Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-05-24 · 21 (24.5.1895) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
21 (24.5.1895)
Date
1895-05-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021061-3021083--04578-3028771
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 386 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 21 Israels hat tüchtig Schule gemacht. Der Holländer N e u h u y ß wandelte die von ihm erschlossenen Pfade. Auch U h d e wäre ohne Israels nicht — Uh d e. Einer der Begabtesten und zugleich heute der Selbstständigsten, welche ihm — vielleicht halb unbewußt — gefolgt, ist Max Lieb criiid n n, ein Deutscher, dessen Name draußen im Reich e und jenseits des Rheins guten Klang hat, den man aber in Oesterreich nicht genügend kennt. Ab und zu verirrt sich eine schwächere, kleinere Arbeit wohl zu uns herüber. Darnach darf man den Mann nicht bcurtheilen. Man thut ihm fon ft Unrecht. L ieberma n n hat drei Gemälde in Venedig ausgestellt. Das bedeutendste ist ohne Frage das Bildniß des Dichte rs Gerhard H a u p t m a n n, der die vielumstrittenen „We ber" geschrieben und das traurige Stück vom armen „Haunele" gedichtet. Es ist mit starker Hand nur so hingezeichnet. In diesen bartlosen Zügen eine sonderbare Mischung vo» Weichheit, von zerfließender Empfindung mit schroffer, rücksichtsloser Energie. Die dichterische Physiognomie deckt sich diesmal mit der wirklichen. Ein bischen süßlich-satter schaut Hauptmann drein: „an der Umsturzvorlage liegt ihm nicht s o viel, sie ist ihm vollständig gleichgiltig — blos ärgern thut sie ihn." Daß Liebermann einen leichenhaften, grünlichen Ton über das Bild gelegt, mag schon seinen zureichenden Grund gehabt haben — eine Fenster-Jalousie oder eine spanische Wand — wir sehen aber nur den Effect und Wirkungen ohne Ursachen haben immer etwas Beunruhigendes an sich. „Der kleine Biergarten" ist ein zart sonniges, stimmungsreiches Bildlein, an dem ein Feinschmecker, der sich durch alle gemalten Genüsse dieser Welt bereits glücklich durchgekcstet hat, seine rechte Freude haben mag. Im kühlen Baumschatten auf einer langen Bank zu lümmcln und dünnes Weißbier und Politik mit anderen Philistern zu schlürfen, ist gar ein herrliches Vergnügen. — „Der Markt zu Haarlem", umfänglicher im Format, scheint uns ein wenig gelungener Wurf. Der Meister steckt wohl drinnen, aber man muß ihn suchen. Einige wollen ihn gar nicht gesunden haben. Schade, daß die Münchener Pinakothek nicht Lieberm a n n's berühmte „Frau mit der Ziege" nach Venedig geborgt hat. Da hätten die Herren vor Max Liebermann und seinem Können den gehörigen Respect bekommen! Oder das „Waisenhaus von Amsterdam"! Von diesem Bilde schreibt Muther in seiner „Geschichte der modernen Malerei": „Ein früherer Genremaler würde nicht vermieden haben, dazu eine novellistische Episode zu erfinden und hätte gerade dadurch der Scene das Herzliche, Einfache, sauft Innige genommen, das sie bei Lieber m a n n hat." Liebermann sagt selbst einmal von sich und seiner Kunst: „Nicht das sogenannte Malerische ist's, was ich suche, sondern die Natur in ihrer Einfachheit und Größe aufzufassen — das Einfachste und Schwerste". Und M u t h c r faßt Israels und L i e b e r m a n n's Wesenheit in einem Satze treffend zusammen, welches Alles trefflich ausdrückt, was über die Beiden gesagt zu werden verdient: „Und schließlich besitzt Lieberman n, wie Israels auch jene andere Eigenschaft, die in der Kunst höher steht als alle Virtuosität: das ist die männliche U c b e r z e u g u n g s t r e u e, die Ehrlichkeit. Marl kann sich bei ihm nicht denken, daß er etwas Aitdercs gemalt hat!e, oder malen würde, als er gemalt hat." Nein, das kann man bei ihm so gewiß wenig, wie bei Israels. Sie find die Aufrichtigkeit, die künstlerische Redlichkeit selbst. Sie haben nicht gelernt, mit dem Pinsel in der Hand zu lügen. Diese briben Meister nun sind es, welche der rreuen Kunst die Bahnen zu zeigen berufen sind. Israels lernte nur von sich selbst, und diejenigen seiner Bewunderer, welche ihn mit Rembrandt vergleichen, bekunden damit