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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-05-31 · 22 (31.5.1895) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
22 (31.5.1895)
Date
1895-05-31
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 414 Nr. 22 Or. Bloch's Wochenschrift. Simon wohnte im Erdgeschoß und hatte Schattenseite.. Martin aber wohnte im dritten Stock nach der Sonnseite. Thut nichts! Hatten vielleicht ihre Eltern oder Großeltern Marquisen? Diese drei Marquisen an den drei Fenstern der brüderlichen Wohnung waren ihm ein Dorn im Auge, das sicherste Wahrzeichen einer unnatürlichen, sträflichen Ehrbcgier und Leichtlebigkeit, und nie ging er vorüber, ohne hinanfzuseben und vor sich zu murmeln: „Marquisen! Unsere Avaus Awaussenu haben auch gehabt Marquisen!" Indessen wuchsen Mortche's oder Martin's Kinder heran, und er sprach schon davon, seinem Sohne Friedrich — er hieß eigentlich nach seinem Großvater Schlaume — das Geschäft zu übergeben, und zugleich ging das Gerede, daß Friedrich die schöne Ricke Jacobson heiraten würde. Ja, schön war sie wirklich, auch für gut und klug wurde sie gehalten, aber das war auch Alles, da Jacobsohn Mühe hatte, sich durchznschlagen. Natürlich machte das Marlin wieder wenig Sorge. „Wie viel Hab' ich mit meiner Frau mitbekommen?" sagte er nur. Verlobt waren die beiden jungen Leute eigentlich noch nicht, man „red't" blos davon; Simon Levi, der viel auf das junge Mädchen hielt, hatte bei der Sache nur ein Bedenken : „Wenn ranzen die Meissim, Wer bezahlt die Lcissim?" pflegte er zu Gitel zu sagen. Nach seiner Meinung mußte Friedrich, der ein tüchtiger Mensch war, eine gute, d. h. reiche Partie machen. So sprach aber nur sein Verstand, während sein Herz für die Sache war und er sich überdies noch ganz im Geheimen eigentlich freute, daß der Hochmuth seines Bruders nicht noch durch die Verbindung mit einer der reicheren Familien neue Nahrung erhielt. So standen die Dinge, als die Nachricht von der Erbschaft kam. Die erste Nacht schlief Simon herzlich wenig. In der finsteren Schlafkammer verlor ihm das eben Durchlebte an Greifbarkeit und erschien ihm als bloßer Spuk — ein Traum. Im besten Falle hatte sich wohl ein Spaßvogel, der sein Jugendverhältniß zu Philpots kannte, einen grausamen Scherz mit ihm erlaubt. Doch nein, cs mußte etwas dran sein — und gleich morgen früh .... Da überkam ihn wieder die Unruhe, ob und wie weit er denn am nächsten Tage, der doch ein Sabbath war, das Recht hätte, sich in der Sache, die iminerhin ein Geschäft blieb, im Ministerium Gewißheit zu verschaffen. Am Ende könnte der ganze Schatz wieder verschwinden, wenn er, um ihn zu erlangen, Gott versuchte und den Sabbath entheiligte. Zur festgesetzten Stunde erschien er anderen Tages in der Synagoge und setzte sich, unbeachtet wie immer, auf einen der letzten Plätze der linken Seitenreihe. Aber bet sich selbst dachte er: Jetzt sollte mit großen Settern auf meiner Stirne geschrieben stehen: Hier kommt ein Mann mit zweimalhuuderttauseud Gulden und dann — Was dann? Nichts! Simon Levi, möchten sie fragen, wo sind die zweimalhunderttausend Gulden? Seine Nachbarn, lauter arme Leute, begrüßten ihn mit „Gut Schabbes"; der Gottesdienst hatte noch nicht begonnen, so gab's Zeit zu allerlei Fragen. Ob er die Woche 'was verdient habe? „Ja," antwortete er achselzuckcnd, „man muß mit Allem zufrieden sein, was Gott schickt." Ein Anderer klagte über schlechte Zeiten, ein Dritter erzählte, daß ihm in den letzten Tagen ganz unerwartet ein Verdienst von fl. 20 zugekommen wäre. „Baar?" fragte Simon Levi. „Ja." „Das ist mehr, als