast vollständig vernichtet worden. Die Größe des Unglücks läßt sich noch nicht feststellen, iminerhin kann man die Zahl der ihrer Existenz vollständig Beraubten aus 10.000 Familien schätzen, d. h. 50.000 jüdische Seelen sind plötzlich brot- und obdachlos geworden! In Brest-Litowsk allein sind 1600 Häuser niedergebrannt, wovon drei Viertel der ärmsten jüdischen Bevölkerung gehörten. Und dazu noch die Städte Dubno, Eischischok, Rushany, Kobrin, Wassilkowo, Selwa, die vollständig eingeäschert wurden, und noch drei Städtchen, die zum größten Theile verheert wurden. Die Noth ist unbeschreiblich. Die in riesige Aschenhausen verwandelten Städte bieten .ein entsetzliches Bild von Verwüstung und Verheerung, ein Bild, das sogar die Cvrrespondenten antisemitischer Blätter schaudern machte. Auch dadurch zeichnen sich die diesjährigen Brände aus, daß sie eine erschreckende Zahl von Menschenopfern fordern. In Brest-Litowsk sind bis jetzt über 150 verkohlte Leichen aus den Brandtrümmern gezogen worden, die Zahl der Vermißten (hauptsächlich Kinder) ist aber eine bedeutend größere. Bei dem Brande in Wassilkowo sind 20 Menschen, bei dem in Eischischok zehn Personen umgekommen. Und auch bei den anderen Brandkatastrophen sind viele Menschenleben zu beklagen. Und daß die Verunglückten fast überall nur Juden sind, ist ja leicht begreiflich. Vorläufig sind in allen abgebrannten Städten Hilfscomites, organisirt und aus allen jüdischen Gemeinden des Reiches strömen Liebesgaben in Form von Geld und Naturalien herbei. Es ist aber nicht zu glauben, daß die Spenden der russischen Juden allein, die im Allgemeinen in der größten Armuth leben, im Stande sein werden, den unglücklichen Abgebrannten auch nur den zehnten Theil dessen zu ersetzen, was ihnen das verheerende Element genommen