Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 22 (31.5.1895)
- Date
- 1895-05-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 402 Dr. Vlvch's Wochenschrift. Nr. 22 nicht selbst den antisemitischen Hetzern und Schreiern tüchtig auf Mund und Finger klopfen könnten? Wir denken hiebei keineswegs an eine physische Züchtigung, wiewohl eine solche manchem Thcrsitcs, ob weltlichen, ob geistlichen Standes, sehr angemessen und wirksam wäre, sondern wir haben nur jenes Mittel im Auge, wodurch die wirthschaftlich Schwächsten oft gegen die übermächtigen Gegner die größten Erfolge erringen, nämlich die rücksichtslose planmäßige Prangerstellung und die Boycottisirung. Dieses Mittel erfordert viel weniger Aufwand an Zeit und Geld als viele andere bisher gebräuchliche und ist an Wirksamkeit schon lange erprobt. Wenn wir sehen, welche Riesenerfolge z. B. die Berliner Socialdemokraten gegenüber den größten dortigen Brauereien durch stramme Organisation erzielt, so wäre es undenkbar, daß nicht in verhältnißmäßig kürzester Zeit z. B. die 120-000 Juden in Wien, die sich zum größeren Theile doch in mittelmäßigen und guten materiellen Verhältnissen befinden, dre Herren Antisemiten durch rein wirthschastliche Maßnahmen zur Vernunft bringen könnten. Eine gründliche Aushungerung der Gegner hat den heftigsten Krieg rascher und wirksamer beendigt, als eine Menge siegreicher Geplänkel und Sch lach ten. Erst wenn die Antisemiten wirthschaftlich so herabgekommen sein werden, daß sie die materielle Hilfe ihrer Gesinnungsgenossen werden in Anspruch nehmen müssen, daun wird ihnen erst die Niedertracht und der herzlose Egoismus der Häuptlinge sonnenklar werden. Der Gedanke der wirthschaftlichen Aushungerung der Judenhctzer ist kein Novum, vielleicht nicht einmal die planmäßige Organisation hiezu. Ihre Zeitung bringt allwöchentlich eine Reihe von antisemitischen Helden und deren Thaten an's Tageslicht, die zum nicht geringen Theile mit jüdischem Gelde sich bereichert, oder der jüdischen Kundschaft nicht entbehren können. Ist ein Antisemit allein auf den Zuspruch seiner Gesinnungsgenossen angewiesen, so ist der Bankerott unvermeidlich und nur eine Frage der Zeit, wie im Vorjahre die eingegangenen antisemitischen Bierwirthe und die Pamphletenfirma Lesk u. Schwindlerloch in Wien beweisen. Würden nun planmäßig und periodisch derartige Veröffentlichungen stattfinden, wie sie Deutsche und Czechen z. B. schon jahrelang anzuwenden pflegen, würden wir uns solche antisemitische Helden nur ein bis zwei Jahre lang gut merken, so würden sie gar bald auf die materielle Hilfe der.Herren Lueger, Liechtenstein, Schneider, Steinwender angewiesen und so dem Verkommen unrettbar verfallen sein. Die Ausführung dieses Planes stelle ich mir so vor: Ein jüdischer, politischer Centralverein, z. B. der Volksverein, bestellt in jedem Wiener Bezirke ein fünf- bis zehngliedriges Comitö aus verschiedenen Berufskreisen und jüngeren Kräften, die jede an sie gelangte Anzeige antisemitischer Niedertracht und Gemeinheit unparteiisch und ohne Empfindlichkeit prüfen und sodann den Thatbestand dem Centralvereine bekannt geben. Einem weiteren Comitö des Centralvereines wird die nochmalige Prüfung der eingelangten Anzeigen obliegen, ehe er zur Namensveröffentlichung schreitet. Die periodischen Veröffentlichungen werden unter die Glaubensgenossen gratis vertheilt und in jüdischen Vereinslokalen und Gasthäusern angeschlagen. Auch an jüdische Vereine der Provinz und deren Vereinsorgane wären diese Veröffentlichungen einzuseuden, die für die weitere Bekanntmachung zu sorgen hätten. Dem antisemitischen Geheule „Kauft nur bei C h r i st e n" wollen wir dadurch begegnen,daß w i r n ich t s bei den proscribirten Antisemiten kaufen und b e