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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-05-24 · 21 (24.5.1895) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
21 (24.5.1895)
Date
1895-05-24
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 21 Dr. Blvch's Wochenschrift. Seite 391 der ihm rathend, hellend, schützend zur Seite steht. Aus einem eigenen Fonds für austretende Zöglinge wird dem scheidenden Handwerker eine vollständig eingerichtete, mit reichlichem Material versehene Werkstättc, eine kleine Bibliothek von Blindenschriften, Wäsche, Kleider und eine Blindenuhr angeschafft; so ausgerüstet zieht der absolvirte Zögling in seine Heimat und nimmt in seinem Herzen die Ueberzeugung mit. das; treue Fürsorge ihn auf seinemLebenswege begleitet, das; ihm das Institut ein zweites Paterhaus ist und bleibt, in welchem er jederzeit aufrichtige Tbeilnahmc. Rath und Hilfe 'findet. Fehlt es den; Zögling an Absatz für seine Waaren, so übernimmt das Institut deren Verkauf: heimatlose, verwaiste Zöglinge bleiben für ihre Lebenszeit unter der unmittelbaren Tbhut des Institutes. Ein lebhafter Briefwechsel, in welchen; sie ihre Wünsche. Hoffnungen und Sorgen anssprechen, verbindet die ehemaligen Schüler mit ihrem Erzieher, sie unternehmen auch als Nimmer nichts Entscheidendes ohne dessen Zustimmung: nickt selten kehren sie als herzlich willkommene Gäste zun; Besuche in die Anstalt ein. Por zwei Jahren kam ein solcher aus Chicago, wo er fick zu einer angesehenen Lebensstellung emporgearbeitet hatte. Sehnsucht nach der Stätte, wo er eine glückliche Jugend verlebt,: Dankbarkeit für eine Erziehung, die sich im schwersten Lebenskämpfe zu seinem Heile bewährte und für treue Theilnahme, die ihn auch über den Dcean begleitete, hatten ihn zurückgefi'rhrt. An mehr als hundert Blinden, tvelche seit zwei Deccunien die Anstalt verlassen haben, hat dieses Epstein seine Segnungen erwiesen: wechselvoll war oft das Schicksal mancher von ihnen, den Weg der Ehre hat keiner verlassen: ein blinder Bettler, wie ihn der Herr Anonymus in seiner Einleitung zu feinem vorwurfsreichen Appell aufführt, ist kein Einziger geworden- Erwerbsfähig sind mehr oder minder alte, viele von ihnen haben das Mittelmaß dessen weit überschritten, was Blinde sonst erreichen. Pier Drganisten «drei davon in Wien) verherrlichen den Gottesdienst durch ihre Kunst, die alle Anerkennung findet, sechs haben als Mnsiklehrer — einer von ihnen an einer öffentlichen Anstalt in Riga — eine Glireu stell »Mg erworben, ein anderer steht seit sieben Jahren einer Musikschule für Sehende, die er begründet, und die nun über 50 Schüler zählt, vor. Mehrere unserer, blinden Handwerker betreiben ihr Gewerbe als Meister mit zwei bis drei Gesellen, einige haben sich zu einer gewissen Wohlhabenheit aufgeschwungen und ernähren nicht blos sich, sondern auch ihre Familie reichlich. Wer hat angesichts solcher Thatsacken, welche einer zielbewussten Ausbildung mld einer nimmer rastenden Fürsvrge über die Schule hinaus zu danken ist, das Recht, öffentlich auszurufen: ..Rein, es darf u n möglich mit dem Entlassen der Kinder die M i ssion der Anstalt erledigt sein'" Wer kann es vor seinem Gewissen verantworten, solchen Bestrebungen gegenüber, für welche nicht allein redlicher Wille, Zeit und Kraft, für welche entsagend nnd opferfreudig ein ganzes Leben eingesetzt werden muß, von einer „ftarren A b g renzun g d cs W i rkung skreises zu sprechen, die schon m a n n i g f a ch i m L e b e n 11 n he i l ang erichtet hat", und. Vergleiche zu gebrauchen, die