Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 23 (7.6.1895)
- Date
- 1895-06-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 418 Dr. Bloch's Mvchrnschrift. Nr. 23 gehalten werden, der die Liebe und Duldsamkeit des Judenthums in so herrlichem Lichte erstrahlen läßt. Aber üben wirdieselbe Vorsicht, zu welcher der Deutsche Schulverein sich gedrängt sieht, der seine Gelder vor den Antisemiten in Sicherheit bringt; die Aussührung überweise man dem jeweiligen Vorstande der Wiener israelitischenCultusgemeinde. Man darf sicher sein, daß diese Körperschaft die christlichen Armen und Bedrängten nicht entgelten lassen wird, was die christlichen Hetzer und Bedrücker an den Juden sündigen; man darf sicher sein, daß die jüdische Menschenliebe und das jüdische Gerechtigkeitsgefühl sich redlich dem Willen der Stifter unterziehen und Böses mit Gutem vergelten werde. Es ist eine Zeit, in welcher die Felsen wanken und die Strome nach rückwärts fließen; es ist eine Zeit, in welcher die milden Sterne der Liebe verlöschen und die Fackel des Hasses lodert. Aber das jüdische Herz bleibt unwandelbar und die leuchtenden Sterne jüdischer Menschenliebe und Gerechtigkeit können nicht versinken! Zu den Wiener Gemrinderathswahlen. Wien wird Heuer der sommerlichen Ruhe entbehren. Der große Wahlkampf, durch welchen die Stadt Wien ihre autonome Gemeindevertretung wiedergewinnen soll, hat bereits begonnen. Und wenn Herr Lueger erklärt hat: „Eine solche Hetz' ist noch nicht dagewesen", so darf man auf der anderen Seite sagen: Niemals ist das liberale Bürgerthum mit solchem Ernst und mit so klarer Erfassung der vollen Tragweite seines Beginnens in eine Wahlbewegung cingetreten als diesmal. Der erste Trompetenstoß kommt — wie ja ganz selbstverständlich — von den Antisemiten. Die Mitglieder des antisemitischen Bürgerclubs veröffentlichen ein von Lügen und Jnvectiven strotzendes Wahlmanifest, und Herr Lueger gestattet sich noch den Luxus eines eigenen Aufrufes „Au die Antisemiten Oesterreichs!" welcher lautet: ..Der Bürgerclub des Wiener Gemeinderathes hat angesichts der bevorstehenden Neuwahlen sich als Central-Walilcomit« constituirt und mich zu seinem Obmanne gewählt. In dieser meiner Eigenschaft richte ich an alle unsere Parteifreunde in und außerhalb Wiens die inständige Bitte, sich durch Beiträge an der Bildung eines W a h l f o n d s zu betheiligen. Möge Jeder bedenken, von welch hoher Wichtigkeit der in Wien dnrchzuführende Wahlkampf ist. Ganz ungeheuerliche Geldmittel stehen unseren Gegnern zu Gebote. Bei uns ist dies nicht der Fall. Wir wollen eine freie und unabhängige Volkspartei bleiben und sind daher auch bei Aufbringung der zu 'jeder Wahl erforderlichen Geldmittel nur auf die Hilfe des Volkes angewiesen. Möge daher Jeder nach seinen Kräften beisteuern, um unserer Partei in Wien die Drittel zur Durchführung des, wie wir glauben, für ganz Oesterreich entscheidenden Kampfes zu ermöglichen. Eventuelle Zuschriften sind entweder an mich, und zwar unter der Adresse, Wien, I3X, Hauptstraße 21, oder an die Obmänner der Bczirks-Wahlcomitvs zu richten. Wien, 1. Juni 1895. Dr. Karl Lueger, Reichsraths-Abgeordneter." Man sicht, Herr Luege.r packt die Sache sofort an der praktischen Seite an. Der Mann, welcher „eine freie und unabhängige Bvlkspartei" gründen, welcher die Hydra der Corruption zertreten will und bei jeder Gelegenheit gegen Wahlbeftechungen und Wahlmißbräuche donnert, beginnt seinen Feldzug vor Allem mit der Ausschreibung einer Wahlumlage auf das gesammte „christliche Volk" in- und außerhalb Wiens. Herr Lueger erklärt, der bevorstehende Kampf werde entscheidend sein, nicht nur für Wien, sondern für ganz Oesterreich. Wir gehen noch viel weiter, wir behaupten, der Ausgang dieses Kampfes werde entscheidend sein für die Civilisativn des Abendlandes. Wien hat sich einst als Bollwerk der