nur, daß sie R e m b r a n d t so wenig erfaßt haben, wie I s r a e l s. Lieb er mann — 1849 zu Berlin geboren — brachte die große Schule von Barbizon den Deutschen näher, mit ihren gewaltigen, malerischen Errungenschaften. Er hat in Frankreich viel gelernt, all das, was ein Maler aus zweiter Hand und nicht von der Natur selber eben erlernen kann. Erst verspottet und mit wohlfeilen Scherzen umwitzelt, beginnt die ernste, realistische Schule der Modernen allgemach feste Wurzel zu schlagen. Der akademische Formalismus, die Pseudo-Antike von Professorengnaden ist eine maustodt geschlagene Gliederpuppe. Der Spaß- und Pointenmalerei ist die Welt endlich überdrüssig worden —toujours perdrix! — und auf den koloristischen Farbenrausch ist der unausbleibliche Katzenjammer gefolgt — der Hingabe und dem Sichversenken in die Natur steht die Bahn frei. Sie spricht noch immer mit wundervollen Zungen. „Es ist ein schlechtes Zeichen für die Wahrheit einer neuen Lehre, wenn sie nicht einmal das Belachen aushält", meint Shaftesbury. Sie hat cs ausgehalten und Israels so wenig als L i e b e r m a n n hat die allgemeine Heiterkeit, welche das erste Erscheinen ihrer Werke begrüßte, im Mindesten irre zu machen vermocht, an dem, was sie für richtig und nothwendig erkannt haben. C. C. Witter Wilhelm von Gutmann s.N. Wir kehren soeben von der großen Begräbnißfeier heim. Es herrscht nur Eine Stimme darüber, daß es einer der edelsten, hochsinnigsten Menschen war, der hier in die kühle Erde gebettet ward. Aber auch an den Spruch sollte man allenthalben denken (1. Samuel 4, 21), daß ein Man aus unserer Mitte schied, der — durch sein ganzes Leben und Wirken — den Name n Israel geehrt und gehoben; so reich geschmückt war dieses bescheidene, anspruchslose Herz durch die seltensten Eigenschaften und Tugenden. Merkwürdigerweise waren es lauter unvereinbar scheinende Gegensätze, die in dem Wesen des Heimgegangenen in harmonischester Verschmelzung sich zeigten. Einerseits der rastlos schaffende, speculative, wcitausblickende und unternehmende Kopf, der eben aus eigener Kraft das Welthaus uno die Großindustrie gegründet, war er doch zugleich auch das feinfühligste, ja das k i n d d l i ch.st gute Herz, das nicht müde ward im Helfen und Wohlthun, im Geben und Wiedergeecn, und dessen ganzes Sinnen und Denken in den großen Plänen sich concentrirte,Zufluchtsstätten für die leidende Menschheit zu schaffen, Hilfsasyle unter den verschiedensten Namen, zugleich aber auch Stätten der Cultur und Bildung in den großartigsten Maßstäben. So nennen wir hier die Gründung des Philanthropischen Vereines, dis Waisenhaus in Döbling, das Rudolfinerhaus, die Erweiterung der Poliklinik durch ein Kinderspital für 50 Patienten, das Siechenhaus in Krems für 60 Gebrechliche, die Stiftung für den israelitischen Handwerkerverein und die Fundation in der mährischen Stadt Leipnik für jüdische und christliche Arme, und ebenso die zwei großen Wiener Lehrstätten, das Bet-ha-midrasch. und die Isra elitisch - theologiscyeLehranstalt. Männiglich bekannt ist auch daß durch die Initiative Wilhelm von G u tmann's im Niederösterreichischen Landtage die zeitgemäße Reform des Armengesetzcs zu Stande kam. Als eine Art Gegensatz erscheint uns ferner einerseits sein praktischer, geschäftsmännischer Sinn, und andererseits seine hoch ideal angelegte Natur. Wie ein begeisterter Jüngling schwärmte er noch an seinem späten Lebensabend für all*»die hohen Ideale der Menschheit. Voll tiefster Religiosität, das Vorbild eines von ihm hochverehrten, patriarchalisch frommen und talmudisch gelehrten Vaters und einer ihm unvergeßlichen, wie die Frauen der Bibel innig frommen Mutter mit unverlöschlicher Pietät im Herzen tragend, war er doch zugleich ein hochgebildeter, für Aufklärung und Fortschritt glühender Geist. Er selber war in seiner Jugend als eifriger Talmudjünger zu Füßen berühmter Lehrer und Meister der Jeschibah gesessen, hatte aber gleichzeitig durch re'che Belesenheit und gründliche Literaturkenntniß einen hohen Grad von höherer Bildung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.