der Herr Verfasser in richtiger Erkemitnis; selbst als banal bezeichnet. — Er erhebt auch den Vorwurf, „daß der LR angel an Hilfsc o m i t ö s zur Forderung und Unter st ü tz u n g s o l ch e r Zöglinge, welche die A n st a l t perl a s s e n und keinen w e i t e r e n Anne h m e r haben, einzig und a l l e i n daraus entspringt, daß seitens de r A n ft a lten, d i e ja die Initiative ergreifen sollten, eine solche Anregung nicht g e g e b e n w i r d." Der anonyme Vertreter der verlassenen Blinden möge getrost sein! Ganz im Stillen, ohne jedes Aufsehen, haben wir seit mehr als zwanzig Jahren, ohne uns von Enttäuschungen verbittern, von ,kaltherziger Abweisung enttnuthigen zu lassen, unseren Zöglingen Sausende von hilfreichen Freunden geworben und gewonnen. In die Oeffeutlichkeit hinauszutreten, ist unsere Sache nickt: wir vermeiden es. so lange wir^ dies vermögen. Aber ganz im Stillen. Neonate vorher, ehe der Herr Verfasser sein „Wort für unsere Taubstummen und Blinden" in der gekennzeichneten Weise erhoben hat, habe ich eine Vereinigung angebahnt und geschaffen, welche allen Blinden, auch dennen, die im Jünglings- und Mannesalter der Sehkraft beraubt worden sind, zum Heile gereichen soll, und welcher die hervorragendsten Persönlichkeiten Wiens heigetreten sind. Wenn diese Vereinigung aus dem Dunkel des Vorbereitungsstadiums an das Licht der Desientlichkeit treten wird, so dürste sic sich dem Ankläger des israelitischen Blinden-Jnstitutes. der nur in der Errichtung von Hilfscomites einen vollgiltigen Beweis der Blindenfürsorge zu erblicken scheint, vielleicht als hinreichend erweisen, um ihm die Ueberzeugung beiznbringen, das; unsere Anstalt keineswegs ,.d a s Recht b e a n s p r u ch t, m i t v e r k n ö ch e r t e r Schablone, aus welcher d i e H u m a n i t Ü t, der G r n n dp feiler dieser Institution, geschwunden ist, den nunmehr verwaist d a st e h e n d e n Z ö g l i n g e n z u z urufen: Bis h i e h e r u n d w e i t e r!" und daß er mit seinem Aufrufe sich an jenem Heiligthun; versündigt hat, dem er zu dienen versuchte, nämlich — an der Humanität. Dien, 20. Mai 1895. S. H eilet, Director d. israel. Blinden-Jnstitutes- CorrespondenM Wien. (Leichenbegängnis; Wilhelm Ritter von (Hutmaim's.) Unter außerordentlich großer Betheiligung der Aristokratie, der Gelehrtennnd Schriftstellerwelt und der Industriellen- und Haute fmance^mje, geleitet von Deputationen vieler humanitärer Vereine, die der Verblichene bei Lebzeiten thatkräftigst unterstützt hat. wurde am 19. d. M., um 11 Uhr Vormittags, der Großindustrielle und Gewerkebesitzer Wilhelm Ritter von Gutmann zu Grabe getragen. Das Verzeichniß der Anwesenden, welches die Tagesblättcr publicirten, umfaßt viele Spalten. Es genügt, zu eonstatiren, daß seit Jahren ein derartiges Leichenbegängnis in Wien nicht gesehen worden. Vom Palais bis über die Schwarzenkergbrucke hinaus stand eine vielhnndertköpfige Menschenmenge, die pietätvoll das irdische Theil des Menschenfreundes pasffren ließ. Um halb 1 Uhr Mittags langte der Zug aus dem Friedhofe an. Nachdem Dbercantor Singer das rituelle Todtengebet ergreifend und unter allgemeiner Rührung vorgetragen, hielt Rabbiner Doctor Schmiedl die Trauerrede, der wir folgende Stellen entnehmen: „Ein edler Mann sinkt heute in das Grab. Sein Herz watvoll Liebe zu Gott erfüllt und warm schlug es stets für die Menschheit. Nicht nur die Glaubensgenossen trauern um Wilhelm v. Gutlnann, die edelsten Häuser und Vertreter dieser Stadt traneen mit uns. Wilhelm v. Guttnann war ein tüchtiger Kopf, mit einem