Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 22 (31.5.1895)
- Date
- 1895-05-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 404 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 22 Die Anfangs- und Endpunkte dieser Epoche, zwischen denen jedoch eine leider sehr intime und sehr verhängnisvolle Verwandtschaft besteht, werden durch die Namen Dr. Karl Lueger und Pater Josef D e ck e r t gekennzeichnet. Aus der Anfangs April d. I. durch die Gemeinderathswahlen geschaffenen Situation im Gemeinderathe der Hauptstadt mußte in kurzer Zeit die Consequenz gezogen werden. Dieselbe bestand darin, daß jene liberale Partei, welche bis zu diesem Momente der Majorität im Gemeinderathe sich erfreut hatte, in richtiger Erkenntniß der Situation ihre Demission gegeben und auf die leitenden Aemter verzichtet hat. Es besteht über die Richtigkeit und Zweckmäßigkeit dieses Vorgehens der liberalen Partei ein Streit der Meinungen. Es wird von der einen Seite dieser Schritt als ein richtiger, logischer, begründeter bezeichnet, auf der anderen Seite wird er mit dem Vorwurfe der Feigheit und der Fahnenflucht bemakelt. Es kann hier nicht unseres Amtes oder Berufes sein, in diesem Streite der Meinungen eine Entscheidung fällen zu wollen. Gleichwohl ist es bei der tief einschneidenden Bedeutung, welche dieser Wandlung im kommunalen Leben der Hauptstadt innewohnt, von unabweislichem Interesse, sich selbst die Frage vorzulegen, ob dieser Schritt der richtige war, aber noch ernster ist die Frage, ob es überhaupt so weit kommen mußte. War einmal die Situation gegeben, daß die Partei, welche die Geschäfte in ihrer Hand hatte, der Majorität verlustig wurde; war ein Weg nicht mehr vorhanden, sich dieser Majorität derzeit wieder zu bemächtigen, dann war es auch aus vielen Gründen, aus Gründen der Ehre, der Würde, der Pflicht und der Klugheit vollkommen gerechtfertigt, den Platz zu räumen und nicht Platzhalter einer unvermeidlich nachdrängenden feindseligen Gegenpartei zu sein. Wenn wir uns jedoch fragen, ob es so weit kommen mußte, dann müssen wir nicht ohne schmerzliche Bewegung bekennen, daß es nie und nimmer so weit zu kommen brauchte. Wien, so bedroht es von dieser Partei war, so durchseucht der Boden der Hauptstadt auch ist, es mußte die Gemeindeverwaltung nicht dermaßen Schritt für Schritt und Stück für Stück preisgeben, daß heute nichts als das traurige Schauspiel übrigblcibt, wie diese ehemalige Majorität sich in dem Vorgefühle einer künftigen Opposition völlig berauscht, während ihr der Vorwurf nicht erspart werden kann, jenen rechtzeitigen Machtgebrauch versäumt zu haben, kraft dessen sie niemals in so kläglicher Weise deplacirt worden wäre. (Lebhafter Beifall.) Es wäre jedoch ungerecht, die liberale Partei allein für diese Wendung verantwortlich zu machen. Wenn derartige Unterströmungen das Volk vergiften und zersetzen, ist kaum eine einzige Partei, geschweige denn jene Partei der Bildung, der Freiheit und des Fortschrittes, die in ihren Mitteln so gewissenhaft und ehrlich ist wie in ihrer Gesinnung, allein im Stande, diesen subversiven Tendenzen siegreich zu begegnen. Dazu bedarf es der Mitwirkung jenes Machtsactors, indessen Händen sich die ganze Fülle der gesetzlichen Gewalten befindet, dazu bedarf es der Mitwirkung der Regierung. Nicht als ob wir auf dem Standpunkte stünden, die Regierung um Hilfe anzurusen in einem ehrlichen und legitimen Kampfe der Parteien. Gewiß nicht! Wir stehen aber gegenüber den Mitteln der Rohheit, der Lüge, der Niedertracht, der Volksbethörung, Mittel, vermöge deren die Massen aufgehetzt, aufgestachelt und fanatisirt wurden; wir haben uns gegenüber systematische Rechts- und Gesetzesverletzungen, trotz welcher uns, der Partei der Freiheit und des Fortschrittes, die legitime Hilfe der Regierung seit jenen Vj2 Decennien versagt blieb, in welchen diese Bewegung sich entwickelte und in welchen vielmehr die frühere, vergangene Regierung sich dieser Bewegung direct und indirect als eines Mittels für ihre Zwecke