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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-05-17 · 20 (17.5.1895) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
20 (17.5.1895)
Date
1895-05-17
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 872 Dr. Bloches WochvnschrifL. Nr. 20 am Kleide öffentlich zur Schau tragen mußte, bczcichnetc, so kam mau auf die ingeniöse Idee, den Paria durch seinen Namen von dem Bramiuen zu unterscheiden. Es wurde also ungeordnet, daß eine Ehristianifirung jüdischer Eigennamen strengstens zu verbietet! sei und daß die Inden sich so zu nennen Hütten, wie sie in die Geburtsregister eingetragen. Dabei ergab sich, daß die Majorität lächerliche oft bis zur Unkenntlichkeit verstümmelte Eigennamen trug, die sie als eine unerträgliche Bürde mit sich hcrumschleppen mußte ihr Leben lang. Jegliche geschäftliche Abmachung oder dem ähnliche Acte (als Testamente, Eheschließungen u. s. w.), die mit Umgehung dieser Vorschrift vollzogen, wurden als ungesetzlich und nicht geschehen betrachtet. Den Kauflcntcn wurde strengstens vorgeschricben, auf ihre» Firmenschildern die jüdischen Namen in Lapidarbuchstaben anzubringen. Daß durch eine derartige, den Rassenhaß und Religionshader künstlich nährende Maßregel das jüdische Geschäft arg geschädigt wurde, liegt auf der Hand. Und nun geschah cs dieser Tage, daß der Lodzer Fabrikant Posuanski, vielfacher Millionär und Vorsitzender des Eonseils einer Acliengesellschaft, eine Agentur in Moskau errichtete. Der Polizcichcf forderte, daß auf dem Schilde außer der Firma der Gesellschaft noch der jüdische Name des Hauptvcnrctcrs der Gesellschaft, Herrn Posuanski, angebracht werde, damit das christliche Publicum nicht durch falsche Vorspiegelungen irrcgeführt wird und wisse, daß es mit einem Inden zu thnn habe. Der juridische Vertreter Herrn Posnanski's erwiderte darauf, daß es ihm sehr leid thuc, doch könne er den Wunsch des Herrn Polizeichefs nicht erfüllen, da er sich dadurch eine Gesetzesverletzung zu Schulden kommen lassen würde, was er der schönen Augen des Herrn Polizeichefs wegen durchaus nicht zu thun gedenke. Die Firma der Acliengesellschaft sei Allerhöchst bestätigt und dürfe daran kein Tüpferl geändert werden. Möge sich das'Seine Exccllcnz der allgewaltige Polizeigcbieter merken. Diese sehr resolute (mit einer Beimischung zu schneidiger Ironie) geführte Sprache imponirte dem Chef der Moskauer Polizei, der sonst vor Nichts zurückschreckt und dessen schwere Hand Tausende von Juden nur allzusehr gefühlt. Er erkannte die Gründe, welche der Advocat angeführt hatte, als berechtigt an, verlangte jedoch, daß unter der Allerhöchst bestätigten Firma doch den jüdische Name nnzubringen sei, damit die christlichen Käufer wissen, daß sie cs nicht mit einem rein arischen, sondern unverfälscht semitischen Unternehmen zu 'thun hätten und dementsprechend ihre Vorsichtsmaßregeln treffen könnten. Der Rechtsanwalt war jedoch so störrisch, sich nicht mit diesem salomonischen Urtheil zu begnügen, sondern appcllirte an den Großfürsten-Gcncralgouverneur. Der Großfürst Sergius, ein Oheim und Schwager des Kaisers, konnte sich unmöglich der Nothwcndigkeit entziehen, das Allerhöchst bestätigte Firmenschild anzucrkennen. Der Polizcichcf erhielt einen tüchtigen Rüffel und das Gesuch des Herrn Posnanski ward befriedigt. Selbstverständlich, daß Oberst Wlassowski an anderen Juden sein Müthchen kühlen wird, die sich nicht einer solchen hohen Protection erfreuen. Herr Posuanski ist nicht nur ein berühmter Industrieller und vielfacher Millionär. Er ist auch ein höchst humaner Mann und jüdischer Patriot. Er hat für Noth und Leiden ein fühlendes Herz und eine offene Hand. Auf eigene Kosten baut er in Lodz ein jüdisches Hospital, das etliche hunderttausend Rubel erfordert, die er freiwillig hergegeben. Gelegentlich der Heirat Kaiser Nicolaus II. hat er 100,000 Rubel auf Gründung einer Schule gespendet, und hat der junge Monarch diese bedeutende Gabe des jüdischen Industriellen dankbar anerkannt. Aus Obigem ist zu ersehen, daß in der höchsten Regierungssphäre durchaus fein so wachender Judenhaß herrscht, als in den niederen Regionen der Beamten-Hierarchie, wo der