Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 21 (24.5.1895)
- Date
- 1895-05-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Or. Vloch's Wochenschrift. Seite 383 Nr. 21 innerlich kräftiger und gesünder und kann die liberalen Principien wieder ungehindert mit voller Kraft vertreten — dann darf sie auf die weitere freudige Unterstützung der jüdischen Wähler rechnen, dann stehen wir wieder Schulter an Schulter mit ihr! Oder Herr v. P lener bleibt trotz der Bestätigung Lueger's im Ministerium — dann haben die Juden in den Reihen der liberalen Partei nichts mehr zu suchen — den erste n Beweis ihrer Abkehr von derselben weroen sie durch die Abstinenz von der Ersatzwahl in Olmütz geben müssen, komme, was da wolle, bis zur allgemeinen Reichsrathswahl reift die Saat voll und ganz. In diesem letzteren Falle steht darum die liberale Partei vor der Nöthigung zu wählen zwischen dem Verluste P l e n er's einerseits und andererseits dem Verluste einer Anzahl von Reichsrathsmandaten in Mähren, vor dem Verluste ihrer Majorität im mährischen Landtage, ihrer Herrschaft im Landesausschusse, der Verwaltung und aller Stellen, welche damit zusammenhängen, kurz vor einer geradezu unberechenbaren Einbuße jenes Besitzstandes, zu dessen Erhaltung sie in die Coalition cingetrcten ist. Die Führer der Partei mögen sich die Frage vorlegen und beantworten, ob das Portefeuille des Herrn v. P lener einen solchen Preis werth ist? An der Ministerschaft Plen er's verblutet sich die liberale Partei schon seit dem Beginne der Coalition Tropfen um Tropfen. Bleibt Herr v. Pleuer Mitglied einer Regierung, welche Lueger zur Bestätigung vorschlägt, und leistet die liberale Partei Herrn v. P lener auch dann noch Gefolgschaft, dann ist sie tobt, mausetodt und nicht mehr zum Leben zu erwecken. Sanglos, klanglos, unbedauert, unbetrauert sinkt sie in den Orkus hinab. Nus Vudweis und Mähr.-Kstrau. Unsere zwei Artikel aus Böhmen und Mähren in Nr. 18 und 19 dieses Blattes haben in den verschiedensten Kreisen Aufmerksamkeit geweckt. Es hat nicht an zustimmenden Kundgebungen gefehlt und auch nicht an lebhaftem Widerspruch. Die Zurückdränguug der Juden aus den öffentlichen Vertrauensstellungen dieser beiden Länder ist notorisch, und wenn die Stadtgemeinde Krumau sich nicht scheut, den Concurs um eine Secretärsstelle mit der Clausel zu publiciren, daß der Posten nur an Bewerber „christlicher Confession" verliehen wird, so ist die Erregung der öffentlichen Meinung wohl begreiflich. Dagegen schreibt man uns von maßgebender Seite aus Budweis: „Die Stadt Budweis zählt 30,000 Einwohner, darunter nur 1100 Juden. In der Stadtvertretnng, die aus 36 Mitgliedern besteht, befinden sich jetzt vier Juden (ein fünftes Mitglied ist leider vor einem Jahre gestorben). Unter diesen jüdischen Mitgliedern befindet sich der Rabbiner, der frühere und gegenwärtige Vorsteher und ein Mitglied der jüdischen Repräsentanz. In der Bezirksvertretung, ebenfalls aus 30 Mitgliedern bestehend, befinden sich gleichfalls vier Juden, davon zwei im Ausschuß. Von den vier Stadtärzten ftub zwei Juden. Im Bezirksschulrathe sitzt e i n Jude als Vertreter der Stadt; der Consulent der Stadtgemeinde, sowie der Sparcassa ist ein jüdischer Advocat. Als vor acht Jahren die Cultusgemeinde daranging, einen unserer Stadt und der Zeit würdigen Tempelbau aufzuführen, ging das Bürgermeisteramt der Cultusgemeinde mit Rath und That an die Hand, überließ der Cultusgemeinde einen schönen und großen Bauplatz zu einem sehrbilligen Preis, führte eine Zufahrtsstraße und leistete die sehr kostspieligen Ausfüllungen aus den Stadtrenten — und vermittelte endlich ein sehr bedeutendes Darlehen bei der städtischen Sparcassa. Ueberhaupt zeigt sich die Stadtvertretung jederzeit freundlich entgegenkommend für die Cultusgemeinde und jedem Einzelnen der Juden." Wenn wir dies nun der Wahrheit gemäß ronstatiren, so sind wir andererseits doch der unmaßgeblichen Meinung, daß es selbst den jüdischen Wählern von Budweis nicht gleichgiltig sein kann, ob und wie der mit Hilfe ihrer Stimmen allein in den ReichSrath entsendete Abgeordnete für die volle Ausführung der Staatsgrundgesetze und die Principien der Gleichberechtigung eintritt; ob er und seine politischen Parteigenossen alle Energie zur Bekämpfung der antisemitischen Seuche anwenden? Jeder Stand und Beruf prüsentirt seinem Vertreter im Reichsrath einen ausgiebigen Wunschzettel, jede Berufsclasse fordert eine energische Vertheidigung ihrer speciellen Wünsche und Bedürfnisse, und die jüdischen Wähler vernachlässigen ihre eminenten