christlichen Cultur gegen die türkischen Horden erwiesen. Heute sind Gesetz und Recht, Kunst und Wissenschaft, Glaube und Freiheit bedroht von den Antisemiten, und jeder wahrhaft fromme Christ hätte alle Ursache, heute ein „Vaterunser in der Autifemitennoth" zu beten. Ja wohl, der bevorstehende Wahlkampf wird weit über das Weichbild Wiens, weit über die Gemarkungen Oesterreichs hinaus mit Spannung verfolgt werden. Triumphirt der Antisemitismus in dieser Schlacht, dann werden sich tiefe Schatten herabsenkeu auf die Völker des Abendlandes, dann wird unter der gleichen Parole, wie bei uns, auch in Deutschland und Frankreich, in Italien und Belgien das Volksrecht und die Gewissensfreiheit zertreten werden. Siegt in Wien der Racenhaß gegen die Gebote der modernen Staatsordnung, gegen die natürlichen Interessen Oesterreichs, dann werden alle zerstörenden Elemente in unserem Vaterlande dem Beispiele der Lncgc r und Genossen folgen. Wenn esnur des Judenhasses bedarf, um sich die Gunst oder doch die stillschweigende Duldung der Negierung zu gewinnen, dann wird keine der zahlreichen destrnctivcn Parteien und Parteichen in Oesterreich zögern, dieses Mittel in Anwendung zu bringen. Ob der Staat dabei gut fahren wird, ist allerdings eine Frage, die dann nicht wir aufzuwerfen haben. Der Wahlkampf hat begonnen, und er wird ganz ausdrücklich, ohne jede Verhüllung um die Frage geführt, ob in das Wiener Rathhaus der Judenhaß als Triumphator einziehen soll oder nicht. Angesichts einer so gestellten Frage gibt es für unsere jüdischen Mitbürger keinerlei Besinnen. Ehre und Gewissen gebieten jedem Juden, mag er w e l ch e r p o l i t i s ch e u Partei immer a n g e h ö r e n, in d e n Kampf einzntreten und mit aller Kraft für den Sieg der Fortschrittspartei zu arbeiten. Der politische Gegensatz zwischen Liberalismus und Demokratie, wenn und sofern ein solcher besteht, wird und kann nicht in der Wiener Gemeindestube zum Austrag gebracht werden. Der Wiener Gemeinderath ist eine administrative Körperschaft und in seiner Mitte soll nicht politische Principienreiterei getrieben werden. In welchem Lager immer unsere Glaubensgenossen stehen, im liberalen oder im demokratischen oder gar im socialdemokratischen, den Antisemiten gegenüber können sie nur ei ne e i n z i g e, g e s ch l o s s en e P h alanx bilden! Es ist sehr leicht möglich, daß die Liberalen sich in -ihrer festen Voraussetzung, die Wahlen finden erst im Herbste statt, arg täuschen. Es kann ja sein, daß sie in weit kürzerer Frist ausgeschrieben werden und die ungerüstete fortschrittliche Partei überrumpeln. Und noch Eines thut uoth! Sofort, ohne Säumen und Zagen, muß sich ein großes, jüdisches Central-Wahlcomite bilden. Ja wohl, ein jüdisches, denn um die materiellen und intellcctuellen Interessen der Juden handelt es sich! Diesem Wahlcomitö siele die sehr bedeutende und nicht etwa gering zu achtende Aufgabe zu, den Tausenden kleiner jüdischer Wähler eine feste Organisation zu geben; nicht ein einziger jüdischer Wähler darf diesmal der Wahlurne fernbleiben, geschweige denn, daß eine ganze Anzahl derselben, wie dies vor Kurzem in der Leopoldstadt geschah, in wohlerwogener Absicht sich der Wahl enthält. Der Trompetenstoß, den Herr Lueger in alle Gaue Oesterreichs hinausschmettert, soll und wird auch von allen Juden gehört werden! Der Kampf, den wir in Wien führen, wird a u ch zu Gunsten unserer Glaube nsgen offen in der Provinz geführt, und auch wir sind dabei ausschließlich aus die Hilfe unserer Brüder angewiesen. Unsere jüdischen Mitbürger in Mähren, Böhmen, Galizien und Ungarn können ihrem Glauben und dem Schutz ihrer Rechte nicht besser dieneu, als indem jeder Einzelne sein Scherflein zur Bildung eines W a h l f o n d s beiträgt. Ahmen wir nur ruhig das Beispiel der Antisemiten nach, seien wir ebenso praktisch wie sie. Jeder Krieg erfordert Geld-