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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-06-07 · 23 (7.6.1895) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
23 (7.6.1895)
Date
1895-06-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 23 Seite 419 Dr. Bloches Wochenschrift. mittel, und ein heiliger Krieg ist es, in den wir ziehen. In allen Städten und Ortschaften mögen sich Localcomitcs zur Aufbringung von Hilssgeldern für das Wiener jüdische Wahlcomite bilden. Noch ist diese ruhmgekrönte Stadt nicht der wildesten Pöbelherrschaft verfallen, noch fühlen wir die Kraft und den Muth dazu, sie vor diesem traurigen Schicksal zu bewahren. Jüdische Bürger Wiens und Oesterreichs — thut Eure Pflicht! _ Die antisemitische Nordbahn. Am 30. Mai hat die Generalversammlung der Kaiser- Ferdinands-Nordbahn stattgefunden. Das Ereigniß des Tages war, daß ein Actionär es gewagt hatte, den bei dieser Bahngesellschaft, die noch bis dato fälschlich „Jndenbahn", „Rothschildbahn" gezeichnet wird, üppig wuchernden Antisemitismus zu berühren. Der erwähnte Actionär sagte nämlich in dem betreffenden Passus seiner Rede: „Er sei überzeugt, daß der Berwaltungsrath der Nordbahn nach wie vor bestrebt sein werde, allen auf die Verbesserung der Lage des verdienstvollen Beamtenkörpers zielenden Anträge der Administration mit größtem Entgegenkommen zu begegnen, es dürite hiedurch vielleicht erzielt werden, daß die „gewisse" Strömung, welcher sich die minorum gentium der Beamtenschaft angeschlossen, zur Stauung gelangt, jene Strömung, welche ein illustrer Actionär, ein hervorragendes Mitglied der Verwaltung und Executive, mit der ihm eigenen Drastik und Kaustik coram publico wiederholt gegeißelt und gebrandmarkt hat, welcher er aber trotz seines mannhaften Muthcs und seiner heroischen Ausdauer dennoch erlegen ist." Charakteristisch ist der Umstand, daß die Tagesblätter, zweifelsohne in Folge erhaltener Ordre, von dieser Episode keinen ''Act genommen haben, nur eines, u. zw. das der Regierung nächststehcnde Blatt, hat ein abgeschwächtes Excerpt gebracht. Roch charakteristischer ist es aber, daß weder seitens der Verwaltung noch von Seite der Adunnistration gegen den Vorwurf, daß ein Thcil des Beamtenkörpers der Nordbahn der antisemitischen Agitation Vorschub leiste, eine Einwendung erhoben worden ist. Man gibt seitens der maßgebenden Factorcn nicht nur zu, daß die Beamten der Nordbahn sich im antisenütischen Fahrwasser befinden; dadurch, daß man die Beschuldigung stillschweigend hinnimmt, wird der Antisemitismus stillschweigend gebilligt und autorisirt, was angesichts der bevorstehenden Commnnalwahlen von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist. Was zur Ergänzung der Notorität nothwendig, kann durch höchst bezeichnende Einzelheiten erbracht werden. Traurig ist, daß bei der „Rothschild- und Judenbahn" kein Jude mehr eine Anstellung finden kann. Alan geht nun daran, die alten jüdischen Beamten, insolveit sie nicht absterben, aus ihren Stellungen zu bringen. So wurde jüngst ein hoher jüdischer Beamter der Gesellschaft, eine Capacität in seinen! Fache, durch viele Orden — österreichische und ausländische — ausgezeichnet, ein Beamter, der jeder Bahngesellschaft zur Zierde gereichen würde, verdrängt, trotzdem er in den besten Jahren, in vollster Manneskraft steht und gerne noch weiter dem Unternehmen seine Dienste gewidmet hätte. Gegen die jüdischen Beamten aber, rvelche wegen ihrer niedrigeren Stellung in der Beamtenhierarchie nicht in der Lage sind, von ihrer Pension zu leben, wird gegenwärtig ein förmlicher Missionsapparat, eine Seetenfängerei inscenirt, und die Herren Excellenzcn P a l l a v i c i n i und Boos-Waldek leisten ad majorem dei gloriam hiebei Pathenstetlen. Während bekanntlich der englischen Missionsgesellschaft ein Convertit 60.000 Pfund Sterling kostet, stellt sich bei der Nordbahn dieses erbauliche Geschäft viel billiger und ist eine Convertirung zumeist schon mit der Aussicht auf die Beförderung in die nächst höhere Gehaltsclasse, also mit wenigen Gulden, zu erzielen. Man kann es vielleicht noch erleben, daß die englische Missionsgesellschaft bei der Nordbahn eine Filiale eröffnet, an