Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 22 (31.5.1895)
- Date
- 1895-05-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021061-3021084--04592-3028786- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 22 Dr. Nloch^s WvchensüzrM. Dieser bedauerlichen Unterlassung gegenüber sei cs uns gestattet, mit wenigen Worten darauf hinzuwcisen, wie ganz anders in einem anderen Rechts und Culturstaate, in Frankreich, schon dem Persuche, eine antisemitische Hetze in Scene zu setzen, entgegengetreten wird. An demselben Tage, an welchem Fürst Windischgrätz im österreichischen Abgeordnetenhause über den Fall Deckert sprach, wurde in der französischen Kammer die Debatte über die Interpellation des antisemitischen Deputirten Denis zu Ende geführt, welcher sich darüber beklagt hatte, daß die Juden in der staatlichen Verwaltung eine zu große Rolle spielen. Schon die aufhetzerische Motivirung dieser Interpellation hatte der Kammerpräsident Brisso u mit der scharfen Zurechtweisung unterbrochen: „Sie können nicht in solcher Weise eine ganze Kategorie von Staatsbürgern verdächtigen. Wissen Sie Bestimmtes, so sagen Sie es!" Herr Denis wußte natürlich nichts Bestimmtes, dagegen wies der Socialist R o u a n e t in einer meisterhaften Rede nach, daß die capitalistische Ausbeutung vor der Emancipation der Juden von den reichen Christen in schamlosester und grausamster Weise geübt wurde. R o u a n e t erklärte unter dem donnernden Beifall der ganzen Kammer: „D e r A n t is e m i t i s m u s ist ein s ch w e r es Vergehen gegen die P r i n c i p i e n der französischen Revolution. Wir kennen keinen R a c e n u n t e rschied!... Der Antisemitismus i st eine der letzten Schlachten, die der unbewegliche Besitz dem beweglichen im K a m p f um die Macht liefert!" Die Hetzrede B a n d r y d'A s s o n'S wurde mit schallendem Gelächter ausgenommen. Der Minister des Innern, L e y g u e s, erklärte Folgendes : „Wenn Sie conseqnent sein wollen, hätten Sie die Regierung ausfordcrn müssen, die Inden von allen öffentlichen Aemtern auszuschließen. Niemand wird das beantragen, und zwar wegen der Stellung, die wir in der Welt einnehmen, wegen des Beispieles, das wir vor hundert Jahren gegeben, wegen der unsterblichen Principien der Freiheit. Vor hundert Jahren haben wir die Juden in ihrem Elend ausgesucht und befreit, jetzt sollten wir sie wieder dahinstoßen? Wenn Inden sich etwas zu Schulden kommen lassen, kann die Regierung nichts Anderes thun als den Gesetzen ihren Lauf lassen." So sprach in Frankreich ein Minister über die Judenfrage, und mau wird zugeben, daß diese Worte in ganz anderem Maße geeignet sind, den Antisemitismus zu brandmarken als die Erklärung des Fürsten Windischgrätz, die französische Regierung will nicht, daß die Ehre und das Ansehen Frankreichs vor der Welt durch eine Judenhetze Schaden leide. Man sollte doch denken, daß auch Oesterreich seine Ehre und Würde vor dem Auslande zu wahren hätte. Und der Kammerpräsident? Er darf als Muster für für alle Kammerpräsidenten hingestellt werden. Herr B r is s o n unterbrach den Baron Hngues, als derselbe über jüdische Beamte reden wollte, mit den Worten: „Fangen Sie nicht von vorne an! Ucberhaupt könnte ich hier Jedermann das Recht bestreiten, vom Glauben eines Bürgers zu sprechen. Wir haben nicht einmal das Recht, Jemandes Glauben zu kennen. Der Glaube eines Menschen geht Niemanden etwas an!" — In den donnernden Beifall, den diese Rede weckte, stimmte der Minister demonstrativ ein. Oesterreich und Frankreich — der Contrast zwischen beiden Ländern gereicht uns nicht zu sonderlicher Ehre! Der Lügner auf der Ranzel. / II. Pfarrer Deckert berichtigt wieder! Er hat aus dem üblen Ansgange, den sein Berichtigungsfeldzug vor zwei Jahren genommen, nichts gelernt und er stürmt neuerdings mit geharnischten „Erklärungen" gegen den „berüchtigten Exrabbi" an. Das Curriculum vitae, das wir dem Hetzpfarrer von Weinhaus in unserer vorigen Nummer vorgehalten haben, ist natürlich nicht ganz nach seinem Geschmacke, Seite 399 er bezeichnet