edlen feinsinnigen Herzen vereint, einem Herzen, das nie ermüdete im Helten und Wohlthun. das immer bereit war zu geben und wieder zu geben und aus dem so viele großartige Schöpfungen hervorgingen. Sein ganzes Denken und Fühlen concentrirte sich in einem großen Gedanken, der leidenden Menschheit hilfsberereit zur Seite zu stehen. Zu seinem nüchternen praktischen Sinn'gesellte sich eine ideal angelegte Natur. Einerseits erglühte er für die Ideale der Menschheit, andererseits war er voll tiefsinniger Religiosität. Mit Liebe und Innigkeit hing er an seinen Stammes- und Glaubensgenossen, nur die Besserung der Stellung derselben hätte er sein Herzblut biugegcben. aber in seinem Geiste eristirte keine Schranke zwischen Mensch und Mensch. Mit welcher Fürsorge war er seinen Beamten und nnd seinen Arbeitern zugethan, sie wurden wie die Kinder des Hanfes behandelt und geliebt. Mit welcher Innigkeit hing er an seiner Verwandtschaft! Welch glückliches Vaterherz schlug in ihm! Welch ein treuer und zärtlicher "Gatte war er! Wie herrlich bewährte sich das Wort des Pfalmisten: „Schön ist es und lieblich, Brüder in inniger Harmonie leben nnd wirken zu sehen." Hier waren .zwei Brüder gleichen Sinnes und gleichen Herzens, gleich begeistert stir Schöpfungen der Humauität, wirkteil sie zu edlen; Wohlthuli zusammen. Die Nachkommen des Heimgegangenen mögen sein Andenken ehren, indem sie fürder in seinem Sinne wirten." Dr. Schmiedl schloß unter tiefer Rührung, Nach ihm sprach Prof. Su e ß Namens des PhilauthropischeuVereiues: ..Der philanthropische Verein entbietet Dir den letzten Gruß. Eiilporgetragen von Erfolgen, bat Wilhelm R. v. Gutmann der Armutb nie vergessen. Ant seine Anregung wurde der Philanthropische Verein in's Leben gerufen, nnd unermüdlich war fein edles Wirken im Dienste der Nächstenliebe. Sinkende Eristenzen aufzurichten, einer Familie die Möglichkeit eines ehrbaren Erwerbes wiederzugeben, das war die Freude dieses Mannes. Je trüber nun die Zeiten wurden, umso eifriger war er in Tbaten stiller Menfchcnliebe, denn so pflegte er zu sagen: „Der Besitz beglückt nicht, eS beglückt nur das Bewußtsein, Helten zu können." Und darunt sage ich ihtn heute Dank. Diejenigen, in deren Namen ich heute spreche, vermögen allerdings nicht "das Wort zu stibren, Viele von ihnen wissen es heute nicht, woher ihnen in schweren Stunden der Roth Trost und Rettung gekommen. Da eine Witwe mit hungernden Kindern, dort ein junges Mädchen^ welches durch seine nimmer ruhende Hand die ganz verwaiste Familie erhallen muß, da ein siecher Greis, eine treulos verlassene Mutter — alleJnefe Balken und Splitter, welche das wogende Geschick aus den schiff brächen des Lebens stürmend an das Ufer schlendert, alle diese Residuen ungezählter Tragödien, sie find es, in derci^Namcn ich hier spreche und danke, und wenn es möglich wäre, die Taufende von vielgestalteten Bildern menschlichen Jammers jeder Altersstufe, jedem Geschlechte und jedem Glatiben angehörend, heute hier ztt versammeln, so würden meine Worte von einem erschütternden Chorus begleitet und irr der Brust eines Jeden von uns wiedertönen. Gepriesen fei das Andenken dieses Freundes der Armnth!" Als Professor S u e ß mit seiner mannen, vom Herzen kommenden Rede zu Ende war, trugen Beamte des Hauses G u t m a n u den Sarg zu der nur wenige Schritte vom Ausgange der Ceremonienhalle entfernt liegenden Familiengruft. Die Knappen und Hüttenarbeiter bildeten aus diesem kurzen Wege Spalier. Am offenen Grabe sprach der Reetor

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