Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 20 (17.5.1895)
- Date
- 1895-05-17
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 378 Nr. 20 Dr. Bloch's Wochenschrift. Ableben, Uebersiedelung und sonstiges Ausscheiden und dem Zuwachse von 41 neuen Mitgliedern, zählt der Verein 163 ordentliche (denselben in Anspruch nehmende) und 369 unterstützende, zusammen 536 Mitglieder (1893 530). Die Einnahmen steigerten sich um die Legate der sel. Herren Heinrich Gomperz per fl. 100, Jgua; Kohn per fl. 500 und Samuel Morgenstern per fl. 1000. Hingegen verringerten sich die Ausgaben, da nur 53 Kranke gegen 65 im vorigen Jahre zu unterstützen waren. Berlin, 3. Mai. Herrn L. Flatow ist der Charakter als Geheimer Sanitätsrath verliehen worden. Preustisch-Ltargardt, 3. Mai. Herr Dr. C h o d o w s k i, Rabbiner in Oels (Schlesien), ist einstimmig zum Rabbiner der hiesigen Gemeinde ernannt worden. Posen, 3. Mai. Der „Verein zur Förderung .des Handwerks unter den Juden und Israelitische Borschuß-Verein" hat im abgelaufenen Jahre Darlehen in der Höhe von 9430 Mk. gewährt und für 14 Lehrlinge 1002°50 Mk. verausgabt. Die Zahl der Mitglieder ist auf 478 gestiegen, welche 2014'85 Mk. Jahresbeiträge leisten. Das Vereinsvermögen beträgt 10.370 90 M. Frankfurt a. M., 2. Mai. Das hiesige „Jüdische Mädchen stift" beherbergte im abgelaufeneu Jahre 22 Zöglinge, vereinnahmte 15.772 Mk. und verausgabte 15.610 M. Die Ehrenpräsidentin, Frau Charlotte Speyer, welcher das Stift sein Entstehen dankt, hat dem Verein ein Haus und außerdem ein Geschenk von 30.000 Akk. gespendet. Meiningen, 1. Mai. Unser Landrabbiner Herr Dr. M. Dessauer ist nach kurzen, Leiden verschieden. Der in der Vollkraft der Jahre Dahingeraffte ist in Neutra (Ungarn) geboren, erhielt seine Ausbildung am Breslauer Rabbiner-Seminar, amtirte zuerst in Koethen, von wo er hieher berufen wurde. Eine Reihe populär-philosophischer und pädagogischer Schriften hat seinen Namen über seine unmittelbare Wirkungssphäre hinaus bekannt gemacht. London, 28. April. Anläßlich der hundertjährigen Jubelfeier des ..Jews Hospital andOrplian Asylum“ („Jüdischen Kranken- und Waisenhauses") wurde nach einer warmherzigen Ansprache des Vorsitzenden, Sir G. Faudel Philipps, der imposante Betrag von 18.350 Pfd. St. (367.000 Mk.) zu Gunsten dieses Wohlthätigkeits Jnstituts gezeichnet. Wahrlich ein erneutes rühmliches Zeugnis; für dm Opfersinn unserer englischen Brüder! Friedrichftadt (Kurland), 6. Mai. Nachdem die Allerhöchste Genehmigung zur Wahl eines Rabbiners in Moskau ertheilt ivorden, ist von der dortigen jüdischen Gemeinde einstimmig der hiesige Rabbiner, Herr Lewin Kahn, gewählt worden. Die Bestätigung seitens des Ministeriums ist in diesm Tagen erfolgt. Bukarest, 2. Mai. In Rumänien wohnen nach der letzten Volkszählung unter iusgesammt 5,399.846 Seelen 243.225 Juden. Feuilleton. Ein Wettrennen im Himmel. Von Regina Wolf. Ein großes Wettrennen sollte im Himmel abgehalten werden. An die auf Erden weilenden Mächte erging die feierliche Einladung, an demselben theilzunehmen. Die Rennbahn erstreckte sich von Westen nach Osten, vom himmlischen Eingangsthore bis zu den Stufen des göttlichen Thrones. Unüberwindlich fcheinende Hindernisse wurden längs des Weges in einzelnen Zwischmräumen angebracht. Wer von den Reitern über alle Barriören hinwegsetzen und am frühestm vor Gottes Thron anlangen würde, sollte von der Hand des Allerhöchsten mit dem Kranze des unsterblichen Ruhmes gekrönt werden. Die glänzendsten Vorbereitungen wurden zu dein herrlichen Feste getroffm. Die Wetterhexen, von den Sttaßenkehrern des Himmels, den Winden, aus allen Ecken und Enden zusammengetrieben, inußten in ihre eMlegene Heimat, jenseits des Firmaments enteilen. Kaum daß sie Zeit hatten, die endlosen Schleppen ihrer düsteren, dunkelgrauen Gewänder zusammenzurollen, so stürmten die wilden Jünglinge brausend und sausend hinter ihnen drein. Jedes Stückchen der bei der rasenden Flucht auseinandcrreißenden Wolkenschleier wurde erbarmungslos von ihnen weggcfegr. Die unzertrennlichen Begleiter der Wetterhexen, der Donner und der Blitz waren vom Fest-Comite gewaltsam zurückgehalten worden. Ersterer sollte beim Empfange der Fürsten seine Geschütze loslassen, letzterer das bengalische Feuer abgeben. Die Sonne, welche sich sonst beim Erscheinen dieser zwei gewaltthätigen Gesellen ängstlich versteckt, lächelte ihnen jetzt freundlich zu, denn sie wußte, daß ihre rohen Kräfte diesmal einem friedlichen, freudigen Zwecke dienen sollten. Ihr strahlendes Lächeln theilte sich der ganzen, nun spiegelklaren Fläche des Firmamentes mit, über welches die himmlischen, geflügelten Diener einen lichtblauen, mit goldenen Sternen gestickten Flor