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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-06-07 · 23 (7.6.1895) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
23 (7.6.1895)
Date
1895-06-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
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De. Bloch's Wochenschrift. Nr. 23 Aquarellisten in ihm. Und aus welchem spröden Material er das Alles zu Wege gebracht hat! Die liebenswürdigste Täuschung, die uns je untergekommen. Hier lügt er das kostbarste Marmorgeäder, dort täuscht er uns alten geschwärzten Sandstein vor, daß uns ordentlich ehrfürchtig zu Muthe wird und die bewußten, historischen Gefühlsreihcn auftauchen: „Wie viele Geschlechter mögen . . .?" u. s. w. Er macht uns Quadern, für die Ewigkeit gefügt, weis — aus Holz, Gyps, Stroh und Mörtel, gibt uns bemalte Leinwand für Rohziegel und läßt eigens Fresken malen, um sie wegzuwischen, als ob der Zahn der Zeit sie beknuspert hätte. Sein Raffinement in der Auswahl der Surrogate, der passendsten, augentänschendsten, wird zum Glück vom feinsten, künstlerischen Geschmack geleitet, der ihn nie die Grenze des Schönen überschreiten läßt. Echt ist nur das Wasser, der Mond und die Gondeln — vermuthlich auch das Getränke — alles Andere ist holder Schein, Blendwerk, Spiegelfechterei, aber von der Art, wie man sie sich gerne gefallen läßt. Hören wir einmal, wie eine der gewandtesten und gewiegtesten Federn Wiens, die kunstkritische Ludwig H ev e s i's sich über das Alles ausspricht: „Mit sichtlicher Passion ahmen sie die kostbaren Bausteine nach, das weiß angewitterte und sonnenvergilbte Grau des Karststeins, den charakteristischen Zwiebeldurchschnitt auf einer Cipollinplatte, das bunte Gesprenkel der afrikanischen Brcccien, das mild abgetönte, poröse Roth und Grün der kreisrunden Scheiben von Rosso und Verda antico, iu deren Mitte einst ein eherner Knauf die Schlingen der Marquisen hielt. Gemeißelter weißer Marmor, in dessen Kehlungen und Riesungen sich das edle Schwarz des Alters, der dunkelste Schatten der Zeitfarbe hineingesetzt hat, ist ihnen besonders willkommen. Die Consolenreihen der Balcone mit ihren spitzen Löwenköpfchen, die spiralig gewundenen Randstäbe der hochgeschweiften Eselsrückenbogen, die Reihen von Vierblatt- und Dreiblattrosetten über den Loggien, das üppige spätgothische Maßwerk der Ballustraden, den allgegenwärtigen venetianischen Doppelzahnschuitt nicht zu vergessen, sind ihnen ein geläufiges Spiel. So eine Prachtfaoade mit ihrem fünsfenstrigen Portego oder Pergolo' in der Mitte und etwa noch a jonr durchbrechenden Eckfenstern mit übergreifenden Balkonen ist ein Capitalstück solcher Arbeit. Selbst die Ca d’Oro, dieses mittelalterliche Schmuckkästchen von Marmorarbeit, die einer Civitehe von Filigran und Jncrustation ihren Ursprung zu verdanken scheint, hat unsere Kunstfertigen nicht abgeschreckt. Die Vollblut-Ornamentik von Contariui-Fasan, die Marmor scheiben-Shsteme von Palazzo Dario, die Decorationskünste von Palazzo Priuli, Cavalli und Seriman, der „Scmiramide" des Volkes, das angebliche Haus des Tintoretto, auch die Mosaikfaoade der Compagnia Murano sind da zu nennen. Wahre Cabinetstücke find einige kleine Paläste von zwei oder drei Fenstern Breite." Und nun noch ein klein wenig Statistik: Um eine Vorstellung von den Mühen und Opfern zu geben, die das Unternehmen erforderte, seien hier einige Ziffern genannt. Von der ganzen, etwa 50.000 Quadratmeter umfassenden Bodenfläche des „Englischen Gartens" wurden 5000 Quadratmeter verbaut, während die Canäle, bei einer Länge von mehr als einem Kilometer, eine Wasserfläche von 8000 Quadratmetern besitzen, so daß von der Bodenfläche des „Englischen Gartens" noch ein freier Raum von 57.000 Quadratmetern für die Bewegung und den Genuß der frischen, vorn Wasser der Lagunen gekühlten Lust übrig bleibt. Sehr groß waren die Erdbewegungen, welche „Venedig in Wien" beanspruchte. Die Gesammtmasse des bewegten Erdreichs betrug 22.000 Cubikmeter, so zwar, daß 10.000 Cubikmeter auf Erdaushebungen entfallen, während 12.000 Cubikmeter Erde zugesührt werden mußten. 