Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 20 (17.5.1895)
- Date
- 1895-05-17
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 376 Dr. Bloch's Wochenschrift. Interessen in wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Hinsicht bezweckt. In das vorbereitende Fünfcr-ComitH wurden die Herren Stadtrath I. M a u t h n e r, Cultusvorstand I. K o h n, Fabrikant S. Schick und die Advocaten Dr. T a u s s i g und Dr Laur gewählt. Der Vorsitzende Herr Maut hu er dankte dem Referenten und schloß in später Nachtstunde die Versammlung. Stauislau. Sonntag, den 12. d. M., fand hier eine von dem in Lemberg gegründeten „P o l i ti scheu Vereine der galizischen und B u k o w i n a e r Juden" einberufene und sehr zahlreich besuchte jüdische Volksversammlung statt. Der erste der Delegirten, Herr Dr. Gerson Zipper, entwickelte die Gründe, welche den jüdischpolitischen Verein iu's Leben riefen und führte die Ziele aus, deren Realisirung derselbe sich zur Aufgabe stellte. „Die Gründe" — sagte der Redner — „sind: die ökonomische Misere der galizischen und Bukowinaer Juden, die auf ihnen centnerschwer lastenden Gesetze, wie die S o n nt a g s r u h e, Hausirergesetz, S a l z m o n o p o l u. A. m., deren Spitze gegen die Juden gerichtet ist und die tausende und abertausende jüdische Familien au den Bettelstab bringen und so die Reihen des hungernden, jüdischen Proletariats vermehren. Der Zweck, den sich der jüdisch-polnische Verein zur Aufgabe stellt, ist, die Lage der jüdischen Massen zu verbessern, ihr Elend ,und ihre Noth zu lindern, kurzum, ihnen menschenwürdige Verhältnisse zu verschaffen. Mittel zum Zweck ist die Vertheidigung der uns durch Staatsgrundgesetze zugesicherten Rechte und Geltendmachung derselben, wo sie nicht befolgt, oder gar verletzt werden, durch Proteste oder Massenpetitionen an die betreffenden Verwaltungsorgane." Nachdem noch der zweite Delegirte Herr Dr. G r ü n b e r g die ökonomische Lage der Juden in Galizien und der Bukowina, speciell aber in Westgalizien eingehender Detaillirung unterzog und die Bedeutung des jüdisch-politischen Vereines in Bezug auf die Lösung dieses wirthschaftlicheu Elends der galizischen Juden hervorhob, erklärten sich die Versammelten aus Antrag des Herrn Dr. Stern mit den Tendenzen und Principien des jüdisch-politischen Vereines einverstanden und traten dem Vereine bei. X. Tarnow. Am 24. April d. I. besuchte unsere Stadt der Secretär des Herrn Baron Hirsch, Herr Profeffor Dr. Sonnenfeld, welcher von Herrn B a r o u Hirs ch den Auftrag erhielt, die Thätigkeit der von ihm seit einer Reihe von Jahren in Lemberg und Ärakau erhaltenen und reich dotirten Wohlthätigkeits-Comites des Eingehenden zu prüfen und sich über dieselben genau zu orientiren, beziehungsweise praktische Anträge zur Neuorganisation der Wohlthätigkeitsaction zu stellen. Herr Dr. Sonnenfeld, der die ihm übertragene Mission sehr ernst auffaßte und es nicht bei einem schablonenmäßigen Besuche der Comites von L -mberg und Ärakau bewenden lassen wollte, bereiste, um seiner Aufgabe gemäß auch um die Ecke schauen zu können, einige größere Städte Galiziens, mit deren maßgebendsten Persönlichkeiten er eingehend conferirte. La pa-^kLnt besichtigte er, obgleich er ausdrücklich erklärte, kein Mandat zu haben, die von der Baron Hirsch-Stiftung erhaltenen Institute zu visitiren, die hiesige Stistungsvolksschule, in deren Lustrationsbuch erfolgende Zeilen einschrieb: „Mit großer Beft'iedigung habe ich während meines mehrstündigen Besuches dieser Schule von dem guten Geiste Kenntnis; genommen, der das Lehrpersonal und die Schuljugend beseelt, von den sichtlichen Spuren