Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 21 (24.5.1895)
- Date
- 1895-05-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021061-3021083--04581-3028774- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 21 Dr. Blvck's Wochenschrift. Leite 389 zu rathen haben, beantrage ich, daß wir sie hinausschmeißen. (Zustimmung.) (Greg orig und S chneid er gehen leise hinaus). Draußen sagt Gregorig: Das ist aber sad — wenn man amal nicht mehr über die Juden schimpfen kann. Schneider: Da hört sich Alles ans ... G r e g o r i g: Da g'freut Einem ja die ganze Politik nicht mehr ... Schneider: Meiner Seel', wenn's bei uns so weit kam, ich ziehet mich in's Privatleben zurück ... Greg orig: Natürlich, dann hat ja Alles sein Interesse verlor'n. Schneider: Na, weißt, das kann bald sein — wenn jetzt der Lueger Bürgermeister wird, schmeißt er alle Juden außa. Greg orig (sehr aufgeregt): Dös gibt's net. Dö nimm' i in Schutz. Dös muß ich ihm sagen — denn sonsten war's nacher ganz aus. — Wir brauchen die Juden nothwendig, der Lueger, Du und ich — wenn wir zu was kommen woll'n. Schneider: Natürlich. — In Saybusch war' der Lueger nie Bürgermeister g'lvorden. (Sie sind aus der Stadt heraus auf die Landstraße gekommen.) Gregorig (sich umschauend, sehnsüchtig): Gibt's denn wirklich gar keine Juden da? (Sie gehen weiter.) Schneider (nach einer Weile traurig): Nein, es gibt keine. (Ein armer Hausirer kommt ihnen entgegen.) Gr eg orig (aufmerksam werdend): Du — schau Dir Den an . . . Schneider (ihn betrachtend, hoffnungsvoll): Na, aber wirklich . . . Gregorig (freudig): Du, das muß a Jud sein . . . Schneider (wieder gut gelaunt): Glaubst? Der Hausirer ist näher gekommen): Nix zu handeln, meine Herren . . .? Greg orig (entzückt lächelnd): Sigst es, was i g'sagt Hab' ... Schnei d er: Richtig! Beide (eilen dem Hausirer entgegen jubeln): Grüß Di Gott — Sauzud elendiger — (sie fallen dem Hausirer um den Hals). „Allg. Ztg." Beitrag zur Geschichte der russischen Inden. (Fortsetzung aus Nunnncr 20.) XV. Die Rückwirkung des deutsch-österreichischen Antisemitismus. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die antisemitische Bewegung im Auslände, besonders jedoch bei unseren Grenznachbarn — Deutschland und Oesterreich — ein mächtiges, weilhinhallendes, sympathisches Echo in Rußland fand. Unseren Hetzorgauen, Ultranationalen und Kwaßpatrioten war der „europäische Antisemitismus" höchst willkommen; er diente ihnen als Beschönigung und Berechtigung ihrer eigenen Judenfresserei. Die öffentliche Meinung ward auf diese Weise systematisch gedrängt, mit Racenhaß und GlaubenSunduldsamkeit insicirt. Bismarck, der Vater des Antisemitismus in Deutschland, und Stöcker, sein würdiger Apostel, wurden für ihre Thätigkeit auf diesem Gebiete verherrlicht, und die judenfeindlichen Ausfälle der österreichischen Chefs der Aulisemitenbande, als Schönerer, Schneider und Lueger, gewissenhaft registrirt und in specifischem Sinne constatirt. „Seht, was in constitutioncllen Staaten, im geeinigten Deutschland, in der habsburgischen Monarchie vorgeht, wo man es bitterlich bereut, den Juden bürgerliche Rechte gegeben zu haben, und wo Regierung und Volk einmüthig (?) bestrebt sind, die Emancipation wenn nicht ganz aufzuheben, so doch erheblich eiuzuschränken. Seht, wie der Antisemitismus sein Haupt sogar in Frankreich, dem Lande der Freiheit. Gleichheit und Brüderlichkeit, erhebt, und urtheilt dann, ob wir dem verderblichen Beispiel des Westens folgen und unseren Juden, die noch auf einer weit niedereren Culturstufe stehen als ihre deutschen, österreichischen, ungarischen und französischen