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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-05-24 · 21 (24.5.1895) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
21 (24.5.1895)
Date
1895-05-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 382 Dr. Bloches Wochenschrift. Nr. 21 Die Juden in Mähren und die liberale Partei. Vor KurzemWhat die „Neue Freie Presse" auf Grund einer Reihe von Berichten aus Böhmen und Mähren die Möglichkeit augedeutet, daß unsere Glaubensgenossen in diesen beiden Kronländern der liberalen Partei den Rücken wenden könnten, wenn dieselbe sie noch fernerhin schutzlos dem Antisemitismus preisgcben würde, wie sie das bisher gethan hat. Was die „Neue Freie Presse" nur als eine Möglichkeit bczeichnete, das können wir heute schon geradezu als eine sich vorbereitende Gewißheit Voraussagen. Die Juden in Mähren haben die Haltung der liberalen Partei gegenüber dem Antisemitismus bereits in sehr ernste Erwägung gezogen und sind zu ebenso ernsten Entschlüssen gelangt. Die Bewegung hat sich durchaus spontan entwickelt. Als jüngst in Brünn die Dclegirtcn sämmtlicher jüdischen Gemeinden Mährens zum Landes-Massafonds zusammentraten, war es ja nur ganz selbstverständlich, daß mau sich dabei nicht auf die Discussion vcrwaltungstechnischer Details in der officicllen Versammlung beschränkte, sondern daß diese Vertrauensmänner der Juden Mährens n a ch dieser Versammlung auch die politische Lage und das Verhältnis; der Juden in Mähren zur liberalen Partei einer eingehenden Besprechung unterzogen. Sämmtliche Vertreter waren einig in der Ueberzeugung. daß die liberale Partei gegenüber ihrer treuesten Gefolgschaft, den Juden, ihre Pflicht nicht erfülle. Mehrere der Thcilnehmer wollten aus den bisherigen Erfahrungen die alleräußerste Consequenz gezogen wissen und stellten sehr weitgehende Anträge, welche von der überaus gereizten Stimmung der Juden in Mähren Zeugniß gaben. Aber schließlich einigte man sich doch auf einen relativ sehr gemäßigten Beschluß, welcher e i n st i m m i g e Annahme fand und darin gipfelte, an die liberale Partei mit einem nochmaligen Appell, mit einer letzten, eindringlichen Mahnung heranzutreten. In Ausführung dieses Beschlusses wurde den Wählern einer ganze Reihe jüdischer Gemeinden Mährens, jenen nämlich, in denen die Stimmen der jüdischen Wähler entscheidend sind, folgende, an den Abgeordneten des betreffenden Bezirkes zu richtende Adresse zur Unterschrift vorgelcgt: Euer H o ch w o h l g c b o r c n! Die gefertigten deutschen Wähler jüdischer Conscssion Ihres Bezirkes fühlen sich gedrängt, Ihnen ihr schmerzliches Befremden über die Haltung der Bereinigten Linken gegenüber der antisemitischen Bewegung auszusprechen. Die jüdische Wählerschaft steht vor einer doppelten Thatsachc. Zuerst vor jener, daß die deutschliberale Partei, trotzdem sie seit ihrem Eintritte in die Coalition zu den maßgebenden Regierungsparteien zahlt, es ungeachtet der täglich maßloser und aufreizender werdenden Angriffe gegen die jüdische Glaubcnsgenossenschaft unterlassen hat, ihre Stimme im Parlamente zum Schutze einer Anzahl von Mitbürgem offen und entschieden zu erheben, die seit Jahren mit bewußter Hintansetzung ihrer wichtigsten materiellen Interessen und mit wahrer Selbstverleugnung treu zur deutschen .Lache stehen. Sie glaubt sich aber auch weiters durch das passive Verhalten der Regierung gegen den Antisemitismus zum naheliegenden Schlüsse berechtigt, als ob die Bereinigte Linke, auf deren Unterstützung das Ministerium genau so sich stützt wie auf jene der anderen Coalitionsparteien, die jüdische Bevölkerung in das durch die Coalition gegen die extremen Parteien geschaffene Bündniß nicht eingcschlosscn habe. Wir halten cs für unsere Pflicht, auf die tiefe Verstimmung hiuzuweiscn, die sich in Folge dieser bedauerlichen Wahrnehmung der jüdischen Wählerschaft bemächtigte. Wir besorgen ernstlich, daß beim Andaucrn jener gleichgiltigeu Haltung der deutschliberalen Partei, einer Haltung, welche offenbar sowohl dem Wesen und den Grundsätzen, als auch den eigensten wohlverstandenen Lebensintercfscu der liberalen Partei selbst widersprächt, e i n f e r n e r e s E intret e n d i c s e r W ä h l e r für die d e u t s ch l i b e r a l e n Caudidaten weder verbürgt, noch erwartet werden kann. Wir wollen daher