Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 22 (31.5.1895)
- Date
- 1895-05-31
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 410 Nr. 22 Dr. Blvch's Wochenschrift. illustrirt werden, als durch den Proceß, der vorgestern die erste Strafkammer des Landgerichtes I beschäftigte. Ein Fabrikant I. T. G i e b l e r war wegen Beamtenbeleidigung angeklagt worden. Derselbe hat eine Erfindung gemacht und zur Ausbeutung derselben einen Vertrag mit Kaufmann Jonas und einem Rechtsanwalt Cohn gemacht. Es kam aber zu einen! Proeeß, bei dem G i e b l e r in allen Instanzen bis zum Reichsgericht abgewiesen wurde. In einer Beschwerde hierüber hat er schwere Beleidigungen gegen den Landgerichts-Director H e s s e, den Landgerichtsrath Tr. Herz und den Assessor Lazarus ausgestoßen. Er beschuldigte den Gerichtshof, parteiisch gehandelt und „im Interesse des College» Cohn" die Standesehre hintangesetzt, mit den Gegnern des Angeklagten unter einer Decke gesteckt zu haben und von dem „Glaubensgenossen Cohn" bestochen worden zu sein. Außerdem richtete der Angeklagte eine Beschwerde an den Justizminister, worin er die Richter mit beleidigenden Aeußerungen direct der Rechtsbeugung beschuldigte. Ter Gerichtshof nahm mit Rücksicht auf die große Erregung, worin sich der Angeklagte befunden, von einer Gesänguißstrase Abstand und verurtheilte ihn zu M. 400 Geldstrafe oder 40 Tagen Gefängnis;. Ter Gerichtshof hätte auch als mildernden Umstand die öde antisemitische Hetze gegen jüdische Richter aunehmen können, die leichtgläubige Gcmüther wohl zu ei regen und zu verwi reit im Stande ist. Worms. Helene David aus Gimbsheim (Kreis Worms), welche nunmehr 44 Jahre in Diensten des Herrn Michael A r o n dahier steht, wurde vor vier Jahren mit der silbernen Berdienstmedaille von Ludwig IV. ausgezeichnet und erhielt bei dieser Gelegenheit von der hiesigen Sparcasse ein Geschenk vom M. 40. In den jüngsten Tagen erhielt sie von der Grosiherzogin B i c t o r i a Melitta ein prachtvolles, goldenes Ehrenzeichen mit sehr schönem Diplom zugcstellt. In Petersburg mußte em jüdisches Gotteshaus, das vor vielen Jahren von jüdischen Soldaten gegründet wurde, die in der Petersburger Garnison dienten, auf Betreiben des verstorbenen Gouverneurs, General Greffer, geschlossen werden. Die Mitglieder der Svnagogengemeindc, denen schon vor 1060 das Recht, in der Hauptstadt Rußlands zu wohnen, verbrieft wurde, baten den Senat um die Erlaubniß, ihr Gotteshaus wieder eröffnen zu dürfen. Sie haben ihren Zweck erreicht, denn dieser Tage wurde angeordnet, daß die Svnagoge für den Gottesdienst wieder eröffnet werden dürfe. Rom, 14. Mai. Am vorwöchcutlichen Sabbath hat unser Oberrabbincr, Dr. Moise Ehrenreich, beim Ausrufen zur Thora Vorlesung für die verschiedensten Vereine und Wohlthätigkeits-Anstaltcn namhafte Beträge gespendet. Die hiedurch aufmerksam gewordenen Anwesenden erftlhren bald, das; hiezu eine besondere Veranlassung vorlag, das; an jenem Tage 50 Jahre verflossen waren, seitdem Herr Dr. Ehrenreich dem heiligen Berufe eines Rabbiners obliegt. Die Gemeinde-Verwaltung beeilte sich, ihren Glückwünschen, die sie sofort dem Jubilar abstattete, einige Tage darauf noch in einer herrlich ausgestatteten Adresse besonderen Ausdruck zu geben. Tief gerührt dankte der edle Greis, indem er zugleich gelobte, auch ferner seine Kräfte den religiösen Interessen der Gemeinde und der Schule zu widmen. Hoffen wir, daß die physischen Kräfte des allverehrten Herrn Oberrabbiners, welche in neuester Zeit sich wieder gehoben haben, ihm möglich machen, sein Gelübde ganz zu erfüllen. Herr Tr. Ehrenreich sungirtc früher als Rabbiner in Modena, dann in Casale, seit 1880 wirkt er in Rom. Paris. (Die Hochzeit eines Rothschild.) Wir lesen im Pariser „Figaro": Die ganze vornehme Gesellschaft von Paris hat gestern <22. Maider Trauung des Barons Hcnride Rothschild mit Fräulein Mathilde v. W ei sw eitler beigcwohnt. Der Bräutigam ist ein Cohn der verwitivetcn Baronin James Roths ch i ld, Enkel der Baronin N a th an i c l, Neffe der Herzogin von G r a m o n t und der Fürstin von W a g r a m. Er ist kein Finanzmann. wie die anderen Rothschilds, sondern — Medicincr. Obwohl erst 0 Jahre alt. ist er seit einem Jahre externer Secundararzt des Spitales Necker und dem Dienste des Primarius Dr. Dien las oy zugcthcilt. Sobald er mit seinen Studien vollständig fertig ist, wird er die Tircction des großen Spitals in Bec-sur-Mer übernehmen, das seine Mutter gestiftet hat und in welchem bereits 50')0 Kranke unentgeltlich verpflegt und operirt