Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 21 (24.5.1895)
- Date
- 1895-05-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 21. IM'» Blocht Jahrgang m. Centralvrgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. W --===ig] K. ft. PvfllMrraffLN-Aml J Elearinsverkehr Nr. 810.976. Redarlivn und Administrakion: Wien II. Untere Augartrnstrafte 1 u. Telephon Nr. 6535. W - - -=■ --- -="=-5 •-»>—6—- Wien, 24. Wcri 1895. .__. Erscheint jeden Freitag. Wan atwnnirt bei allen Postanstalten des Ju- und Auslandes. Bezugspreis für Oesterreich: j Halbjährig t fl. — « rtr.! li'in'jeleremplare kr. Für s Ausland: Halbicidrili 5, fl. -- IO Nr. (fian^jalirig 10 „ -M „?( u; c i i: r ii: Tie ii»a! gefpalkeiie Perik;eile 12 kr.; Inhalt: Leitartikel: Der „inwendig geflickte" Bürgermeister. — Die Inden in Mähren und die liberale Partei. — Aus Budweis und Mährisch-Ostrau. — Eine Deputation an den Cardinal Fürst-Erzbischof Dr. Grnfcha. — Indische Künstler in Venedig. — Ritter Wilhelm v. Gutmann s. A. — Pom Jahrmarkt des Lebens: Antisemitische Rohheit. — „Indischer Christenhast" — Bergani, der Erzlügner. — Ein toleranter Hauptmann. — Der erste unbesoldete jüdische Auseultant. — Antisemitische Selbsterkenntnis;. — Wucher im Mittelalter. — Die juderireine Stadt. — Beitrag zur Geschichte der russischen Inden. — Bo in israelitischen Blinden-Jnstitute. — C o r r e s p o n d e n z e n: Wien. Budapest, Berlin, Wloclawek. — Vermischtes: Wien, Horn. Rozlolv, Lemberg. — Feuilleton: Master. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Der „inwendig geflickte" Bürgermeister. Noch ist Herr Lueger nicht Bürgermeister von Wien, aber schon die bloße Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit, daß er es wird, bedeutet eine ernfte Verlegenheit für die Regierung. Sie muß gegründete Bedenken hegen, diesen Mann der Krone zur Bestätigung vorzuschlagen, nicht etwa wegen seiner politischen Parteistellung, die ja bei der herrschenden Strömung kaum ein Hinderniß sein kann, sondern wegen seiner persönlichen Antecedentien. Herr Lueger war noch bis in die allerjüngste Zeit auf die schärfste Opposition eingerichtet. Um durch die turbulenten Elemente seiner Partei von der Führung derselben nicht abgedrängt zu werden, war er zu den maßlosesten Angriffen, zu dem rüdesten Ton, zu gehässigen Beschimpfungen und Verleumdungen gegen alle Welt gezwungen. Das Geheimniß seiner agitatorischen Erfolge lag einzig und allein in der unausgesetzten Steigerung der Denunciation. Wenn er stärker sein wollte als Herr G r e g o r i g, mußteer diesen in Beleidigungen des Statthalters überbieten. Wenn er Herrn Geßmann den Rang ablaufen wollte, durfte er in Verdächtigungen des Unterrichtsministers und in Aurempelungen des Ministers des Innern nicht hinter ihm zurückbleiben, und wenn er sich die thatkräftige Unterstützung seiner clericalen Patrone erhalten wollte, mußte er unaufhörlich Gift und Galle speien gegen Ungarn. Er glaubte die Peitsche zu schwingen über die liberale Partei und in Wahrheit schwangen seine eigenen Leute die Peitsche über ihn. Ein vulgäres Wort sagt, daß es in der Politik das Wort „unmöglich" nicht gibt. Hier aber muß sich doch die Regierung die Frage vorlegen, ob es möglich ist, die Wahl eines Mannes zu bestätigen, der gegen den Grafen K i e lrm a n s e g g, gegen die Minister M a d e y s k i und t B a c q u e h e m die unsinnigsten Anklagen geschleudert und * gerade im gegenwärtigen Augenblicke rathsam erscheint, der Spitze der Reichshauptstadt ein Bürgermeister stehe, dessen zügelloser Haß gegen Ungarn sich wiederholt in den wildesten Ausbrüchen manifestirt hat. Die Regierung sucht nach einem Ausweg aus dieser Verlegenheit, und ein solcher wäre thatsächlich gefunden, wenn sie überhaupt nicht in die Zwangslage käme, sich über die Bestätigung des Dr. Lueger entscheiden zu müssen. Die liberale Partei soll der Helfer in der Noth sein, sie soll dazu bestimmt werden, die Wahl Dr. Lueger's zu vereiteln. Das liegt unstreitig in ihrer Macht, die Frage ist nur, ob sie vernünftig daran thäte, von dieser Macht Gebrauch zn machen und der Regierung die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Nach unserem Dafürhalten könnte sie keine größere Unklugheit begehen als auf halbem Wege stehen zu bleiben. Nachdem sie alle Rücksichten aus sich selbst bei Seite gesetzt hat, soll nun ihre weitere Aetion von Rücksichten gegen die Regierung bestimmt werden? Welche Rücksichten ssat diese bisher gegen die liberale Partei geübt? Nein, nein, wer immer die antisemitische Suppe in Wien eingebrockt hat, der mag sie nun auch auslöffeln, und die liberale Partei ist geradezu verpflichtet, die letzten Consequenzen aus ihren Entschlüssen zu ziehen. Ueberaus ergötzlich ist es indessen, zu beobachten, wie die Angst, nicht bestätigt zu werden, Herrn Lueger zur plötzlichen Verleugnung seiner ganzen Vergangenheit bestimmt. Er hat sein erstes Zusammentreffen mit dem Statthalter nach dem großen Scenenwechsel im Rathhause dazu benützt, um demselben die plumpsten Lobhudeleien an den Kops zu werfen, und er hat sich von einem ungarischen Reporter lediglich zu dem Zwecke interviewen lassen, um zn versichern, daß er kein Feind Ungarns, sondern nur ein Gegner des jetzigen Systems ist. Der neue Vicebürgermeister Wiens gleicht gegenwärtig einem umgestülpten Handschuh. Er hat seine schmutzige Seite nach Innen gekehrt und erglänzt nun in unschuldsvoller Reinheit. Aber er täuscht Niemanden darüber, daß es die Unrechte Seite ist, die er nun zur Schau trügt. Seine Vergangenheit bleibt au ihm haften, wie ör sich auch wende und drehe. Charakteristisch für ihn ist die Thatsache, daß seine erste That als Vicebürgermeister die Versorgung seines Gehaltes war und daß er, der jahrelang die Donauregulirung als ein Unglück für Wien in der schärfsten Weise bekämpft hatte, unmittelbar nach seiner Erwählung dieses Unternehmen als eine der ruhmreichsten Schöpfungen der österreichischen Regierung pries. Herr Lueger ist ein Ehrenmann?