Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 20 (17.5.1895)
- Date
- 1895-05-17
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 20 Dr. Bloch's Wochenschrift. er auf die bleiche Jungfrau ein. Sie aber fürchtete ihn nicht mehr. Umgeben von heiligen Engelsschaaren, gestützt vom Arme der ewigen Wahrheit, richtete sie sich hoch auf und in flammender Begeisterung tönte es von ihren Lippen: „Engel des Himmels, höret mich! Ich bin die L i e b e! Er aber, der sein Schwert auf mich gezückt hält, ist der fanatische Glaube! . . . Als die Erde aus dem Chaos erschaffen wurde, rief uns der Herr zu sich und Prach: .Reichet Euch die Hand zum ewigen Bunde und schwebet hinab zu den Erdbewohnern! Schlinget das Euch verknüpfende Band auch um ihre Herzen, auf daß sie gleich Euch werden ein Leib und eine Seele, genannt die Menschheit. Lehret sie lieben und glauben, doch erniedrigt Euch nicht in ihrem Dienste. Vergesset nimmer an Eure göttliche Abstammung und wenn ich dereinst vor meinen Thron Euch rufe, möget Ihr so heilig, hehr und unbefleckt erscheinen, als Ihr jetzt von mir geht? So sprach die Allmacht. Mein verklärter Blick wendete sich dem Jüngling zu, der in strahlender Schönheit an meiner Seite stand. Der Stempel der Gottheit leuchtete auf seiner Stirne, ein heiliges Feuer entströmte seinem Blicke und in seinem Herzen thronte ich — die Liebe! Freudig legte ich meine Hand in die seine und innig umschlungen schwebten wir zur Erde nieder ... Da kamen die Menschen und trennten uns . . . Den freien Glauben schnürten sie in Gesetze, legten ihm Fesseln an und behandelten ihn wie den niedrigsten ihrer Knechte. Und er, er ließ Alles willenlos mit sich geschehen, ward weich wie Wachs in ihren Händen, aus dem jeder eine andere Gottheit modeln konnte. Da, als die Menschen ein gefügiges Werkzeug in ihm sahen, entkleideten sie ihn seines himmlischen Gewandes, warfen ihm einen blutgetränkten Mantel über, rissen ihm die Friedenspalme aus seiner Hand, mich, die Liebe, aus seinem Herzen, und bewaffneten ihn mit Schwert und Geißel. .Herrsche über die Erde im Namen der Gottheit!‘ sprachen sie. Er hat ihren Namen mißbraucht, entweiht, mit Füßen getreten . . . Seht ihn an! den feigen, erbärmlichen Knecht der Menschheit, ob noch eine Spur seiner einstigen Gottähnlichkeit in seinen Zügen wahrzunehmen ist! . . . Das ist nicht der Glaube — es ist das Zerrbild des Glaubens! Und diesen Abtrünnigen wollt ihr zum Wettstreit mit den Getreuen des Himmels zulassen? ..." „Nieder mit ihm!" lief es drohend von Mund zu Mund. Schon wollen die himmlischen Schergen den Glauben erfassen, um ihn in den Pfuhl der Verdammniß hinabzustiirzen, als die Liebe ihn mit ihrem Körper deckend ausrief: „Verbannt ihn aus unserem Kreise, aber tobtet ihn nicht! Eine Zeit wird kommen," — setzte sie begeistert hinzu — „wo der Glaube zur Liebe zurückkehren lmd mit ihr gemeinsam die Menschheit beglücken wird. Bis dahin sei er aus dem Himmel verwiesen und verurtheilt, in seinerabschreckenden Gestalt über die Menschen zu herrschen!" „Amen!" rief das Volk der Seelen. Gesenkten Hauptes ritt der Glaube von dannen und schluchzend sank die Liebe in die Arme der Wahrheit. Trompetentusch, Donnerschüsse und Blitzraketen kündigten einen neuen Potentaten an. Während die anderen hoch zu Roß erschienen waren, saß dieser auf einem goldenen Kalbe. Während die Wahrheit und die Liebe sich durch edle Einfachheit, blos durch die ihnen vom Himmel verliehene Schönheit auszeichneten, hatte dieser mit eitlem irdischen Tand den Mangel an echter Vornehmheit zu ersetzen gestrebt. Ueberladen mit Gold und Edelsteinen, stierte er mit den großen, kalten Diamanten, welche die Stelle der Augen einnah men, glotzend vor sich hin. Während das durchgeistigte Antlitz der hehren Fürstinnen ein Zug sanften Leidens und ernster Majestät verklärte, machte sich in dem seinen nüchternes Wohlbehagen und protzige Selbstzufriedenheit geltend. Mit steifer Grandezza kam er langsam an das Himmelsthor herangeritten und begann mit vollen Händen Geld unter die Menge zu schleudern. „Das ist der Reicht hum!" riefen die Seelen der Büßenden und wandten den Blick voll Abscheu und Entsetzen von ihm ab — „der Reichthum, der uns verblendet und unsere Herzen in hartes Metall verwandelt hat. Es zu schmelzen mußten lvir Jahrhunderte lang im Feuer der Läuterung brennen. Erst heute wurden uns die Pforten des Jenseits eröffnet, aber auch hier rollt uns der Mammon nach; rührt ihn nicht an, er brennt! Laßt ihn nicht ein, den Reichthum! Er nennt sich einen Abkömmling