Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-06-07 · 23 (7.6.1895) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
23 (7.6.1895)
Date
1895-06-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3020846-3021061-3021085--04616-3028811
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 422 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 23 Jerusalems ist ganz so banal wie irgend eine Vorstadt von Paris", sagt er — vollkommen begreifen. In Bethlehem kommen Cookh'che Reisegesellschaften in Fiakern angefahren; ein Ladenschild kündigt auf französisch „fromme Artikel" zu billigen Preisen an. Man speist dort im Franciscanerkloster, wo auf den Tischen halbgelecrte Bicrgläser stehen, an den Wänden ordinäre Oeldruckbilder hängen; auf dem Wege zur Grotte begegnet man Touristen mit ihren „Baedekers". Wie ein Lohndiener in einem fürstlichen Schlosse seine eingclcrnte Beschreibung hersageud, führt ein Mönch die Besucher in der Grotte herum, und säst verzweifelnd fragt L o t i: „Mein Gott! ist es möglich, daß diese profauirte Stätte die Kirche von Bethlehem ist?" Daß Rachel in Bethlehem begraben wurde, daß man vom nahen Ramah eine Stimme der Klage hörte („Rachel weint um ihre Kinder, sie will sich nicht trösten lassen um ihre Kinder"), daß Bethlehem der Schauplatz der lieblichsten aller Idyllen war, das Alles fällt Herrn L v t i an dieser Stelle nicht ein. Dagegen beschreibt er recht ausführlich die Tracht der jetzt lebenden Frauen Bethlehems. Vergleichen wir seine Schilderungen mit der um dreißig Jahre ältere Hepworth Dipons (Tlie Holy Land, London 1^65), so sehen wir zu unserem Bedauern, wie sehr in dieser Zeit die Eurvpäisirung des heiligen Landes zugenommen und ^— die Bibelkenntniß seiner Besucher und Schildcrer abgegenommen hat. Auch in der nachbiblischen Geschichte scheint Herr L o t i nicht sehr bewandert zu sein. So sagt er z. B., Antonius IV habe den Tempel in Jerusalem zerstört, den dann Herodes wieder aufbaute. Mit Antonius dürfte er wohl Antiochos gemeint haben; aber dieser hat den Tempel nur beraubt und entweiht, aber nicht zerstört. An einer anderen Stelle nennt er die Königin Helena von Abideme, statt Adiabene; dann sagt er, die S e p h a r d i m seien die „durch Jahrhunderte des Schacherns und Wuchernunter nordischem Himmel ausgemergelten blutleeren Juden aus Polen, ganz verschieden von den aus Spanien und Marokko gekommenen A s ch k e n a s i in, unter denen man Prophetenfiguren mit gebräuntem Teint findet". An der Stelle Jericho's, sagte er, standen nach einander drei Städte, die alle zerstört wurden, und findet in diesen häufigen Zerstörungen palästinischer Städte ein besonderes Zeichen der Verfluchung. Was müßte er erst von Troja sagen, auf besten Boden S ch l i e m a n n gar die Ruinen von sechs und sieben zerstörten Städten fand! Und Troja war doch von braven Ariern bewohnt, von Phrygiern, deren Verwandtschaft sich sogar manche gute Deutsche rühmen. Trotz alledem ist das Buch-Loti's nicht ganz ohne Werth, und dieser liegt hauptsächlich in seinen schönen Naturschilderungen, obwohl auch diese mitunter mehr seine Stimmung als das treue Bild des Geschauten wiedergeben. Selbst wer mit seinen Anschauungen nicht überstimmt, selbst wer sich über die geringe wissenschaftliche Ausrüstung ärgert, mit der er Palästina bereiste und beschrieb, wird die Schilderungen seines Rittes nach Hebron, des „heiligen Platzes" der Mohamedaner auf dem Berge Moriah, wo einst unser Tempel stand, des Kidronthales und des Tobten Meeres mit großem Interesse lesen. Und wer zwischen den Zeilen zu lesen versteht, wird auch den immer zunehmenden Einfluß des Rustenthums in Jerusalem wahrnehmen, für das L o t i, hier mehr Franzose als Katholik, besondere Sympathie zu haben scheint. Doch das sind Dinge, die uns Juden nichts weiter äuge Heu. L. Venedig in Wien. Ein kleines Wunderwerk ist am Praterstern enstanden, phantastisch und reizend, liebenswürdig und künstlerisch bedeutsam, em stimmungsvolles Gedicht in Stuck und Holz, das zugleich ein wenig alles Mögliche ist: Wein-und Bierhaus, Stelldichein und Kausstelle. Was will der Anspruchsvollste noch