Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 20 (17.5.1895)
- Date
- 1895-05-17
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 374 Nr. 20 Dr. Vkntz's Wochenschrift. Gegen de« Prediger von Weinhaus. Am Schluffe der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 14. d. M. richteten die Abgeordneten Dr. Exner und Genossen mit Bezug auf die im „Wiener Tagblatt" erschienenen Berichte über den Predigten- Cyklus des Pfarrers Deckert an den Minister des Innern und an den Justizminister eine Interpellation, in welcher darauf hingewiesen wird, daß durch die jüngst gehaltenen Predigten des Pfarrers Deckert von Weinhaus strafrechtlich verbotene Handlungen begangen wurden. Auf die gleiche Art der Amtsthätigkeit des Herrn Pfarrers Deckert wurde die Regierung schon im Vorjahre durch Interpellationen aufmerksam gemacht. Nach der Art der Beantwortung derselben, fährt die Interpellation fort, müssen wir voranssetzen, daß die Regierung amtliche Kenntniß von den wirklichen Thatsachen besitze, demnach wissen muß, ob die Zeitungsnachrichten jenen entsprechen oder nicht. Im letzteren Falle hätte die Regierung die Obliegenheit, gegen die Verbreitung falscher und beunruhigender Nachrichten einzuschreiten. Beruhen aber die Zeitungsnachrichten auf Wahrheit, so stellen wir die Frage: „Was gedenkt die Regierung zu verfügen, um strafrechtlich verbotene Handlungen des Herrn Pfarrers Deckert der gesetzlichen Sühne zuzuführen und deren Wiederholung zu verhindernd" Ehreuüeleidigungs-Procetz gegen Pfarrer Deckert. In der vom Pfarrer von Weinhaus, Dr. Deckert, herausgegebenen und redigirten Wochenschrift wurde im Februar d. I. der Kaufmann Körner aus Eichhorn in Niederösterreich fälschlich eines Heudiebstahles beschuldigt, dessen der Kaufmann seinen Knecht zieh. Ferner soll er eine Magd, die über diesen angeblichen Heudiebstahl als Zeugin geführt wurde, zum Meineid verleitet haben. Gleichzeitig wurden der Bürgermeister und der Oberlehrer von Eichhorn wegen ihres Verkehrs mit Körner heftig angegriffen, wobei Letzterer der Verführung der Schuljugend beschuldigt wurde. Der Kaufmann, der Bürgermeister und der Oberlehrer brachten hierauf durch Dr. Heinrich Sieger eine Ehrenbeleidignngsklage ein, auf Grund welcher Landesgerichtsrath Zeißberger die Voruntersuchung einleitete. Nach Abschluß derselben überreichte Dr. St eg er die Anklageschrift, gegen welche Pfarrer Deckert den Einspruch erhob. Nachdem nun das Oberlandesgericht diesem Einsprüche keine Folge gegeben hat, wird demnächst schon die Hauptverhandlung anberaumt werden und bereits im Schwurgerichtsrepertoire des nächsten Monats figuriren. Laudesansfchutz Dr. Kopp über den Mühldorfer Fall „Vergani". Am 10. April d. I. ging der Schriftleitung der „U. D. W." das nachstehende Schreiben zu: „Geehrte Schristleitung! In der Nummer der Zeitung „Unverfälschte Deutsche Worte" vom 1. April 1895 ist eine offene Anfrage an den niederösterreichischen Landcsausschuß abgedruckt. Der n.