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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-06-07 · 23 (7.6.1895) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
23 (7.6.1895)
Date
1895-06-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 420 Dr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 23 Jetzt wird in Frankreich der achthundertste Jahrestag des ersten Kreuzzuges etwas verfrüht gefeiert, denn die Kirchenversammlung, welche Papst Urban II. in Clermont- Ferrand (in der Auvergne) veranstaltete, wurde von ihm erst im November 1095 eröffnet. Wie Peter der Einsiedler vor 800 Jahren in feuriger Rede zum Kampfe gegen die Ungläubigen und zur Eroberung des heiligen Landes aufrief, so hielt jetzt ein Dominicaner, Pater Montfabr«, eine hitzige Rede, in der er zum Kampfe gegen den Unglauben aufrief — zur Wiedereroberung des Elsasses — mag sich vielleicht mancher der Zuhörer gedacht haben. Von Juden hat er, wie es scheint, in seiner Predigt nicht gesprochen, aber wenn die Mode der Kreuzzngspredigten zu uns kommen sollte, würden die deutscheil Nachäffer der französischen Moden wohl nicht ermangeln, diesen nationalen Aufputz vorzubringen. Und überhaupt, die Kreuzzüge erwecken bei uns Juden traurige Erinnerungen. Es gab damals gar viele fromme Christen, die es gefahrloser und einträglicher fanden, in der. Heimat die wehrlosen Juden zu plündern und zu morden, als sich im fernen Asien mit wohlbewaffneten Sarazenen herumzuschlagen. Und das Geschlecht der Schußprämien-Prediger ist ja noch nicht ausgestorben. Wie es aber bei uns neben den christlich-socialen auch deutschnationale Judenfeinde gibt, die vom Christenthum nichts wissen wollen, so gibt es, wie es scheint, auch in Frankreich neben den Clericalen auch ungläubige Judenfeinde. Ich bin zufällig auf eine solche interessante Persönlichkeit gestoßen, und da sie ihren Judenhaß gerade anläßlich eines Besuches des heiligen Landes zur Schau stellte und auch sonst einigen schriftstellerischen Ruf genießt, halte ich es der Mühe werth, die Leser dieses Blattes mit ihr bekannt zu machen. Es wird sich dabei auch Gelegenheit finden, das Wissen dieses ungläubigen Palästinapilgers einer kleinen Prüfung zu unterziehen und manches Interessante über die Verhältnisse im heiligen Lande nach dessen Berichten mitzutheilen. Um nicht für parteiisch gehalten zu werden, will ich hier gleich bemerken, daß sich sein Judenhaß nur in Bemerkungen und Urtheilen äußert; was er von dem berichtet, was er selbst gesehen hat, macht im Allgemeinen den Eindruck der Wahrheit, und wenn es Jemandem zur Unehre gereicht, so sind es nicht die Juden. t Dieser neueste Besuch des heiligen Landes wird uns in einem Buche beschrieben, dessen Titel: „Jerusalem" weniger erwarten läßt als es enthält, da ungefähr die Hälfte desselben anderen Orten des heiligen Landes gewidmet ist. Auch wird sich der Leser vielleicht wundern, daß es im Verlage eines jüdischen Buchhändlers erschienen ist, dem freilich als Entschuldigung dienen kann, daß auch die früheren Werke dieses Autors in seinem Verlage erschienen sind. Nach mehr wundern wird sich aber der, welcher diese früheren Werke kennt, und er wird vielleicht fragen: Wie kommt Saul unter die Propheten? — Freilich, Saul zog aus, um die Eselinnen seines Vaters zu suchen und fand einen Königsthron, unser Autor zog aus, um seinen verlorenen Glauben zu suchen und fand nur — ein schönes Honorar für sein Buch. Böswillige Leute könnten vielleicht sagen, er sei nur nach Palästina gegangen, um ein Buch darüber schreiben und das Honorar einstreichen zn können; aber ich will dem Manne nicht Unrecht thun. Ich glaube wirklich, daß cs ihm mit dem Glauben Ernst war. Er wollte die neueste, französische Mode mitmachen, aber nicht Frömmigkeit heucheln, und glaubte, seine Religion in ihrem Geburtslande wiederfinden zu können. Es ging ihm aber wie mancher eitlen Frau, die sich gerne nach der neuesten Mode tragen möchte, aber nach vielem Probiren vor dem Spiegel findet, daß sie ihr nicht gut steht. Was soll sie