ich sagen kann." Diese doppelsinnige Rede amüsirtc ihn. Während des Gottesdienstes war er sehr gerührt und gelobte, so im Allgemeinen, ein nützliches Mitglied, eine Stütze der Gemeinde zu werden. Da sah er einen Mann eintrcten, von dem er wußte, daß er eine halbe Million besaß. Ernst und selbstbewußt ging er auf seinen in den vordersten Reihen befindlichen Platz zu. Simon wendete kein Auge mehr von dein Manne, den Alles ehrerbietig grüßte. Die Vornehmen nickten ihm freundlich zu, eine Atmosphäre von Glück, Hochachtung und Ehre schien ihn zu umgeben. Galt das Alles nur seinem Gelde, und sollte ihm, Simon, ein Gleiches bevorstehen? Eine innere Stimme s.:gte ihm, daß nicht nur die Huuderttausende, die er nicht einmal selbst erworben, sondern Geburt, Bildung, gesellschaftliches Wirken dem Manne die bevorzugte Lebensstellung gaben, die ihm so beneidenswerth schien und daß sein Reichthum ihm noch eine Duelle des Schmerzes und der Zurücksetzung werden könnte. Am nächsten Morgen fuhr er vor Allem nach Helsing - fors, um ausznforschen, ob sein Miterbe Ferdinand Karo schon etwas von der Sache wisse. In dessen Fabrik wurde ihm der Bescheid, daß allerdings eine Anfrage eingelaufen, Herr Karo selbst sei eben zur See, und so wisse man nur, daß ihm eine Erbschaft aus Südamerika zufalle. Wie viel, wußte Niemand. Also doch auch hier greifbare Thatsachen! „Ich frag' nur so, es interessirt mich, weil mir bei der Gelegenheit auch 'was Weniges zufällt^" „Erben Sie vielleicht zu gleichen Theilen mit Ferdinand?" fragte man. „Nach allen Abzügen werden es wohl so au 20.000 Thaler sein, das ist auch gut, ich bin zufrieden mit dem, was ich krieg'." So, von der Seite wenigstens würde doch das Gerücht in der von ihm gewünschten Form verbeitet werden. Aber ganz andere Gerüchte verbreiteten sich nnbegreiflicherweise über die Erbschaft, man sprach von Summen, die weit über die Wirklichkeit hinausdingen, und Simon Levi gab sich nicht erst die Mühe, zu widerlegen, sondern sagte nur, so oft die Rede darauf kam, scheinbar ironisch: „Ja, gewiß, ich erb' sogar eine Million; wollen Sie mir nicht vielleicht gleich jetzt 900.000 Thaler dafür geben? Ich nehm's." Pfiffig war er, aber cs gab doch Leute, die sich nicht so leicht überlisten ließen; wenn auch Manches dazu beitrug, sie irre zu machen, so dauerte es beispielsweise recht lange, bis das Geld endlich ankam und dann wurde es ihm nicht auf einmal, sondern in einzelnen Terminen ausgezahlt, so daß Niemand im Stande gewesen wäre, ihm die Gesammtsilmme nachzuweisen. Aber er selbst blieb zuletzt seinem Vorsatze nicht treu. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Pascheles' illnstrirter israelitischer Volkskalender für das Jahr der Welt 5656 (1895—1896), gesammelt und herausgegeben von Samuel W. Pascheles in Prag, Zeltnergasse, ist soeben erschienen. Es ist der dreiundvicrzigste Jahrgang dieses Kalenders, der sich in zahlreichen israelitischen Familien eingebürgert hat und wegen der sorgfältigen Zusammenstellung seines reichen Inhalts anch diesmal gewiß willkommen geheißen werden wird. Dem Kalendarium, welches neben den israelitischen die correspondirenden Daten und Namensfeste des katholischen Kalenders bringt, schließen sich zunächst eingehende Belehrungen über die Synagogengebräuche, die Ritnal-Borschriiten für den öffentlichen Gottesdienst und das Verzeichnis' des israelitischen Fest- und Fasttage im Jahre 5656 an °, darauf folgen die Zusammenstellungen der vorzüglichsten Al essen und Märkte, sowie der Jahrmärkte in Böhmen, Mähren, Schlesien, Oesterreich, Salzburg,

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