Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-05-31 · 22 (31.5.1895) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
22 (31.5.1895)
Date
1895-05-31
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021061-3021084--04596-3028790
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 22 Dr. Dlvch's Wochenschrift. öffentliche Anerkennuilg dankbar auf ihn häufte, noch auch durch, die vornehmsten socialen Beziehungen, in deren Mitte er stand, beeinträchtiget werden konnte. Ans geringen Anfängen sich emporarbeitend, ist es ihm im Bereine mit seinem ihn überlebenden gleichgeartcten Bruder gelungen, ein Hans, eine Firma zu etabliren, in welcher dem kaufmännischen Handel sowohl, als insbesondere den vielfachen Gebieten der Großindustrie eine hervorragende, weit leuchtende Stätte bereitet wurde. Jeder neue Erfolg in diesem stetig aufwärts strebenden Lebenslaufe erhöhte und verstärkte jedoch zugleich die tiefgefesteten Elemente der H n in a n i t ä t n n d 9? ä ch st e n l i e b e, die das Herz dieses Mannes erfüllten. Die Armnth und Roth der elenden Hütten kannten ebenso seine hilfsbereite Hand, wie die mächtigsten philanthropischen Schöpfungen seiner Großmuth und Menschenliebe ihre Entstehung verdankten. Diese Tugenden des offenen Bekenncns zu s eine m, zu u u s e r e m Glauben und der selbstlosesten Wohlthätigkeit auf sämmtlichen und speciell auch auf den Gebieten der j ü d i s ch e n Bedürfnisse sind es, deren wir Allem zuvor an dieser Stelle, welche den Interessen unserer Glaubensgenossen gewidmet ist, rühmend gedenken wollen. Wünschen wir innigft, daß cs dem ebenso hochgesinnten Bruder des Berstorbencn noch lange Zeit gegönnt sein möge, die Größe seines Hauses persönlich zu wahren, wünschen wir, daß die Söhne des Verstorbenen die edlen Traditionen ihres Vaters dauernd und ungetrübt erhalten und mit gleichem Edelsinne fortan bethätigen! Indem wir somit das Talent nicht minder wie das Herz des Dahingeschiedenen in ehrenvollem Andenken bewahren, beschließen wir einhellig, der trauernden Familie durch unser Präsidium im geeigneten Wege das aufrichtigste Beileid zu dem schmerzlichen Verluste anszusprechen, den sie und mit ihr die österreichische Jndenschaft erlitten hat. (Allseitige beifälligste Zustimmung) Zum ersten Punkte der Tagesordnung: „Mittheilnugen über Vereinsangelegenheiten" übergehend, erinnert der Vorsitzende, Dr. Fialla, daran daß, als am 18. April in der Generalversammlung unseres Vereines die Nen-Constituirung des Vorstandes beschlossen wurde, dies zugleich die Wiederaufnahme der Vereinsthätigkeit nach langer mehrjähriger Pause bedeutete. Damals, also genau vor vier Woche n, betrug die Zahl der Mitglieder etwa 70, überdies veraltet und unsicher; heute erfreuen wir uns einer Mitgliederzahl von etwa 450, einer Elite-Mitgliederschaft, deren Jahresbeiträge von fl. 1 bis 10 sich steigern, welche sich sehr vortheilhast auf Wien und die Provinz vertheilt und in stetiger Zunahme begriffen ist. Der Präsident richtet an die Mitglieder 'selbst die dringende Aufforderung zur steten wirksamen Werbung in ihren Kreisen, da der Verein nach und nach zu einer Mitglied > schüft von vielen Tausenden Glaubensgenossen gelangen müsse. (Lebhafter Beifall.) Folgt der zweite Punkt der Tagesordnung: „Eröffnungsrede des Präsidenten über die politische Lag e", welchen Punkt Herr Dr. Fialla mit dem dritten Punkte der Tagesordnung: „Resolution, betreffend die Predigten des 1*. ©eifert" einheitlich behandeln zu wollen erklärt. Herr Dr. Fialla sagte beiläufig Folgendes: „Verehrte V e r s a m m l u n g! Vier Wochen sind es her, seit wir das letzte Mal in Form einer Generalversammlung beisammen waren und gleichwohl bietet ein Rückblick aus die inneren politischen Vorkommnisse dieser verhältnißmäßig kurzen Zeit eine reichliche Ausbeute, die allerdings in ihrem Gesammteindruck de- Erfreulichen nur wenig bietet, gleichwohl aber zur Hoffnungslosigkeit oder Entmuthigung nicht nöthigt. Der Gesammteindruck ist allerdings ein consequeutes Erstarken der r e a c t i o n ä r e n S r ö m u n g, ein stets'znnehnlendes Hervortreten und Sich-Hervordrängen jener Elemente, welche von altersher, derzeit