st e l l e n, nichts ihnen leihen, das Geliehene nachsichtslos ein treiben; meiden wir öffentliche Gasthaus- und Kaffeehauslocale, wo die antis c m i t i s ch e n S u d e l b l ä t t e r f r e i h e r u m h ä n g e n, so lange, bis die Wirt he für dieselben ein abgesondertes Lokale eingerichtet, mei den wir antisemitische A d v o c a t e n , A e r z t e und Lehrer, warnen wir vor antisemitischen B e r s i ch e r u n g s» G e s e l l s ch a s t e n, k ü n d i g e n w irden a n t i s e m i t i s ch e n Schreiern die Läden u n d W o h n u n g e n u n s e r e r H ä u s e r, jagen w i r die antisemitischen A n n o n c e n s ch n o r r e r s ch i in p f l i ch hinaus und kaufen wir endlich n i ch t s b e i j e n e n F i r m e n,d i e mitbesonderer Vorliebe durch Abonnement, Annoncen rc. die a n t i s e m i t i sch e S u d e l p r e ss e u n t e r st ü tz e n. Halten wir endlich unsereTaschen während j e n e r Z e i t zugeknöpft und weisen wir die Bitten der i n t e r c o n f e s si o n e l l e n Vereine für e i n e Z e i t ab, um die Wirkung der antisemitischen Hetze ziffermäßig darzuthun. Diese Mittel der Selbsthilfe sind viel radicaler und schneidiger als alle Reden, Resolutionen und Deputationen. Wie bald müßte die Ernüchterung ans die antisemitischen Siegesseste folgen, und wie bald würden die schamlosen Volksverführer den Lohn ihrer Gemeinheit und Niedertracht aus den Händen der Verführten empfangen, wenn eine derartige Organisation in Wien und in der Provinz durchgeführt und obige Grundsätze stramm und ausnahmslos nur ein bis zwei Jahre lang würden befolgt werden. Ist nur ein Hundertstel dessen wahr, was die antisemitische Preßmeute von der jüdischen - wirthschaftlichen Uebcrmacht herumbellt, dann könnte schon nach einjährigem strammen Antisemitenboycott ein Bankerottjahr für die Judenhetzer hereinbrechen, wie die Advocaten sich cs nur in Träumen wünschen können. P r a g, im Mai 1895. Dr. Iv. S. Vollversammlung des „Politischen Volksvereines" vom 18. Mai 1895. Den Vorsitz führt der Vereins-Präsident Herr Dr. Hermann Fialla; als provisorischer Schriftführer fnngirt Herr Dr. Emil Frankl. Vom Vorstande sind anwesend die Herren S. Brod, L. Fried, Director A. Marek, Dr. Alfred Skrein und Consul Josef Thalberg. Nachdem Herr Dr. Fialla die überaus zahlreich erchieneneu Mitglieder, sowie deren als Gäste anwesende Damen wärmstens begrüßt und der Versammlung den als Regierungs Vertreter anwesenden k. k. Polizeicommissär Herrn Spielvogel vorgestellt hat, erklärt derselbe die erste V.reinsversammlung, deren Leitung ihm als neugewählten Präsidenten obliege, für eröffnet und ergreift das Wort zu einem Nachrufe an den Tags zuvor verstorbenen Herrn Wilhelm R. v. Gutmann, wie folgt: Geehrte Versammln n g! Bevor ich in die programmäßige Behandlung unserer Tagesordnung eintrcte. glaube ich in Ihrer Aller Sinne der Pflicht, wenn auch einer schmerzlichen Pflicht der Pietät und einem Bedürfnisse unseres Gefühles entsprechen zu sollen, indem ich der Manen eines hervorragenden Mitgliedes unserer Glaubensgcnossenschaft gedenke, der Manen des frühzeitig und plötzlich am gestrigen Tage dahingeschiedenen Herrn Wilhelm Ritter von G n t m a n n. Wir thun nur recht, wenn wir das Gute und Edle eines jeden Einzelnen unserer Glaubensgcnossenschaft stets würdigen und preisen, zumal in einer Zeit, deren Strömung uns alles Edle und Gute zu bestreiten und zu verleugnen bemüht ist. Das Verdienst des Einzelnen umstrahlt zugleich die ganze Gemeinschaft und der theuere Todte hat sich zu unserer Gemeinschaft bekannt mit jener Offenheit und Treue, die leider oft genug vermißt wird, mit einer Conseguenz, die weder durch die Macht des Reichthums, der ilm umgab, noch durch den Glanz der Ehren und Acmter, welche die