machen? Den Spiegel zerbrechen oder sich nach der alten Mode kleiden? Der Marine-Lieutenant Herr Julien V i a u d, unter dem Namen Pierre L o t i als Verfasser exotischer, nicht sehr moralischer, aber vielgelesener Romane bekannt, ist also in gefahrloser und viel bequemerer Weise als die alten Kreuzfahrer in's heilige Land gezogen und erzählt in seinem neuesten Werke in recht anziehender Manier, was er dort gesehen, gehört und gefühlt hat?) „Sei gegrüßt, o Kreuz, einzige Hoffnung!" hat er seinem Buche als Motto vorgesetzt, aber seine Hoffnung, fromm zu werden, ist nicht erfüllt worden. Und er thut doch alles Mögliche, sucht mit Vorliebe die Gesellschaft von Geistlichen auf, läßt sich gerne von Mönchen herumführen, besucht alle den Christen heilige Stätten in Jerusalem. Bethlehem, auf dem Oelberg u. s. w., sucht sich durch etwas Judenhaß im Glauben zu kräftigen — alles vergebens. Er bleibt das ungläubige Pariser Weltkind. „Alles ist vergebens," klagt er nach seiner Rückkehr von einem Ausflug zum Todten Meer, „nach drei Tagen habe ich die Stelle der großen Erinnerung ganz kalt wiedergesehen, und meine Besichtigung des Schatzes der Franciscaner hat — ich weiß nicht warum — mein Herz ganz zu Eis werden lassen." — Wir aber wissen warum, und werden noch daraus zurückkommen. Es gibt in Jerusalem viele christliche Cultstätten, gar viele von der gläubigen Tradition geheiligte Stellen, und Lo ti zieht von einem Orte zum andern. Wie ein vor Durst Verschmachtender eine frische Quelle, so sucht er nach einer Stätte, wo er seinen Glaubensdurst löschen, ein wenig naiven Glauben finden könnte, aber es geht ihm wie dem Bileam mit den dreimal sieben Altären. — Auf die Gefahr hin, sich einen starken Schnupfen zu holen, verbringt er — selbstverständlich unter dem Schutze eines wohlbewaffneten, türkischen Soldaten — eine kühle Frühlingsnacht aus dem Oelberg, in tiefer Andacht, auf irgend etwas Unbestimmtes von Oben, auf eine Erleuchtung oder Erquickung seiner Seele wartend; aber „es kommt nichts; Niemand sieht mich. Niemand hört mich, Niemand antwortet mir. Ich warte und die Stunden verrinnen, die letzte Hoffnung schwindet und ich versinke wieder in das Nichts." — Ein jüdischer Leichenzug mit Fackeln zieht in der Ferne vorüber und der Marine- Lieutenant unterläßt es nicht, trotz seiner sehnsüchtig ahnungsvollen Stimmung, eine höhnende Bemerkung einzuschalten. Und trotzdem kein Trost von Oben, keine Offenbarung! Noch ungläubiger als er gekommen, verläßt Loti das heilige Land. Nein, die neue Mode ü. 1a Kreuzzug steht ihm entschieden nicht; er zerbricht zwar nicht den Spiegel, aber er besudelt ihn. Nachdem er dem Gottesdienst der christlichen Abessynier und Kopten beigewohnt, ruft er aus: „Das Alles ist barbarisch, götzendienerisch, an irgend einen alten Cultus von Isis oder Baal erinnernd." An die in neuerer Zeit ausgegrabenen Schatzhänser der griechischen Städte bei den Tempeln von Delphi und Olympia erinnern die Berichte L o t i's von den Schätzen der Kirchen in Jerusalem, und das mag es wohl gewesen sein, was „sein Her; ganz zu Eis werden ließ." In dem „Schatze der Lateiner" sah er goldene Altarplatten, zehn Fuß hohe, silberne Leuchter, mit Diamanten besetzte Kreuze, ein auf vier bis fünf Millionen geschätztes Ciborium von Gold und Edelsteinen, Geschenk eines Königs von Neapel; Schränke voll kostbarer Gewänder mit den Aufschriften: „Geschenk der Republik Venedig", „Geschenk aus Italien", „Geschenk aus Oesterreich" u. s. w. Ein prachtvolles, mit Edelsteinen besetztes altes Meßgewand hatte man vor einiger Zeit in einem Nonnenkloster repariren lassen; die Arbeit dauerte fünf Jahre und kostete 15.000 Frcs. Aehnliche Kostbarkeiten, Evangelienbücher gebunden in mit Edelsteinen besetzten Goldplatten, mit Edelsteinen überladene Tiaren u.dgl. sah Loti in dem sonst schwer zugänglichen „Schatz der Griechen". Wie muß es erst bei den Juden aussehen, die sich ja *) Pierre Loti, de I’Academie i'rainjaise, Jerusalem. Paris, Calman Levy 1895.

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