-ö. Landesausschuß ist sich seiner Verpflichtung bewußt, auf Anfragen oder Anzeigen von Interessenten in seinem Wirkungskreise seines Amtes zu walten, über offene Anfragen von ihm fremden Personen, deren rechtliches Interesse an dem Gegenstände der Anfrage nicht ersichtlich ist, kann er aber keine amtliche Antwort geben. Da jedoch in dieser Anfrage von mir die Rede ist, so nehme ich keinen Anstand, darauf zu antworten, soweit mir dies bei einer noch unausgetragenen Angelegenheit möglich ist. Schon geraume Zeit vor dem in der offenen Anfrage bezeichneten 9. December v. I. nahm der Landesausschuß aus der Prüfung des Inventars der Gemeinde Mühldorf Anlaß, von Amtswegen an den derzeitigen Vorsteher dieser Gemeinde einen amtlichen Auftrag zu erlassen. Ein Mitglied der Gemeindevertretung fand sich hiedurch veranlaßt, über Vorgänge bei dieser Gemeinde in früherer Zeit Nachforschungen zu pflegen und über deren Ergebniß an den Landesausschuß Bericht zu erstatten. Dieser Bericht führte zu weiteren Anfragen und sohin zur Abforderung von Rechnungen und Acten, die auf mehr als ein Jahrzehnt zurückreichen. Als die Prüfung dieses umfangreichen Materials so weit gediehen war, um die Erhebungen an Ort und Stelle fortsetzen zu können und die Absendung eines hierortigen Beamten nach Mühldorf erfolgen sollte, wurden sämmtliche Gemeindeacten gerichtlich eingefordert. Selbstverständlich wurde der gerichtlichen Aufforderung sofort entsprochen und muß die hierämtliche Untersuchung so lange ruhen, bis die Acten vom Gerichte zurückgeschickt werden. Dr. Josef Kopp." Antisemiten unter sich. Das „Deutsche Volksblatt" vom 14. Mai erzählt wiederum von der „Ostdeutschen Rundschau": „Wer die Sonntagsausgabe jenes Blattes in die Hand nimmt, findet drei jener sogenannten Texteinschaltungen, derentwegen Ehren-Wolff sich so oft in die ,unverfälschteste' sittliche Austegung hineingearbeftet hat. Wie nennt man aber ein solches Verhalten, Herr Wolff, wenn man Andere irgend einer Handlung wegen angreist und diese selbst dann ganz ungenirt ausübt? Ein solches Verhalten nennt man Schwindel. Es ist ein Schwindel, wie der es ist, wenn man sich als Märtyrer in der Sträflingsjacke, mit dem Wasserkrug und trockenen Brot photographiren läßt und thaisächlich sein behäbiges Bäuchlein im Gefängniß mit Leckerbissen gestopft hat. Der .Säulenheilige' wird verstehen, wer darunter gemeint ist." Man sieht, die antisemitische Presse verfügt über lauter Ehrenmänner, die sich mit den liebenswürdigsten Titulaturen bewerfen, wie z.B. Wolff seinen vormals hochverehrten „Führer" Schönerer, der die Bismarck-Rede gegen ihn in's Treffen führt. Jene Stellen der Rede Bismarck's, die den Führer und seine engere Garde besonders treffen, hat Wolff zur besseren Uebersicht für seinen Herrn und Meister spatiiniren lassen: „Was uns heute noch trennt, sind nicht dynastische Verschiedenheiten, es sind nur die politischen Parteien und die sind dazu gar nicht berechtigt. (Sehr richtig!) Jeder Führer in seiner Partei — sie machen mir den Eindruck, wie in der ersten christlichen Zeit die Säulenheiligen: jeder stand als Stylit aus seiner Säule und sagte: Hier müßt Ihr Herkommen, ich gehe nicht 'runter — die Säule wird gebildet aus folgsamen Gesinnungsgenossen, ich möchte sagen, hypnotisirten Gesinnungsgenossen des Parteileiters, der sie beherrscht, und aus einem Mörtel von Principien, die in ihrer Allgemeinheit auf das praktische Leben durchaus u n anwendbar sind; und diese Art der Eintheilung in stylitische Herrschergebiete — ich drücke mich deutlicher aus, wenn ich sage, in H e r r s ch e r g e b i e t e der Parteiführer — die ist die Gefahr, die uns jetzt bedroht. Jeder will seine Ansicht, ohne einen Punkt aus dem i aufzugeben, aufrechterhalten, und er kämpft darum mit den Anderen im Parlamente. Wie aber unsere Zukunft praktisch nnd allerseits befriedigend gestaltet werden soll, das ist eine Frage, die nicht im Vordergründe steht, dazu müßte man zuerst die Verständigung zwischen den Parteien, den Fraktionen suchen, aber beherrschend für die Aufgabe, die wir zu lösen berufen sind, ist der Gedanke der Versöhnlichkeit zwischen den Parteien nicht, und ich bin stark in Versuchung, mit Ihnen ein koreat auf die politischen Parteien auszubringen. (Heiterkeit.) Ich unterlasse es aber. (Heiterkeit.