der Gottheit — er lügt! — ein Gesandter des Satans ist er!" „Fort mit ihm!" schallte es brausend durch den Himmelsranm. Der mächtigste Fürst der Erde hatte sich den Empfang im Jenseits anders Seite 379 vorgestellt; mit Wuth im Herzen wandte er ihm für immer den Rücken. Ein Roß ohne Reiter kam vor das Himmelsthor angesprengt. Schon wollte eine Abtheilnng der himmlischen „freiwilligen Rettungsgefellschaft" ausrücken, um nach dem oder der Gestürzten zu suchen, als diese langsam unsicheren Schrittes, mit den Händen vor sich tastend, auf das Thor zugeschritten kam. Ihre geschlossenen Augen konnten den Eingang nicht finden und sie war schon im Begriffe umzukehren, als die Wahrheit ihr einige Schritte entgegenritt, sie bei der Hand erfaßte und den Himmlischen zuführte. „Nehmt sie auf" - sprach sie — „es ist meine Schwester, d i e Wissenschaft; laßt sie am Wettrennen theilnehmen!" „Aber wie kann ich denn? — entgegnete diese — „siehst du denn nicht, daß ich geblendet bin? Sehend verließ ich den heimischen Boden und die Leuchte, welche meine Rechte hoch emporhielt, durchdrang mit ihren Strahlen den dunkelsten, unergründlichsten Atom der Erde. Aber kaum hatte ich diese verlassen und das mir unbekannte Gebiet des Jenseits betreten, als mein sonst so lenksames, gelehriges Roß sich wild aufbäumte. Eine Fluth von Licht drang auf mich ein und blendete meine Augen. Ich stürzte, die Leuchte entsank meiner Hand und mein Roß stürmte zügellos von dannen. Zu Fuße mühsam vorwärts tappend, ohne eine Ahnung von dem Raume zu haben, den ich durchwanderte, bin ich hierher gelangt. Für mein verwegenes Beginnen, die Sternenbahn des Himmels durchmessen zu wollen, zur Genüge bestraft, will ich nicht ferner die Gottheit versuchen. Setzt mich auf mein Roß un^ laßt mich von dannen ziehen!“ „Schwester, arme Schwester!" — rief die Wahrheit schluchzend aus — „nimmer wird sich deinem Blick das Reich Gottes erschließen." „Warum beklagst Du mich?" — sprach die Blinde lächelnd — „dort unten, von wo ich gekommen, auf der Erde ist mein Himmelreich, O, laßt zurück niich kehren!" In tiefer Rührung reichte die Wahrheit der Wissenschaft die Hand, hob sie aufs Roß und geleitete sie bis zur Grenze des Himmels, wo sie ihre Leuchte und ihre Sehkraft wieder fand. Kaum war die Wahrheit zur Rennbahn zurückgekehrt, als an derselben ein Jüngling hoch zu Roß erschien. Ein Purpurmantel umwallte seine schlanken Glieder, seine Schläfe schmückte der Lorbeer und auf seiner Stirne leuchtete der Stempel des Genies. „Nehmt mich auf!" — rief er den Himmlischen zu — „ich bin der Ruhm, nach welchem die Menschen jagen! Sie sind es, die meine Schläfe mit dem Lorbeer schmückten: aber nicht zufrieden mit dieser irdischen Auszeichnung, kam ich hierher, mir die himmlische zu holen — den Kranz des u n st e r b l i ch e n Ruhme s." „Der muß e r r u n g e n werden!" sprach die Wahrheit ernst und feierlich. „Die Rennbahn des Himmels mußt Du durchmessen, Hindernisse nehmen, den Gipfel des Ruhmes erklimmen. Erst wenn Du oben angelangt, nicht vom Siegestaumel erfaßt wirst, sondern den Geist, welchen dir die Gottheit verliehen, in Demuth vor ihr beugst — dann wird sie zu Dir emporschweben und Dir den Kranz der Unsterblichkeit auf's Haupt setzen." „Ich hole mir ihn!" rief der Jüngling feurig aus und wandte sich stürmisch bittend an die göttliche Jungftau, ihn am Wettrennen theilnehmen zu lassen. „Sein Wille geschehe!" riefen die Liebe und die Wahrheit einstimmig aus. — „Es wird sich zeigen" — fügte letztere bedeutungsvoll hinzu — „ob himmlische Begeisterung oder irdische B e r m e s s enheit seine Schritte lenken." Sie nahmen ihn in ihre Mitte und ließen das Signal zum Beginn des Wettrennens geben. Lautlose Stille herrschte im Himmelsraume. Die Engel und Seelen hielten ihren Athem an und blickten in regungsloser Spannung auf die drei Preisbewerber, welche mit vorgestreckten Leibern und mit verhängten Zügeln über die Rennbahn dahinsausten. Welten hatten sie in die Flucht gejagt, Meteore aus dem Wege geschleudert, Luftozeane durchschwommen, die Regionen der Winde durcheilt und noch immer trieben sie rastlos weiter. Plötzlich bäumte sich das Roß der Wahrheit vor einem riesenhohen, die Himmelskuppel durchstoßenden Hindernisse. Es war dies „d e r F e l s e n der Unvernunft", über den die Wahrheit nicht hinwegzusetzen vermochte. Unerschrocken trieb sie ihr scheu gewordenes Roß demselben zu, aber da bäumte es sich nochmals und schleuderte die kühne Reiterin an die Felsenwand. Rettende Engel waren längst herbeigeeilt und hatten die