Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-05-24 · 21 (24.5.1895) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
21 (24.5.1895)
Date
1895-05-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021061-3021083--04580-3028773
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 388 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 21 Pfarrer auf dem Friedhöfe gesagt hat, die Juden kämen nicht in den Himmel (die Heiden gehen uns nichts an). Ich will Euch warnen, daß keiner sich erlaubt, den Juden N. der Compagnie in irgend einer Weise wegen seiner Religion zu verspotten oder ihm zu sagen, er käme nicht in dm Himmel. Wer sich das untersteht zu sagen, erhält vier Tage scharfen Arrest, mag's auch der Pfarrer auf dem Friedhöfe gesagt haben." Ihnen, zu dem Israeliten gewendet, „sage ich, Sie konrmen in den Himmel, wenn Sie ordentlich und brav bleiben. Dem Schurken aber bleibt der Himmel verschlossen, welchen Standes und Glaubens er auch sei." Die Rede des Kriegsmannes in der Kaserne soll bei den Soldaten mehr Glauben gefunden haben, als die des Mannes im Ordenskleide aus dem Acker des Friedens. Der erste unbesoldete, jüdische Auscultant. Seit dem Bestände unseres aus die Abwehr der destructiven Parteien gerichteten Coalitionsministermms ist zum ersten Male ein Jude zum unbesoldeten Auscultanten ernannt worden. Dies denkwürdige Ereigniß vollzog sich weitab, da hinten im nebelhaften Osten, im fernen Czernowitz, aber doch noch in Oesterreich. Dr. Salo Weißelberger heißt das Sonntagskind, das uns vielleicht, der ersten Schwalbe gleich, den nahenden Frühling verkündet, der ja auch von politischen Hellsehern seit Langem progrwsticirt wird, nachdem alle Völker unseres lieben Vaterlandes so gründlich verschnupft sind. Vor acht Monaten wurde selbiger Dr. Weißelberger präterirt. Angesichts der vorzüglichen Qualification des präterirten Collegen quittirten sämmtliche Rechtsprakticanten den Staatsdienst. Da legte sich der Herr Gerichtspräsident Wessely in's Mittel und beschwichtigte die erregten Gemüther durch die Zusage, daß er alle seine Kräfte einsetzen werde, für die Zukunft solche Vorkommnisse zu verhüten. Er hielt Wort, und durch die Gerechtigkeitsliebe eines Mannes ist eine Bresche geschossen in die Mauer, die Vorurtheile errichtet, um den Bruder vom Bruder zu trennen. Antisemitische Selbsterkenntnis;. Das Organ des „Bundes der Landwirthe", die „Deutsche Tagesztg." hielt am 11. Mai der deutschen Jugend einen Spiegel vor, in dem sie sich in ihrer ganzen Glorie beschauen kann. Uns kam bei der Lecture der Gedanke, als ob nirgends besser als hier diese ganze feudale Studenten- und Referendars-Clique der Gegenwart gezeichnet würde, zu deren Sport auch der Antisemitismus gehört. Darin heißt es: „Es gibt nichts Erbärmlicheres und Kleinlicheres, nichts Unmännlicheres und Schwächlicheres als die jämmerliche Mitgiftjägerei unserer Jugend. Ist das etwa Männerstolz, daß man nicht die Kraft in sich fühlt, zu versagen und zu verzichten, zu wetten und m wagen, zu erringen und zu erkämpfen? Es gibt für den echten Mann kein niederdrückenderes Gefühl als das, vom Weibe oder von der Zugabe des Weibes abhängig zu sein. Daß wir tauben Ohren predigen, wissen wir. Weil eben der deutsche Mannessinn, der kraftbewußte Männerstolz aus unserem Geschlechte geschwunden ist, hat es kein Verständniß mehr für solche Gefühle und solche Erwägungen. Es gibt der Gebiete noch viele, aus denen das Schwinden der rechten Mannesart in Erscheinung tritt. Auch das unselige Höherhinauswollen, die blasie Unzufriedenheit mit dem eigenen Stande, die Ueberschätzung des Fremden und die Unterschätzung des Eigenen, das seile Streberthum und geschwollene Protzenthum, sind, im Grunde genommen, Aeußerungen der Unmännlichkeit. Ebenso ist die Scheu vor der unverhüllten, klaren, durchdringenden Wahrheit eine Folge der zunehmenden Entmannung. Die Lüge, und zwar die offene wie die versteckte, die ganze wie die halbe, ist in allen Fällen ein Zeichen der Feigheit. Wahrer Männerstolz wird sich niemals zur Lüge hergeben, er verschmächt sie ebenso, wie er die Gemeinheit in allen ihren Formen und Arten haßt und verachtet. Die schmutzige Lüsternheit, die ekelhafte Zweideutigkeit