mehr verlangen? Die schwarzen Gondeln schweben im k. k. Prater, von leichten Ruderschlägen anmuthig vorwärts bewegt, durch die Lagunen, und ehe sie um die Ecken der Palazzi biegen, erschallt der melodische Ruf der Gondolieri; wälsche Lieder werden zum Mandolinengezirpe gesungen, und wenn der Mond, der wirkliche, veritable Mond, sein Licht über das Märchen ausgicßt, dann wird die freundliche Täuschung erst recht vollkommen. Den Wienern, die doch immer und überall was zu nergeln und zu mäkeln finden müssen, gefällt diesmal ihr Venedig womöglich noch besser, aber doch zumindest ebensogut wie das Original an der Adria. Es hat den Vortheil, den nicht zu unterschätzenden, daß es rascher zu erreichen ist . . . Den Männern, welche in den heutigen krausen Zeitläuften den Muth zu solchem kühnen Wagniß gefunden, unser Compliment. Heute, wo alle Unternehmungsfreude abgebunden ist, wo jeder neue schöpferische Gedanke sozusagen im Entstehen erwürgt wird, ist solcher Muth doppelt erfreulich, und wir wünschen, daß der allerschönste Erfolg ihn auch gebührlich kröne. Das fehlt denn auch nicht. Die Wiener haben ein Centrum der sommerlichen Geselligkeit erhalten, und die Frage: „Wohin geht man?" beantwortet sich von selbst. „Venedig in Wien" ist eigentlich ein Ableger von dem Alt-Wien der Theater-Ausstellung. Architekt Oskar M a rm o r e k hat erst ein Sonett versucht, ehe er an sein Epos ging. Hier wie dort hat er sich als geistvoller, eigenartig veranlagter Baukünstler bewährt. Der Laie in solchen Dingen ahnt gar nicht, welche Summe von Kenntnissen, welcher Aufwand von Erfahrungen und Studien uöthig war. das in die Erscheinung zu rufen, was sich nun mit vornehmer Selbstverständlichkeit gibt. Eine Fülle von architektonischen Motiven lag ausgeschüttet da und mußte gesichtet, geprüft und mit wählerischem Geschmack über prüft werden, ehe sich das für den besonderen Zweck einzig Brauchbare ergab. Die Detailwirkung forderte gebieterisch ihre Rechte, wenn das Ganze nicht „gschnüsig" gerathen sollte. Der mißtrauische Besucher betastet, beschnuppert und — kostet mit der Zungenspitze, was man ihm zeigt. Darauf war Bedacht zu nehmen. Man kennt das in diesen Dingen argwöhnische Wicnervolk. Mit wohlfeilen Panoramenkünsten, die auf eine halbe Meile Distanz einen Staarblinden zu täuschen vermögen, war da nichts geschafft. Die Gnckkästnerei mußte auf ein ganz enges Gebietchen eingeschränkt werden. Doch, 'wenn Alles in der greifbaren Weise rechtschaffen Stand halten sollte, wie war cs dann mit der Wirkung in die Ferne? Der Blick in's Große, Bolle, auf's Ganze war doch auch eine berechtigte Forderung! Das Eine, wie das Andere, ist dem Meister vollauf gelungen. An keiner Klippe ist er gescheitert, mit sicherer Hand hat er sein Werk angelegt und bis zu Ende geführt. Einen Raum hat er uns vorzutäuschen verstanden, dreimal so groß, wie der, welcher ihm thatsächlich zur Verfügung stand. Ein Gewirre von Gassen und Gäßchen, calle und rami, ponfci, fondamenti und campi. Die prächtigsten Aus- und Einblicke thun sich da auf, ein Clavierauszug aus der Partitur- Venedig, praktisch und handlich zum Hausgebrauch — man hat doch nicht immer das große Orchester zur Verfügung. Feinschmecker, die sich darauf verstehen, dürfen ans dem Entzücken gar nicht herauskommen. Wir reden von architektonischen Gourmands jetzt, wohl zu merken, die anderen kommen später daran. Hier ist eine pikante Balconbrüstuug, direct vom Canal grande her, dort ein Capitälchen vom Dogenpalast; Kirchen, Klöster und Palazzi haben Motive gespendet. Ein Jdeenreichthum, unerschöpflich geradezu! Es sollte uns sehr wundern, wenn nicht Einiges auf unsere Wiener- Architektur verjüngend und erneuernd einwirken sollte. So ein kleiner Niederschlag von altvenetianischer Baukunst könnte gar nicht schaden. — Wir wären sehr wenig gewissenhaft, wenn wir des heiteren, coloristischen Reizes nicht gedächten, der hier sich ausspricht. Dieser Mar m o r e k ist doch ein Tausendkünstler! Was der für feine, gebrochene Töne auf seiner Palette hat! Es steckt auch ein Stück von einem genialen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.