Bureaukraüsmus dominirt. Appelle an den Kaiser haben bis jetzt stets Erhörung gefunden und auch etlichen Juden hat die Sonne der kaiserlichen Gnade geleuchtet. Einige Familien, die ungesetzlich aus den Dörfern der Taurischen Halbinsel ausgewiesen worden, hatten sich mit einer Petition an Seine Majestät gewandt und es erfolgte die Resolution, die Unglücklichen wieder in ihre Wohnstätten zu rcintegriren. Der Kaiser ist jung und edel veranlagt, für alles Gute und Schone, Edle und Wahre empfänglich, und wenn geschehenes Unrecht zu seiner Kcuntniß gelangt, so redressirt er es stets und in generösester Weise. Bei der riesenhaften Ausdehnung des russischen Reiches ist cs jedoch unmöglich, daß alle Beschwerden bis an den Thron gelangen. Doch hofft man, daß durch die neuorganisirte Bittschriften-Commission (welche Petitionen an den Kaiser entgegennimmt und vorstellt), an deren Spitze der bisherige College des Ministers des Innern, Herr Schipjagin, gestellt worden, auch diesem fühlbaren Uebel wesentlich abgeholfen werden wird. Die Pflege der hebräischen Sprache in der Gegenwart. II. „Zum Werke, das wir ernst bereiten, geziemt sich wohl ein ernstes Wort", und so sei's mir gestattet, bevor ich meine kritischen Referate über die einzelnen Erzeugnisse der neuesten hebräischen Literatur beginne, ein ernstes Wort über den Gebrauch des Hebräischen als Schriftsprache in der Gegenwart im Allgemeinen, und die Zwecke, welche die modernen Schriftsteller verfolgen, oder wenigstens verfolgen sollen, zu sprechen. Zuerst muß ich voransschicken, daß ich nicht zu den Schwärmern gehöre, die in ihrer heiligen Einfalt an die Möglichkeit einer wirkliche n Auferstehung der seit zwei Jahrtausenden todteu Sprache glauben, d. h. an die Möglichkeit, die hebräische Sprache zu einem lebendigen, g e s p r o ch e n e n Idiom der europäischen Juden, oder wenigstens eines Theiles derselben, zu machen. Solche Träumereien sind albern, kindisch, weil nnrealisirbar. Nicht etwa weil die hebräische Sprache nicht mehr lebensfähig wäre,-nicht mehr als Redefprache gebraucht werden könnte — dies ist durchaus n i ch t dev Fall, und ich bin sogar überzeugt, daß dort, wo die Juden ein abgeschlossenes Gemeindewesen für sich bilden können, wie z. B. in den jüdischer! Colonien Palästinas und Argentiniens, die hebräische Sprache als Umgangssprache in kurzer Zeit mit Erfolg eiugeführt werden kann (was übrigens in den palästinischen Colonien seit einigen Jahren geschieht, und mit Hilfe der dortigen hebräischen Schulen, in denen Hebräisch die Unterrichtssprache ist, hoffentlich erfolgreich dnrchgeführt rverden wird). Aber für uns e u r o p n i s ch e Juden kann und wird der Traum von einem veritadlen Aufleben der hebräischen Sprache n i e in Erfüllung gehen. Wenn unsere Vorahnen, die in Ghettos eingezwängt und gewaltsam gezwungen wurden, als abgesondertes Volk in ihrem Vaterlande zu leben, es nie versucht hatten, das Hebräische als Umgangssprache zu gebrauchen, und sie ihren Kindern als Muttersprache zu lehren (rvas doch eigentlich zu erwarten war, da einerseits die Landessprache für sie die Sprache ihrer unmenschlichen Verfolger und Bedrücker war, und anderseits die hebräische Sprache ihnen doch viel heiliger nnd — vertranter als Hilf ereiltem sein mußte), wie sollen wir, die wir doch immerhin in einem intimeren Verhältniß zu unseren christlichen Mitbürgern stehen, so ein lächerliches nnd nicht ungefährliches Experiment unternehmen $ — Wir sind doch trotz A h l w a r d t, Vergani, Drumont und dergleichen Ungez—ogenen noch immer treue Söhne unseres resp. Vaterlandes, und sogar unseres Stief-Vaterlandcs, lieben und pflegen unsere Landessprache und wirken thatkräftig zur Veredelung nnd Verherrlichung der heimatlichen Literatur — wie sollen wir da plötzlich in kindischem Trotze alle Bande, die uns seit Jahrhunderten, ja seit Jahrtausenden mit der Sprache und Literatur unserer Heimat verknüpfen, gewaltsam zerreißen, und eine seit zwei Jahrtausenden nur in Schriften eingesargte Sprache exhnmiren und unseren Mitbürgern zurufen: „Jetzt sind wir vollständig geschiedene Leute, wir haben sogar eine allneue Muttersprache

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