300 elektrische Bogen- und 4000 — nur! — Glühlampen erhellen die Anlagen. Seite 423 Die Idee ist dem Kopfe eines Poeten entsprungen. Wie anders? I. Schnitzer, der den „Zigeunerbaron" für Johann Strauß geschrieben und der sich sonst auch im ungarischen >L>christthum tüchtig umgethan, hat den glücklichen und schönen Gedanken zuerst gehabt. Er hat aber auch verstanden, ihn auf die nöthige finanzielle Basis zu stellen, hat die Geldgeber für das Project zu begeistern gewußt — und die sind sind nicht so leicht zu entflammen. Mit einer namhaften Summe stellte er sich zu obenan auf den Bogen und das Eis war gebrochen. Er war es, der den einzigen Mann mit unfehlbarem Griffe herausfand, der der architektonischen Seite der Sache gewachsen war. Für die schauspielerische gewann er Gabor Steine r, dessen vielseitige Erfahrung im Reiche bekleckster Leinwand bekannt war. Der bevölkerte den Raum mit der dazu gehörigen Staffage. Er „stimmte sie hinein", wie sie im Atelier-Jargon zu sagen pflegen. Liedersänger, Serenadenbringer, Tarantellatänzer, Dreher und Hüpfer dichtete Steiner dazu, eine feierliche, altvenetianische Societät „Grundwachter" von anno dazumal tti rothen Wämmsern, mit Helmen und Hellebarten, mit Stäben, welche den San Marco-Löwen tragen — jetzt war es erst fertig! Das Triumvirat M a r m o r e k - Schnitzer- Steiner hat sich redlich in die Hände gearbeitet, Einer den Anderen ergänzt und befruchtet. Jeder war ganz au seiner Stelle und sie haben den Wienern wieder einmal gezeigt, was tüchtige, kühne Männer zu leisten verstehen, wenn inan sie gewähren läßt und — w o sie zu finden sind! Das ist der schönste und größte Erfolg von „Venedig in Wien"! 0. 0. Soll der Cantor sprechend Vorboten? Nein! Der Herr Obereantor Singer hat mit seinen Ausführungen in der vorletzten Nummer der Wochenschrift vollkommen Recht, daß Eantor der Sänger heißt. Er hat auch damit vollkommen Recht, daß die Art und Weise der Melodie dem Texte sein äußeres Gepräge gibt, so daß sich das Kaddisch am Neujahrstage anders anhört als das Kaddisch am Sabbath. Darüber sind wir einer Meinung, auch darüber, daß es nicht zweckentsprechend und nicht feierlich ist, wenn sich beim Jugendgottesdienst allsabbathlich je sechs Knaben um den Cantor poftiren, um mit ihm einen Psalm als Responsum zu recitiren. Also, der Cantor soll nicht sprechen, sondern singen, singen so viel er vermag und so viel er will. Keine Note werde ihm geraubt, kein Wort entzogen. Worüber wir aber nicht mit Herrn Obereantor Singer einig sind, ist dies, daß Cantor auch Vorbeter bedeuten muß. Vorbeter ist eine schlechte, begriffsverwirreude Uebersetzung für Scheliach Zibbur, was eigentlich Gesandter oder Erwählter der Gemeinde bedeutet, der im Namen der ganzen Gemeinde und als Vertreter der Gemeinde die Gebete vor Gott bringt. Dieser Scheliach Zibbur trat an Stelle des Priesters, wie das Gebet an Stelle des Opfers, und wie früher der Priester an den Altar trat, um Gott die Opfer der Gemeinde zu bringen, tritt dieser Scheliach an den Schulchan, um Gott die Gebete zu bringen. Deshalb wurde ehemals, so lange man die Bedeutung kannte, der Würdigste berufen, um laut das Pflichtgebet Schemone Essre zu sprechen, Kaddisch zu recitiren u. A. m. Es gehörte auch Gelehrsamkeit dazu, um Scheliach Zibbur sein zu können, denn vor Erfindung der Buchdruckerkunst waren Gebetbücher ein seltener uno kostbarer Schatz. Sowohl in der Mischna wie in der Gemara wird oft vom Scheliach Zibbur als von einem Gelehrten gesprochen. Es wird auch erzählt, wie der große Rabbi Akiba dieses Amt übte. Biele unserer Festgesänge (Pijutim) wurden von solchen Vorbetern verfaßt, und es ist geradezu staunenerregend, welche Summe von Bibel-, Talmud- und Midrasch-Kenntniß jeder

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