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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-05-24 · 21 (24.5.1895) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
21 (24.5.1895)
Date
1895-05-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 21 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 385 In einer zu Dresden gehaltenen Rede sagte Stöcker: „Allerdings ist Jakob der Typus des Judenthums; er betrügt und gaunert; allerdings ist David ein Ehebrecher und Mörder." So sprach auch D e ck e r t von David und Jakob, und man ließ es ruhig geschehen. Wäre Pfarrer D e ck e r t ein socialdemokratischer Agitator, man hätte ihn längst wegen Religionsstörung und Gotteslästerung angeklagt uub eingesperrt. Aber — si duo faciunt idem non est idem — der antisemitische Hetz- und Lügenprediger darf die Kanzel noch weiter schänden und das Christenthum in seinen Grundfesten erschüttern. Der „Politische Volksverein" wendet sich nun an die Einsicht und Gerechtigkeit des Erzbischofs von Wien. Seine Deputirten werden diesem hohen Kirchenfürsteu sagen: Der Pfarrer von Weinhaus ist ein unwürdiger Priester, er beschimpft uns Juden, aber er erregt zugleich Verachtung gegen seine eigene Kirche, die ihn gewähren läßt. Sie werden ihm ferner sagen: Der Pfarrer von Weinhaus macht die Kirche zur Volksversammlung, das Wort Gottes verwandelt er in Lüge, die Lehre der Liebe in die Lehre des Hasses. Kann die Verhöhnung und Besudelung des Alten Testamentes, die als Verbrechen gilt, wenn sie von einem Socialdemokraten geübt wird, eine verdienstliche That sein, wenn sie von einem katholischen Priester ausgeht? Auch die Würde des Staates leidet unter den Predigten dieses Lügenapostels, und seine Straflosigkeit ist geradezu eine Aufforderung an die Socialdemokratie, ihre Angriffe auf Staa.t, Religion und Gesellschaft fortzusetzen. Die Ehre des Staatsbürgers ist unter Umständen mehr werth als sein Eigenthum. Man hat den Pfarrer S ch e r z e r gefaßt, weil er sich an dem Eigenthum vergriffen hat; warum faßt man den Pfarrer D e ck e r t nicht, der sich an der Ehre seiner Mitbürger vergreift? Der Beschluß des „Politischen Volksvereines" ist in jeder Hinsicht zu billigen und der Ausführung, wie dem Erfolge desselben muß mit großem Interesse entgegengesehen werden, von den Juden, wie von den Katholiken. Die Frage des Verhältnisses zwischen Episcopat und niederem Clerus wird dadurch aufgerollt. Jüdische Künstler in Venedig. II. Venedig, im Mai. Die großen Realisten Josef Israels und Max Liebermann. Von Israels, dem holländischen Großmeister der modernen Malerei, dem jugendlichen Revolutionär, der erst einige Siebzig alt ist, haben wir schon wiederholt zu den Lesern dieser Blätter gesprochen und auf die starke, tief und fest in sich selbst wurzelnde Eigenart dieses bedeutsamen Künstlers hingewiesen. Als er zum ersten Male in Wien mit einer Anzahl seiner reifsten und größten Schöpfungen vor unser, in der verknöcherten Tradition einer schlechten Schule stecken gebliebenes Publicum trat, begegnete er sehr geringem Verständniß. Man ging achselzuckend vorüber, man blieb kopfschüttelnd stehen oder, noch ärger, man wurde geistreich. Was war wohl damit anzufangen? Die Damen „belorgnonten" diese Bilder und fanden sie geradezu häßlich. Es waren freilich keine erlogenen „Lauteaschlägerinnen", keine mit p arfnmirt er Oelfarbe gemalten „Ninetten", sondern derbe, vierschrötige holländische Fischerfrauen, pausbackiges Kindervolk und alte, nachdenkliche Juden; und das Ganze verschleiert und umnebelt vom Dämmerlichte dunkler, niedriger Wohnstnben oder von den Wasserdünsten und Wolkenschleiern der See. — Die Welt hatte das Schauen verlernt. Die unendlich fein abgestufte Scala der Jsrael'schen Grau und Braun, all die Töne, welche Israel für die Malerei erst aus seiner Palette entdeckt hat, sie wurden nicht gewürdigt. Die zartesten Uebergänge und coloristischen Feinheiten gingen