einer geweckten, geläuterten Intelligenz." Hierauf lud Herr Dr. Sonnen feld den Director der hiesigen Stiftungsfchule, Herrn Engländer ein, ihn nach Rzeszow zu begleiten, wo er sich mit den maßgebendsten Männern der Cultusgemeinde, des Local- Comite's der Baron Hirsch-Stiftung, den Vertrauenspersonen des Wohlthätigkeits Comite's und der Intelligenz berieth, deren Erfahrungen, Auseinandersetzungen tind Vorschlägen er die gespannteste Aufmerksamkeit schenkte, und Anregungen er beherzigte. Er hat dortselbst über Einladung auch die von der Baron Hirsch-Stiftung erhaltene Schlosserwerkstätte besucht und war voll des Lobes über die ganz ausgezeichnete Leitung derselben, die vorzüglichen Erfolge der Zöglinge und die primitive, den Intentionen des Stifters vollkommen entsprechende Anlage der Anstalt. Herr Dr. Sonnenfeld hat, wie erbemerkte, mit Vorbedacht seine Informationen ausschließlich in unserem Lande selbst eingeholt, um mit eigenen, ganz unbefangenen Augen die Dinge zu prüfen und sich ein objectives Urtheil zu verschaff.«. Man darf mit Recht auf das Ergebniß dieser Inspektionsreise und die daraus resultirendeu Entschließungen des Herrn Baron Hirsch gespannt sein. San Francisco, 14. April. Die amerikanischen Zeitungen bringen sensationelle Berichte über eine neuerfundene, sogenannte „Wahlstimmmaschine," deren sinnreiche Construction jeden Wahlbetrug unmöglich macht. Der Erfinder des die amerikanischen Regierungen bereits beschäftigenden Apparats, dessen Bildniß die heutige Nummer des „California Demokrat" bringt, Herr S. Dukas, ist ein aus Deutschland eingewanderter Jude und Sohn des in Freibung i. B. lebenden Herrn Leopold Dukas. (Zn de« jüdischen Helden,) welche für Jtalierr gefochten und Auszeichnungen davongetragen haben, gehört auch der vor einem halben Jahre verstorbene Oberst Giacomo Segre. Geboren in Saluzzo im Jahre 1839, absolvirte er seine Studien in Turin und erlangte hier auch den Doctorgrad als Ingenieur. Aber von glühender Vaterlandsliebe beseelt, trat er in die Reihen der Freiheitskämpfer und Nr. 20 'nahte in der Artillerie, welche Waffe er gewählt hatte, sehr rasch Carriere. Im September 1870 commandirte er ein Artillerieregiment vor Rom und war einer der Ersten, der durch die Bresche bei der Porta Pia in die eroberte Stadt einziehm konnte. Eine Wunde, welche er bei diesem Kampfe erhalten, trug ihm die Tapferkeits-Medaille ein; außerdem erhielt er noch eine ganze Reihe militärischer Auszeichnungen, u. A. wurde er zum Commandatore des Ordens der italienischen Krone ernannt. Zuletzt erhielt er den Posten eines General-Directors des Arsenals von Turin und starb als solcher in Chiari am 9. October 1894. Nottingham. (Ein katholischer Priester in England. Herrn Pfarrer Deckert in's Stammbuch.) Der ehrwürdige Pater Ignatius_ besuchte unangemeldet letzten Dienstag die hebräischen Classen der Religionsschule unserer Stadt, welche von den Herren Rev. Harris Cohen und Rev. S. Schloß geleitet werden. Er bezeugte sein lebhaftes Jntereffe für die Anstalt. Ein sechsjähriges Mädchen Namens Gertic Poyser, erweckte sein besonderes Wohlgefallen durch den fehlerlosen Vortrag des Nachtgebetes in hebräischer Sprache, daß er einen Schilling aus der Tasche zog und ihn der Kleinen schenkte. Dann hielt Pater- Ignatius eine Ansprache an die Schule. Er sagte, sie mögen sich mit berechtlgtem Stolze Inden und Jüdinnen nennen, denn sie seien die Kinder von Gotts besonderer Liebe. Den Juden habe der Allmächtige die große Aufgabe zugetheilt: Wahrheit und Aufklärung unter' allen anderen Nationen der Erde zu verbreiten. Er sagte, daß er die Juden deshalb mit großer Achtung behandle und als er