wurden. Die Trauung wurde durch den Grand-Rabbin von Paris Zadoc- Kahn, afsistirt vom Rabbiner Weil, im Tempel der Rue de la Bictorre vorgenommen. Hierauf fand ein Empfang bei der Baronin Nathaniel Rotfchild in ihrem Palais der Rue Saint-Honorö statt dessen weitläufige Gärten für dieses Fest einen unvergleichlichen Schauplatz boten. Die Hochzeitsgeschenke füllten vier große Säle. Bei Pariser Juwelieren waren für das junge Paar in den letzten Tagen sechs Millionen Francs ausgegcben worden. Erwähnt sei nur ein alter Rnbincnschmuck, den Baronin N ath aniel spendete. Derselbe besteht aus einem Blättcr-Bandeau» zwei Bracelets, einem ans drei ungeheueren Rubinen bestehenden Kleeblatt und einem wunderbaren Collier, gebildet aus Brillantenschlcifen, die ein Centrum von Rubinen umgeben, und ans fünf Rubinen-Pendclognes. Fabelhaft, wie dieses prachtvolle Hochzeitsgeschenk, waren auch noch unzählige andere. Daß dieses Fest, zu welchem die ganze elegante Welt von Paris erschienen war, ungeheuere Summen verschlang, versteht sich von selbst. Auch die Armen gingen nicht leer aus. .Baronin Nathaniel Rothschild ließ Francs 20.000 an die Armen der zwanzig Pariser Arrondissements vertheilen und spendete überdies Francs 40.000 für verschiedene Wohlthätigkeitsanftalten ohne Unterschied der Confession. Das Neuvermählte Paar ist nach dem herrlichen SchlosseBeaux-de-Cornay abgereist, uw cs seine Flitterwochen zubringen wird. Man kann mit Recht sagen, das dies der erste Medicincr war, der eine so prachtvolle Hochzeitsfeier hatte; freilich ist auch nicht jeder Sohn Aeskulaps auch ein solcher eines Baron Rothschild. Nuchi, im April. Im Dorfe Wartaschen <Kaukasus) leben seit Alters jüdische Bauern, welche den parsisch-tatarischcn Dialekt sprechen und vor anderthalbhundert Jahren aus Persien übergcsiedelt sind. Ihre am Ende des Dorfes gelegene Ansiedlung ist allmälig aus .450 Häuser angewachseu, sie haben aber keine eigenen Felder, sondern miethen das Land von den Einwohnern Wartaschens und bauen ausschließlich Tabak. Im Jahre 1880 betrug ihre Ernte gegen 10.000 Pud Tabak; in den Jahren 1800 und 1801 bauten sic bis 00.000 Pud Tabak, dessen Preis zwischen 2 und 0 Rubel 50 Kopeken schwankte. Vermischtes. Wien. Sonntag, den 2. Juni a. c. findet in der Synagoge, II-, Leopoldsgasse Nr. 20 um halb 1 Uhr die Trauung des Herrn Dr. zur. Karl Salo Lisczytz mit Fräulein Rosa Landau, um 1 v4 Uhr des Herrn Julius K o h n mit Fräulein Regina Friedman n, und um 2 Uhr des Herrn Leo Fuchsgelb mit Fräulein Jetti P a m m statt. Herr Wilhelm Löwy, Disponent der Firma Schapringer & Weil, hat sich mit Fräulein Hermine N c u r a t h, Tochter des Herrn Michael Neurath, verlobt. Wien. (Dempelbau.) In Favoriten, dem X. Wiener Gemeindebezirke, wo eine große Anzahl von Inden wohnt, die zumeist dem Stande der Handwerker, der Arbeiter, sowie der Kleingewerbetreibenden angehören, befindet sich kein jüdisches Gotteshaus, sondern blos ein Betlocal, das int zweiten Stock eines Zinshauses in einem kleinen Miethraum untergebracht ist. Dasselbe vermag jedoch kaum den vierten Theil der Besucher aufzunehmen. Es hat sich nun ein Comite zur Gründung eines Tempels im Bezirke gebildet, welches sich an die Glaubensgenossen um milde Beiträge wendet. Durch die Opferwilligkeit einer nichtjüdischen Witwe Namens Theresia Vinnier wurde cs ermöglicht, mitten im Bezirke einen dieser Dame gehörigen Grund weit unter dem Werthe, um st. 18.000 zu erhalten. Die Dame legte blos die Verpflichtung aus, daß an dieser Stelle ein Gotteshaus sich erhebe, und gewährte^ für den Fall eines raschen Ausbaues einen weiteren Nachlaß von fl. 1000. Das Comittz hofft durch Spenden den Bau und die Einrichtung des Tempels bis zum fünfzigjährigen Regierungs-Jubiläum des Kaisers vollenden zu können. Die vorstehende Schilderung in ihrem ganzen Umfange bestätigend, kann ich unseren Glaubensgenossen in Wien diesen Ausruf nur ivärmstens an's Herz legen. Wien, den 10. Jänner 1805. Dr. G ü d e m a n n, Oberrabbiner. Zustimmungskundgebung der Israelitischen C u l t u s g e m e i u d e i n Wie n. In Anerkennung der Nothwcndigkeit eines geräumigen Gotteshauses für die religiösen Bedürfnisse der israelitischen Bewohner des X. Bezirkes begrüßt der Unterzeichnete Vorstand die Bestrebungen des Comitös zur Erbauung eines israelitischen Tempels für den X. Gemeindebezirk auf das Lebhafteste und wünscht demselben raschen und gedeihlichen Erfolg. Wien, am 7. Jänner 1805. Der Vorstand der israelitischen Cultnsgeineiude: Gustav S im o n, I. H i e l d b u r g h äu s s er,