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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-06-07 · 23 (7.6.1895) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
23 (7.6.1895)
Date
1895-06-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 23. Ol*. lUm ll S Ighrgsng XU. Cenlralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. M . ■■ - -===(ö] U. lr. PostsparrEen-Amt Clearingverkehr Nr. 610.976. Redaclivn und Ildministraiion: Wien H. Untere Augartenstraste tu. lelepkon ^ir. 6535. W-=-=— -=====—=-=[g Wien, 7. Juni 1895. ,_- -_» Erscheint jeden Freitag. Wan abonnirt bei allen Pvstanstalten des In- und Auslandes. . - - - - -■ P Brrngsprris für Sefterreilti: - Halbjährig 4 fl. — 8 Nr. ‘ ISmielejmupUu'e ■>’> fr. Für s Ausland: Halbjährig jl. 10 Nr. (Ganzjährig io „ 20 „!- A nz ejg en : Tie linal gespaltene |! Petitzeile 12 fr. Inhalt: Leitartikel: Ein Wort an die jüdischen Wohlthäter. — Zn den Wiener Gemeinderathswahlen. — Die antisemitische Nordbahn. — Pierre Lotti in Palästina. — Venedig in Wien. — Soll der Cantor sprechend vorbeten? — Die Keilinschrift und das alte Testament. — Aus Rußland. — Beitrag zur Geschichte der russischen Inden. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Der Kaiser über den Wiener Gemeinderath. — Statthalter Graf Badem gegen die Judenhetze. — Die Juden sollen geben. — Kleine Ursachen, große Wirkungen. — Protestantenhetze. — Sächsischer Thierschutz. — Ein recht menschenfreundlicher Arzt. — Gustav Freptag's Witwe. — Herr von Hammerstein. — Zur Regelung der Sonntagsruhe. — Zur Reception in Ungarn. — Die provocatorische Nelke. — C o r r e s p o ndenzen: Wien, Brünn, Berlin, Petersburg. London. — Vermischtes,: Wien, Bodenbach a. d. E-, Groß-Enzersdorf. Orlau, Proßnitz, Sniatvn. — Feuilleton: Masser. — Ein israelitisches Waisenhaus. — B r i e s k a st e n. — Inserate. Ein Wort an die jüdischen Wohlthäter. Angstvoll blickten die Herren vom Deutschen Schulverein bei ihrer letzten Hauptversammlung auf die Zerstörung, welche der Antisemitismus inj Wien angerichtet hatte. Dieses herrliche Wien galt den Deutschen Oesterreichs als der unerschütterliche Hort, als die sicherste Zuflucht in allen Kämpfen und Stürmen. Mochte da und dort die Fluth an den deutschen Sprachgrenzen lecken und Stück um Stück abbröckeln, diesem Felsen konnte man ruhig das Kostbarste anvertrauen, was der deutsche Genius in Oesterreich seit einem Menschenalter zum Schutze seiner nationalen Interessen geschaffen: die Zukunft des Deutschen Schulvereines. „Im Falle der Auflösung des Vereines", sagte die Schlußbestimmung der Statuten, „fällt das gesammte bewegliche und unbewegliche Vermögen des Vereines der Stadt Wien zu." — Der Stadt Wien! Sie konnte nimmer wanken und weichen, sie mußte das ihr anvertraute Gut treu und sicher behüten, damit es, wenn der Sturm vorüber, wieder zu denselben Zwecken verwendet werden könne. Das war die Intention der Gründer des Deutschen Schulvereines. Aber siehe da! Es kam ein Tag, welcher selbst Berge versetzte, ein Tag, an welchem die Felsen wankten und stürzten und das Vermögen des Deutschen Schulvereines in den Händen der Stadt Wien nicht mehr sicher aufgehoben schien. Die liberale Majorität des Gemeinderathes besteht nicht mehr und Niemand kann dafür einstehen, daß unter einem antisemitischen Bürgermeister die Verwaltung dieser Stadt nicht ebenso deutschals schulfeindlich würde. Und so sah sich denn der Deutsche Schulverein zu einem Acte der Vorsicht genöthigt; er änderte die erwähnte Schlußbestimmung dahin, daß das Vermögen des Deutschen Schulvereines im Falle seiner Auflösung nicht mehr der Stadt Wien zufallen soll. Selbst der Abgeordnete Steinwender fand es für rathsam, diesem Beschlüsse zuzustimmen. Wir begreifen vollkommen dieSorge und Vorsorge des Deutschen Schulvereines und können sie nur billigen. Aber die Sache regt zu weiterem Nachdenken an. In der Verwaltung der Stadt Wien befinden sich zahlreiche interconfessionelle Stiftungen, deren Wohlthaten nach dem Willen der zumeist jüdischen Stifter und dem Wortlaute des Stiftsbriefes den Armen und Bedürftigen ohne Unterschied des G l a u b e n s b e k e n n t n i s s e s zu Gute kommen sollen. So hoch wir auch die Pflichttreue, die Rechtschaffenheit und Unbefangenheit des ausgezeichneten Beamtenkörpers stellen, der heute den Wiener Magistrat bildet, wer vermöchte dafür zu bürgen, daß unter einem antisemitischen Bürgermeister und einer antisemitischen Gemeinderathsmajorität jene Stiftungen nicht in einem dem Willen ihrer Gründer widersprechenden Geiste verwaltet würden, zumal ja dann gewiß auch die Structur des Magistrats Veränderungen unterläge? So wären denn gerade die Juden von jenen wohlthätigen Zuwendungen ausgeschlossen, welche von ihrem menschenfreundlichen Glaubensgenossen in hochherziger Auffassung, der Pflichten wahrhafter Humanität nicht blos ihnen, sondern auch den Bekennern der christlichen Confessionen zugedacht wurden. Dem Belieben des antisemitischen Bürgermeisters und seiner antisemitischen Stadträthe bliebe es anheimgestellt, ihren „praktischen Antisemitismus" gerade auf diesem Gebiete zu bethätigen oder sich nach der alten Devise zu richten, daß man das Geld der Juden zwar nehmen müsse, wo man es bekommt, daß man aber mit Hilfe des Judengeldes das „christliche Volk" retten müsse. Diese Erwägungen sollen und dürfen nicht leicht genommen werden, und an unsere jüdischen Wohlthäter richten wir daher in dieser ernsten Stunde ein ernstes Wort! Was auch die Noth der Zeit bringen möge, das „goldene jüdische Herz" wird sie nicht anders machen. Jüdische Nächstenliebe, jüdische Humanität werden nach wie vor am Werke sein, das Elend zu lindern, die Thränen zu trocknen, den Witwen und Waisen zu helfen ohne Unterschied des Glaubens. So soll es auch sein! Die Segnungen und Wohlthaten, die von jüdischen Händen ausgehen, sollen auch fürderhin nicht an ein bestimmtes Glaubensbekenntniß geknüpft sein. Aber die Verwaltung muß in ausschließlich jüdische Hände gelegt werden! Sagen wir es offen: Nur dann haben wir die Gewähr, daß mit Armen- und Stiftungsgelderu kein Mißbrauch getrieben, daß diese Gelder nicht dazu verwendet werden, den Racen- und Classenhaß zu schüren. Ohne Unterschied der Confession — ja wohl! Auch bei allen weiteren Stiftungen soll dieser Grundsatz fest-

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