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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-05-31 · 22 (31.5.1895) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
22 (31.5.1895)
Date
1895-05-31
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 22 Dr. Bloch's Wochenschrift. traurige Nolle in der Geschichte des Wiener Antisemitismus und dies ist umso beklagenswerther, als er eben der Träger des Seelsorgeamtes, des geistlichen Gewandes ist, der, wie kein Zweiter bis in die tiefsten Niederungen der Rohheit und Lüge hinabgestiegen und seinen hehren Beruf entwürdigt hat. Verurtheilt vom Strafgerichte wegen der Erfindung des Ritnalmordes von Ostrowo, verurtheilt an der Seite eines Paulus M a y e r, der mit einer sechsmonatlichen Freiheitsstrafe bedacht wurde, ist er gleichwohl weder anderen Sinnes, noch, was schlimmer ist, anderen Handelns geworden. Uns könnte es ja gleichgiltig sein, wenn die Perbesserungszwecke der criminellen Strafe bei P. Deckert sich nicht bewähren; er straft sie Lügen, wie er die Fundamente und Lehren seiner eigenen Religion Lügen straft; daß er es aber unternehmen konnte, heuer aggressiver und rücksichtsloser denn je aufzutreten, darin liegt für uns eine ebenso ernste als traurige Belehrung. Im vorigen Jahre war es das berüchtigte „Juden- Bater unser", mit welchem er die Welt ällarmirtc; noch unvergessen ist der Skandal aus jener Epoche, die Verführung von Schulkindern zur Propagirung dieses Pamphletes in und außer der Kirche, unvergessen die Aufregung, welche sich der Weinhauser Bevölkerung bemächtigte, die diese Reden in Thatcn umsetzen wollte. Und wiederum überrascht Deckert die Bevölkerung, die Regierung mit Kundgebungen, die noch verruchter und verrohter sind. Wenn er seine letzte Predigt mit den Worten schließt: „Herb e i mit d em S ch eit er h auf en und v er b r e n n et diese Juden, die Ihr noch in Eurem Herzen habet, zur E h r e Gottes und der katholischen Kirche!" und diesen sündhaften Ausruf mit dem „Amen" besiegelt, dann sind wir - an der Grenze dessen angclaugt, was uns noch geschehen kann. Es kann nicht schlechter werden! Wir können nur dahin gelangen, daß wir statt in G r o ß - W i e n in G r o ß - S a y b u s ch leben werden! (Bewegung.) Wie seltsam erscheinen dagegen die Kundgebungen der sogenannten Beschwichtigungspartei, jener Partei, die nicht scheu will und ihre Ohren verschließt, trotzdem sie sie gar nicht aufzureißen brauchte: wie seltsam klingt es dagegen, sage ich, wenn ein notorisch officiöses Organ unserer Stadt anläßlich der Affaire Agliardi folgende Phrase losläßt: es sei besser, die Debatte über die Beantwortung der Interpellationen L i e ch t e n st e i n und D i p a u l i abzulehnen, „als da ß j e n er c o n f e s si o n e l l e F r i ed e g e st ö r t würde, den wir s o s ch w e r errungen laben und den gegen jeden Versuch e i n e r S t ö r u n g zu schützen, die o b e r st eP f l i ch t d er R e g i e r un g bilden in « ß." (Bewegung und Entrüstung.) Das lesen Sie in einem Organ der Regierung und jenes hören Sie von der Kanzel einer katholischen Kirche in einer und derselben Woche, in einer und derselben Stadt, und Alles zusammen heißt „c o n f e s s i o n e l l e r F r i e d e!" (Lebhafter Beifall.) Ich glaube mich mit diesen allgemeinen Betrachtungen begnügen zu sotten; auch Vielen von Ihnen wird Mancherlei schwer auf dem Herzen liegen, was nun den Weg des freien und maßvollen Wortes finden möge. Ich schließe mit dem Ausblicke, daß die extreme Entwicklung, die uns ereilt hat, auch zugleich eine Schlußphase bedeuten dürfte, der immerhin eine Wendung zum Besseren Nachfolgen wird. Darum sagte ich, wir haben keinen Grund zur Entmuthigung, zur Hoffnungslosigkeit. Im Gegcntheile! Suchen wir, nach wie vor für unsere guten Rechte, für unsere loyalen Gesinnungen und für unsere bewährten Tendenzen zu wirken. Lassen wir uns nur stets den Vorwurf machen, daß wir uns zur st a a t s e r h a l t e n d e n Partei rechnen, welche das Gute, Edle und Rechtliche will und es onzustreben und zu