ein Knabe war, unterließ er es nie, an einem alten Juden vorüber zu gehen, ohne den Hut zu ziehen. Er empfahl den Kindern, auch Palästinas nicht zu vergessen, der Stätte ihrer großen geschichtlichen Vergangenheit. Er sprach ferner die Hoffnung aus, daß sie Alle, einmal groß geworden, brave Juden und Jüdinnen sein würden. Am Schluffe seiner Rede stimmten die Kinder das „Adon-Olam" an. Während Pater Ignatius' Ansprache, welche eine Viertelstunde währte, waren die Kinder äußerst aufmerksam. Keines der herrlichen Worte entging ihnen, die der Ehrfurcht und Achtung einflößende Priester sprach. Constantinopel, 24. April. Seit Jahren schwebt zwischen den im Stadttheile Phanar lebenden Griechen und Juden ein Streit, welcher nunmehr von Sultan Abdul Hamid zu Gunsten der letzteren entschieden worden ist. Die Juden in Phanar hatten vor Jahren eine Schule für Waisenkinder errichtet, welche sich allgemeiner Sympathien erfreute. Die unduldsamen Griechen verlangten, daß die jüdische Schule in einen andern Stadttheil verlegt werden soll, mit der Motivirung, daß für dieselbe innerhalb des den Griechen von der Pforte angewiesenen Territoriums zur Errichtung von Kirchen, Schulen, Sp'tälern rc. Fein Platz sei. Die I iden beriefen sich auf eine ausdrückliche Erlaubniß der Pforte, im Phanar unbeschränkt gemeinnützige Anstalten errichten zu dürfen. Die Griechen, welche wähnten, ihrepr . Judenhaß und ihrer Streitsucht auch,-in Constantinopel fröhnen zu können, wurden nunmehr eines Besseren belehrt. Sultan Abdul Hamid entschied, daß die Juden im Phanar unbeschränkt und unbehindert Anstalten für Unterrichts- und Wohlthätigkeitszwecke errichten dürfen. Dieser Beschluß wurde bereits dem Vorstande der jüdischen Gemeinde und der Leitung der griechischen Colonie mitgetheilt. Gleichzeitig spendete der Sultan 10.000 Francs für die jüdischen Armen. Vermischtes. Wien. (Personalnachrichten.) Mit dem Mai-Avancement wurden auch mehrere Offiziere befördert, u. zw.: Der k. k. Gendarmerie-Major HermannK r a ft zum Oberstlieutenant und Gendarmerie-Commandanten in Klagenfurt, der Stabsarzt und Garnisonschefarzt in Czernowitz, Dr. Jacob Schaf zum Oberstabsarzt, der Hauptmann 2. Classe Sigmund Spitzer des 30._ Jns.-Reg. zum Hauptmann 1. Classe, Regimentsarzt 2. Classe Dr. Osias Fleck er des 55. Inf.-Reg. zum Regimentsarzt 1. Classe und Lieutenant Johann Roseuberg des 30. Jns.-Reg. zum Oberlieutenant. — (Vermälnng.) Im israelitischen Tempel in der Seitenstettengasse wurde Sonntag Vormittags um halb 12 Uhr die Vermälnng des Chefarztes und Leiters der Wiener Freiwilligen Rettiingsgesellschaft, Dr. Heinrich Charas, mit Frl. Julie Frei vollzogen. Mm: bemerkte: Grasen Hans W i l c z e k und Philipp Grafen Boos-Waldeck, Grafen Hans Wil cz ek jun., Neichsraths-Abgeordneten Grafen Dub s ky, Hofrath Professor Grub er, Professor Sch rauf, den Gründer der Freiwilligen Rettungsgesellswast in Frankfurt a. M., General-Consul Map pes, Chefarzt Sanitätsrath Dr. Wiskocil mit seinem Secreär Dr.Fuhrmann, kais. Rath Hostnig u. A. Den Act der Trauung nahm Ober- Rabbiner Dr. G ü d e m a n n vor. — (Obercantor Goldstern) feierte letzten Samstag seinen 60. Geburtstag. Dem gefeierten Tempelsänger, der den synagogalen Gesang nicht nur durch seine persönliche Wirksamkeit als Cantor, sondern auch als Chor-Com- Ponist und feinfühliger Dirigent künstlerisch belebte, wurden bei diesem Anlasse die herzlichsten Sympathien von Nah und Fern ausgedrückt. Der tüchtige Mann, der pflichttreu sein Amt stets erfüllte und durch seine herrliche Stimme Tausenden Stunden wahrer ugd tiefer Andacht bereitete, hat die Ehrungen des gestrigen Tages vollauf verdient.