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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-05-24 · 21 (24.5.1895) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
21 (24.5.1895)
Date
1895-05-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 384 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 21 Soweit der wesentliche Inhalt des uns vom Director der Landes-Realschule zugekommenen Schreibens. Wir erhielten ferner eine zweite Zuschrift mit nachstehendem Wortlaut: Euer Wohlgeboren! In Ihrer Zeitschrift „Oesterreichische Wochenschrift" Nr. 19, S. 12, veröffentlichen Sie emen Bericht über angebliche antisemitische Agitationen an der hiesigen Realschule. Ohne aus den ganzen Inhalt dieses Artikels, der von berufener Seite richüggestellt wurde, näher cinzugehen, halten sich die Unterzeichneten Mitglieder des Lehrkörpers, welche selbst der mosaischen Confession angehören, im Interesse der Wahrheit und Gerechtigkeit fiir verpflichtet, insbesondere einen der in diesem Artikel genannten Herrn, welcher gegenwärtig noch dem Lehrkörper der hiesigen Realschule angehört, nämlich Herrn Professor G e iß l e r, gegen den wider ihn erhobenen, ganz ungerechtfertigten Vorwurf der antisemitischen Gesinnung in Schutz zu nehmen. Herr Prof. Ferdinand Geißler, ein Mann integren und liebenswürdigen Charakters, der, unbeirrt durch politische und nationale Angelegenheiten, ausschließlich seinem Berufe lebt und bei allen Collegen, sowie auch in der gesammten Bevölkerung sich mit Recht der größten Beliebtheit und Achtung erfreut, behandelt alle Schüler ohne Unterschied der Confession in so humaner und liebevoller Weise, daß es nur ein Act von Undank sein kann, wenn man gegen diesen humanen und gerechten Lehrer einen so gänzlich unbegründeten Vorwurf erhebt. Es ist dieser Vorwurf um so bedenklicher, als bei der Verbreitung Ihres geschätzten Blattes in der hiesigen jüdischen Bevölkerung der Artikel gewiß von isra''litischen Schülern und ihren Eltern gelesen wurde und leicht Veranlagung geben könnte, die anerkannte Unparteilichkeit und Gerechtigkeit des genawiten Herrn xu verdächtigen oder in Zweifel zu ziehen. Indem wir es dem Billigkeitsgefühle Euer Wohlgeboren anheimstcllen, den Inhalt dieser Zuschrift zur Rehabilitirung des so schwer gekränkten Herrn Professors Geißler in geeigneter Weise zu verwenden. zeichnen wir hochachtungsvoll M. - O st rau, 15. Mai 1895. Professor A. Schwa r z. S. Schell, Professor. E m. L e r u e r, wirkt. Lehrer. Eine Deputation an den Cardinal Fürst-Erzbischof Dr. Gruscha. Der „Politische Volksverein" hat beschlossen, sein Präsidium zum Cardinal-Fürsterzbischof vonWien zu entsenden, um in einem persönlichen Appell an dessen erhabenes Kirchenamt, sowie an dessen Gerechtigkeitsliebe und Humanität Schutz zu erbitten gegen den vo n Pfarrer Deckert geübten Mißbrauch der Kanzel. Die in unserem letzten Artikel aufgeworfene Frage, wie der Erzbischof selbst vom Standpunkte der katholischen Kirche die blasphemischen Angriffe Decker t's auf das alte Testament, als die Grundlage der katholischen Religion, dulden könne, hat also einen unmittelbar praktischen Erfolg gehabt und man darf nun begierig sein auf die Stellungnahme des Cardinal-Fürfterzbischofs zu dieser Frage. „Du sollst nicht lügen!" ist ein Gebot auch des christlichen Dekalogs. Ganz abgesehen von dem Verhältnisse des Katholicismus zum Judenthume, ist cs nicht möglich, die sittigenden Zwecke des Christenglaubens durch das unsittliche Mittel der Lüge zu erreichen. Pfarrer Deckert aber ist ein Apostel der Lüge. Die Lüge ist ihm angeboren, sie ist seine zweite Natur, sic ist ihm der wirksamste Behelf nicht nur in seinem priesterlichen Amte, sondern auch in seinen privaten Beziehungen. Wir erinnern zunächst an die Geschichte der berüchtigten Luftvilla. Er veranstaltete eine Lo tteiie und versprach als Haupttreffer ein vollständiges Landhaus. Schließlich stellt es sich heraus, daß die in verlockenden Dimensionen auf allen Placaten prangende Villa ein zerlegbares Häuschen war, dessen Werth durch die leidige Thatsache, daß der Baugrund fehlte, auf Null reducirt wurde. Wir erinnern ferner an den Proceß, den Pfarrer Deckert