erkämpfen nicht erlahmt und niemals erlahmen soll. Halten wir fest Seite 405 an der Hoffnung, daß jene großen Ideen der Civilisation, wenn derzeit auch noch so verdunkelt, zur Verwirklichung gelangen, hoffen wir, daß es uns gelingen werde, sene gleiche Achtung und jene gleichen Rechte im Staate und vor den Staatsgewalten zu finden, welche uns durch unsere Gesetzgebung gewährt und durch unsere Haltung im höchsten Maße verdient sind. (Stürmischer minutenlanger Beifall.) Der Präsident, der von allen Seiten beglückwünscht wird, unterbricht die Sitzung für fünf Minuten, nach deren Wiedereröffnung sich zum Worte meldet Herr Dr. Emanuel Spitzer, welcher es für nothwendig hält, daß, obgleich die Strafbehörde sich bereits der Angelegenheit des Pfarrers Deckert bemächtigt und gerichtliche Vorerhebungen eingeleitet habe, auch seitens der kirchlichen Strafgewalt, welcher Deckert gleichfalls unterstehe, gegen ihn eingeschritten werde; dieses letztere Einschreiten Hütte eine große moralische Bedeutung, in deren Würdigung Redner die nachfolgende Resolution zur Annahme beantragt: Resolution. „In schmerzlicher Erkenntnis; der verheerenden moralischen Wirkungen, welche die in dem ueuefteit P redigtencnkl n s des Pfarrers Herrn Josef D e ck e r t gegen die israelitische Glaubens - gcnossenschast verbreiteten sündhaften Veschuldigungen und Per lenmdnngen bei den zahlreichen Zuhörern und Lesern dieser unter dem Scheine der kirchlichen Autoritär verkündeten Unwahrheiten und aufreizenden Beschiinpfungeu uub Verspottungen ausznüben geeignet sind und rhatsächlich ausüben; in Erwägung, daß gerade vom Standpunkte der Kirche aus (Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Liebe und Wahrheit als die ewigen Grundsätze gelten, welche das Veisammeuleben der Menschen regeln und beherrschen sollen, Grundsätze, welche m den zum öffentlichen Llergernisse gewordenen kirchlichen Predigten des Pfarrers Herrn Josef Deckert in beklagenswerther Weise verleugtiel werden, beschließt die am 16. Mai 16!».', Zufummengetretene P o l lv e r s a m m l u n g des „P o l i t i s ch e n P o l ks v e r ei ne S" in Wien die Entsendung des PereinSprüfidiums als Deputation an Seine Eminenz den Cardinal- F ü r st e r z b i s eh o f D r. A n t o u G ru s ch a in Wien, um von Seiner Eminenz in einem persönlichen Appelle an dessen erhabenes, zugleich die kirchliche Oberbehörde darstellendes Kirchenamt, sowie an dessen notorische Gerechtigkeitsliebe und stets bewährte priesterliche Humanität Schutz zu erbitten gegen derlei mittelst des dreifachen Mißbrauches des PriesteramleS, der Kanzel und der Gläubigkeit der Zuhörer in ihrer Gefährlichkeit maßlos gesteigerten Angriffe, durch welche Glaube, Friede und Sitte ebenso bedroht, als die österreichische Judenschaft in ihren heiligsten Gefühlen der Religion und Ehre verletzt wird." Dr. Marcell H o f m a n tl spricht sich gegen die Beschreitung dieses mit der Resolution beantragten G n a d en- Weges aus, da von der Kirche und den Bischöfen die Juden kein Heil zu erwarten haben; auch in diesem Falle winke kein Erfolg, und er beantragt in einer Gegenresolution den Appell anstatt an den K ir ch e it o a t e r an den Landesvater, an dessen Throne eine aus allen österreichischen Eultnsgemeinden hervorgehende Deputation Klage führen möge über die den Juden gegenüber conftant geübte Verletzung der Staatsgrundgcsetze und die duldsame Haltung der Räthe der Krone. Dr. Jacob K o h n stellt den Antrag, beide Resolutionen, die erste aus Einsicht, die letztere aus Tactgefühl, abzulehnen, und beantragt eine dritte Resolution politischen Inhaltes, das Verhültniß der Juden zur liberalen Partei betreffend. Dr. Alfred S k r e i n beantragt, daß den Abgeordneten Dr. K r o u a w e t t e r und P e r n e r st or f e r, insbesondere aber auch dem Abgeordneten Dr. E x n e r für deren im Interesse der Gerechtigkeit eingebrachte, Saybufch und Deckert betreffende Interpellationen der Dank der Versammlung votirt werde. (Allgemeiner Beifall.)

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