bediente, als eines Schemels, auf dem sie eventuell emporzusteigen sich vorbehielt. (Großer Beifall.) In dieser Duldung, in dieser Passivität liegt das Geheimniß des fabelhaften, unglaublichen Anschwellens dieser Bewegung. Nicht genug, daß die Jnstincte der Massen gereizt und geködert werden, was ja von selbst den mächtigen Anhang schafft, hat der mehr oder weniger verständliche Hinweis auf die Uebereinstimmung mit dem Machtsactor der Regierung in dem Volke selbst eine völlige Unklarheit der Begriffe herbeigeführt, da man zu dem Glauben gedrängt war, daß eine solche Bewegung, die mit derlei infernalen Mitteln arbeitet und solch destructiven Zielen zustrebt, gleichwohl stillschweigend geduldet wird. (Allgemeiner lebhafter Beifall.) Die Gemeindeverwaltung Wiens ist — derzeit mindestens — preisgegeben jenen Tendenzen und jenen Händen, die ich bereits gekennzeichnet habe. Und trotzdem möchte ich nicht glauben, daß das Unglück, welches da hereingebrochen ist, so groß sei, als es im ersten Augenblicke der Bestürzung den Anschein haben mochte. Ich glaube nicht unrichtig zu empfinden, wenn ich sage, dieser ungeahnte und riesige Erfolg der antisemitischen Partei sei auch der er ste Sch r it t zu ih rem S t ur ze. (Allseitiger Beifall.) Der maßlose Erfolg wird, so können wir hoffen, die Leute unvorsichtig auf jene Wege bringen, auf welchen sie nicht mehr zum Fortschritte gelangen, sondern straucheln und fallen werden. Vor allem Anderen werden ganz zweifellos Mißgunst und Neid in die Reihen einziehen und mit elementarer Gewalt die bisher festgehaltene Disciplin, welcher die meisten Erfolge dieser Partei zu verdanken sind, durchbrechen. Schon hat einer der Matadore die Flucht ergriffen, schon hat er diesem Verbände den Rücken gekehrt, weil ihm nicht sofort ein Stadtrathsmandat zu theil wurde; so viel Stadtrathsstellen hat Wien und hat Lueger nicht zu vergeben, als Aspiranten und Candidaten in dieser Partei aufzutreiben wären. (Heiterkeit und Beifall.) Die Einlösung jener ebenso zahlals sinnlosen Versprechungen, die sie den großen Massen gegeben haben uni» kraft welcher Bethörungen sie dieselben zu gewinnen vermochten, steht noch aus. Da winkt der liberalen Partei desGemeinderathes eine ungemein fruchtbare Ausgabe, und sie wurde gestern in einer Versammlung von einem Mitgliede dieser Partei zutreffend dahin gekennzeichnet, daß man scharfe Wacht halten, diese Zusagen und Versprechungen hervorholen und die nun herrschende Partei an deren Erfüllung oder richtiger Nichterfüllbarkeit drastisch mahnen werde. (Sehr richtig!) Wenn sich die nun zurückgedrängte Partei des Gemeinderathes dieser Aufgabe voll bewußt wird und sich ihr mit der ganzen Kraft, die ihr noch immer eigen, widmet, so werden wir vielleicht noch den Tag in guter Erinnerung bewahren, an welchem Dr. Lueger Vice-Bürgermeister von Wien geworden ist, als denjenigen Tag, an welchem sich die liberale Partei wiedegefunden, ihre Kraft vereinigt und organisirt hat und speciell wir Staatsbürger jüdischen Glaubens, die am meisten verfolgt sind, wir werdm von dieser Stunde an, in welcher diese gemeinsame Gefahr uns bedrängt, unter den Andersgläubigen, welche, weil sie liberal sind, gleich uns beschimpft wurden, Bundesgenossen gefunden haben, die mit uns empfinden werden, was es heißt, außerhalb des Gesetzes zu stehen. (Großer, allgemeiner Beifall.) Ich wende mich ab von diesem wenig erquicklichen Bilde, um einem anderen, womöglich noch unerquicklicheren, einigermaßen in's Antlitz zu leuchten. Wenn Sie auf der Tagesordnung den Namen des hochwürdigen Pfarrers von W e i n h a u s gelesen haben, so hat sich Ihnen hiemit schon ein ganzes Programm entwickelt. Da bedarf es nur des Hinweises auf das, was rücksichtlich der kirchlichen und Pastoralen Thätigkeit dieses Priesters bekannt wurde und was er in den letzten Tagen durch einige neue Nummern seines Repertoires bereichert hat — um die tiefste Indignation aller billig denkenden Menschen hervorzurufen. P. Deckert spielt schon seit dem vorigen Jahre eine