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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-06-07 · 23 (7.6.1895) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
23 (7.6.1895)
Date
1895-06-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 23 Dr Bloch's Wochenschrift. Seite 421 aller Neichthümcr der Welt bemächtigen? denkt sich vielleicht der Leser. Folgen wir L o t i bei seinem Besuch in der Synagoge. Selbst er kann sich beinahe des Mitleids nicht erwehren (on eprouve presque im sentiment de pitie), wenn er die ärmliche, einsach weiß getünchte Synagoge, in die man mit dem Hut auf dem Kopfe eintlitt, mit den prächtigen Kirchen vergleicht. „Sperlinge fliegen ungenirt aus und ein und bauen ihr Nest über dem Tabernakel" (?) und ein paar alte Juden murmeln halb singend ihre Gebete, „wie die Bären den Körper hin- und her bewegend. und uns einen tückischen Blick zuwerfend . . ." „Die Frühlingssonne scheint ungern ein paar traurige Strahlen auf diese paar elenden Greise und die leeren Bänke zu werfen." Dann geht er am Freitag Abends zu den Resten der Tempelmauer und durchschreitet mit „einem Gefühl von Ekel und Furcht" das Judenquartier. Er sieht überall nur Gesichter von Händlern mit Hasenfellen und alten Kleidern, häßlich und abschreckend —" „Ein unauslöschliches Zeichen ist ihnen aufgedrückt, daß sie Jesus gekreuzigt haben; vielleicht muß man erst hieher kommen, um sich davon zu überzeugen, aber es ist unbestreitbar, daß diesen Stirnen ein besonderes Zeichen aufgedrückt ist, ein Brandmal für die ganze Nace.. ." Den Glauben hat der Herr Lieutenant in Jerusalem nicht gefunden, nur den Aberglauben. Oder hat er ihn schon aus Paris mitgebracht, als gelehriger Schüler Drumont's? Dann schildert er, wie die Juden von allen Seiten herbeiströmen „mit denselben Nasen, mit denselben Schläfenlocken, denselben Pelzmützen, schmutzig und häßlich . . ." „Dann drängen sie sich an die Tempelwand, ihre Gebete summend, wie ein Schwarm bösartiger Bienen . . ." Aber wie sie die Klagelieder herzusagen beginnen —" „wegen des Tempels, der zerstört ist. . ." u. s. w., weinend und die Hände zum Himmel erhebend, da erweicht sich auch ein wenig daSharte Herz Loti's: „Einzig, rührend, erhaben ist nach so vielen unerhörten Leiden, nach so vielen Jahrhunderten des Exils und der Zerstreuung die unerschütterliche Anhänglichkeit dieses Volkes an sein verlorenes Vaterland! Beinahe könnte man mit ihnen weinen, w e n n s i e keine Juden und nicht so abschreckend häßlich wären." „Es wird spät, und da kommen noch eilig einige Juden in Atlasröcken, mit langen Nasen . . . verspätet; freilich man, hat ja sein Geschäft", bemerkt Loti höhnisch. Sind denn die Juden in Jerusalem so eifrige Geschäftsleute, oder sind sie etwa die Einzigen, welche dort Geschäfte machen? Hören wir doch, was unser moderner Kreuzfahrer und Romanschreiber an andern Stellen seines Buches erzählt: In Bethlehem findet er Handlungen, in welchen Rosenkränze verkauft werden; vor der Kirche des heiligen Grabes haben die Verkäufer von Rosenkränzen und Kreuzen sich installirt." Sind das etwa Juden? Vor Jericho kommt ihm ein schwarzgekleideter Mönch galoppirend entgegen: „es ist ein Eremit vom Berg der Vierzig Tage, welcher der Erste sein will, um uns Rosenkränze von Muscheln und Holzarbeiten von Jericho anzutragen." War der Mönch ein Jude? „Jn's Hotel kommen dann noch mehrere solcher schwarzgekleideter Mönche mit langwallendem Haar und Banditengesichtern, um uns ähnliche Rosenkränze und Holzarbeiten anzubieten." Lauter Juden, diese Mönche! Am Sabbath geht Loti durch die Judenstadt und findet alle Läden geschlossen, „verstummt das gewöhnliche Hämmern der zahllosen Klempner." Es gibt also fleißige, jüdische Handwerker in Jerusalem. Die Juden sind noch immer in ihrem Vaterlande die Verfolgten; Muselmänner und Christen verhöhnen sie, so daß es selbst dem Judenfeind Loti zu viel wird. Auf dem Wege zur Tempelruine findet er eine Schaar Pilger aus Neapel, die sich, von Mönchen geleitet, dahin begeben, um sich über die weinenden