-" Ein jüdischer Arzt. Am 24. April d. I. starb in Elbing der kgl. Sanitätsrath Dr. Samuel David Cohn, seit 63 Jahren Ehrenbürger der Stadt, in der er gewirkt hat. Seine Beerdigung fand unter überaus lebhafter Theilnahme der städtischen Behörden und der Bernfsgenoffen statt. Auf dem Rathhause und Bürgerrath-Bureau waren die Flaggen auf Halbmast gehißt. Angesichts der Beschuldigungen, denen die jüdischen Aerzte seitens der Antisemiten ausgesetzt sind, ist es von Interesse zu hören, was die conservative „Elbinger Zeitung" über den Verstorbenen und seine Thätigkeit während der Cholera- Epidemie des Jahres 1831 erzählt: „Da die Leichen schon nach 24 Stunden beerdigt werden mußten, entstand im Publicum eine große Beunruhigung (man glaubte, die Menschen werden lebendig begraben), die sich in argen Ausschreitungen Luft zu machen drohte. Da machte der junge Arzt Dr. Cohn den Vorschlag : .Alle Choleraleichen werden nach dem St. Georgen-Hospital gebracht und ich verpflichte mich, keine Leiche beerdigen zu lassen, die ich nicht vorher mehrfach gewissenhaft untersucht habe.' Das geschah. Einen nicht geringen Theil des Tages brachte C. in dem zum Choleraleichen- Schauhause umgewandelten Hospital zu, als einziger Lebender unter so und soviel Todten. Ruhe und Ordnung waren wieder hergestellt, die Behörden sprachen Cohn ihre Anerkennung aus und ernannten ihn zum Ehrenbürger." Wien. (Wenn man eine krumme Nase hat.) Vor dem Strafrichter des Bezirksgerichtes Wieden, Dr. C z e ch, stand heute der der Concipist der Nordwestbahn, vr. zur. Max Freund, als Kläger gegen den Privatbeamten Josef Weißmann. Gegenstand der Verhandlung bildete eine Ehrenbeleidigung, die Weiß manu gelegentlich einer Omnibusfahrt vom 4. Bezirke nach Favoriten dem Kläger zugefügt hatte. Das Motiv der Beleidigung war die krumme Nase des Dr. Freund. Wie dieser und mehrere Zeugen bestätigen, bestieg Dr. Freund in Gesellschaft seines Bruders und zweier Damen am 21. Januar d. I. bei der Paulanerkirche einen Tramway-Omnibus. Im Fond des Wagens saß der heutige Angeklagte, ebensfalls in Gesellschaft einer Dame und eines Mädchens. Dr. Freund machte die Beobachtung, daß der Herr und seine Begleiterin sich über ihn moquirten. Da Dr. Freund hierauf nicht reagirte, rief ihm Weißmann zu: „Sprechen sie nicht so laut." und die Dame secundirte ihm mit dem Worte: „Judenschule." Dr. Freund antwortete noch immer nicht, da ließ W e i ß m a n n die Aeußerung: „Jüdische Unverschämtheit" fallen. Jetzt erst entgegnete Dr. Freund: „Wenn es Ihnen hier nicht paßt, uehmen Sie einen Fiaker." Weißmann gerieth nun außer Rand und Band und belegte Dr. Freund mit mehreren Injurien. Der Scandal war so arg, daß dieser den Wagen halten ließ und einen Sicherheitswachmann requirirte, der beide Herren zuni Commissariate begleitete. Bei der heutigen Verhandlung konnte Weißmann angesichts der zahlreichen Zeugen nicht leugnen, behauptete