verloren. Wer achtete ihrer? Es fehlte doch an Contur! Zwar brauchte kein Geist vom Grabe zu kommen, das zu sagen, denn der Sehfaulste mußte es merken - aber die liebe Bequemlichkeit, die leidige, alte Gewohnheit schrie gebieterisch nach Contur. Jede Figur sollte hübsch eingerändert und eingesäumt sein. Daß die Natur selbst gar keine Striche kennt, sondern nur verwischte Grenzen, daß selbst zwischen dem grellstem Lichtfleck und dem tiefsten Schatten kein Strich Platz hat — wer dachte daran!.. . Man war so sehr daran gewöhnt, gemalte Lügen zu betrachten, daß die schlichte Wahrheit den Eindruck der offenbarst.n Unaufrichtigkeit Hervorbringen mußte. „Das Publicum ist bei Ihrem Stück durchgefallen", tröstete einmal ein Freund den Dichter Friedrich Hebbel. Mit Josef Israels erging cs nicht viel anders. Seitdem hat man freilich ein wenig sehen und denken gelernt. Die neue Kunst gefällt zwar dem Schaupöbel noch nicht, aber dafür — und das ist doch schon etwas — die alte nicht mehr. Es wird schon noch kommen — Geduld. Daß man secessionische Verirrungen und krause Auswüchse nicht allzu ernst nehme, dafür sorgen schon diese Herren selbst. Krampf ist immer nur ein Zeichen von Schwäche, nicht von Kraft. Das Große, Gute unter dem Neuen soll aber deswegen nicht mit dem Unzureichenden verwechselt werden, der Weg- und Zielbewußte nicht mit dem Jrregehenden und der Meister nicht mit dem Stümper. Israels hat nur ein Bild in Venedig zur Ausstellung gebracht: „Heimkehrende Fischerinnen". Drei Weiber und ein kleines Mädchen mit Tragkörben auf dem Heimwege. Stumpf starren sie vor sich hin. Müde sind sie, wie nur das geplagte Thier müde ist. Keine Spur von jener Sentimentalität, welche seit den Siebziger-Jahren die weiland Düsseldorfer Schule durch die Familienblätter in Verschleiß brachte. Unser Künstler geht allen verlogenen Empfindungen weit aus dem Wege. Er malt die Trostlosigkeit pnre et sirnxle, ohne Ausblick, ohne Hoffnungsschimmer; seine Lastmenschen sind schon an sich selbst gewohnt, sie denken gar nicht mehr über sich nach, sie murren nicht mehr, denn das Alles muß schon für sie so sein. Eine bleiern schwere Stimmung lagert über dem düsteren Gemälde. Es ist so einfach und wirkt doch auf den Beschauer, der sich darein vertieft und einlebt, mit der zermalmenden Wucht einer antiken Schicksalstragödie. Der italienische Katalog der Ausstellung bringt die wohlgetroffenen Züge Israels und einen kurzen, mit Warme geschriebenen Abriß seines Lebens. Er erzählt von Israels Krankheit und wie er zu seiner Erholung nach Zandvoort ging, dem kleinen Fischerdorf bei Haarlem. Da, unter jenen armen Menschen lebend, sah er den Schmer; und den Jammer der Niedrigen mit an, die erschütternden Dramen ihres kläglichen Alltagslebens, den Kampf um das trockene Brot und den Kampf um das nackte Leben. Die freudelosen Siege und die jammervollen Niederlagen dieser Kämpfe, er hat sie mit erschütternder Wahrheit auf die Leinwand gebannt. „Damals begann," so berichtet der italienische Geleitsmann, „sein ruhmvoller Aufstieg." Das gewaltige technische Können des Meisters (ohne Contur l wie schrecklich!) preist er, das so sicher und kraftvoll ist. Der erste Entwurf ist immer schon ein Bild. „Er ist das bewunderte und immer vergeblich nachgeahmte Haupt der modernen holländischen Maler schul e." Josef Israels ist ein guter Jude. Die antisemitische Wühl-Hetzarbeit, welche in seiner glücklicheren und freieren Heimat nur dem Namen nach bekannt ist, ihm ist sie, wie er uns einmal schrieb, einfach unfaßbar. „Die Juden s i n d n i ch t schlechter als d i e C h r i st e n." Das waren seine eigenen Worte. Daß wir einen so großen Künstler und einen so edlen Menschen wie Josef Israels den Unseren beizählen dürfen, mag über manches hinwegtrösten. Nein, gewiß nicht, wir sind nicht schlechter als die Christen, so lange solche Talente und Charaktere da sind.

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