Glaubensgenossen, gleiche Rechte gewähren sollen, das Ghetto sperrweit öffnen, das bis jetzt für diese Parasiten hermetisch abgeschlossene Centralrußland ihnen erschließen, um daß sie auch dort ihr materielles Aussaugesystem, ihre unmoralische Depravationsmethode anwenden und praktisch zum Ruin der Aboriginer verwerthen." So sprechen unsere Hetzorgane, und gläubig hört man diese Orakelsprüche, und Regierung und Volk sind eifrigst bestrebt, nicht hinter Deutschland und Oesterreich Ungarn zurückzubleiben, und die Schläge, die dem Judenthum an der Spree und der Donau versetzt werden, fallen auf uns zurück, schmerzen uns gar gewaltig, gleichsam als wären sie direct für uns bestimmt gewesen. Der Spruch „Kol Jisroel chameiram“ bewährt sich auf erschreckliche Weise, und wenn die antiliberale Partei in der Wiener Gemeindeverwaltung gesiegt, so müssen wir es hier entgelten, und sollte Herr Dr. Lueger zum Bürgermeister von Wien erwählt werden, so können Sie versichert sein, daß die russischen Juden die Zeche werden zahlen müssen, payer les pots easses, wie die Franzosen sagen. Und wenn das Haus der ungarischen Magnaten nochmals das Receptionsgesetzproject verwerfen sollte, so werden wir das hier sehr schwer empfinden. Eine jede reactionäre, gegen die Juden gerichtete Maßregel im Auslande stößt nicht blos bei uns auf Sympathie, sondern ermuntert zu ähnlichen Repressivvorschritten. Hat man doch vor dem Culturstaate nicht mehr zu erröthen; geht's doch dort ebenso lustig her. Wenn jedoch zufälligerweise im AuSlande etwas Günstiges für die Juden geschieht (leider hat man solche Ereignisse nur außerordentlich silten zu registriren), so schimpft man bei uns auf den faulen Westen, der durch seine Judensreundlichkeit angeblich sich selbst ein Grab gräbt, und man benützt die Gelegenheit, um uns die Daumschrauben noch fester anzulegeu. Was auch in Europa geschehe — der russische Jude wird doch verbrannt. Und als ob die Ereignisse noch nicht schmerzlich genug wären, greifen die Organe unserer Oeffentlichkeit zur Entstellung der Thatsachen, fälschen die Begebenheiten und liefern ein Zerrbild, um die öffentliche Meinung irre zu führen. Die parlamentarischen Debatten in Ungarn werden systematisch gefälscht und nur die berühmte Rede des Markgrafen Pallavicini in extenso wiedergegeben und mit hämischen Bemerkungen reproducirt. Der Marquis (so übersetzt man hier den Titel eines Markgrafen) wird als einer der hervorragendsten Geister der ungarischen Aristokratie geschildert, als Leiter der größten politischen Partei, während man keine genug starken Ausdrücke findet, um den Ministerpräsidenten Baron B a n f f y und beu Cultusministcr Herrn Wlassitsch zu geißeln. Ueber die Natur des Culturkampses werden wissentlich falsche Gerüchte gebracht. Es handelt sich nicht um Reception der israelitischen Religion, sondern um Gleichstellung der Juden!! Als ob die Emancipation der Juden nicht ein fait accompli wäre. In dem zwischen dem Grafen K a l n o k y und dem Baron B a n f f y entbrannten Kampfe gelegentlich der Agitationsreise des päpstlichen Nuntius Monsignor A g l i a r d i stellt sich die russische Presse, mit nur wenigen Ausnahmen, auf Seite des Grasen Kalnoky und versetzt dem Baron B a n f f y wuchtige Keulenschläge. Und alles dieses und noch vieles Andere wird systematisch betrieben, um dem russischen Volke darzuthun, daß die Judenverfolgungen motivirt sind, daß auch Europa die Judenemancipation bereut und auf dem Wege ist, die üblen Folgen dieses Actes möglichst zu neutralisircn. Leider fällt diese schlimme Saat auf einen nur gar zu empfänglichen Boden und gibt gar giftige Früchte.