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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-06-07 · 23 (7.6.1895) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
23 (7.6.1895)
Date
1895-06-07
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 424 Dr. Bloch's Wochenschrift. Mr. 23 dieser Festgesänge enthält. Man muß ein großer Gelehrter sein, um einen solchen Festgesang ohne Commentar genau zu verstehen. Der Vorbeter war in alter Zeit der Lehrer und Gewissensrath der Gemeinde, er allein war würdig, Scheliach Zibbur, Vertreter der Gemeinde zu sein. Höchstwahrscheinlich wurde auch damals beim Gottesdienste gesungen — hält man doch viele unserer Synagogenlieder für uralt — der Vorbeter hat aber nicht gesungen, höchstens cantilirt, weil im Orient Gebete überhaupt cantilirt werden, wie wir dies bei den Mohammedanern finden. Gesungen wird die Gemeinde haben, und Ordnung, Maß und Ziel dem Gesänge hat wohl der Cantor, der Chasan gegeben. Eine Stelle im Talmud, wo der Gottesdienst in der alexandrinischen Synagoge geschildert wird, läßt dies durchblicken. Dort heißt cs, der Chasan gab mit einer Fahne der Gemeinde ein Zeichen, wenn sie einzufallen habe. Nach Erfindung und Verbreitung der Buchdruckerkunst mußte man nicht mehr gelehrt sein, um Vorbeter zu werden, es genügte, punktirte Schrift lesen zu können, und da der Chasan, der Cantor singen konnte, rückte er hinauf an den Vorbetertisch, der Scheliach Zibbur verschwand, um beim Neilahgebet als Reminiscenz an den ehemaligen Gebrauch wieder zu erscheinen. Das Neilahgebet durfte von seiner Feierlichkeit nichts einbüßen, und darum hat es nicht der Cantor, sondern der Scheliach Zibbur, der Lehrer der Gemeinde vorzutragen, also der Rabbiner, denn nur dieser kann in Wahrheit Scheliach Zibbur, Vorbeter und Vertreter der Gemeinde vor Gott sein, er allein darf in Wahrheit dort stehen, wo einst der Priester stand, am Altar. Dies vorausgeschickt, kann die Frage, die Herr Obercantor Singer angeregt hat, genau beantwortet werden. Für die Jugend ist das Beste gerade gut genug, der Jugendgottesdienst kann nicht feierlich genug vorgenommen werden, denn er soll das Gemüth ergreifen und erwärmen, er soll die Jugend zu Gott erheben. Conservativ oder reformistisch, das ist eine überaus nebensächliche Frage, darum kümmert sich kein Vernünftiger, wenn wir nur die Andacht zu erwecken vermögen. Ob die Jungen dies oder jenes beten, wenn sie nur von ganzem Herzen und mit ganzer Seele, ergriffen von der Weihe und Schönheit des Gottesdienstes den Gott Israels anrufen. Darum sollen sie ihren Lehrer am Altar stehen sehen, er sei ihnen Priester, er sei ihr Führer zu Gott, er lehre sie beten. Also nicht der Cantor soll sprechend vorbeten, sondern der Rabbiner; der Cantor wird singen, theilS allein, theils mit dem Chor, theils mit der versammelten Gemeinde. Der Rabbiner wird dem Gebete die Weihe und Feierlichkeit verleihen, der Cantor die Schönheit des Gesanges. Was laut gesprochen werden soll, spricht der Rabbiner, sei es deutsch oder hebräisch; was gesungen werden soll, singt der Cantor allein oder im Chore, am Altäre aber ist wenigstens beim Jugendgottesdienst der Platz des Rabbiners. 8'. Dir Keilinschrist mrd das alte Testanrent. Von Dr. F e u ch t w a n g. ' Seit dem Erscheinen des großen Werkes von Eberhard Schräder unter obigem Titel sind dreizehn Jahre verstrichen. Man sollte glauben, daß dieser Zeitraum genügt hätte, den Ergebnissen der assyrisch-babylonischen Forschungen für die Kenntniß der Sprache und Geschichte der Hebräer in die jüdischen, fachwissenschaftlichen Kreise reichlich Eingang zu verschaffen. Und doch ist dies nicht in dem erwarteten Maße der Fall. Die Beschäftigung mit der Bibel sollte doch — neben dem Talmudstudium — einen Hauptheil der Arbeit bei den wissenschaftlich geschulten Rabbinern bilden. Seit geraumer Zeit ist es für den stillen Beobachter zu bemerken, daß das Studium des A l t e n T e st a m e n t e s, sowie der alten und neuen Commentatoren nicht mehr mit der liebevollen Hingabe gepflegt wird, wie ehedem. Sei es, daß diese Studien religiösem, sei cs, daß sie wissenschaftlichem Triebe entsprangen, immerhin hatten sie eine hervorragende Stellung in den sie betreibenden Cirkeln eingenommen. Die älteste Geschichte, der historische Inhalt der geschichtlichen Bibeltheile, tritt offenbar gegenüber der Pflege neuerer Geschichte nicht immer zum Vortheile der officiellen Vertretung jüdischer Wissenschaft