ausbreiteten. Der zarte Teppich war von Milchstraßen durchzogen, in welchen Weiße Schäfchen und rosige Wolkenfeen ihre in Luftflocken gehüllten Glieder tauchten; still und friedlich, in sanfter Wollust zitterte auf ihnen der bleiche Strahl des Mondes. Alle Bewohner des Himmels waren festlich gekleidet und wogten in freudig erregter Stimmung im Raume hin und her. Die Aufrechterhalter.der himmlischen Ordnung hatten sich zu beiden Seiten der Rennbahn aufgestellt und bildeten einen unzerreißbaren Wall gegen das allzu stürmische Vordrängen der neugierigen Volksmenge. Bei der letzten Barriere, deren Einsturz den sonst nie gestatteten Einblick in den Thronsaal eröffnen sollte, und beim Eingangsthore des Himmels herrschte das regste Leben. Für den Tag des Wettrennens war freier Eintritt allen Seelen gestattet, die vor den verschlossenen Pforten vergeblich auf Einlaß gewartet hatten. In buntem Gewimmel drängten sie durch das offene Thor, über welches ein prächtiger Triumph-Regenbogen gespannt war und vergebens bemühten sich die himmlischen Pförtner, dem Drängen und Stoßen Einhalt zu thun. In einer unabsehbaren Kette postirten sie sich längs der Rennbahn und harrten in athemloser Erregung des Erscheinens der fürstlichen Preisbewerber. Posaunentusch, Blitzraketen und Donnerschüsse kündigten sie an. Aller Augen richteten sich nach der Einfahrt des Himmels, vor welcher sich die Deputirten zum Empfange der herannahenden Potentaten aufgestellt hatten. Dem Präsidenten schwebte bereits das erste Wort der Empfangsrede auf den Lippen, als diese plötzlich in einem krampfhaften Lächeln zusammenzuckten. In derselben Weise zuckte es in den bisher so feierlichen Mienen der anderen Abgeordneten und ehe man sich's versah, ward dieses leise, kaum bemerkbare Lächeln zum lauten, schallenden Gelächter, das gleich einem elektrischen Strome der ganzen Zuschauerkette sich mittheilte. Der Potentat, welcher in so unerhoffter Weise mit einer Lachsalve begrüßt wurde, kam auf einem Steckenpferde herangeritten. Er rutschte auf demselben hin und her, aber die Elasticität seines schlangenglatten» aalgleichen Körpers hielt ihn im Sattel. Jeden Augenblick versetzte er sein Pferd in eine andere Gangart, was mittelst geschickter Handhabung der zahllosen Zügel geschah. Es waren dies dünne, nur dem Auge der Himmlischen sichtbare, trotz ihrer Feinheit unzerreißbare Fäden, welche im Gehirn gesponnen, von dort ausgingen und in heilloser Verwirrung sich um Roß und Reiter schlangen. Der obere Theil seines Körpers steckte in einer eisernen Rüstung, vom unteren wallte ein weiter faltenreicher Weiberrock hernieder. Dieser war aus bunte», mit Länder- und Völkernamen beschriebenen Lappen zusammengesetzt, die jeden Augenblick Farbe und Stellung wechselten. Welche von ihnen auf dem Vordergründe deS Gewandes rotirten, deren Farben und Namen kreisten auch in den gläsernen Augen des Reiters. Sein Kopf, der aus vielen Gesichtern bestand, von denen jedes einen andern Ausdruck hatte, drehte sich zugleich mit der am Hute angebrachten Windfahne bald nach der, bald nach jener Richtung. Die sonderbare Erscheinung, welche das zwerchfellerschütternde Lachen der Himmlischen erregt hatte, war kaum am Einfahrtsthore stehen geblieben, als eine zweite hinter ihr dreingestürmt kain. In edler Entrüstung flammten ihre schönen Züge, denn die ihr listig zuvorgekommene Macht war nicht göttlicher Abstanunung. „Die Politik, dieser irdische Emporkömmling" — ries sie aus „darf zu keinem Wettstreit mit den himmlischen Mächten zugelassen werden! Ich, die Wahrheit, protestire dagegen!" Mit diesen Worten hielt sie dem Eindringling, der sie auch jetzt listig zu umgehen suchte, ihren Spiegel entgegen. Kaum hatte die eitle, irdische Macht sich in ihrer wahren Gestalt erblickt, als sie Kehrt machte und in rasendem Galopp auf ihrem Steckenpferde davoneilte. Lautes Halloh und Gelächter des himmlischen Publicums folgten ihr. Auf milchweißem Zelter kam eine Jungfrau herangesprengt. Bleich und zitternd blickte sie hinter sich, wo eine riesige Staubwolke das Herannahen eines neuen Reiters verkündete. „Rettet mich! ich werde verfolgt!" stieß sie athemlos hervor; doch da hatte sie schon das himmlische Thor erreicht und war unter den Ihren. Halb ohnmächtig war sie in die Arme ihrer Schwester, der Wahrheit gesunken, als ihr Verfolger einhergerast kam. Die Abzeichen der meisten Religionen schmückten seine eherne Stirn, unter der Augen voll Härte und Grausamkeit in unheimlichem Lichte schimmerten. Der blutgetränkte, seine hohe Gestalt umflatternde Mantel, hatte rothe Furchen über die Himmelsstrecke gezogen. In der Rechten schwang er das Schwert der Intoleranz, in der Linken die Geißel des Fanatismus. So stürmte