hätte sich nie so breitmachen können, wenn uns nicht der Männerstolz abhanden gekommen wäre." Wucher im Mittelalter. In der Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins, „Neue Folge", I. (1886) theitt Prof. Eberh. Gothein in einem Aufsatze: „Die oberrheinischen Lande vor und nach dem 30jährigen Kriege", S. 12 f. Folgendes mit: „Am Oberrhein um das Jahr 1600 wird den Juden der Wucher untersagt. Aber die christlichen Bürger treiben es mindestens ebenso arg. Besonders ward die schlimmste Art des Wuchers, die noch jetzt nicht ausgerottete Viehverstellung, von ansehnlicheren Herren, Adeligen und Amtsleuten geübt, so daß ein biederer Statthalter im Sundgau diese geradezu als „die Dachmarder und Häuserfrcsser" bezeichnet." Die judenrrine Stadt. (Es ist in S a y b u s ch. — G r e g o r i g und Schneider sind eben angekommen und sitzen auch schon im Gasthause.) Greg orig: Ah, das ist angenehm — eine Stadt, in der's keinen einzigen Hebräer gibt. — Alle habn's hinausg'feuert, und so oft Einer kommt, feuern's ihn wieder hinaus. Schneider: So lveit sollten lvir's in Wien auch bringen. G r e g o r i g: Das wär' ein Vergnügen, so den Herrn v. Rothschild, den Herrn Reitzes, den Gutmann und Alle bei der Fliech' z'nehmen: Hab' die Ehre meine Herrschaften — adjeh! Dort geht der Weg nach Jerusalem. Schneider (plötzlich laut): Na, wo bleibt denn 's Bier? Kellner, he! he! Kellner (er hinkt und hat schwarzes Haar): Geduld, panje, Geduld . . . Schneider (vergißt sich): Hatscheter Judenbub. Kellner (hat das gehört, kommt wüthend zurück): Pro^e pan je! Wer ist Jud'! ich...? (Hebt die Hand auf.) Greg orig: Was treibst denn? — Da gibt's doch keine Juden! Schneider: Jessas, das Hab' ich ganz vergessen. Schau'n wir, daß wir weiterkommen. (Sie gehen auf die Straße.) Schneider: Das ist so ein wohlthuendes Gefühl, unter lauter Glaubensgenossen herumzugehen. Nirgends das Gemauschel... nirgends ... (Ein Passant stoßt an G r e g o r i g an.) Gr eg orig (sich umdrehend): Judenbengel — schau' auf! (Der Passant hebt drohend den Stock auf.) Schneider (zieht Gregorig fort): Du mit Dein' Schimpfen... Das kann ja kein Jud' sein. G r e g o r i g: Ja, wer soll denn immer auf das denken. (Sie stehen vor einem anderen Gasthause, in das sich viele Leute drängen.) Schneider: Schau'n wir da hinein...? (Sie treten ein, und befinden sich in einer Wählerversammlung. Sie stellen sich vor, und verlangen sogleich das Wort.) G r-e g o r i g: Christliche Wähler, Mitbürger! Das ganze Unheil, welches die christliche Bevölkerung bedroht, stammt von den Juden her, von jenen Fremdlingen, welche zu uns eingedrungen sind, um uns auszusaugen. (Unruhe und Erstaunen.) Ja, meine Herren, blicken Sie um sich — woher kommt es, daß der Geschäftsmann nichts verdient, daß der Arzt keine Praxis hat? — wohin Sie sich wenden, sehen Sie überall Juden, nichts als Juden — die Juden haben die größten Geschäfte, die Juden haben die besten Stellen, die Juden bewuchern den kleinen Mann — und es wird nicht eher besser werden, als bis diese elende Race ganz vertrieben ist. (Vereinzelte Rufe: Was will er denn? — Schluß! — Schluß!) Schneider (das Wort ergreifend): Mitbürger! Ich habe Euch nichts zu sagen, als: Kauft nur bei Christen! Laßt Euch von den Juden nicht aussaugen. Erst wenn wir das Joch, welches uns diese Fremdlinge auferlegten, abgeschüttelt haben, kann es wieder gut werden. Dann erst wird das öffentlich e Leben einen blühenden Aufschwung nehmen, dann erst wird das Geld unter die Leute kommen — und darum sagen wir: Machen Sie der allgemeinen Verjuduna ein Ende! (Es erhebt sich ein großer Skandal. „Wollen die Zwei uns frozzeln! Es gibt keine Juden bei uns — wo ist der Aufschwung? sind wir deshalb schon eine Großstadt?") Ein Wähler: Die zwei Redner haben uns fiir Besserung unserer Verhältnisse nichts Anderes zu rächen gewußt, als die Vertreibung der Juden. (Gelächter.) Wir haben die Juden schon vertrieben . . . Gregorig und Schneider (erschrocken): Jetzt hab'n wir das wieder vergessen. Derselbe Wähler (fortfahrend): ... wir haben keine Juden — aber wir haben in Saybusch noch keinen Aufschwung. Wenn uns die beiden Herren nichts Anderes

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.