nur mit noch vermehrter Kraft, den Kampf gegen freiheitliche Grundsätze, gegen Aufklärung und Civilifativn mit Erbitterung und ohne Auswahl in ihren Mitteln führen. Seite 403 Redner übergeht zu einer Besprechung der einzelnen Vorkommnisse dieser kurzen Epoche, berührt die seltsame ministerielle Jnterpellatiousbeantwortnng, vermöge deren die „Anforderung bestimmter Voraussetzungen für ein bestimmtes Amt mit den Bestimmungen der Staatsgrnndgesetze an sich noch nicht im Widerspruche stehe" — eine Antwort, welche Befremden und Erstaunen hervorgerufen hat und über welche die Debatte zu eröffnen gleichwohl, und zwar auch von der Linken, abgelehut wurde, da man es vorzog, der Erörterung über einen der allerwichtigsten Punkte der Staatsgrundgesetzc aus dem Wege zu gehen. Wir finden weiter das öffentliche Leben selbst durchtrünkt von jenen beklagenswerthen Erscheinungen, die wir kurzweg als die antisemitischen zu beze chnen uns gewöhnt haben, die aber in Wirklichkeit nichts Anderes sind als die conseguente Verletzung und Beeinträchtigung unserer Stellung im öffentlichen und Gesellschaftsleben und der gegenüber von regierungswegen eine Duldung Platz greift, deren sich wahrlich manche ethische und moralische Zwecke nicht zu erfreuen so glücklich sind. Wenn wir sehen, wie gerade jetzt antisemitische S i e g e s f e st e an allen Straßenecken mit Riesenlettern angekündigt werden, so muß sich uns in unserer staatsbürgerlichen Stellung die Frage aufdräugeu, was wohl geschehen und wie das Auge des Gesetzes sich wohl dazu verhalten würde, wenn einmal unsererseits ein Siegesfest oder, wozu wir ungleich mehr Anlaß haben, eine öffentliche Trauerdcmonstration gegen eine andere staatlich anerkannte Kirche celebrirt werden wollte? (Lebhafte Zustimmung.) So lesen wir ferner in einer neuesten Depesche des offic i e l l e n Correfpondenzbureaus, dessen amtlicher Charakter ja bekannt ist, mit gewissen Behagen verkündet, daß unrichtig gestempelte ausländische Lose bei mehreren jüdischen Geschäftsleuten in Krakau gesucht und gefunden wurden, ohne daß es gerade dem Gesetze oder dem allgemeinen Sprachgebrauche entsprechen würde, daß bei strafbaren Handlungen der Thäter oder Urheber just nach seiner C o n f e s s i o n stigmatisirt werde. Ueberblicken wir die politischen Ereignisse der letzten Wochen, so stehen wir zunächst einer betrübenden Erscheinung gegenüber, welche die gesummte freiheitliche und fortschrittliche Partei gleichmäßig umgeht: ich meine die Reichsr a t h s w a h l auf der L and st r a ß e, in welcher der von der liberalen Partei ausgestellte Candidat mit einer Differenz von nahezu 2000 Stimmen gegen den antisemitischen Candidaten unterlegen ist. Diese Differenz von 2000 Stimmen ist eine ungeheuere zu nennen und muß uns desto mehr bedrücken, als die vorletzte Wahl in eben diesem Bezirke lediglich eine Stimmendifferenz von 500 ergeben hat, daher der Abfall von der liberalen Partei in riesiger, erschreckender Progression sich entwickelt. Will ich noch der ganz merkwürdigen und für einen Rechtsstaat und gegenüber einer Eultur, deren wir uns erfreuen, unerhörten Erscheinung Erwähnung thnn, welche in letzter Zeit der Stadt S a y b u s ch eine so traurige Berühmtheit verschafft hat, so müssen wir uns sagen, daß derartige Vorkommnisse nicht möglich wären, wenn der Unfriede zwischen den Bürgern, die Verhetzung der Consessionen, der Fanatismus der Massen nicht einen Höhegrad erreicht hätten, der nachgerade mit den Anforderungen der öffentlichen Sicherheit nicht mehr verträglich ist. In S ay b u f ch sind die Wiener Verhältnisse in d i e b r u t a l st e T h a t, i n P l ü n d e r u n g und Vertreibung a u s g e a r t e t. Die Staatsgewalt hat sich allerdings dieses Vorkommnisses bemächtigt; allein nur über dringliches Einschreiten' des Verfolgten und Geplünderten sind die strafgerichtlichen Erhebungen eingeleitct worden, die hoffentlich etwas mehr Licht in diese Affaire bringen werden. Wenden wir uns von diesem wenig erfreulichen Bilde zu einem — noch weniger erfreulichen, zu den jüngsten Ereignissen in unserer theueren Residenz!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.