Unterstützung und Förderung dürfte es derselben gewiß nicht fehlen. Der Geist, welcher gegenwärtig bei der Beamtenschaft der 'Nordbahn herrscht, wird auch dadurch am besten gekennzeichnet, daß ein Theil offen dem Pietismus, ein anderer Thcil destructiven Tendenzen sich hingibt. Oberbearnte der Nordbahn sind mit einer gewissen Oftentation Mitglieder von sogenannten Tractätlein-Vereinen und nehmen bei denselben hervorragende, leitende Stellungen ein; dafür sind sie bei der Administration sowohl als auch bei der Verwaltung ausgezeichnet, und wenn auch ihre Gesinnung rückschrittlich ist, so ist dagegen ihr Gehalt auf der Bahn des Fortschrittes. Bei der minorum gentium der Beamtenschaft dagegen macht sich eine bedenkliche Lockerung der Zucht und Ordnung bemerkbar. Ist es doch so weit gekommen, daß die geheimsten Actenstücke in den antisemitischen Blättern zur Veröffentlichung gelangen. Dafür guittirt das antisemitische Hauptorgan den Nordbahnbeamten öffentlichen Dank. Es drängt sich die Frage auf, wie eine derartige Lockerung der Disciplin geduldet werden könne. Der Generaldirector, der oberste Chef der Executive, ist bekanntlich selber Convertit und dürfte deshalb nicht sein ceterum censeo Anlegen, um nicht an seine Abstammung gemahnt zu werden. Der Berwaltungsrath dagegen hat ein Interesse, es mit der Regierung, die den Antisemitisinus mehr als tolerirt, nicht zu verderben. Und der Großactionär! Dieser scheint sich einfach darauf beschränken zu wollen, die Dividende zu beziehen, auf die Verwaltung des von seinen Vorfahren gegründeten und zur Blüthe gebrachten Unternehmens aber nicht den geringsten Einfluß üben zu wollen. Pierre Loti in Palästina. Ein moderner Kreuzfahrer. Wer auch nur oberflächlich mit der Geschichte der letzen fünfzig Jahre bekannt ist, weiß, wie vielfache Veränderungen sowohl in den inneren Zuständen Frankreichs, als auch in dessen Stellung zu den anderen Staaten in dieser Zeit stattgefunden haben : aus dem Königreich Ludwig Philipp's ist eine Republik, aus der Republik ein Kaiserthum und aus dem Kaiserthum wieder eine Republik geworden. Königthum und Februar-Republik hatten nicht viel Einfluß in Europa, unter dem dritten Napoleon galt Frankreich fast als die erste Großmacht Europas, sank dann nach den Niederlagen von 1870 zu einer Macht zweiten Ranges herab und beginnt jetzt seine Machtstellung wieder zu erlangen. In einer Beziehung blieb aber Frankreich säst ununterbrochen die herrschende Macht und nimmt auch jetzt noch die alte, weltgebietende Stellung ein, auf dem Gebiete — der Mode. Und dies gilt nicht blos von der Kleidung und der leichten. Literatur, sondern auch von etwas viel Ernsterem: Europa ist jetzt sehr religiös geworden, und dazu ist die Mode von Frankreich gekommen. Im Unglücke werden die Menschen gewöhnlich sehr fromm, und die Franzosen haben in den Jahren 1870 und 1871 nicht wenig Unglück gehabt. Ueberall suchten sie nach den Ursachen ihrer Niederlagen, und als eine von diesen nannten ihnen die Clerisalen ihren Unglauben, ihren Abfall von Gott. Die himmlischen Mächte, lehrte man sie, müßten für die Revanche gewonnen werden, man müsse wieder recht eifrig katholisch werden, um die Protestanten Bismarck und Moltke besiegen zu können. Ueberall ertönte das „visu sanve 1a France!"; mit der Jungfrau von Orleans wurde ein förmlicher Cultus getrieben und reichlich und bereichernd fließt das Wasser von Lourdes. Und die Mode der Frömmigkeit ist von Frankreich, wie andere Moden, in die anderen Länder gekommen. Christlich-social ist jetzt höchst modern, und eifrig clerical zu sein, ist bei den vornehmen Damen sehr „chic.“ Wir, von unserem Standtpunkte, haben gar nichts dagegen einzuwenden, wenn die Menschen fromm werden, denn wahre Frömmigkeit ist mit Menschenliebe und Güte unzertrennlich verbunden. Leider aber ist die moderne, katholische Frömmigkeit eine etwas intolerante und aggressive, wie ja auch der speciell französische Katholicismus einen starken Beisatz von Deutschenhaß in sich hat. In Deutschland und Deutschösterreich konnte man natürlich diesen Bestandtheil nicht brauchen und so trat als Surrogat der Judenhaß ein.

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