diese nothgedrungme Kundgebung mit dem Ausdrucke der Erwartung beschließen, daß die deutschlibcralc Partei in richtiger ErkennMiß ihrer Grundsätze, sowie im wohlverstandenen' eigenen Interesse ihren Einfluß auf die hohe Regierung fortan dahin geltend machen werde, diese letztere sowohl zur.Bekämpfung jener o r d n n n g s- und st a a t s g e f ä h r l i ch e u B ew eg un g, w i e auch zu einer ehrlichen th a tkräftigcn Bcthätigung der st a ats grund g e s e tzl i ch g e w ä h r l e i st e t e n Gleichberechtigung aller Staatsbürger ohne Unterschied der Conscssion mit Ernst und Nachdruck zu-ver an lasse n. (Folgen die Unterschriften.) Diese an die liberale Partei zu richtende Mahnung — wir sprechen noch immer nicht von einem Ultimatum — hat nicht nur die bereitwillige Unterstützung, die Unterschrift der „kleinen Leute" in den mährischen Gemeinden gefunden — sie fand die vollste Zustimmung selbst solcher höherstehenden Persönlichkeiten unter den Juden, welche bisher mit der liberalen Partei ans das Engste verknüpft waren und es heute noch sind, die durch sie und mit ihr zu Würden und Ehren gelangt sind und sich dennoch den allgemeinen Erwägungen, welche bei erwähnten Besprechungen geltend gemacht wurden, nicht länger verschließen konnten. Was nun bei jener Delegirten-Versammlung des mährischen Landesmassafonds nur als ein, wir möchten sagen, vorläufig noch „theoretischer Schritt" in's Auge gefaßt worden war, das hat nunmehr durch den Tod des Abgeordneten für den Städtewahlbezirk Olmütz-Proßnitz, Dr. August Weeber, und die nothwendig werdende Ersatzwahl praktische Bedeutung gewonnen. Durch die Erledigung dieses Mandates sind die Juden Mährens vor die unmittelbare Entscheidung gestellt. Auf diese Entscheidung wird aber inzwischen noch ein anderes, in Wien zu gewärtigendes Ereigniß: die Wahl D r. Lueger's zum Bürge rm e i st e r, von ausschlaggebendem Einflüsse sein. Die Lage in Wien ist folgende: Nach dem Ausfälle der letzten Stadtrathswahlcn besteht kaum noch ein Zweifel darüber, daß Dr. Lueger thatsächlich die erforderliche Stimmenzahl für die Bürgermeisterwürde auf sich vereinigen wird. Diese Wahl unterliegt der kaiserlichen Bestätigung. Gewiß wird es Niemandem in den Sinn kommen, die persönliche Entschließung des Monarchen in die Discussion zu ziehen. Aber die Bestätigung des Bürgermeisters ist ein constitioncller Act wie jeder andere und muß vom Minister des Innern contrasignirt werden. Es besteht nun ein Präcedenzfall zu der bevorstehenden Wahl L u e g e r's. Der jungczechische Bürgermeister-Candidat für Prag ist seinerzeit trotz wiederholter Wahl nicht bestätigt worden, nicht bestätigt worden im Interesse des Friedens innerhalb der Prager Bevölkerung. Nun denn, hat dieser nicht bestätigte Candidat etwa auch den deutschen Theil der Prager Bevölkerung „Gauner" und „Spitzbuben" genannt, hat er die Confiscirung der einfachsten bürgerlichen und politischen Rechte aller Deutschen verlangt, hat er vielleicht die Aufforderung ergehen lassen, die Deutschen zu köpfen oder zu hängen? Nichts von Alledem! Seine Bestätigung ist dennoch abgelchnt worden; und in Wien, der Reichshaupt- und Residenzstadt des Kaisers, sollte ein Individuum, welches die blutrünstigste Hetze inaugurirte und förderte, zur Leitung der Stadt, zur Führung der Bürgerschaft gualisicirt sein? Wir wissen nicht, welche Entscheidung der Ministerrath treffeil wird, aber Eines glauben wir ohneweiters voraussetzen zu dürfen, daß nämlich Herr v. Plen er sich im Mlnisterrathe gegen die Bestätigung aussprechen wird. Trilt dieser Fall ein, damr sind zwei Eventualitäten möglich: Erster Fall: Herr v. Plen er dringt mit seiner Ansicht durch— dann betrachten wir den Beschluß des Minister - rathes als den ersten Schritt zur Rückkehr der Regierung zu dem Grundsätze der Gleichheit aller Staatsbürger, und wir können ruhig abwarten, ob sie auf diesem Wege weiterhin beharren wird. Oder Zweitens: Herr v. Plener bleibt mit seinem Votum allein, die Mehrheit des Ministerrathes entscheidet sich für die Bestätigung Dr. Lucger's. In diesem Falle können wieder zwei Dinge eintreten: Herr v. P lener demissionirt — d. h. die liberale Partei tritt aus der Coalition aus und geht, wie im Gemeinderathe, in die Opposition, sie wird numerisch kleiner, aber

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