bedeutend in den Hintergrund; zu deren sicherem Nachthcilc, wenn man bedenkt, daß außerjüdische Kreise uns in diesen Dingen manch-, mal überflügeln. Die Bibelexegese hat ein ähnliches Schicksal: hier scheint sich aber in jüngster Zeit ein Wandel zu vollziehen — dessen die bedeutende Ezechiel-Arbeit D. H. Müller 's Zeugniß ist. Die Kenntniß der Geschichte des alten Morgenlandes ist aber unbedingt erforderlich für die wirklich wissenschaftlichen Bibelleser. Und zu diesen gehören in erster Linie die jüdischen Theologen. Mau wird nicht ganz mit Unrecht einwenden: die Theologen haben genug mit Theologie, Philosophie, Talmud und Midrasch zu thun und die Bibel ist für sie kein historisches, sondern ein eminent ethisches Werk. Das ist, unbeschadet der Nothwendigkeit geschichtlicher Studien, auch wahr. Nun läßt sich aber einmal der Inhalt eines großen Theiles unserer herrlichen Bibel nicht von der Geschichte des vorderen Orients trennen, folglich muß man dieselbe auch in ihren neuesten Resultaten kennen zu lernen trachten. Man wird sagen, wir hätten ja Stade, Well Hausen, Renan, Graetz (!). Auch das ist richtig. Man weiß genug, kennt man den Inhalt der großen Geschichtswerke dieser Männer; man weiß sogar zu viel. Und doch muß man fiir das Studium der neuesten Forschungen eintreten und insbesondere für die Kenntniß der assyrisch-babylonischen Geschichte, welche, wie keine andere, den Inhalt der Bibel berührt und vielfach beleuchtet. S ch r a d e r 's erwähntes Werk sollte in Händen eines jeden Theologen sein. Ein jüngerer, doch schon berühmter Forscher hat das Werk des Meisters fortgesetzt und gezeigt, daß noch nicht alle Arbeit gethan sei. Derselbe schrieb nur jüngst in einem Briefe, es sei doch sonderbar, daß kein jüdischer Theologe sich ernstlich mit Asshriologie beschäftige. Und er hat Recht. Wenigstens will ich einen Theil der Pflicht erfüllen und als ehemaliger Schüler Schräder's und jetziger Freund Hugo Winckler's über dessen „Keilschristliches Textbuch zum Alten Testament" und „Alttestamentliche Untersuchungen" (Leipzig, Pfeiffer 1892) eingehend Bericht erstatten, was schon deshalb besonders wichtig sein dürfte, da diese hervorragenden Werke in den jüdisch-wissenschaftlichen Zeitschriften meines Wissens unberücksichtigt geblieben sind. Es ist in erster Linie das „Textbuch", welches das Interesse des aufmerksamen Bibellesers fesselt; es zeigt sich, daß die assyrischen Inschriften für die Zeit von der Mitte des neunten Jahrhunderts an und abwärts eine geradezu unentbehrliche Stütze für die Berichte des Alten Testamentes bilden. Die Inschriften Salmanassar II. (860—825), Ramannirar's III (812—783), Tiglatpilesar's (745—727), Sargon's (722-795), Sanherib's (704-681). Assarhaddon's (681 bis 668), welche W i n ck l e r, soweit sie biblische Berichte beleuchten und indirect berühren, in assyrischem Texte mit lateinischer Transscription und vortrefflicher dentscher Uebersetzung im Textbuche gibt, befähigen uns erst recht, die geschichtlichen Zusammenhänge in dem langen und furchtbaren Kampfe zu verstehen, den Israel um seine Selbständigkeit und Freiheit gegenüber der assyrischen Groß- und Weltmacht führte, bis das Nordreich unter Salmanassar und Sargou, das Südreich unter Nebukadnezar unterlag. Die „Babylonische Chronik" führt uns ein wichtiges Stück assyrischer Geschichte vor Die babylonisch-assyrischen „Königs- und Ezonyneenlisten" sind das Rüstzeug für chronolgische Vergleiche und Untersuchungen. Die mythologischen Texte überSintfluth und Weltschöpfung,welche W i n ck l er in gleicher Weise, wie die historischen, in das Textbuch ausgenommen hat und durch die griechischen Traditionen des Barossus und Alexander Polyhistor in willkommener Weise ergänzt, liefern wichtiges Material zu den Erzählungen der Genesis. Am Schluffe des Textbuches fand die Mesa-Jnschrift, in gesäuberter Textform Aufnahme. Die Inhaltsangabe (S. 106—111)wird jedenLeser sofort über dieWichtigkeit und Reichhaltigkeit des bescheiden auftretenden Buches belehren und überzeugen, daß S ch r a d e r's „Keilinschriften und Altes Testament" sowie W i n ck l e r's „Keilinschriftliches Textbuch zum Alten Testament" nothwendigerweise im Bücherschränke eines Theologen stehen und deren Berichte in seinem Wissensvorrath ausgenommen werden müssen. Größere Anforderungen an den Geist des Lesers stellen W in ckl er's „Alttestamentliche Untersuchungen", welche sich würdig

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