wegen eines Patentes auf eine neuartige Waggonkuppelung zu führen hatte und in welchem er seinen Theilhaber durch lügnerische Angaben zu übervortheilen suchte. Und sollen wir hier die Geschichte des Processes Deckert-Paulus Meyer wieder ausrollen? Ein abtrünniger Jude, dem die Natur selbst alle verbrecherischen Jnstincte in's Gesicht gezeichnet hatte, erfand mit dem Pfarrer von Weinhaus einen Ritualmord. Der Lügengeist Decker t's schmückte diese Fabel mit den genauesten Einzelheiten aus. Aber die Nachforschungen ergaben, daß der Rabbi, welcher den Mord vollbracht haben sollte, schon drei Jahre vor der angeblichen Greuelthat gestorben war, und daß das Märchen erlogen war. Die gerichtliche Untersuchung deckte noch weiterhin Lüge auf Lüge auf. Es zeigte sich, daß Pfarrer Deckert selbst kein Wort des Talmuds lesen konnte, obwohl er sich mit seiner Kenntniß des Talmuds gebrüstet hatte; es zeigte sich, daß er dem Paulus Meyer in seiner eigenen Wohnung Unterstand gegeben hatte, obwohl er eine so enge Beziehung zu diesem Auswurf der menschlichen Gesellschaft die längste Zeit leugnete — kurz, Pfarrer Deckert erschien als ein Mann, der die Lüge geradezu zu seiner Profession gemacht hat. Und trotz alledem durfte Deckert den Mißbrauch der Kanzel fortsetzen und von geweihter Stätte herab die Lüge als ewige Wahrheit ausgeben. Er durfte die ehrwürdigen Gestalten des alten Testamentes, die auch der katholischen Kirche heilig sind, besudeln, er durfte und darf noch heute den Erzählungen der heiligen Schrift eine Deutung geben, durch welche nicht die Juden allein, sondern auch Christus und die Apostel herabgewürdigt werden. Und merkwürdig! Während sonst das Christenthum gegen solche Blasphemien höchst empfindlich ist, wenn sie beispielsweise aus dem socialdemokratischen Lager kommen, verkennt es ihre zerstörende Rückwirkung auf seinen eigenen Bestand, wenn sie von antisemitischer Seite begangen werden. Im deutschen Reichstage sitzt der conservativ-protcstantische Pastor Schul l, der schon zu wiederholten Malen das Wort ergriff, wenn die Socialdemokratie das Christenthum und eine seiner Institutionen angriff. In der Reichstagssitzung vom 9. Mai d. I. entrüstete sich Herr Pastor Schall höchlich darüber, weil der socialdemokratische Abgeordnete Auer „eine Geschichte aus dem alten T stament herausgegriffen hat, die Geschichte von Abraham und der Opferung seines Sohnes Isaak". Abg. Auer hatte nämlich diese biblische Erzählung in Zusammenhang mit jener Bestimmung der Umsturzvorlage gebracht, welche die Anpreisung, Vertheidigung oder das Lob eines Verbrechens mit Zuchthaus bestraft. Der Herr Pastor war tief empört über diese Verwendung der altbiblischen Geschichte. Entrüstet rief er aus: „Wenn hier der Ort dazu wäre, so würde ich Sie darauf Hinweisen, daß diese Geschichte für uns Christen, auch für uns Bekenner des neuen Testamentes, eine tiefe christliche Bedeutung h a t, weil sie uns ein Typus ist und ein Hinweis auf das größte Opfer, das da gebracht worden ist, auf das Opfer, das der lebendige Gott gebracht hat in der Hingabe seines eingeborenen Sohnes für die Sünden, der Welt." Noch entrüsteter gcberdete sich der Herr Pastor, als er ein paar Citate aus einer socialdemokratischen Flugschrift anführte, in denen die alten Juden als Diebe rc. hingestellt werden. Aber was hier der socialdemokratische Abgeordnete Auer that, das vollbringen antisemitische Priester und Hetzer sehr häufig, und der Pfarrer Deckert marschirt an ihrer Spitze. In einer seiner letzten Hetzpredigten hat er z. B. H. N a u d h gegen die Juden citirt. N a u d h gehört zu den ärgsten Besudlern des Alten Testaments. So sagt er an einer Stelle: „Der Gott des Moses ist eine Person, wie sie der Jude brauchte, um Geschäfte mit ihm zu machen, mit einem Geschäftspersonal von Engeln versehen." Und an einer anderen Stelle: „Jehova ist ein williger Helfer. Er schlägt die Egypter mit Blindheit, auf daß sie den Juden am Tage vor der Flucht ihre Kostbarkeiten borgen, welche jene mitnehmen. Als aber die Egypter ihrem gestohlen Eigeuthum nachsetzen, ersäuft er sie im Wege des Wunders und rettet die Diebe."

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