Juden lustig zu machen. „Männer und Frauen, mit dem rothen Kreuz auf der Brust kommen sie daher wie die lärmenden Horden, die sich in unserem Südfrankreich nach Lourdes begeben." Aber die Juden bleiben ruhig in ihrem Stadtviertel, keine Neugierde treibt sie zu den Kirchen, wo sie doch so viel Interessantes zu sehen Hütten. Und könnten sie, welche von den Antisemiten Feinde der Christen, ja des ganzen Menschengeschlechtes genannt werden, nicht die schönen Tugenden der Verträglichkeit und christlichen Liebe lernen? Die Kirche über der allen Christen heiligen Grotte in Bethlehem, erzählt Loti, ist in drei Theile, für die Katholiken, Griechen und Armenier, getheilt, „ein türkischer Officier und Soldaten patrouilliren beständig innerhalb der Kirche, um die Ordnung aufrecht zu erhalten und die Schlachten zwischen den verschiedenen christlichen Confessionen zu verhindern." Noch ärger geht es in der Grabeskirche in Jerusalem zu, in die sich ebenfalls mehrere christliche Religionsparteien, mit Ausnahme der Protestanten, theilen. Da Herr Loti sich darüber ausschweigt, so wollen wir hier zur Ergänzung einen Bericht folgen lassen, der Anfangs Mai d. I. in der „Badener Ztg." zu lesen war: „Alle Ostern wird das „heilige Feuer" angezündet, von welchem die Griechisch-Orthodoxen behaupten, daß es direct vom Himmel herabkomme. Die bei diesem Anlaß in der Grabeskirche anwesende Menge steht dichtgedrängt stundenlang und schreit zum Himmel um Erscheinung des heiligen Feuers . . . Daun will Jeder der Erste sein, um sein Wachslicht an dem heiligen Feuer anzuzünden, und fast alljährlich kommen bei diesem Anlaß Unglücksfälle vor. Die Menschen erdrücken sich fast, und wer zu Falle kommt, kann sich unmöglich wieder aufrichten. Ehe nun das heilige Feuer angezündet wird, muß die Entsieglung des heiligen Grabes stattfinden. Es war bisher üblich, daß diese Ceremonie vom griechisch-orthodoxen Patriarchen in Begleitung zweier armenischer Diakone ausgeführt wurde. Diesmal jedoch wollten die zum Streit stets aufgelegten Griechen die Begleitung der Armenier nicht dulden, und nach längeren Verhandlungen, als auch der Gouverneur befragt und entschieden hatte, es müsse beim alten Herkommen verbleiben, wurde versucht, den functionirenden beiden armenischen Priestern den Weg zum heiligen Grabe zu verlegen. Letztere aber hielten auf ihr Recht und erzwangen sich ihren Platz hinter dem griechischen Patriarchen. Plötzlich griffen die umstehenden griechischen Popen an, packten die armenischen Priester und zerrten dieselben an den langen Bärten zu Boden.*) Sofort griffen aber auch die anwesenden armenischen Priester handfest ein, und es entwickelte sich vor dem heiligen Grabe eine großartige Kampfscene. Der Gouverneur hatte schon vorher mehr türkisches Militär in die Kirche verlegt, als dies sonst üblich war. Man hörte ein Hornsignal, das Militär pflanzte die Bajonette auf. Da ertönte vom Gouverneur selbst der Befehl: „Bajonnette ab!" wodurch jedenfalls viel Blutvergießen vermieden wurde, und der Angriff des Militärs erfolgte mit gewendetem Gewehre. Hageldicht fielen die Hiebe nach allen Seiten, und es gelang, die Ruhe wieder herzustellen. Es gab aber viele Verletzte und zwei armenische Priester wurden bewußtlos vom Platze getragen. Auch der griechisch-orthodoxe Patriarch kam bei dem furchtbaren Tumult zu Boden." Was die erwähnte Zeitung weiter sagt, lassen wir aus guten Gründen weg. Auch sonst gibt es im heiligen Lande gar manches, was Jeden, der den Gott Abrahams^*) verehrt, sei er Christ, Jude oder Mohamedaner, verstimmen muß: Es ist die arge Prosanirung durch den modernen Touristenunfug, mit Cookschen Reisegesellschaften und dem europäischen Hoteltreiben. Und wir können die Klagen Lo ti's darüber — „diese Seite *) Curios ist es, daß sich gleichzeitig die russische Regierung bei der türkischen um bessere Behandlung der Armenier verwendete. —) „Qu’il s’appelle, Allah, Rabbim (sic!) ou Jehovah-*, sagt Loti. Was er unter Rabbim versteht, weiß ich nicht.

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