es als ein „Lügengewebe" und versichert in den einleitenden Zeilen, daß er dasselbe wie eine „Kreuzspinne" mit einem Nucke zerreißen werde. Allen Respect vor dem treffenden Vergleiche, in welchem Herr D eck er t seine Neigungen zu den Jnstincten einer „Kreuzspinne" setzt! Eine „Kreuzspinne" sitzt lauernd in ihrem Netze und fängt sich unschuldige Fliegen in Gestalt von Losabnehmern und Erfindern neuer Patente, die sie bis aufs Blut aussangt. Es ist geradezu rührend, wie genau -er Pfarrer von Weinhaus seine eigene Natur kennt und wie fein er seine Lotteriegeschüfte und Patent-Mogeleien zu umschreiben weiß. Seine „Berichtigung" erscheint diesmal nicht im „Vaterland", sondern in der „Reichspost". Schon dieses scheinbar nebensächliche Detail zeigt, wie tief Pfarrer Deckert seit zwei Jahren gesunken ist. Das „Vaterland" ist das Organ der rein kirchlichen Partei, die „Reichspost" vertritt nicht die katholischen Interessen, sondern ist ein ganz gemeines Hetzblatt, welches von einem jüdischen Apostaten geleitet wird. Die jüdischen Apostaten haben für Herrn Deckert immer einen besonderen Reiz gehabt und er ist durch den Schaden, den sie ihm zugefügt, noch immer nicht klüger geworden. Das zweite Moment, welches beweist, daß er auch schon für den letzten Rest jener sittlichen Anforderungen, welche sein Amt an ihn stellt, das Verständniß verloren hat, ist die erbärmliche Feigheit, mit welcher er seinen Gegnern auszukncifen sucht. Die „Oesterreichijche Wochenschrift" hat ihm die stärkste Anklage zugeschleudert, die gegen einen Diener der Kirche erhoben werden kann; sic hat ihn einen „Lügner aus der Kanzel" genannt, sie hat ihm vorgeworsen und nachgewiesen, daß er sowohl in seinem amtlichen, wie in seinem privaten Wirkungskreise Lug und Trug geübt habe und heute noch übe. Einen solchen Peitschenhieb hätte jeder Mensch, der noch einen Funken von Ehre im Leibe hat, als eine unauslöschliche Schmach empfunden und die Klage vor Gericht erhoben. Se. Hochwürden der Pfarrer von Wcinhans aber begnügt sich mit einer dummdreisten „Erklärung" in der „Reichspost", in welcher er es sorgfältig vermeidet, seinen Gegner mit Namen zu nennen, um auf diese Weise der Gefahr einer Gegenberichtigung zu entgehen. Der Herr Pfarrer Deckert begnügt sich damit, den Dr. Bloch durch das Epitheton „Ehrenjude" zu bezeichnen. Wir bedauern, ihm dieses Compliment nicht zurückgeben zu können. Den Pfarrer von Weinhaus, der dem Elp istenthum bisher nur Schande gemacht hat, werden weder seine Glaubensgenossen noch Andersgläubige als einen „Ehrenchristen" bezeichnen. Und nun zu den einzelnen Punkten der famosen Berichtigung in der „Reichspost". „Es ist eine Lüge," sagt Herr Deckert, „daß ich, respective der St. Josef-Kirchenbauverein eine „Lustvilla" oder ein,, vollständiges" Landhaus als Lotterietreffer versprach." „Es ist eine Lüge," sagt er weiter, „daß die vom Vereine hergestellte Villa „im Werthe aus Null reducirt war", da die gerichtliche Lchützung sie über fl. 500t) bewerthete." Herr Deckert nimmt da zu jämmerlichen Verdrehungskünsten und sogar zum Kobold des 'Letzkastens seine Zuflucht. Wir haben nie behauptet, daß er als Lotterietreffer eine „Lustvilla" versprach. Wir haben von einem Landhause gesprochen, welches pomphaft aus den Placaten prangte, und dieses Landhaus, weil es blos ein zerlegbares Gebäude ohne Baugrund war, also „in der Luft hing", eine „Lustvilla" — nicht „Lustvilla" genannt. Welchen Werth dieser „Treffer" hatte, geht aus dem Processe hervor, den der St. Josef- Kirchenbauverein, respective Pfarrer Deckert, mit der Gewinnerin Frau Jenny Zink-Mais Hof zu führen hatte, bei welchem die Letztere Siegerin blieb und der ganze Schwindel mit dieser „Luftvilla" eine bengalische Beleuchtung erfuhr. Man sieht, Herr Deckert setzt absichtlich einen Druckfehler, um seiner „Berichtigung" den Anschein größerer Glaubwürdigkeit zu geben. Und auch iu dem zweiten Falle ruft er einen Druckfehler zu Hilfe. „Es ist eine Lüge," sagt er, „daß ich wegen eines Patronates einen Proceß zu führen hatte." Wer