Lebensinteressen! Aus Mährisch-Ostran schreibt uns der Director der Landes- Realschule, Herr Dr. Julius R e u P e r, betreuend den Bericht in Rr. 19 dieses Blattes, daß die Darstellung unseres Correspondenten nach allen Richtungen den That suchen nicht entspreche. „Der Prosessor R. Wawrnch, als Lehrer an einer Landes- Mittelschule, untersteht selbstverständlich nicht der Disciplin eines Gemeinderathes und konnte deswegen schon nicht „bestraft" werden. Derselbe hat antisemitische Tendenzen niemals in die Schule getragen und seine persönliche Gesinnung entzieht sich einer amtlichen und öffentlichen Controle. — Prosessor von Miorini wurde über besonders warme Empfehlung von Seite des Directors der Staats-Realschule in Bielii? an die Landes Realschule in Mährisch-Ostran berufen und hat dieser Empfehlung so viel Ehre gemacht, daß er schon nach wenigen Jahren mit einerwesentlichen Gehaltserhöhung an die k. u. k. Biarine Realschnle in Pola berufen wurde. Er war, wie die Zuschrift des Herrn Directors versichert, ein durch und durch österreichischer Patriot, behandelte jüdische und christliche Schüler mit gleichem Wohlwollen und unparteiischer Gerechtigkeit, war daher auch bei allen anständigen Schülern gleich beliebt. deicht minder ungerecht sind die -Anklagen gegen Professor Geiszler, welcher still für sich und seine Lehrfächer lebt und jedem politischen Treiben sich vollkommen ferne hält- Daß er trotzdem hie und da bei aller Milde der Classificirung auch einem israelitischen Schüler eine minder günstige Zeugniß-Rote geben muß, ist leider nicht zu vermeiden; ihn deshalb aber zu einem -Antisemiten stempeln zu wollen, hieße einfach, den Antisemitismus für einen Lehrer zu einer Gewissenssache machen. __ Ganz so verhält es sich mit dem Supplenten F e g e r l, welcher während seines Ostrauer Aufenthaltes jeder politischen und nationalen -Agitation aus dem Wege ging und die personisicirte Harmlosigkeit nach diesen Richtungen war. Wenn der Supplent Z o n s a l. ein leidenschaftlicher Insectensammler, hie und da einen mit ihm verwandten Schüler und einige Freunde desselben an seinen Ercurfionen theilnehmen und sich von ihnen bei der Ordntmg und Bestimmung seiner Sammet-Objecte helfen ließ, obwohl diese Schüler angeblich „Arier" waren, so besteht zur Zeit eine Vorschrift noch nicht, daß ein Lehrereinen „-Ariers an seinen Excursionen nicht theilnehmen lassen dürfe. Inwiefern Herr Z o u f a l aber, der gegenwärtig dem Lehrkörper von Mährisch-Ostran nicht mehr angehört, seine arischen Schüler „gehörig bearbeitete," davon wurde von keiner Seite etwas vernommen. Roch weniger entspricht es der Wahrheit, wenn von einem Bruch zwischen semitischen und arischen Studenten in der VII. Classe im Schuljahre 1890,91 geredet wird; wohl aber machten sich im Schuljahre 1891/92 von den neun israelitischen und sieben christlichen Schülern der VII. Classe zwei Israeliten durch gewisse Charakter- Eigenschaiten (!) so unbellebt, daß ihre Mitschüler den Verkehr mit ihnen aus das Rothwendigste beschränkten, und zwar die sieben anderen Israeliten sowohl wie die sieben „-Arier". Einer jener beiden Schüler widmete sich später dem Studium an der technischen Hochschule in Wien; möglich ist es daher immerhin, daß er sich auct) als Student die Sympathien seiner Collegen nicht zu erwerben vermochte, möglich auch, daß einige seiner früheren Mitschüler in eine antisemitische Studenten-Strömung gelangten: Beides kann man weder den „liberalen Bürgern" noch den Professoren zur Last legen. Auch von einem „Hoch" aus Schönerer, von einem Studenten- Conimerse in Hultschin. von der Gründung einer „Armima" seitens einzelner Hochschüler rst (dem Herrn Director!j nichts bekannt geworden. Indessen, wenn auch wirklich eine „Arminia" bestünde, wenn selbst einige hiesige Herren an einem Commerse derselben theilgenontinen hätten, was hätten die Realschule und ihr Lehrkörper damit zu thunV -Auch ein israelitischer Religionslehrer wird nicht -Alles vertreten wollen, was seine früheren Schüler thun. Eine Sonderung der Stipendien und der für die Schüler gewidmeten Wohlthaten nach Race und Consession wollen und werden wir nicht durchführen und ich glaube nicht zu irren, daß Sie selbst einen derartigen Vorschlag in Ihrer Zeitschrift an den Pranger stellen würden. Es dürsten vielleicht auch die israelitischen Schüler dabei den Kürzeren ziehen, da unter ihnen die Zahl der Bedürftigen verhältnißmäßig eine besonders große ist, verhältnißmäßig größer vielleicht noch, als die sehr stattliche Zahl israelitischer Wohlthäter armer Realschüler."